Kapitel 10 - Handlungsmotive
Den Unterricht meisterte Lily an diesem Tag problemlos und ohne die scheinbar nicht endenden Blicke ihrer Freundinnen zu beachten. Stattdessen hatte sie sich in den meisten Fächern einfach neben Sirius gesetzt. Er war heute eindeutig ihre bevorzugte Gesellschaft. Sie wusste auch nicht was mit ihr los war. Vielleicht war ja etwas im Kürbissaft gewesen... Allerdings waren James' Blicke unglaublich lustig gewesen. Da Sirius ja auch schon früh gefrühstückt hatte, war er Lily kurz nach ihrem imposanten Abgang zum Klassenzimmer gefolgt und sie hatten ihr unterbrochenes Gespräch wieder aufgenommen. Sie waren die ersten die das Klassenzimmer betraten und setzten sich einfach zusammen an einen Tisch ohne groß darüber nachzudenken. Als dann der Rest auch nach und nach eintrudelte und James ihrer ansichtig wurde, fielen ihm förmlich die Augen aus dem Kopf und seine Kinnlade klappte herunter. Sirius bemerkte das zwar, ließ aber zu Lilys Erstaunen keinen Kommentar ab. Als sie ihn danach fragte meinte er nur, es wäre nicht fair gewesen. Was genau er damit meinte, wusste Lily nicht. Ebenfalls lustig waren auch die Blicke von Marlene, Alice und Molly gewesen. Sie betraten das Zimmer zu dritt und hielten dann mitten im Gehen inne. Auch ihre Augen wurden groß und Marlene kam zu ihnen herüber, als sie sich wieder gefangen hatte.
„Okay Lily" sie legte eine Hand auf Lilys Stirn. „Entweder du hast Fieber und verwechselst Black mit mir, was ich dir schon sehr übel nehmen würde-" „HEY!" protestierte Sirius. Marlene beachtete ihn nicht. „-oder jemand scheint dich verhext zu haben. Anders ist dein Verhalten eindeutig nicht zu erklären!" „Jetzt fahr mal einen Gang runter!" spottete Lily und hob einen Mundwinkel. Misstrauisch entfernte sich Marlene wieder etwas und setzte sich dann entschlossen an den leeren Tisch hinter den Beiden. Ehe Alice oder Molly reagieren konnten hatte sich James auf den Platz neben sie geworfen. Auf die verdutzte Miene von Marlene hin meinte er nur, irgendjemand musste aufpassen, ob Sirius Anzeichen einer Verfluchung aufweisen würde. „Spinner!" kam es zeitgleich von dem Angesprochenen und Lily. Sie schauten sich einen Moment lang an und lachten dann laut los. James verzog wie vor Schmerzen das Gesicht und Marlene schüttelte nur ihren Kopf. Alice und Remus dagegen lächelten beide in sich hinein. Das würde noch spannend werden!
Am Ende des Tages verstanden Marlene, Molly, Pettigrew und James die Welt endgültig nicht mehr, während Sirius und Lily mit einem Dauergrinsen auf dem Gesicht durch die Gegend liefen. So saßen diese doch sehr unterschiedlichen Gruppen in der großen Halle beim Abendessen an einem Tisch und schockten damit auch noch den Rest der Schülerschaft. Lily Evans und James Potter jeweils samt Gefolge nebeneinander ohne sich gegenseitig nieder zu metzeln? Ein bisher nie da gewesenes Schauspiel!
„Was ein einzelnes Gespräch alles lostreten kann... „ meinte Lily beeindruckt zu Sirius und schob sich danach eine Gabel ihres Kartoffelsalates in den Mund. „Dass das solche Auswirkungen hat, hätte ich echt nicht gedacht!", fuhr sie kauend fort. „Hmpf!" grummelte James nur griesgrämig. Er lauschte den ganzen Tag schon jedem Wort was sein bester Freund und sie selbst sprachen und Lily hatte sich einen Spaß daraus gemacht, ihn durchgehend zu reizen. Sie hatte anzügliche Bemerkungen Sirius gegenüber fallen gelassen und auffällig oft den Körperkontakt gesucht. Sirius hatte sie natürlich sofort durchschaut und einfach mitgespielt. Als Folge davon hing James' Laune auf Kerkerhöhe. Lily wusste nicht, was sie dazu verleitet hatte ihn dermaßen zu reizen. Die Möglichkeit ihn eifersüchtig machen zu wollen schloss sie schon von Anfang an kategorisch aus!
Sie kaute auf ihrer Lippe herum während sie weiter über ihre Handlungsmotive nachdachte. Wahrscheinlich hatte sie einfach nur einen geschockten Blick und Ungläubigkeit bei James auslösen wollen. Es geschah äußerst selten ihn einmal sprachlos zu machen. Ganz abgesehen davon hatte sich Sirius ja wirklich als guter Gesprächspartner herausgestellt.
