Dominique Devereux
Ich kam nicht mehr dazu, mich umzudrehen – ein Arm packte mich von hinten und augenblicklich apparierten rund um James weitere zwanzig Zauberer. Adrett dunkel gekleidet, mit kalten Gesichtern und die Hände drohend auf ihn gerichtet.
James schloss für einen Moment die Augen und wenn auch das Grauen in seinem Blick mich nicht erkennen ließ, was das alles zu bedeuten hatte … registrierte ich doch klar die Bedrohlichkeit der Situation. Ich zog den Kopf ein, als ein weißhaariger Mann in schwerem, üppigem Umhang apparierte – umringt von weiteren zehn Agenten strahlte er so viel Autorität und furchteinflößende Macht aus, dass ein Schauer durch meinen Körper jagte.
„Die Ähnlichkeit ist verblüffend, Macaulay!", sagte er bitter und kaum eine Sekunde lang starrte James den Weltratsvorsitzenden … Senatskanzler Dominique Devereux … den einzigen Menschen, dessen Wort stärker war, als seins … ausdruckslos an.
Es ging so schnell, dass ich es erst gar nicht begriff. Denn James schnappte bloß nach Luft – erst als sich sein Blick veränderte wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Nur langsam drang in mein Bewusstsein, dass sich das edle Braun seines Gehrocks stetig röter verfärbte.
„Oh Gott…" Mir entwich nur ein Hauchen – doch es brach aus meinem Herzen, als er bewusstlos in die Knie sank: „NEIN! DAD!"
Als sein Körper auf den harten Boden krachte, schrie James vor Qual auf – durch den Schmerz war er wieder zu Sinnen gekommen – denn das Schwert ragte zu drei Vierteln seiner Länge aus seinem Rücken und es bohrte sich durch den Aufschlag weiter in seinen Körper. Es steckte ihm mitten in der Brust, nur ein Stück weit aus der Mitte raus und ich wusste in dem Moment, dass das letzte, das ich je zu meinem Vater gesagt haben würde eine fiese, unüberlegte Gemeinheit war.
Zu schreien – den Brustkorb zu spannen – schien ihn mehr zu quälen als der Stich selbst. Keinen schrecklicheren Ausdruck hatte ich je in einem Gesicht gesehen als seinen, während er mit aller Kraft den Atem anhielt, um aus dem Krampf rauszukommen – sein ganzer Körper sich vor Anstrengung zusammenzog – ein Reflex, der ihm die Schneide ins Fleisch drückte und ihn fast wieder aufschreien ließ. Doch er hielt durch, stummes Grauen im Gesicht, die Augen qualerfüllt aufgerissen – endlich schien der Schmerz nachzulassen. Er sank erschöpft auf den Boden, stöhnte markerschütternd auf und warf einen Blick zu seiner Brust hinunter – ich würde nie begreifen, wieso er beim Anblick der Klinge zwischen seinen Rippen nicht ohnmächtig wurde – und als er hochsah und gequält das Gesicht im Bizeps vergrub, war er bei vollem Bewusstsein.
„Verehrter hoher Rat der Écoulé … geachtetes Gremium der Senatoren …", fing Devereux mit unergründlicher Miene an. „Durch seinen Vorsitzenden, Dominique Devereux, erklärt der Kanzlerrat die Einleitung des Interrogatio-Prozesses gegen den hohen Vertreter von Großbritannien und seinen Kolonien, Irland und Australien, James Nute Kamien Macaulay, aufgrund nachgewiesener Vaterschaft."
Alles Blut wich aus meinem Kopf. Ich begriff. Zu spät.
„Artikel 7 Prozessordnung, in der Folge des Artikels 13 der Senatsverfassung, ist vollstreckt."
Der Griff des Kanzleramtsauroren war wie ein Schraubstock – bei Gott, ich wäre losgestürmt – doch er ließ mich einfach nicht los, Tränen brannten in meinen Augen.
„Schade um Sie", sagte Devereux leise und so unfassbar es war … er meinte es ernst.
Seine Auroren und Leibwächter standen umseits wie Statuen, bereit zum Angriff und mir war klar, dass sie warten würden, bis in James der letzte Herzschlag verklang – er zwang sich krampfhaft in eine ruhige Atmung – keiner rührte sich, keines ihrer Gesichter zeigte einen Ausdruck, keiner von ihnen sagte ein Wort oder wechselte einen Blick.
