Kapitel 8 - Severus
Lily nahm eine Abwehrhaltung ein und verfluchte im Stillen ihre Unachtsamkeit. Sie sagte kein Wort sondern starrte ihren alten Freund aus Kindertagen einfach nur an. Er sah schlechter aus als im letzten Jahr. Er war blasser geworden und trug täglich tiefe Augenringe zur Schau. Seine Kleider waren wie eh und je etwas zu groß und seine Lippen waren fest zusammen gepresst. Entweder er war wütend oder besorgt. Sie tippte auf letzteres.
„Hör zu Lily, ich-" Er brach ab und fuhr sich durch die Haare. Sehr untypisch. Lily verlor etwas von ihrer klaren Abneigung. Sie nahm sich vor ihm zuzuhören, doch versprechen würde sie nichts! „Ich will nicht dass es so weiter geht!" er blickte sie gleichzeitig bittend und entschlossen an. „Severus, wie sich alles entwickelt hat hast allein du zu verantworten!" sagte sie entschieden. „Ich?" sagte er etwas verzweifelt. „Du warst diejenige die mich von dir gestoßen hat." „Ja, nachdem du weiterhin mit Nott, Malfoy und den ganzen anderen Idioten rumgehangen hast!" „Was hätte ich denn tun sollen?" fauchte er verzweifelt. „Slytherin ist nicht wie Gryffindor! In Slytherin gibt es eine klare Hierarchie der du zu gehorchen hast! Malfoy ist quasi das Oberhaupt des Hauses, jeder hat nach seinem Willen zu spuren! Indem ich mich in seiner Nähe aufhalte, bin ich nicht mehr im direkten Schussfeld von ihm und seinem Gefolge!" „Das mag zwar stimmen, aber es gibt einen Unterschied zwischen 'sich in deren Nähe aufhalten' und 'die ganze Zeit in Malfoys engstem Kreis verkehren'! Dir ist schon klar, dass sie eine Schlammblutfreundin wie mich nicht akzeptieren?" Die letzten Worte schrie sie fast. „Lily sag so was nicht!" sagte Severus mit verzogenem Gesicht. „Was denn? Schlammblut? Genau das bin ich aber für sie! Und indem du zu ihnen gehörst, bin ich das auch für dich!" „Das stimmt nicht!" „Ach ja? Würdest du vor ihnen zu mir gehen und mich umarmen, so wie du es früher immer gemacht hast?" fragte sie mit leiser Stimme. Severus schwieg. „Das hab ich mir gedacht."
Sie wollte sich umdrehen und die Nische verlassen, doch Severus hielt sie am Arm fest. „Lily warte doch! So schlimm sind sie nicht. Du kennst sie doch gar nicht!" Lily fuhr entrüstet um. „Nicht schlimm? NICHT SCHLIMM? SEVERUS SNAPE! SIE BEZEICHNEN ALLE MUGGELSTÄMMIGEN ALS SCHLAMMBLÜTER! MACHEN SIE FERTIG! WAS IST DARAN BITTESCHÖN NICHT SCHLIMM?" Jetzt wurde auch Severus zunehmend wütender. „Ach, und deine hochgelobten Gryffindors sind so viel besser? Unterscheidet sich das, was die ach so tollen Rumtreiber mit mir abziehen in irgendeiner Weise von dem, was Malfoy bei den Muggelstämmigen abzieht?" „Das habe ich nie behauptet! Aber im Gegensatz zu Malfoy, habe ich dir früher immer, IMMER, geholfen und beigestanden, wenn Potter und Black dich mal wieder geärgert haben!" „Geärgert? GEÄRGERT? Lily, sie verletzen mich regelmäßig! GRUNDLOS!" Lily redete weiter, als ob sie Severus' Einwurf nicht gehört hätte. „Und trotzdem hast du deine sogenannten 'Freunde' mir vorgezogen! Was haben sie je für dich getan?" Tränen standen ihr nun in den Augen. Zum zweiten Mal schwieg Severus.