Mit abwesendem Blick griff sie nun zu einer großen Schüssel Schokoladenpudding und füllte das kleine goldene Schüsselchen vor ihr damit voll. Ohne es einmal anzusehen nahm sie ihren Löffel und begann den Pudding mechanisch zu essen. Dass alle um sie herum aufgehört hatten zu essen und sie irritiert ansahen bemerkte sie nicht. Erst Sirius dezentes Räuspern ließ sie aufschrecken. „Hmh?" fragte sie während sie weiter mampfte. Sirius Augen funkelten belustigt. „Hast du eigentlich mal geschaut woraus du isst?" Lily starrte ihn fragend an und senkte dann ihren Blick auf den Pudding. Einen Moment später fluchte sie laut auf und der ganze Tisch brach in Lachen aus. Sie hatte sich den Nachtisch in ihren Trinkbecher gefüllt. Ihre Schüssel stand unberührt daneben. Lily fuhr sich durch die Haare und stöhnte, dann musste auch sie grinsen. Das Lachen der Anderen war ansteckend.
Später im Gemeinschaftsraum ließen sie sich auf eine Couchecke am Kamin fallen. Keiner hatte Lust Hausaufgaben zu machen und so vergnügten sie sich mit Schach. Die Jungs gegen die Mädchen. Eigentlich hätten die Mädchen gewonnen aber James hatte kurz vor deren Sieg seine Geheimwaffe – Remus – angewandt. Der schien alle Tricks und Kniffe in- und auswendig zu kennen und bescherte den Mädchen eine tüchtige Niederlage. Danach hatten sich die Mädchen gefrustet in ihren eigenen kleinen Gemeinschaftsraum zurück gezogen und die lachenden Jungen hinter sich gelassen.
Lily ließ sich geschafft auf ihr Bett fallen und schloss erschöpft die Augen, als sie spürte, wie sich ihre Matratze unter zusätzlichem Gewicht senkte. Misstrauisch öffnete sie ihre Augen wieder einen winzigen Spalt. Was sie da sah, ließ sie unruhig werden. Alice, Marlene und Molly saßen mit grinsenden Gesichtern auf ihrem Bett. Keine sagte ein Wort und doch wusste Lily sofort, was ihre Freundinnen von ihr wollten. „Nein!" meinte sie entschlossen. „Oh doch!", schoss Molly sofort zurück. „Du wolltest von Arthur, Edgar und Frank auch alles wissen!", setzte Marlene direkt hinterher. „Ausgleichende Gerechtigkeit", sagte Alice und überließ Lily somit ihrem Schicksal. Stöhnend zog diese ihr Kissen über ihren Kopf. „Da ist nichts!" „Wir wissen schon auch, dass zwischen dir und Black nichts läuft. Was wir wissen wollen ist, wieso du trotzdem so völlig unerwartet mit ihm abhängst!", kam Molly wie immer sofort auf den Punkt. „Wisst ihr eigentlich wie nervig ihr seid?" wetterte Lily. Sie erntete nur ein dreifaches diabolisches Grinsen.
„Okay, okay, ist ja gut!" Sie setzte sich hin und lehnte sich an das hölzerne Kopfteil ihres Bettes an. „Keine Ahnung, wie das mit Sirius kam. Er war halt heute auch so früh beim Frühstück wie ich. Wir kamen irgendwie ins Gespräch und haben gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging. Dann seid ihr aufgetaucht und ich bin gegangen. Später beim Unterricht ist uns der Gesprächsstoff immer noch nicht ausgegangen. Außerdem hat sich Potter so schön aufgeregt. Keine Ahnung, was der schon wieder hatte..." „So so, wir nähern uns also so langsam dem Relevanten." Irritiert starrte Lily Marlene an. „Was meinst du damit?" „Potter! Der eigentliche Grund wieso heute alles so abgelaufen ist wie es ist!" „Wir glauben dir zwar, dass du am Anfang ohne Hintergedanken mit Black geredet und dich auch gut mit ihm verstanden hast, aber ebenso sicher sind wir, dass Potter der Grund für die restlichen Dinge ist." „Die restlichen Dinge?" „Die ständigen 'zufälligen' Berührungen zwischen dir und Black? Die Küsschen auf die Wange? Das Getuschel? Dir war sehr wohl klar, was ihr suggeriert habt. Und du hast ständig darauf geachtet wie Potter reagiert!" „Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, Alice!" lobte Molly.
Lily dagegen saß mit offenem Mund und sprachlos da. War das alles so offensichtlich gewesen? Wieso hatte sie das gemacht, die Berührungen zum Beispiel? Nur um James zu ärgern? Und wieder war sie dabei ihre Handlungsmotive zu analysieren. Das hatte ja schon beim Essen nicht gut funktioniert! Grr! Sie wollte keinen einzigen Gedanken mehr daran verschwenden! Es führte ja sowieso zu nichts!
„Ich bin müde. Ich gehe schlafen!" meinte sie bestimmt und schmiss ihre überrumpelten Freundinnen regelrecht aus ihrem Bett. Dann zog sie schwungvoll die tiefroten Vorhänge des Bettes zu und kuschelte sich in ihre Decke. Ihre Zähne würden es aushalten, einmal nicht geputzt zu werden. Außerdem war morgen Samstag. Wochenende. Sie konnte also guten Gewissens jegliche Aufgaben und Pflichten auf das Wochenende verlegen.
Nach langer Zeit nutzlosen Starrens in die Dunkelheit fiel sie schlussendlich in einen unruhigen Schlaf.
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