Kapitel 5 - Im Krankenflügel
Schmerz! Das war das erste was Lily verspürte, als sie langsam aus ihrer Ohnmacht erwachte. Ihr Kopf tat höllisch weh! *Was war noch mal passiert?* Lily versuchte sich verzweifelt daran zu erinnern, als sie dumpf einige Stimmen um sich herum vernahm. Sie konzentrierte sich und erkannte Alice' Stimme. Alice? Ach ja, langsam kam Lilys Gedächtnis wieder in die Gänge. Alice und sie waren nach Arithmantik auf dem Weg in die große Halle zum Mittagessen gewesen, als sie mit zwei anderen Schülern kollidiert waren. Sie war gestürzt und dann – ja was dann? Wo war sie jetzt?
Lily versuchte ihre Augen zu öffnen. Erst beim zweiten Versuch klappte es. Im ersten Moment erkannte sie gar nichts. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte einige Male, bis sie sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatte. Sie lag in einem Bett mit weißem Bezug – sie musste sich also im Krankenflügel befinden. Gerade als sie versuchte sich daran zu erinnern, wie sie denn überhaupt in den Krankenflügel gekommen war, tönte ein hoher Schrei durch den Raum. „LILY!" Dann sah Lily erst mal gar nichts mehr, ihre Sicht wurde komplett von langen braunen Haaren blockiert. „Oh mein Gott, endlich bist du aufgewacht! Du warst ewig bewusstlos, obwohl die Wunde doch schon zugenäht war! Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Was machst du bloß für Sachen?" redete Alice ohne Luft zu holen in großer Geschwindigkeit auf sie ein. Lily grinste schwach. „Beruhige dich erstmal. War doch bloß ein kleiner Unfall." „Kleiner Unfall?" Alice schnappte empört nach Luft. „Lily Evans! Du warst über zwei Stunden bewusstlos und hattest eine riesige Platzwunde am Kopf die höllisch geblutet hat! Du lagst hier kalkweiß ewig lang herum!" „Apropos, wie bin ich eigentlich hierher gekommen?" unterbrach Lily ihre Freundin und lenkte sie somit ab. Gleichzeitig griff sie nach einem Wasserglas, das neben ihr auf einem weißen Nachttischchen stand. „Also das, ähm, nun ja...", Alice verstummte und Lily starrte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Alice war nie, absolut nie um Worte verlegen. Schüchtern, manchmal auch verlegen, aber niemals sprachlos. „Alice! Antworte!" sagte sie daher bestimmt aber auch neugierig. „Ist ja schon gut." Ihre Freundin zog etwas den Kopf ein und ratterte dann schnell und ohne Pause an einem Stück herunter: „DubistmitPotterzusammengeknalltunderhatdichdannhierhergetragen. DannsaßerübereineStundeandeinemBettbevorerschließlichgegangenist." Lily starrte sie an. „Bitte was? Nochmal gaaanz langsam! Ich hab kein Wort verstanden!" Alice schaute zerknirscht auf ihren Schoß. „Na ja, also wie sind in Potter und Black rein gelaufen. Nachdem du dann mit dem Kopf an die Ecke geknallt bist und am Boden lagst, hat Potter dich sofort geschnappt und den ganzen Weg in den Krankenflügel getragen. Anschließend saß er eine Stunde an deinem Bett, bis Madame Pomfrey, die neue Assistentin der alten Krankenschwester seit diesem Jahr, deine Wunde zu geflickt hat." Vorsichtig hob Alice den Blick und wartete auf einen Ausbruch samt Schimpftirade von Lily, was sich Potter denn einbilden würde, sie einfach herum zu tragen. Doch der blieb aus. Lilys Augen hatten sich während Alice' Worten zunehmend mehr geweitet und sie lag nun wie erstarrt da. „Lily?" fragte ihre Freundin vorsichtig nach. „Er hat mich hierher GETRAGEN? Und ist dann hier geblieben?" fragte Lily schließlich vollkommen perplex. Ihre Schmerzen waren wie weggeblasen und vollkommen aus ihren Gedanken verschwunden. Alice antwortete, sichtlich erleichtert dass Lily ruhig geblieben war: „Jep, er ist erst gegangen, als Madame Pomfrey gesagt hatte, dass du wohl in einigen Minuten aufwachen würdest. Er meinte, es wäre vermutlich nicht sonderlich günstig, in deinem Zustand direkt nach dem Aufwachen einen Gefühlsausbruch zu haben. Und wenn er dableiben würde, wäre dieser garantiert." Lily starrte bei diesen Worten wie hypnotisiert an die Decke. „Aber warum, bei Merlin, ist er solange geblieben? Warum hat er mich überhaupt hergebracht?" „Er sagte, es sei schließlich seine Schuld, dass du überhaupt her musstest, also wäre er auch dafür verantwortlich, dass du gut hier ankommst." Ihre weitere Vermutung bezüglich Potters Sorge, verschwieg Alice. Sie kannte Lilys Ansichten über den Gryffindor Sucher schließlich zur Genüge. Im letzten Schuljahr hatte sie sich täglich darüber ausgelassen, wie arrogant er und Black doch wären, und auch sein Ruf als Herzensbrecher war oft stundenlang durchgekaut worden, besonders als er angefangen hatte, Lily um Dates zu bitten. Doch auch wenn ihre Freundin es nicht wahrhaben wollte, war Alice sich sicher, dass Potter tatsächlich seit längerem in die temperamentvolle Rothaarige verliebt war und sie nicht bloß als weitere Trophäe in seiner Sammlung haben wollte. Seine Reaktion vorhin, das war echte Sorge gewesen. Sie käme allerdings nie auf die Idee Lily ihre Vermutung zu erzählen. Sie konnte eine wahre Furie werden wenn sie wütend wurde.