Mein Innerstes brüllte vor Schmerz und mein Herz schrie nach den Amirauté – sie waren eine – die einzige Chance. Alle anderen waren für den Senator zu schwach – sie mussten her! James blutete wie verrückt und jeder noch so kleine Atemzug schien ihm noch mehr aus dem Körper zu pressen. Unbeschreiblicher Schmerz schüttelte ihn, als er sein Husten anhielt – Blut drückte aus der Lunge nach oben und ich fasste die schreckliche Erkenntnis, ihm war klar, er würde ersticken, käme es zu weit hoch.
Einen Moment lang starrte ich den Senatskanzler an – es war grotesk, dass ihm der Todeskampf seines Senators offensichtlich zu Herzen ging. Doch er war Mann genug, mitanzusehen, wie ihm das Blut mittlerweile selbst zur Nase rauskam.
Ich stand kurz vorm Knock-Out, es durfte einfach nicht wahr sein! Nie hatte ich gewusst, wie lange ein Mensch mit einer Klinge in der Brust weiteratmen konnte und wie viel Blut ein Mann wie er in den Adern hatte. Doch offenbar konnte man lange durchhalten … und es war eine ganze Menge.
James´ schöne Augen wurden mit jeder Sekunde glasiger … und mit einem Mal entspannte er. Die bebenden Krämpfe in seinem ganzen Körper lösten sich, sein vor Schmerz verzogenes Gesicht glättete sich. Die Kraft verließ ihn … der Schmerz ließ nach … es ging zu Ende.
„Oh bitte, nein!", wisperte ich mit erstickter Stimme, plötzlich sah ich die Chance meines Lebens verpasst. „Dad…"
James keuchte erschöpft und musterte müde das Ziffernblatt der Omega an seinem Handgelenk – es war unmöglich zu sagen, was er empfand – und atmete so tief ein, dass ich sicher war, er spürte nichts mehr. Und setzte aus.
„Dad, atme, verdammt!", bellte ich von Tränen überwältigt – in seinem Gesicht rührte sich noch etwas und jede Sekunde mehr war eine Chance – „DAAAAAAD!"
Mein Schrei verhallte, als plötzlich Blake McKean apparierte – flankiert von vier weiteren Auroren, die dieselben Rangabzeichen trugen wie er noch vorhin, und sicher zwanzig anderen. Ich sog scharf Luft ein –
James´ Amirauté und Garde brauchten ihn kaum am Boden liegen – kaum seine Augen zufallen zu sehen, um zu begreifen, worum es ging.
„Wir halten den Weg frei!", zischte der Auror mit dem hellbraunen Pferdeschwanz blitzartig und sie stürmten los – stoben auseinander – während sie die Hände gegen die Kanzleramtsauroren erhoben. Es ging unfassbar schnell, Flüche schossen durch die Luft – vom Sprecher selbst getroffen ließ mich Devereuxs Leibwächter los und sofort riss mich einer der Société zu Boden.
James´ wie Devereuxs Auroren schrien ungekannte Flüche, Rauch stieg auf – bis fast nur noch rasende Lichtkugeln zu sehen waren. Ich sah vom Boden aus gerade noch die Füße eines Auroren, als er geduckt an uns vorbeisprintete: Durch mehrere Liter Blut schlitterte er neben James zu Boden – seine leuchtende Hand schoss zu seiner Brust.
„Senator Macaulay!" Er packte seine Schulter. „Jay, um Gottes Willen, atme!"
Einer der Kanzleramtsauroren ging auf ihn los – „LEX!" – Alexander Agnews Blick schoss von James hoch, doch es war zu spät. Der Fluch war auf halbem Weg. Da apparierte ein neuer Auror – hechtete von der Seite dazwischen – und der Fluch riss ihm fast das Herz aus der Brust. Er starb, kaum dass sein Körper am Boden aufgeschlagen war. Der Kanzleramtsauror war kaum eine Sekunde perplex, ehe er erneut ansetzte – doch Agnews Block riss ihm die Kehle auf.
„Jay!"
Agnew sah den Agenten nicht mal mehr zu Boden fallen. Er hievte James´ schweren Oberkörper hoch – er war vornüber gekippt – drückte mit leuchtenden Händen seinen den Kopf in den Nacken, beugte sich tief über ihn und blies ihm mit aller Kraft, inmitten von all dem Chaos, Luft in die Lungen.
