Kapitel 7 - Gespräche
Das Problem mit Alice war, dass sie nicht nur vertrauenserweckend aussah, sondern tatsächlich oft gute Ratschläge bereit hatte und einem in schwierigen Situationen helfen konnte. Sie erzählte zudem nie etwas weiter, was ihr jemand unter dem Siegel des Schweigens anvertraut hatte. Es sprach also eigentlich nichts dagegen, ihr einfach zu erzählen, was sie beschäftigte, und dennoch hinderte sie irgendetwas daran. Vielleicht hatte sie selbst ja noch nicht akzeptiert, dass sie in Potter- halt, stopp! Sie musste überhaupt nichts akzeptieren! Es gab gar nichts zu akzeptieren! GRR! Schon allein Alice' Anwesenheit reichte aus, um Lilys Gedanken in eine ungute Richtung zu führen.
„Nun?", hakte Alice nach. Lily vergrub grummelnd ihren Kopf in den Händen und fuhr sich dann gereizt durch ihre rote Mähne. „Was willst du hören, Alice? Das ich Potter nicht mehr anschreie, weil sich etwas zwischen uns verändert hat? Dass ich meine Einstellung gegenüber ihm überdacht habe?" Sie war ohne es zu merken steigend lauter geworden. „Lily-", versuchte Alice sie zu beruhigen. „Oder dass jetzt, da ich nicht mehr so voreingenommen und steif bin, etwas zwischen uns entstehen kann?", „Hör mal Lily-", „WAS ALICE? WAS WILLST DU HÖREN?" Alice starrte sie überrumpelt an. Keiner von Beiden hatte mit solch einem Gefühlsausbruch gerechnet. „Ich weiß genau so viel wie du, Alice! Ich hab auch keine Ahnung was hier gerade abgeht! Ich weiß nur, dass ich nicht mehr ständig das Gefühl habe, Potter erwürgen zu wollen wenn er in meiner Nähe ist." „Das ist doch schon einmal ein Fortschritt!", kam es leicht spottend von Alice. Lily schnaubte nur.
„Jetzt komm schon Lily. Lass den Kopf nicht hängen! Es wird schon noch alles klarer werden! Vielleicht verwandeln sich ja endlich die gereizten Spannungen zwischen euch, endlich – ENDLICH – in positive?" Lily starrte sie etwas überfahren an. „Spannungen? Was für Spannungen? Ich hab keine Spannungen bemerkt." „Lily, jetzt verkauf mich doch nicht für blöd! Jedes Mal wenn ihr euch im selben Raum aufhaltet, knistert es förmlich. Sag mir jetzt nicht, du hast das die ganzen Jahre über immer für eine Art natürliche Abneigung mit resultierendem 'Sich-gegenseitig-die-Köpfe-einschlagen-Impuls' gehalten?" „Äh, also ja-" „LILY! Das ist jetzt nicht dein Ernst?" Lily senkte etwas beschämt den Blick.
„Was jetzt aber viel wichtiger ist: Was machst du jetzt? Wie verhältst du dich? Und ist da mehr zwischen euch?" Lily war vollkommen überfordert und blickte Alice hilfesuchend an. „Okay, da müssen wir wohl ganz von vorne anfangen!" murmelte Alice in sich hinein.
