Hey,
endlich mal wieder ein etwas längeres Kapitel! Viel Spaß!
LG EvannaLy
Kapitel 12 - Hogsmeade Teil 2
Severus klang müde und seine tiefen Augenringe waren nur ein weiteres Indiz dafür, dass der Slytherin absolut zu wenig Schlaf ab bekam. Lily tat so, als hätte sie nichts gemerkt und lächelte ihn vorsichtig an. Es war zwischen ihnen nicht mehr so vertraut wie in ihren ersten Jahren auf Hogwarts, sie hatten sich immer weiter voneinander entfernt, aber sie war nicht bereit ihre Freundschaft aufzugeben.
„Hi Sev." Sie benutzte bewusst seinen alten Spitznamen. Sie wollte zeigen, dass sie reden wollte. Sie kratze ihren Mut zusammen und hakte sich bei ihm ein, wie sie es früher immer getan hatte. „Ich hab dich vor mir gehen sehen, und da dachte ich, wir könnten zusammen laufen" Sie begann langsam loszulaufen und zog ihn sachte mit sich. Ein wenig misstrauisch gab er ihr nach. Nach einigen Metern hielt sie die Stille zwischen ihnen nicht mehr aus. „Sev, wir müssen reden!" „Wieso, du hast mir doch letztens genau mitgeteilt, was du willst." Lily verdrehte die Augen. „Hör zu, ich – ich hab eingesehen, dass ich ein wenig unfair war. Und außerdem hast du dich ja immerhin bemüht. Du hast dich von", sie schluckte kurz, „du hast dich von deiner Clique deutlich sichtbar abgekanzelt. Natürlich nicht komplett, aber es wäre unfair von mir das zu verlangen." Erstaunt starrte Severus sie an. „Was hat diesen drastischen Meinungswechsel ausgelöst?" Er hob eine Augenbraue und sah sie durchdringend an. „Ich – keine Ahnung." Sie brach ab und blickte zu ihren Schuhen. „Sev, ich will das zwischen uns alles wieder wird wie früher! Ich vermisse das!" Vorsichtig schielte sie aus dem Augenwinkel zu ihrem Freund. Sie war erleichtert, dass sich dort auf seinem Gesicht ein freudiger Gesichtsausdruck breit machte. Jemand anderes hätte noch immer gesagt, sein Gesicht sei Ausdruckslos, aber Lily kannte ihn gut genug um die Veränderung zu bemerken.
„Ich doch auch." murmelte er kaum verständlich und machte dann etwas absolut Severus-untypisches. Er zog sie in seine Arme und vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge. „Ich doch auch!" Nachdem sie ihre Überraschung überwunden hatte erwiderte sie die Umarmung und drückte ihn fest an sich. „Ich hab dich vermisst, Sev!" Er löste sich von ihr und schenkte ihr eines seiner seltenen Lächeln, bevor er wieder seine innere Maske aufsetzte und jegliche Emotion sein Gesicht verließ.
„Mittwochabend? Astronomieturm?" fragte er. Lily lächelte ihn an. „Selbe Zeit wie immer!" Er schaute sie ein letztes Mal an, dann machte er sich zügigen Schrittes auf den Weg in eine Seitengasse Hogsmeades. Ohne es zu bemerken waren sie an den Rand des kleinen Dörfchens gekommen. Lily blickte Severus nach bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, dann machte sie sich auf zu dem kleinen Buchladen am Ende der Hauptstraße. Bei jedem Hogsmeadebesuch stand ein Abstecher dorthin auf dem Plan, bevor sie in die drei Besen gehen würde.
Sie betrat den Laden und wurde prompt in eine herzliche Umarmung gezogen. „Rose, Rose pass auf, du zerquetschst mich noch!", lachte sie. Rose war die junge Besitzerin des Ladens und eine enge Freundin von Lily geworden. „Irgendwelche Neuigkeiten? Intrigen, Ränkespielchen und Liebesdramen auf Hogwarts?", wurde sie von der aufgedrehten Rose gefragt und zeitgleich in einen gemütlichen Sessel im Hinterzimmer gezogen. Lily lachte abermals. „Nein Rose, nicht dass ich wüsste." „Ah, aber ich spüre, dass sich etwas bei dir geändert hat!" Rose grinste sie an und strich sich eine ihrer langen dunkelbraunen, fast schwarzen Locken hinters Ohr. „Komm schon, spuck's aus!" Lily hielt noch genau eine Minute und sieben Sekunden unter dem neugierigen Blick aus Rose' eisblauen Augen aus, dann gab sie auf.
