Albus Dumledore
Als Appui Quentin Porter – der oberste Société höchstpersönlich – mit mir oben im Schloss appariert und auf dem Fuß disappariert war, brach ich zusammen. Mehr schreiend als schluchzend rammte ich die Faust in den Boden – wurde fast ohnmächtig vor Schmerz. Das Donnern des Kampfes röhrte in meinen Ohren und meine Rippen schmerzten vom Gewicht des Société, doch nichts tat mehr weh, als die Tatsache, dass ich es mir sträflich leicht gemacht, James abgeschmettert, ihm vorgeworfen hatte, er hätte mich achtlos im Stich gelassen – und dass ich ohne jede Chance war, das je wieder hinzubiegen.
Was hatte ich nur getan? Er war nicht aus einer Laune heraus so schrecklich zu mir gewesen, sondern weil ihm schlicht nichts anderes übrig geblieben war! Hätte er sich entscheiden können, er hätte mich nicht so abgewiesen – nicht mal, wenn er tatsächlich kein Interesse mehr an mir als Sohn gehabt haben mochte. Er war kein Unmensch! Ich brüllte vor Qual bei dem Gedanken, dass ich nicht auf ihn vertraut hatte – dass ich nicht auf sie alle vertraut hatte! Auf seine Jungs, die ihn offensichtlich so gern hatten, Remus, Sirius. Lily. Plötzlich erkannte ich mich selbst nicht mehr wieder – wie hatte mich mein Zorn so fehlleiten können, dass ich auf meinen Vater nicht vertraut hatte?! Auf meinen Vater, der sich für mich in den Tod gestürzt hatte.
Das Bild von seiner Brust mit dem Heft – die Klinge bis auf Anschlag, bis durch den Rücken gerammt – das Bild vom leblosen Körper meines Vaters, umringt nicht bloß von seinen Amirauté, sondern von seinen Freunden, die um ihn kämpften, verzweifelter und hartnäckiger, als ich es je von ihnen verlangt hätte, stach in meinem Kopf. Das hatte er nicht verdient. Er hatte nicht verdient, so zu sterben. Grausam aufgespießt, achtloser geschlachtet denn ein Tier, liegen gelassen um zu verbluten, zu ersticken. Obwohl seine Garde offensichtlich ohne eine Frage zu stellen und entschlossen trotz jeder Konsequenz bereit war, alles zu tun (das fast noch jungenhafte, hübsche Gesicht des Corbillat, der sich vor Lex Agnew geworfen hatte, sollte mich noch lange verfolgen) und seine Amirauté offenbar alles in ihrer Macht stehende versuchen würden … mit einer Klinge in der Brust würden sie nicht fertig. Er war tot.
Das schlechte Gewissen und das grauenhafte Wissen um die verpasste Chance ließen mir beinah die Gedärme zur Nase rausquellen. Das Wissen um die Tatsache, dass er vor mir gestanden hatte… Er, den ich mir mein Leben lang für ein Gespräch gewünscht hatte, der mein Patronus war … und dass ich zu nichts anderem fähig gewesen war, als dazu, ihn anzuschreien. Ihm das schlimmste an den Hals zu wünschen, weil er es auch mir angetan hatte. Dabei hatte er mich von sich halten müssen, um nicht sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er hatte lediglich alles daran gesetzt, sich nicht an den Kanzler zu verraten. Und dann hatte ich es getan.
Plötzlich konnte ich nicht mehr atmen – meine Brust schnürte sich zu – es war meine Schuld. Devereux war aufgetaucht, unmittelbar nachdem ich James aus der Fassung gebracht hatte – ich war schuld! Oder wenigstens war ich der derjenige, der die Lawine losgetreten hatte.
Warum hatte ich ihm nicht vertraut?! Warum hatte ich nicht zumindest eine Chance gesehen und war froh über alles gewesen, was ich von ihm bekommen hätte? Warum nur war ich so früh ausgerastet, warum hatte ich nicht abwarten, ihn auf einer soliden Grundlage einschätzen, seine Hilfe annehmen und einfach abwarten können, ob alles wirklich so schlimm war, wie ich geglaubt hatte? Vielleicht hätte er mir einen Hinweis gegeben oder ich wäre von allein auf den Verfassungsartikel gestoßen, der ihm nun zum Verhängnis geworden war. Und vielleicht hätten sich die Dinge völlig anders entwickelt, wäre ich nicht so wütend und starrköpfig gewesen.