„Also erst mal: Wie denkst du inzwischen über ihn?" Lily runzelte die Stirn und dachte nach. Früher war sie immer davon überzeugt gewesen ihn zu hassen. Hatte sich das vielleicht inzwischen geändert? Ja, es hatte sich geändert. Der Würgereflex war verschwunden, ebenso wie der Schlagimpuls. Außerdem fing es neuerdings immer so komisch in ihrem Bauch zu kribbeln wenn James – äh, Potter natürlich – in der Nähe war. Das Alice zu erzählen, traute sie sich aber noch nicht. „Nun, ich hasse ihn nicht mehr" stellte sie also zögernd fest. „Und weiter?" fragte Alice erwartungsvoll. „Also, ich will ihn nicht mehr sofort verfluchen." „Immerhin." „Hey!" Alice kicherte leise, riss sich dann aber zusammen, als sie Lilys mörderische Miene sah. „Ist ja gut, ist ja gut. Dann also weiter im Programm. Was hast du vor? Wie willst du ihn jetzt behandeln?" Lily dachte nach. „Also Anschreien, Schlagen und ähnliches fällt erstmal weg. Außerdem, hat es im Unterricht bisher auch erstaunlich gut funktioniert, sich zivilisiert zu verhalten." Alice hob zweifelnd die Augenbrauen. „Okay, lag wohl hauptsächlich daran, dass ich ihn und Black am Laufenden Band überrascht hab." „Und das heißt?" „Ich hab sie wohl mit meiner Handlungsweise ziemlich irritiert." Sie grinste. „Ich glaub daran ändere ich auch eher weniger. Potter hat so einen witzigen Blick drauf, wenn er überrascht wird." „So wie damals, als wir die Rumtreiber in der zweiten Klasse nachts überfallen haben, ihnen neues Make Up verpasst und ihre Klamotten in rosa Rüschkleidchen verwandelt haben? Mit lang anhaltender Wirkung und somit garantiertem Auftritt in der großen Halle?" ließ Alice fies grinsend verlauten. „Exakt" Sie lachten in Erinnerung an den Streich. Ja, sie hatten den Rumtreibern gründlich kontra geboten, zusammen mit Marlene und Molly. Aber das war schon ewig her. Anscheinend war es jetzt auch Zeit für einen reiferen Umgang miteinander.
Lily stöhnte innerlich auf. Ihr Gehirn schien kein anderes Ziel mehr zu haben, als sie dazu zu bringen, sich James anzunähern und die alten Differenzen zu beseitigen.
Ein paar Stunden später war Lily auf dem Weg von der großen Halle in den Gemeinschaftsraum. Sie war etwas länger beim Abendessen geblieben, um nicht das neugierige Geschwätz von Molly und Marlene ertragen zu müssen. Alice hatte seit ihrem Gespräch am See eine unergründliche Miene aufgesetzt und schied somit als Gesprächspartner auch aus. Die Rumtreiber fehlten am Tisch, weswegen es angenehm ruhig war. Allerdings erwischte Lily sich dabei, wie sie darüber sinnierte, was James wohl aufgehalten haben könnte. Wahrscheinlich ein Streich. Kinderkram! Hrmpf! Aber irgendwie auch süß... Lily schrak aus ihren Gedanken auf und griff mit leicht rosa angelaufenen Gesicht nach der Kürbissaftkaraffe. Das konnte so wirklich nicht weiter gehen!
Um sich aber nicht aus Versehen verdächtig zu verhalten, hatte sie ihre Freundinnen schon einmal vor geschickt und hatte selber etwas getrödelt. Sie war fest darauf bedacht, jedem potentiellen Konflikt und Stress aus dem Weg zu gehen. Und dazu gehörte nun einmal dazu, sich neugierige Freundinnen vom Hals zu halten.
Doch eigentlich hätte Lily klar sein müssen, dass ihr Glück sie mal wieder verlassen würde und sich einem solch festen Vorsatz wie Stressvermeidung sicher etwas in den Weg stellen würde. Und es kam wie es kommen musste. Als sie gerade um eine Ecke im zweiten Stock bog, wurde sie in eine geheime Nische hinter dem blauen Wandvorhang von Albert dem Buckligen gezogen. Bevor sie einen überraschten Schrei von sich geben konnte, hielt ihr eine Hand den Mund zu. Als sich ihre Augen an die plötzliche Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, wen sie da vor sich hatte und ihre Augen verengten sich zu wütenden Schlitzen. „Beruhig dich, keine Sorge, ich will bloß reden." Da sie sich nicht wehrte, wurde die Hand von ihrem Mund genommen und sie trat sofort einen Schritt zurück.
„Severus!"
Cliffhanger - schon wieder, ich weiß :P
Bekomme ich trotzdem ein review? *Bettelblick*
