Kapitel 9 - Neue Bekanntschaften

Am nächsten Morgen wachte Lily als Erste auf. Müde streckte sie sich und ging träge in das Badezimmer. Zwanzig Minuten später verließ sie geschniegelt und gestriegelt den Gemeinschaftsraum durch das Portraitloch und lief gemächlich auf die Treppen zu. Außer ihr waren nur vereinzelt Schüler unterwegs. Wer stand auch schon freiwillig um 5:30 Uhr auf? Am dritten Schultag? Lily ging relativ gut gelaunt in die große Halle und ließ sich auf ihren Platz am verlassenen Gryffindortisch fallen. Auch bei den Hufflepuffs herrschte noch gähnende Leere. Bei den Slytherins saßen einige wenige Schüler, der Ravenclawtisch war bereits am Meisten besetzt. Lily verspürte allerdings keine Lust sich zu ihnen zu gesellen, da ein Großteil der Schüler sowieso nur mit ihren Nasen in ihren Büchern hing anstatt sich zu unterhalten. Langweiler!

Lily griff nach dem Brötchenkorb und der Butter. Selten ließ sie sich so viel Zeit beim Beschmieren aber heute konnte sie es sich leisten. Irgendwie war es reizvoll morgens nicht alles nur hektisch hinunter zu schlingen... Sie goss sich noch ein Glas Kürbissaft ein und biss dann genüsslich in ihr Brötchen.

Sie fuhr zusammen, als sich ohne Vorwarnung jemand neben sie setzte. Sie verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall. Der Unerwartete Nebensitzer hatte immerhin Anstand genug um ihr helfend auf den Rücken zu klopfen. Als sie sich beruhigt hatte und sie sich den Neuankömmling genauer ansehen konnte, fielen ihr jedoch beinahe die Augen aus dem Kopf. Es war 'Ich-schlaf-so-lange-wie-es-geht-egal-was-um-mich-herum-passiert' Black! Er stand nie, absolut NIE dermaßen früh auf! Unter der Woche noch viel weniger!

„Weißt du Evans, ich weiß ja dass ich meine Umwelt regelmäßig sprachlos mache, aber das eben war ein wenig viel des Guten!" Er grinste während er sich nun ebenfalls ein Brötchen nahm. Lily starrte ihn einen Moment perplex an, bevor sie sich „Arroganter Idiot" murmelnd wieder ihrem Teller zu wandte. Für einige Minuten saßen sie erstaunlich einträchtig nebeneinander, bevor Lilys Neugierde überwog.

„Okay, Black, jetzt sag schon! Was führt dich um diese Uhrzeit hierher? Müsstest du nicht noch selig lächelnd in deinem Bettchen liegen und schlafen?" Black grinste. „Das wurde auch Zeit. Ich hab mich schon gewundert wie lange du deine Neugierde noch im Zaum halten kannst." Er wich einem Schlag von Lily aus und fuhr fort als wenn nichts gewesen wäre. „Aber die selbe Frage könnte ich dir auch stellen. Ich hab dich auch nicht gerade als Frühaufsteher in Erinnerung!" Okay, Punkt für ihn! Sie war tatsächlich eher als Langschläferin bekannt.

„Bin unfreiwillig hier." Sie hatte sich entschlossen ausnahmsweise ehrlich zu antworten. Gegen den aufkommenden gestressten und besorgten Gesichtsausdruck der sich angekündigt hatte, sobald ihre Gedanken in Richtung ihrer Probleme gewandert waren, konnte sie allerdings nichts tun. „Konnte nicht länger schlafen. Es geht mir zu viel im Kopf herum!" Black bedachte sie mit hochgezogener Augenbraue. „Was könnte denn Lily Evans von ihrem wertvollen Schlaf abhalten?" Die Frage war typisch Black, nicht jedoch der Tonfall mit der er sie gefragt hatte. Er war eine Spur ernster als sonst und der beißende Spott war verschwunden. Vielleicht war genau das der Grund weswegen Lily ohne noch einmal darüber nachzudenken fort fuhr. „Tja, was hält mich vom Schlaf ab?" Ihre Stimme wurde bitter. „Ich habe Stress mit jemandem, den ich seit einer gefühlten Ewigkeit kenne und den ich jetzt höchstwahrscheinlich verlieren werde. Abgesehen davon wurde ich von meiner Schwester verstoßen! Und um allem noch die Krone aufzusetzen rede ich mit dir darüber anstatt mit meinen Freundinnen! Ich scheine ernsthafte Probleme zu haben!" Blacks Mundwinkel zuckten ein wenig bei ihrer letzten Aussage doch er sagte nichts, was ihre Ehrlichkeit ins Lächerliche gezogen hätte. Lily ließ ihren aufkommenden Frust am Rest ihres Brötchens aus und vermied jeden Blick hin zu Blacks Gesicht.

„Scheint als wären meine Probleme deinen nicht mal so unähnlich. Der übliche Stress mit meiner Familie ist diesen Sommer über ein wenig ausgeartet und mein Bruder zieht so ziemlich dasselbe ab wie deine Schwester." Lily spürte das da noch mehr war. Andererseits kannten sie sich nicht so gut als dass sie bereit wären einander das Herz aus zuschütten. Allerdings hatte sie das starke Gefühl Black bisher falsch eingeschätzt zu haben. Natürlich, die meiste Zeit war er ein nerviger Idiot, aber sie konnte die Ahnung nicht verleugnen, dass das mehr eine aufgesetzte Maske war als Wirklichkeit. Sie ging kurz in sich und traf eine Entscheidung, für die sie sich im letzten Jahr noch für verrückt erklärt hätte.