„Hör zu, Sev! Ich vermisse dich! Ich vermisse unsere Freundschaft, unsere Treffen in Hogsmeade, die Zeit in den Sommerferien! Aber solange du mit Leuten zusammen bist, die Menschen wie mich regelmäßig beschimpfen, verhexen und runtermachen will ich nichts mit dir zu tun haben!" Mit einem letzten Blick auf Severus erstarrte Gestalt drehte sie sich um. Diesmal hielt er sie nicht auf. Sie verließ die Nische und machte sich direkt auf den Weg zum Gemeinschaftsraum der Löwen. Tränen liefen ihr jetzt über ihr Gesicht und sie wischte sie trotzig mit dem Handrücken weg. Das Gespräch, oder wohl eher der Streit mit Severus hatte sie mehr aufgewühlt als sie sich gegenüber zugeben wollte.
Sie erreichte das Portrait der fetten Dame und murmelte das Passwort. Sie kletterte durch das Portraitloch und hetzte ohne einen Blick nach rechts oder links zur Treppe zu den Mädchenschlafsälen. Die Rufe von Potter und ihren Freundinnen ignorierend eilte sie die Treppe hinauf und in ihren Schlafsaal. Glücklicherweise war er leer. Sie griff nach einem Stapel neuer Klamotten und ihrem Waschzeug und ging die Treppe dann wieder hinunter. Abermals marschierte sie ihre Umwelt komplett ignorierend durch den Gemeinschaftsraum und ließ den Gryffindorturm dann hinter sich. Sie musste jetzt allein sein. In den letzten Stunden und Tagen war zu viel passiert. Sie brauchte Zeit für sich um mit Allem fertig zu werden. Daher steuerte sie nun geradewegs auf das Vertrauensschülerbad zu und wisperte auch dort das Passwort.
Innen schloss sie ab und ließ dann ihre Kleider auf einen Stuhl an der Wand fallen und griff nach einem weißen flauschigen Handtuch aus einem Regal. Sie deponierte ihr Shampoo auf dem Rand des großen Beckens und ließ Wasser samt Badelotionen und farbigem Duftschaum ein. Nur fünf Minuten später lag sie mit geschlossenen Augen in dem Wasserbecken und genoss die Stille.
Ihre Worte zu Severus waren ehrlich gewesen. Sie wünschte sich ihre alte Freundschaft zurück! Sie hatte ihn immer als Freund geschätzt. Doch seine Verbindung zu Malfoy, Nott, Goyle und dem Rest der Bagage konnte und wollte sie nicht tolerieren! Diese Jungen terrorisierten einen Großteil der Schülerschaft! Natürlich hatte Sev mit seinem Einwurf im Bezug auf die Rumtreiber nicht Unrecht gehabt, aber diese konzentrierten sich eigentlich, wenn sie darüber nachdachte, immer nur auf Severus. Und er war noch nie ernsthaft verletzt worden, was man von dem Mädchen aus Hufflepuff nicht behaupten konnte. Sie war letztes Jahr in der zweiten Klasse gewesen und hatte beinahe einen bleibenden Knochenschaden erlitten. Ein Sechstklässler aus Slytherin war davon der Schule verwiesen worden, aber Lily glaubte eher, dass Malfoy dahinter steckte. Wie Severus gesagt hatte, alles Was die Slytherins taten geschah unter Malfoys Ägide. Dagegen waren die Rumtreiber nahezu Schoßhündchen. Auch wenn Sev das vermutlich nicht sagen würde. Er hatte schon stark unter ihnen zu leiden. Doch sie hatte ihn immer verteidigt.
Genau das war es, was Lily fast am meisten aufregte. Was nützte ihm seine gute Stellung in Slytherin, wenn alles nur Schein und Trug war? Keiner der Slytherins war ihm ein echter Freund! Sie war eine echte Freundin gewesen, die er auch über die Schule hinaus behalten hätte und dennoch hatte er sich gegen sie entschieden. Das verletzte sie!
Aber alles was sie jetzt noch tun konnte, war abzuwarten. Sie hatte ihm noch eine Chance gegeben. Beide wussten, es würde die Letzte sein. Es lag nun an ihm sie zu ergreifen oder nicht. Sie hoffte er würde die richtige Entscheidung treffen.