James hatte es versucht. Er hatte versucht, in Ruhe mit mir zu reden. Zwei Mal. Erst jetzt wurde mir klar, dass er balanciert hatte, auf dem schmalen Grad zwischen – mir möglichst viel zu sagen, um mich zu beschwichtigen, und trotzdem nicht wie ein Vater zu klingen. Es gab keinen Zweifel: Devereux hatte ihm die ganze Zeit über die Schulter gesehen. Er hatte darauf gewartet, dass James in irgendeiner (selbst emotionaler) Weise aufhörte, Senator zu sein.
In meinem ganzen Leben hatte ich nie so geweint, nie so wenig Luft bekommen. Ich erstickte fast am Gedanken, dass ich James hätte kennenlernen können. Mitunter nicht meinen Vater, aber ihn. Ja, ich hätte ich nichts fragen können (schon gar nicht in Devereuxs heimlicher Gegenwart), aber James und sein Wesen hätte ich erleben können. Ich hätte erfahren können, ob wir zusammen funktioniert hätten, ob ich ihn als Mensch gemocht hätte. Doch die Möglichkeit hatte ich mir selbst verbaut und anstatt ihm zu zeigen, wie stolz ich war, hatte ich ihm das noch schwerer gemacht, das ihm womöglich ohnehin schon schwer gefallen war. Ich konnte nun nicht mehr ausschließen, dass es ihm nicht sogar das Herz zerrissen hatte. Ich konnte nicht wissen, ob ich nicht meinem Dad gegenüber gestanden war; ob er mich nicht am liebsten doch in den Arm genommen hätte. Und dieser Gedanke war schlimmer als alle bisherigen. Er war der blanke Horror.
War er nur deshalb nicht in meinem Leben gewesen, weil schlicht nichts anderes machbar gewesen war? Mir wurde schwarz vor Augen, obwohl es keinen Beweis für irgendetwas gab. Auch die Taten des Kanzleramts bewiesen nichts – ihnen war mit Sicherheit egal wie viel oder wie wenig Vater er war. Es ging nur darum, wieviel Senator er war. Alles war möglich. Dass er mein Dad war und dass er es nicht mehr war. Plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich hoffen sollte, das in James´ Kopf und seinem Herzen vorgegangen war. Warum war er in diese Zeit zurückgekommen? Wenn nicht für mich, dann nur für Voldemort, für die Rechnung, die er zweifelsohne mit ihm hatte. Egal ob meinetwegen, wegen meiner Mutter oder nur für sich – James hatte eine Menge offen mit ihm. Ebenso wie ich.
Zitternd stemmte ich mich vom Boden hoch. Ich konnte nicht rumsitzen. Voldemorts bester Mann hatte mir eine Erinnerung dagelassen. Plötzlich musste nicht mein Zorn, sondern meine Verzweiflung, meine Trauer irgendwohin. Ich wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht und schob die Hand in die Tasche. Die Phiole war noch da – und noch ganz (Porter hatte mich so zu Boden gedroschen, dass sie auch hätte zerbrochen sein können). Ich atmete tief durch. Es konnte heute nicht mehr schlimmer werden. Aber was wusste ich?
Gar nichts.
Ich erfuhr die entsetzliche Wahrheit in Minuten. Allein im Denkarium. Ohne jemanden, der mich hätte auffangen, oder jemanden, den ich hätte anschreien können:
Severus Snape und meine Mutter waren gemeinsam aufgewachsen. Sie waren befreundet gewesen. Er hatte sich in sie verliebt. Er hatte sie an James verloren und sein Hass hatte ihn in Voldemorts Reihen getrieben. Er war entschlossen gewesen, gegen meinen Vater zu kämpfen, mit allen Mitteln. Aber er war zur Vernunft gekommen, als plötzlich Lilys Leben und ihr Glück – ihr Kind und (so schmerzhaft es für Snape gewesen sein musste) ihre Liebe in Gefahr geraten waren. Er hatte Dumbledore Voldemorts Pläne verraten – mir so mitunter jene Monate gerettet, die ich mit meinen Eltern gehabt hatte. Snape hatte sich und Dumbledore geschworen mich um Lilys Willen zu schützen. Ihr Andenken hatte ihn auf die richtige Seite zurückgetrieben, ihn Spion werden lassen. Mit der Tatsache, dass er Dumbledore nur auf eine gewisse Weise umgebracht hatte, um Voldemorts uneingeschränktes Vertrauen zu gewinnen, verstand ich, wie er nun Kandidat zum hohen Auroren sein konnte. Er war nie wirklich das Aas gewesen, das ich gedacht hatte – sondern ein mutigerer Mann, als ich für möglich gehalten hätte. Damit nicht genug, Voldemort hatte einen weiteren Horkrux geschaffen. Mich.