Tränen strömten über mein Gesicht – Agnew hatte nicht genug Hände, aber ich kam nicht hoch – der Auror über mir drückte mich viel zu entschieden zu Boden. Doch selbst wenn er es nicht getan hätte, die Entfernung war unüberwindbar. Ich wusste, so weh es tat, ich käme nicht lebendig bis zu James durch – die Kanzleramtsauroren stellten sich gegen jeden Schritt in seine Richtung. Flüche schossen wie Rasierklingen durch die Luft, Dolche sirrten durch den Rauch, Körperteile flogen herum – Auror um Auror ging zu Boden – die Corbillat bauten sich um Agnew auf und verteidigten ihn bei aller Wörtlichkeit mit ihrem Leben – es ging um alles.
Ich kniff die Augen zusammen, doch egal was ich tat, ich sah meinen Vater sterben. Agnew war allein und er hatte nicht genug Hände.
Mein Blick zuckte herum – ich war völlig verzweifelt, denn es nahte keine Hilfe – doch: Blake McKean ergriff die erste Chance, die er hatte. Noch bevor er überhaupt wissen konnte, ob sein Gegner wirklich außer Gefecht war, stürzte er los – hechtete hinter den Corbillat vorbei an Agnews Seite und schlitzte sich zu allem Überfluss an der Schwertklinge die leuchtende Hand auf. Aber er registrierte es nicht, er sah meinen Vater – seinen Freund. Blutend, leblos.
„Oh bitte – nein! JAY!"
Lex Agnew rang nach Luft, spuckte Blut und brüllte seinen Kollegen an: „Eine Hand ans Herz, die andere an die Hüftschaufel – ER BRAUCHT DRUCK, ER BRAUCHT BLUT!"
Er braucht die anderen! – schoss durch meinen Kopf. Doch alle waren in den entsetzlichen Kampf verwickelt – es war nicht zu sagen, wer tot oder verwundet am Boden lag – ich konnte kaum Kanzleramts- von Macaulay-Auroren unterscheiden.
„James, um Himmels Willen, hol Luft!" – schreckerfüllte, wütende und verzweifelte Tränen liefen über Blake McKeans Wangen – „TU MIR DAS NICHT AN! Nicht jetzt – nicht heute! Nicht so! JAY!"
Plötzlich warf sich mein Leibwächter noch weiter über mich – ich schrie auf – doch er blockte den Querschläger mit tödlicher Präzision ab. Und da entdeckte ich einen weiteren Amirauté, der, als die beiden frei gewordenen Corbillat seinen Gegner aus dem Konzept brachten, ebenso nur den Hauch einer Möglichkeit sah: Todesmutig hechtete er los – duckte sich unter Flüchen und Stichwaffen hindurch – nur fixiert auf ein Ziel:
„JAMES!"
„SAUERSTOFF, MARC!", donnerte ihm Agnew entgegen – „Oh Gott!" – der Alchemist Marcus Jones ließ es sich trotz allem Schrecken nicht zwei Mal sagen und packte die Hände über den unversehrten Lungenflügel.
Ein ohrenbetäubender Wutschrei durchschnitt plötzlich die Luft, gefolgt von einem Grollen, das den Boden erbeben ließ – und da erkannte ich die einzige Frau unter den britischen Amirauté, Grace Walters, die noch mit dem Schwung, mit dem sie den gewaltigen Fluch von sich geschleudert hatte, herumwirbelte und schon über den ersten Körper in ihrem Weg sprang, als es ihrem Kontrahenten gerade erst den Boden unter den Füßen wegriss.
Jener Auror, der mich immer noch auf den kalten Stein drückte, disapparierte kaum dass der schwere Körper am Boden aufschlug, als wäre damit eine Sperre gefallen – und als letztes hörte ich Agnews panische Stimme: „BEEILUNG, PORTER – ER LEBT NOCH!"
Dann war es still.
Totenstill. Nur ein Satz hallte in meinem Kopf. Ein Satz, der zu den ersten gehörte, die James zu mir gesagt hatte: „Niemand weiß von unserer speziellen Beziehung. Und es ist überlebenswichtig, dass das so bleibt!"
TBC