Alice unterbrach ihre Gedanken und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Freundin. Diese hatte sich inzwischen wieder einigermaßen gefasst und richtete sich vorsichtig in eine sitzende Position. Sofort kam Alice ihr dabei zu Hilfe und stützte sie. „Danke", murmelte Lily. „Hör mal, wie lang muss ich eigentlich noch hier bleiben?" Lily hatte also offenbar beschlossen sich anderen Dingen zu zu wenden. „Schon jetzt. Du sollst bloß langsam machen und nicht zu schnell aufstehen." Lily nickte.
Mit Alice Hilfe machte sie sich langsam fertig, bis sie eine halbe Stunde später bereit war, den Krankenflügel zu verlassen. Alice griff nach der Schultasche ihrer Freundin und gemeinsam verabschiedeten sie sich von Madame Pomfrey. Sie ließen den nun komplett leeren Krankenflügel hinter sich und steuerten langsam die große Halle an. Inzwischen war es Zeit zum Abendessen und Lilys Magen machte sich deutlich hörbar bemerkbar. Die beiden Mädchen schauten sich an und mussten grinsten. Sie traten durch das geöffnete Eingangstor und steuerten ihren Platz am Gryffindor-Tisch an. Molly und Marlene hatten ihre Plätze freigehalten und etwas Essen vor den hungrigen Mäulern von Black und Potter bewahrt. Während Lily und Alice begannen die Reste in sich hinein zu schaufeln, wurden sie von von einer besorgten Molly sowie Marlene ausgefragt. Nachdem sich die Beiden davon überzeugt hatten, dass es Lily und ihrem Kopf wieder gut ging, wandten sie sich anderen Themen zu. Sie fingen an über eine neue Band namens „Schicksalsschwestern" zu diskutieren und auch Alice warf sich begeistert ins Gespräch. Lily dagegen enthielt sich, in Gedanken versunken. Potter und seine Reaktion gingen ihr einfach nicht aus dem Kopf. Sie konnte sich darauf einfach keinen Reim machen. Frustriert malträtierte sie die Kartoffeln auf ihrem Teller. „Hey Evans, was haben die Kartoffeln dir denn getan?" wurde sie von einem grinsenden Potter aus ihren Gedanken gerissen. Sie funkelte ihn wütend an und wollte schon zu einem Gegenkommentar ansetzen, als sie es sich spontan anders überlegte. Eigentlich hatte Potter ja gar nichts schlimmes gesagt. Betonung auf eigentlich. Aber außerdem hatte er sie heute in den Krankenflügel gebracht, was schon ganz nett war. Zwar war er derjenige gewesen, weswegen das überhaupt nötig gewesen war, aber trotzdem. Sie verzichtete auf eine bissige Antwort, markierte den Tag innerlich rot im Kalender, und sagte stattdessen fast schon freundlich, die Kartoffelfrage ignorierend: „Danke, dass du mich vorhin in den Krankenflügel gebracht hast. Anscheinend ist dir die Bedeutung des Wortes 'Manieren' doch nicht vollständig unbekannt!", okay, den letzten Satz hatte sie sich nicht verkneifen können, aber es war trotzdem ein Anfang. Sie wandte sich wieder von Potter ab und wollte gerade etwas Kürbissaft trinken, als sie einen Blick auf sich spürte und sich wieder zu Potter drehte. Dieser saß mit offenem Mund da und starrte sie an. Lily wurde der Blick langsam unangenehm und zischte daher: „Was denn?" Statt einem Konter schloss Potter wieder seinen Mund und sagte „Gern geschehen." Dann drehte er sich nach einem letzten ungläubigen Blick zu Black und auch Lily wandte sich endlich ihrem Kürbissaft zu. Die erstaunten Blicke von Alice, Marlene und Molly bemerkte sie nicht einmal.