Ich konnte mich nicht mehr bewegen, als mir bewusst wurde, was in meinem Innersten schon lange brodelte … ich würde sterben müssen. Aber in meiner momentanen Situation reagierte mein Kopf seltsam: Ich dachte nicht an meine Freunde, die ich nie mehr wiedersehen würde. Nicht an Ginny, die ich nie mehr küssen, mit der tatsächlich nie schlafen würde. Nicht an meine Kinder, die ich nie kennenlernen würde – nicht an mein Leben, das vorbei sein würde. Ich dachte an James … und es war der tröstlichste Gedanke überhaupt, dass ich bald dazu kommen würde, jeden Streit aus der Welt zu schaffen.
Ich blickte Dumbledore an, der es soeben Snape offenbart hatte und war froh, dass er es mir nicht eher gesagt hatte. Ich hätte nie so gekämpft, wäre nie so weit gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass am Ende mein Ende stand. Nein – gerade deshalb hätte ich sogar noch erbitterter gekämpft. Aber leben hätte ich in dem Wissen nicht können.
„Sie haben ihn wie ein Schwein zum Schlachten aufgezogen …", resümierte Snape fassungslos und als ich meinte, dies wäre die letzte schreckliche Botschaft des Tages, veränderte sich die Szene.
Ich fand mich an einer finsteren Ecke in Schloss Hogwarts wieder. In der Ferne waren Schritte zu hören und im düsteren Mondlicht sah ich einen wehenden Umhang. Als die Person an einem der Fenster vorbeiging, erkannte ich Snapes Gesicht – angespannt, besorgt. Ich war sofort sicher, diesen Moment musste er im Lauf der letzten Wochen oder Monate erlebt haben. Es war zu still dafür, dass es noch Dumbledores Ära, und zu kalt, dass es die Sommerferien hätten sein können. Obwohl es Nacht war und die Schüler schliefen – es herrschte eine besondere Stille. Sie war erdrückend, bedrohlich.
Was tat Snape wach? Kam er gerade von einem Treffen mit den Todessern? Sein Gesicht würde mehr als dafürsprechen. Was würde passieren, das mich an diesem Abend seines Leben interessieren sollte? Die Antwort bahnte sich in Form eines berückenden Duftes an.
Ich wandte den Kopf, bevor mein Gehirn kombinieren konnte – und machte vor Schreck einen Satz.
James lehnte lässig an der Mauer – nur gute zwei Meter vor mir – James der Senator. Und er sah schlicht fantastisch aus. Ich ertrug es fast nicht. Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen. Wenn ich mir vorstellte, dass er jetzt am Boden lag… Und wenn ich mir vorstellte … ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mich großgezogen hätte. Er war so anders als jedes Bild, das ich mir jemals von ihm – oder von sonst einem Vater gezeichnet hatte.
Mein Vater war eine majestätische Erscheinung, selbstbewusst, stolz und groß wie er war, und wenn ich mal gefragt worden wäre, wie ich mein Idol James Macaulay gesehen hatte … dann so. Aber meinen Vater hatte ich im Leben nie so vor Augen gehabt. Er war das krasse Gegenteil zum gebückten, düsteren Snape, dessen einzige Stilsicherheit darin bestand, schwarz mit schwarz zu kombinieren. James hingegen trug zu strahlend weißem Hemd und hellbrauner Slim-Chino ein frappierend schmuckes, meisterhaft zugeschnittenes und abgestimmtes Ensemble aus dunkelblauem Lodengehrock, mit hochgestelltem Reverskragen, dessen Rückseite ebenso grün blitzte wie die Knopflochnähte, und üppigem braun-blau-grün gemustertem Seidenschal. Ohne Zweifel, seine Garderobe war spitzenmäßig … und diese kam mir grauenvoll bekannt vor.
Die Erinnerung war von heute.