Lily trieb ihre Gedanken von Severus fort und ging stattdessen zu dem Thema James über. GRR, sie hatte schon wieder James gedacht anstatt Potter. Hatte Alice vielleicht doch Recht? Waren da wirklich Spannungen zwischen ihnen gewesen die sich nun veränderten? Wieso musste es ausgerechnet James Potter sein, der ihre Gedanken einnahm? Wieso nicht irgendein netter Ravenclaw? Sie musste wirklich mal mit der Person sprechen, die für ihr Leben zuständig war, dass war doch echt die Höhe womit sie sich zurzeit beschäftigen musste. Ihre Gedanken gingen wieder zurück zu James. Wie würde sie sich ihm gegenüber nun verhalten? Am Besten sie würde weiterhin so sein wie im Unterricht. Freundlich, aber nicht übermäßig interessiert. Das Anschreien und Verhexen würde sie lassen. Bei Black vielleicht nicht, dachte sie mit einem maliziösen Grinsen, aber zumindest bei James. Mit Remus verstand sie sich ja sowieso ganz gut. Nun ja, Peter Pettigrew war eine Sache für sich. Einerseits hatte sie stets Mitleid mit ihm, andererseits hatte er irgendetwas an sich, dass sie abstieß. Sie konnte nicht genau benennen was es war.
Lily zog ihr Fazit. Zu Pettigrew und Black wie bisher. Zu Remus wieder etwas freundlicher wie im vergangenen Jahr, wo sie ihren Kontakt etwas vernachlässigt hatte. Zu James, na ja, wie es die Situation erforderte. Auf jeden Fall aber mit weniger Geschreie.
Nun widmete sie sich dem letzten großen Problem, dass sie beschäftigte. Petunia! Ihr entfuhr ein Seufzer und sie beendete ihre liegende Haltung im Becken. Sie begann langsam kleine Runden im bunten Wasser zu ziehen. Sie vermisste ihre Schwester unheimlich. Petunia hatte ihren Standpunkt allerdings ziemlich deutlich gemacht. Lily hatte die leise Befürchtung, dass dieser Vernon zu dieser endgültigen Entscheidung einiges beigetragen hatte. Von Hogwarts aus konnte sie aber nicht viel unternehmen. Auf Briefe würde sie sowieso nicht antworten. Am Besten sie wartete bis Weihnachten. Sie ging davon aus, dass Petunia, höchstwahrscheinlich auch leider dieser Idiot von Vernon, anwesend sein würde. Es würde sich schon ein Moment finden, um mit ihrer Schwester zu reden. Sie konnte sich nicht vorstellen, das Petunia sie komplett aus ihrem Leben ausschließen wollte! Sie würde für sich und ihre Schwester kämpfen!
Entschlossen verließ sie das Becken, trocknete sich mit einem Schlenker ihres Zauberstabes und zog sich an. Sie entfernte magisch das Wasser im Becken und räumte ihr Handtuch auf, bevor sie das Vertrauensschülerbad verließ und sich auf den Rückweg zum Gemeinschaftsraum machte.
Es war spät geworden und der Raum war fast leer. Nur noch vereinzelte Schüler hingen über ihren Schulbüchern und Aufsätzen. Lily schüttelte den Kopf. Ihr würde es nie passieren, Hausaufgaben auf den allerletzten Drücker machen zu müssen! Sie erklomm die Treppe und war froh, in ihrem Schlafsaal ihre Zimmergenossinnen alle schlafend vorzufinden. Sie putzte sich schnell die Zähne und fiel dann müde in ihr Bett. Für heute hatte sie eindeutig genug nachgedacht!
Einige Minuten später war sie eingeschlafen.
Reviews? :)
Ich hatte ernsthafte Probleme mit Lily & Severus. Ich liebe Severus als Charakter aus den Büchern und fand die Art und Weise wie schnell sich Lily von ihm losgesagt hat immer unlogisch... Eine echte Freundschaft kann verzeihen... andererseits gibt es wahrscheinlich auch eine ganze Reihe an Dingen im Lauf ihrer Schulzeit von denen wir nichts wissen und die Szene am See war nur das Tüpfelchen auf dem i - so oder so wirklich schwierig. V.a. weil ich in dieser Geschichte ja Lily nicht als die Herzlose darstellen will...
LG EvannaLy