„Ist ja gut, ist ja schon gut! Kein Grund deinen Starrblick auszupacken!" Lily druckste etwas herum während Rose sehr zufrieden mit sich selbst aussah. „Ich, ich hab mich – es könnte sein, dass ich mich verliebt hab." Lily schaute überall hin, nur nicht zu Rose. Erst als ein aufgeregtes Quitschen ertönte richtete sie ihren Blick wieder auf ihre Freundin. „Eeendlich!" „Was soll das heißen?", fragte Lily empört. „Es wurde ja auch langsam mal Zeit!" Rose ignorierte Lilys beleidigten Blick und fuhr fort. „Lass mich raten, es ist James Potter!" Lily starrte sie ungläubig an. „Und ich hab Recht!" ertönte es begeistert.
Rose sprang auf und begann im Zimmer hin und her zu laufen. Lily beobachtete sie etwas überfordert. „Wer weiß es schon? Hast du es ihm schon gesagt? Was hast du vor?" „Du bist die einzige die es weiß. Und ich habe nicht vor irgendetwas zu tun!" Rose hielt mitten in ihrem Gehen inne und starrte sie entrüstet an. „WAS? Das ist doch nicht dein Ernst? Erst jammerst du mich jahrelang voll wie blöd er doch sei und so weiter und so fort, und jetzt hast du endlich eingesehen, dass du etwas für ihn empfindest und willst NICHTS unternehmen? Dein Ernst?"
Lily war nicht ganz klar, wie ihr Gespräch an diesen Punkt gelangen konnte und versuchte verzweifelt ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. „Weißt du Rose, ich will nichts überstürzen. Vielleicht stellt sich ja heraus, dass ich meine Gefühle bloß falsch interpretiert habe." Der letzte Satz klang wie eine Frage. Rose sagte nichts, hob nur eine Augenbraue. „Okay, okay", meinte Lily genervt. Sie kämpfte hier auf verlorenem Posten. Sie erhob sich.
„Ich werde dir nächstes Mal erzählen, wie sich alles entwickelt hat." „Du könntest mir auch einen Brief schreiben." „Oder das". Lily ging auf Rose zu und umarmte sie. Egal wie aufgedreht sie auch war, Lily hatte sie gern und wusste ihre Freundschaft zu schätzen. Manchmal war es gut die Meinung eines Außenstehenden zur Rate ziehen zu können! Sie verabschiedeten sich voneinander und Lily verließ den Laden, dieses Mal ohne ein Buch gekauft zu haben, daran hatte sie einfach nicht mehr gedacht. Stattdessen machte sie sich auf den Weg zu den drei Besen. Sie hoffte, noch nicht allzuviele Bekannte dort anzutreffen, sie hätte nichts gegen einen Moment allein, um ihre Gedanken zu ordnen. Als die die überfüllte Gaststätte betrat, war schnell klar, dass ihr Wunsch wohl unerfüllt bleiben sollte. An einem Tisch in einer der Ecken saßen die Rumtreiber samt Marlene, Molly und Alice. Auch Frank, Edgar und Arthur hatten sich dazu gequetscht. Es saßen eindeutig zu viele Menschen an diesem Tisch!
Lily überlegte noch, einfach die Gaststätte zu verlassen und sich woanders ein Butterbier zu gönnen, als James sie schon entdeckt hatte. Er winkte sie herüber und machte damit auch die anderen auf sie aufmerksam. Lily seufzte innerlich als sie den Tisch ansteuerte. „Hey Leute!", sagte sie betont fröhlich und ein Schwall von Begrüßungen flog ihr entgegen. Von Sirius wurde sie auf einen Platz gezogen und war von jetzt auf gleich mittendrin im Geschehen. Die Jungen hatten sich bei Zonko neu eingedeckt und demonstrierten den Mädchen gerade die neuesten Erfindungen des Ladens, was von diesen mit Johlen und Lachen bewertet wurde.
Gerade aß Arthur ein hellblau-orangenes Bonbon und saß eine Sekunde später mit einem Paar riesiger Elefantenohren am Tisch. Peter war bereits von Kopf bis Fuß lavendelfarben und James trug einen überdimensionalen Strohhut. Remus sah so aus als fragte er sich innerlich wieso er hier am Tisch saß und Edgar hatte es bisher anscheinend gut geschafft, sich unsichtbar zu machen und der Scherzartikelversuchskaninchenwelle zu entgehen.
Lily war sofort klar, dass sie diesen Kinderkram nicht lange aushalten könnte. Das Geschnatter und Gelache bereitete ihr Kopfschmerzen. Normalerweise war sie gerne mit ihren Freunden zusammen, aber in Momenten wie diesen lernte sie die kühle und ruhige Art Severus' zu schätzen.