James warf einen Blick auf das Gemälde von Horst dem Hängebauchschwein und stieß sich ab, als Snapes Schritte näher kamen. Er schlenderte in die Mitte des Ganges, stellte sich ihm in den Weg, und schob die zarten Hände in die Hosentaschen als hätte er nichts weiter außergewöhnliches vor. Er sah entspannt aus. Er war nicht sorglos – aber Herr seiner Lage.
Sekunden später wehte Snape um die Ecke – und er erschrak schon, weil er überhaupt jemandem begegnete. Doch als er James sah, rutschte ihm beinah der Umhang von den Schultern – jede Farbe wich aus seinem Gesicht – er krachte gegen die nächste Rüstung. Es bestand kein Zweifel, er erkannte ihn binnen Sekundenbruchteilen.
James blinzelte nicht mal. „Gestatten, James Nute Kamien Macaulay zu Großbritannien und seinen Kolonien, Irland und Australien – auf ein Wort, Snape!"
Es gab nicht den leisesten Grund für den Schulleiter, ihm nicht zu glauben und er war einer Ohnmacht nahe, als James seinen Schulterkopf packte und ihn ins Klassenzimmer zur linken schob.
Snape stolperte über die Schwelle und schoss herum – ich huschte in den Raum, bevor James die Tür hinter sich zuwerfen konnte – einen Moment lang sah der Trankmeister den Senator von oben bis unten an. „Gott der Allmächtige!", flüsterte er bebend vor Schreck. „Du?"
„Leibhaftig, ja", sagte James mit freundlicher (!) Miene, ohne auf das einzugehen, was gegenüber dem Senator eine Beleidigung gewesen war, und es war auch für mich wie eine erneute Bestätigung. „Und machst du einen Schritt dahin, einen Dritten von mir wissen zu lassen … sei das dein letzter!"
Snape riss den Arm hoch als hätte ihn eine Biene gestochen und erbleichte noch mehr, als er die Innenseite seines Handgelenks sah. Auch ich zweifelte nicht an der Ernsthaftigkeit der Drohung – ich folgte Snapes erschrockenem Blick zu seinem Unterarm und auch mir wurde klar, dass der Fluch gesprochen war. Ein Symbol hatte sich in seine Haut gebrannt. Ein Schnörkel, von dem ich mir nicht erklären konnte, was er bedeutete.
Erschrocken sah ich zu James auf. Wenn die Geheimhaltung der Tatsache, dass es sich in der Person James Macaulay um ihn handelte, ein Leben wert war – was war sie dann noch wert?
„Kurzum, ich weiß Bescheid darüber, was es mit Dumbledores Ende auf sich hatte!", kam James direkt zur Sache. Snape sank langsam unter seinem ernsten Blick auf einen Stuhl in der letzten Reihe und war nicht aufnahmefähig. Unter seinem fettigen Haarschopf blockierten die Zahnräder und trotz aller Gewalt, mit der er sein Gehirn wieder zum Laufen zu bringen versuchte, brauchte er noch einige Sekunden. Doch er besann sich – urplötzlich.
„Weißt du auch, dass du ein Kind hast?!", schleuderte er James entgegen und damit mochte ich ihn mit einem Mal ein ganzes Stück lieber. Gespannt wanderte mein Blick – James hatte mir gegenüber nichts rauskommen lassen. Aber jemand anderem gegenüber?
„Ja", sagte er reglos und ich runzelte die Stirn. „Ich weiß sogar, dass es ein Sohn ist!"
Er schien jedenfalls die Frage für eine ganz schön blöde zu halten.
„Ich weiß auch, wie schlecht es ihm bei seiner Tante ging!", fuhr er fort, aber in sein Gesicht trat nichts weiter. Nicht mal der alte Hass auf Snape. „Wie oft er Voldemort entgegengetreten ist. Wie oft er dem Tod ins Auge gesehen hat. Welche Ängste er ausgestanden hat. Wie oft er Unterstützung gebraucht hätte. Und wie gut er doch auch ohne geschlagen hat! Selbst im Okklumentik-Training, das euch mein pubertärer Wahnsinn vermasselt hat!"
Er schmunzelte heftig – verzog entschuldigend die vollen Lippen. Snape stand der Mund offen – mir auch.
„Ich habe sein Leben verfolgt. Ich weiß, wer er ist!", stellte James klar und er sprach nicht vom Auserwählten. So weh es tat, er sprach von mir. „Ich kenne mein Kind. Deshalb bin ich hier!"