Auch wenn Lily eigentlich schon fertig mit ihrem Frühstück war blieb sie sitzen und unterhielt sich stattdessen mit Sirius. Sie redeten über alles mögliche, über Lehrer, Mitschüler, oberflächlich auch über ihre Kindheit. Für mehr derart privates kannten sie sich noch nicht gut genug. Das würde vielleicht einmal kommen. Nie hätte Lily gedacht, dass man sich dermaßen gut mit ihm unterhalten konnte. Es schien als wäre ihre Einschätzung von ihm als nerviger, nichtsnutziger, oberflächlicher Idiot wirklich meilenweit von der Realität entfernt gewesen. Beide tauten im Gespräch zunehmend mehr auf und waren schließlich so sehr darin versunken, dass sie die Ankunft ihrer Freunde überhaupt nicht mitbekamen. Erst als sich zwei Fraktionen vor ihnen aufbauten schauten sie hoch und zuckten erstaunt zurück. Auf der einen Seite standen Alice, Marlene und Molly mit entgeistertem Gesichtsausdruck und auf der anderen hatten sich James, Remus und Pettigrew aufgebaut. Obwohl, eigentlich hatte sich nur James aufgebaut. Remus sah aus als würde er die ganze Situation lächerlich finden und Pettigrew schien James einfach nur alles nachzumachen. „Wasss genau geht hier vor?" zischte James förmlich. „Ey Krone, komm mal runter!" meinte Sirius begütigend. „Ich bin früh aufgewacht und hab beschlossen schon mal frühstücken zu gehen. Lily saß nun mal als einzige schon hier und ich hab mich zu ihr gesetzt. Wo genau liegt jetzt das Problem?" James verengte seine Augen. „Wieso bist du schon um so eine Uhrzeit wach? Das bist du NIE!" Sirius Gesicht verdunkelte sich. „James, ich glaube nicht, dass ich dir vor allen anderen im Detail erzählen muss, was mich vom Schlafen abgehalten hat. Abgesehen davon solltest du das eigentlich wissen! Stell deine eigenen Bedürfnisse mal etwas in den Hintergrund!" So ernst hatte Lily ihn erst selten gehört. Eigentlich nur vorhin, als er seine kurze Erklärung, weswegen er schon da war, abgegeben hatte. James Gesicht wurde sofort etwas reuevoll. „Okay okay. Ist ja gut." wiegelte er ungewohnt schnell ab und ließ sich neben Sirius fallen. Ohne seine Umwelt weiter zu beachten begann er zu frühstücken. Kopfschüttelnd nahm Remus neben ihm Platz und auch Pettigrew eiferte seinem Idol nach. Jetzt machte sich dagegen die Mädchenfraktion bemerkbar. „So, jetzt zu dir Madam!" meinte Marlene energisch zu Lily, die prompt einige Zentimeter kleiner wurde. „Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, was für Sorgen wir uns gemacht haben? Erst dein Auftritt gestern im Gemeinschaftsraum? Dann kamst und kamst du nicht in den Schlafsaal und dann wachen wir heute morgen auf, sehen zwar dass dein Bett benutzt ist aber du fehlst SCHON WIEDER? Lily Evans, ich will auf der Stelle eine Erklärung!" „Wir haben uns einfach tierisch Sorgen gemacht!" warf Alice etwas ruhiger ein. Molly schien der Meinung zu sein, dass Marlene bereits alles wichtige gesagt hatte.

„Mädels, das ist nicht der richtige Ort!" protestierte Lily. „Oh doch, ich warte! Und was hast du eigentlich mit Black hier gemacht?" meldete sich Molly nun doch. Bei Lily kündigten sich jetzt Kopfschmerzen an. „Nun, ein Gespräch mit einem gewissen Sandkastenfreund in Verbindung mit einem Brief von meiner herzallerliebsten Schwester ist absolut KEIN gutes Schlafmittel! Und dass gewisse Personen ohne Sinn für den richtigen Moment genau da noch hinein bohren ist NICHT hilfreich!" Jetzt wanden sich ihre Freundinnen etwas unwohl. Sie hatten bemerkt, dass sie wohl nicht sonderlich überlegt gehandelt hatten. Lily war das im Moment egal und griff nach ihrer Tasche. Ihre Augen bekamen ein gefährliches Glitzern. „Und was ich mit Sirius" - sie betonte seinen Namen besonders - „gemacht habe, braucht euch absolut nicht zu interessieren!" Um ihrer Aussage noch das Sahnehäubchen aufzusetzen beugte sie sich zu Sirius hin und gab ihm einen kleinen Schmatzer auf die Wange, bevor sie mit wehendem Umhang ihre geschockten Mitschüler und einen lachenden Sirius in der großen Halle zurück ließ.


Hey,

ich würde mich über ein paar Reviews zur Motivation wirklich sehr freuen :D

GLG EvannaLy