40 Minuten später erreichten sie mit vollen Mägen das Portrait der fetten Dame. Marlene sagte das neue Passwort „Spaghetti-Eintopf" und die vier Mädchen kletterten in den gemütlichen Gemeinschaftsraum. Überall brannten schon die Feuer in den Kaminen und der Raum war von dem Stimmenwirrwarr der Gryffindors erfüllt, die es sich in den roten Sesseln oder an den dunklen Eichentischen bequem gemacht hatten, tratschten oder Hausaufgaben machten. Die Mädchen allerdings ließen sich nicht nieder, sondern steuerten lachend die Wendeltreppe an, die zu den Mädchen-Schlafsälen führte. Sie hatten schließlich ihren eigenen kleinen Gemeinschaftsraum!
Auch in ihrem Turmzimmer verbreiteten die Feuer eine angenehme Wärme. Der Raum war in ein rot-orangenes Licht getaucht und die roten Vorhänge der Betten glühten förmlich. Die vier ließen sich entspannt in den Sesseln am großen Kamin nieder und quatschten über dieses und jenes. Nebenher futterten sie Kürbispasteten und Schokofrösche aus ihrem Vorratsschrank.
Draußen war inzwischen die Sonne untergegangen und von den Sternen abgelöst worden, als Lily beschloss schlafen zu gehen. Ihr Kopf schmerzte wieder etwas und der Tag war insgesamt ziemlich anstrengend gewesen. Marlene, Molly und Alice reagierten verständnisvoll und beschlossen ihr Gespräch im Gemeinschaftsraum fort zu führen. Molly meinte außerdem, sie wolle noch mit Arthur reden und auch Marlene hatte mit Edgar Bones noch nicht viel gesprochen an diesem Tag. Sie wünschten Lily gute Besserung und gute Nacht und gingen dann gut gelaunt in den großen Gemeinschaftsraum.
Als sich die Tür hinter ihnen schloss, blieb Lily noch kurz in ihrem Sessel sitzen. Sie genoss den Moment der Ruhe, bevor sie aufstand, die Feuer dämmte bis bloß noch die Glut übrig blieb und ins kleine Bad ging um sich bettfertig zu machen. Fünfzehn Minuten später lag sie ein gekuschelt in ihrem Himmelbett und starrte in die Glut. Der Tag lief an ihrem inneren Auge nochmal vorbei. Da war der dämliche Traum von Potter gewesen, der Zaubertränkeunterricht mit Potter, der Zauberkunstunterricht mit Potter und Black, der Zusammenstoß mit Potter auf dem Gang, der Aufenthalt im Krankenflügel, das etwas seltsame Gespräch mit Potter beim Abendessen – irgendwie war das zu viel Potter an einem Tag, für Lilys Geschmack!
Und -, oh nein! Lily schalt sich selbst. Sie hatte Petunias Brief vergessen! Wie hatte sie den überhaupt vergessen können? In Lilys Augen bahnten sich die Tränen an. Es war verletzend! Mehr als das! Es war das Schlimmste, was zwischen ihr und ihrer Schwester im Laufe der letzten Jahren vorgefallen war. Sie wollte Petunia nicht verlieren und doch war ihr klar, dass dies eingetreten war. Ihre große Schwester hatte sich nun endgültig von ihr abgewandt! Die ersten Tränen kullerten ihr über die Wange. Der Verlust schmerzte unheimlich, sie spürte eine bisher unbekannte Leere. Sie schloss verzweifelt die Augen. Das konnte Petunia, ihre Tunia, doch nicht ernst meinen. Und doch wusste sie, es war ihr Ernst! Hass gesellte sich zu der Leere. Hass darauf, dass Petunia nicht ebenfalls eine Hexe war, Hass auf sich selbst und vor allem ein unbeschreiblich großer Hass auf Petunias neuen Freund, diesen Vernon Dursley. Sie übertrug die ganze Schuld an der gescheiterten Beziehung zwischen ihr und Tunia auf ihn, den „Ach-so-Tollen, perfekten und vollständig normalen" Muggel, der Petunia den letzten Stoß von Lily weg gegeben hatte!
Lilys Sicht wurde von den Tränen verschleiert und schluchzte sich schließlich in den Schlaf.
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