Snape glotzte seinen alten Schulkollegen an – er konnte sich nicht mehr Reim auf das alles machen, wie ich. „Du bist Senator dieses Landes …", sagte er langsam und begab sich wieder auf Augenhöhe mit James (obwohl er sie um einige Zentimeter verpasste), „was willst du von mir?"
„Voldemort wird demnächst hier anrücken!", antwortete James gerade heraus, als hätte er nie von mir geredet.
Snape zuckte perplex zurück. „Wie kommst du darauf, dass er hier raufkommt?", fragte er verdutzt und ob James´ Sympathie schaffte nicht mal er, ätzend zu ihm zu sein. War sie mir bisher bloß aus Wut nicht aufgefallen? Sie war entwaffnend, er hätte sie nie überspielen können! „Wieso sollte er?"
„Einer der Horkruxe ist offenkundig im Schloss. Harry ist am Weg hierher", sagte James – ich erschauerte. „Und Voldemort wird ihm zuvorkommen wollen!"
Snape verlor selbst das Weiß in seinem Gesicht, er wurde grün. „Verdammter Mist!"
„Nicht unbedingt!", sagte James und unbegreiflicherweise grinste er plötzlich. „Ich habe Stillschweigen über das positive Votum bezüglich meines Antrages auf jegliche Notstandsvollmachten angeordnet, um Voldemort nicht unter einen undurchdringbaren Schutz zu treiben! Taucht er hier auf, wäre es die perfekte Gelegenheit, eben das zu verunmöglichen – und ihn einzukesseln. Ihn mit geballter Kraft überraschen – ihn hier festzunageln und ihm das Licht auszublasen, ohne dass er überhaupt mit dem Senat gerechnet hat."
Snape blinzelte erschlagen und mir ging es nicht anders.
„Aber eine gewisse Zeit müsst ihr im Schloss durchhalten, ehe ich mein finales Einschreiten begründen kann", erläuterte James, „und damit wäre ich bei dir!"
„Wieso kannst du es nicht gleich begründen?", hakte Snape verwirrt nach. „Worauf wartest du, wenn du die Notstandsvollmachten hast?!"
„Die Späher sind auf der Suche nach Voldemort und seinen sogenannten Soldaten. Aber noch haben sie ihn nicht aufgespürt!", sagte James geduldig. „Würde ich Blake McKean jetzt herbeordern, müsste ich einräumen, dass ich wesentlich mehr weiß, als es mir aus Sicht meiner offiziellen Position möglich ist."
Ich ahnte schlimmes.
„Ich habe mich selbst an Harrys Fersen geheftet. Das hätte ich nicht tun dürfen! Es ist mir nicht erlaubt, mich hinter der Garde hervorzubewegen für Angelegenheiten, die es nicht unbedingt und unumgänglich erfordern. Das an sich hätte nur eine Ermahnung zur Folge, ja!"
Snape schloss den Mund wieder.
„Aber es geht um Harry", fuhr James fort zu erklären. „Ich befürchte, dass der Kanzlerrat die Tatsache, dass ich ihn beschattet habe, anders interpretieren würde, als er es sollte!"
Ich hörte auf zu atmen. James hatte mehr als nur einen lächerlichen Hinweis in petto gehabt.
„Artikel dreizehn Senatsverfassung?", wusste Snape mehr als ich es getan hatte und hob die Braue. „Ich hab mich schon gewundert, warum du als Vater den Titel überhaupt hast."
James entwich ein Lachen, er zuckte die Brauen. „Es gibt Zauber, die jeden meiner Zusammenhänge mit Harry verbergen", sprach er eine weitere Antwort aus, die ich unbedingt hatte haben wollen. „Doch ich habe keine Garantie, dass sie nicht versagen, wenn der Kanzlerrat uns irgendwie miteinander in Verbindung bringt. Ich weiß nicht, inwieweit der Schutz ausreicht. Und ich habe so gut wie keinen Spielraum, es auszutesten!"
Meine Galle stieg auf.
„Warum bist du überhaupt in dieser Zeit?", fragte Snape spitzfindig. „Wenn sie es rausfinden – würdest du nicht…?"
„Erstochen", bestätigte James dumpf. Ich schloss die brennenden Augen – aber seine kommenden Worte waren nicht mein Todesstoß. Er ging nicht auf Snapes Frage ein. „Ja. Sobald der Senatsvorsitzende es erfahren würde, hätte ich keine Minute mehr. Und auch jeder andere nicht, der es wusste und sich der Existenz von Artikel dreizehn bewusst war."
„Danke", knurrte Snape.
„Im Dienste der Staatssicherheit, Severus!", entgegnete James. „Oder in deinem Fall – im Dienste um das Leben all jener, die Voldemort hier entgegentreten werden, bevor ich den Einsatzbefehl geben kann! Also … schaffst du es, mit mir zu arbeiten, auch bevor der Geheimdienst Voldemort auf die Spur kommt und dir der Amirauté die Hölle heiß macht … oder schaffst du es nicht?"
Mein Vater war kein Unmensch. Er hatte nicht handeln können und trotzdem hatte er es getan – und wer weiß wie viele Leben damit gerettet.
„Ich hasse dich schon allein dafür, dass du besser aussiehst, denn je", ölte Snape und ich konnte kaum glauben, dass auch er etwas Nettes gesagt hatte. „Aber für den höheren Zweck … natürlich!" Er nickte bestätigend.
„Sobald du Meldung erhältst, dass sich in Hogsmeade auch nur irgendetwas bewegt, das das nicht tun sollte", setzte James zu seinen Befehlen an, „wird es dein Job sein, so schnell wie möglich alle aus den Betten zu holen. Egal mit welcher Ausrede. Jede Minute mehr, in der sie sich wappnen können wird helfen, auch wenn zu dem Zeitpunkt noch niemand mit einem Kampf rechnen wird."
Snape nickte.
„Es liegt an dir, einerseits Zeit rauszuholen und andererseits schnell und nachdrücklich genug Alarm zu schlagen, damit Voldemort keinen Verdacht schöpft und sich in Bewegung setzt – erzähl ihm sonst was! Er muss her!"
Snape schluckte hart.
„Nach Harry wird auch der Orden bald auftauchen. Sie werden höchstwahrscheinlich vor Voldemort hier sein und du wirst ihnen das Schloss überlassen, damit sie sich einbunkern können!"
„Wie soll es der Junge hier rein schaffen?", fiel Snape plötzlich ein und er sah ernsthaft besorgt aus.
„Es gibt einen Weg!" James nickte auf Snapes ungläubigen Gesichtsausdruck hin beruhigend. „Und selbst wenn es ihn nicht gäbe… Wenn Voldemort dahinter käme, dass du ihm ins Schloss geholfen hättest – und das würde er … stünde ich noch eher ohne Maulwurf da, als ohnehin schon", sagte er mit bitterer Miene und Snapes Gesicht veränderte sich. „Und das wäre gravierender, als Harry eine Unterstützung zu versagen, die ohnehin nicht mehr bringen würde als fünfzehn Minuten!"
Stolz blitzte in seinem Gesicht auf und da war die Erinnerung mit einem Mal zu Ende.
Ich tauchte aus dem Denkarium auf. Meine Beine trugen mich schon lange nicht mehr. Am liebsten hätte ich meinen Kopf in die Wand gerammt und hätte die Ohnmacht genossen. Wenn Voldemort in dem Moment aufgetaucht wäre, ich hätte mich nicht wehren können. Ich weinte so heftig, dass ich anfing zu würgen. Ich bekam keine Luft mehr.
„Dad …", presste ich hervor – es musste raus. „James, ich hasse mich dafür!"
Hätte ich ihm die Sache mit meiner Mutter nicht an den Kopf geworfen, hätte ich spät aber rechtzeitig alles verstanden und alles hätte gut gehen können. Vielleicht nicht so gut, wie es mein Herzenswunsch gewesen wäre. Aber sein Blut wäre nicht an meinen Händen geklebt. Und soweit er nicht mein Vater gewesen wäre … hätte ich ihn kennenlernen können. Er hatte mich nicht von sich geschoben, weil mich zu verlieren zu schmerzhaft gewesen war. Er hatte nicht von mir gesprochen als hielte er die Vorstellung meines Gesichts nicht aus. Im Gegenteil, ich schien ein warmer Gedanke für ihn zu sein.
„ES TUT MIR LEID, DAD!"
Und genau das würde ich ihm sagen, wenn Voldemort mit mir fertig war.
TBC