Remus schien zu bemerken, dass sie sich ebenso unwohl fühlte wie er und beschloss sie beide dem Spektakel zu entziehen. Von jetzt auf gleich sprang er auf, murmelte etwas von einem vergessenen Buch und griff nach Lilys Arm. Sie ließ sich von ihm hochziehen und folgte ihm nur allzugern. Sie setzte eine bedauerliche Miene auf und winkte ihren protestierenden Freunden zu, bevor sie sich endgültig umdrehte und die Tür ansteuerte. Nicht einmal ihr Butterbier hatte sie bekommen! Den eifersüchtigen Blick von James bemerkte sie nicht.
Vor der Türe fiel sie dem wartenden Remus in die Arme. „Danke, danke, danke, danke! Arg viel länger hätte ich es heute nicht mit ihnen ausgehalten!", „Ich auch nicht", „Ein Butterbier wollte ich eigentlich trotzdem trinken...", „Dann lass uns zum Eberkopf gehen. Er mag vielleicht ein wenig düster sein, aber das Butterbier ist dasselbe. Und es ist himmlisch ruhig!" Remus grinste sie an. Lily nickte zustimmend und hakte sich bei ihm unter. Zusammen schlenderten sie zu der düsteren Kneipe und betraten den dunklen Schankraum. Remus orderte an der Theke zwei Butterbier, während Lily einen Tisch an einem der schmutzigen Fenster ins Auge fasste und besetzte.
Anfangs hatte sie sich ein wenig gefürchtet in dieser Kneipe, aber Remus und sie waren inzwischen beinahe Stammgäste. Sie beide flüchteten regelmäßig vor ihren aufgedrehten Freunden und suchten bei Aberforth Zuflucht. Lily war es egal, was das für einen Eindruck bei ihren Freunden hinterließ. Sie verstand sich gut mit Remus und für beide waren die Besuche in der Kneipe ganz klar Treffen zweier normaler Freunde.
Remus kehrte an ihren Tisch zurück und stellte ein Butterbier vor ihr hin. „Danke!" sagte sie und lächelte ihn an. „Gern geschehen. Hast du dich schon an den Aufsatz von Professor McGonagall gemacht? Den über Animagi?" Schnell verfielen die Beiden in eine ihrer Unterhaltungen über die Schule, Mitschüler, Lehrer und Hausaufgaben. Danach gingen sie über zu den aktuellen politischen Themen und den neuesten Meldungen zu dieser Art Sekte von Schwarzmagiern.
„Ich weiß ja nicht wie viel von dem was die Zeitungen schreiben der Wahrheit entspricht." meinte Remus zweifelnd. „Na ja, ich bin mir zumindest sicher, dass nicht alles falsch ist. Die Muggelnachrichten berichten zunehmend mehr von Verbrechen, Morden und mysteriösen Unfällen. Vor nicht allzu langer Zeit sind auch mehrere Kinder eines Waisenhauses spurlos verschwunden. Trotz Elektrozaun und Nachtwachen. Sie haben sie immer noch nicht gefunden." Lilys Stimme war dumpf geworden und Remus blickte sie stirnrunzelnd an. „Lily..." Die Angesprochene wandte sich ihm zu. Sie bereute es, das Thema überhaupt auf den Tisch gebracht zu haben, aber irgendwie landeten Remus und sie immer bei solchen Themen. Vielleicht lag es daran, dass sie solche Dinge besser mit ihm als mit ihren restlichen Freunden diskutieren konnte. Remus ging mit demselben Ernst an Dinge heran wie sie.
„Lily, woher weißt du so genau über das Waisenhaus bescheid?" Lily starrte in ihr inzwischen leeres Glas. „Eines der verschwundenen Kinder war der kleine Sohn von Freunden meiner Familie. Samuel und Mira, die Eltern sind diesen Sommer mit dem Auto verunglückt." Lily fuhr sich aufgewühlt mit den Händen durch die Haare. „Meine Eltern hatten vor, den kleinen Linus zu adoptieren." Remus zog sie in eine Umarmung während ihr einige Tränen aus den Augen fielen. „Wieso höre ich davon das erste Mal?", fragte er ernst und mitfühlend. „Ich habe es niemandem erzählt, nicht mal Marlene. Es ist Anfang der Ferien passiert, der Unfall. Kurz darauf war die Beerdigung. Die restlichen Ferien waren voll von Trauer und Streit mit meiner Schwester. Es waren nicht gerade schöne Ferien, trotz des Italienurlaubes. Ich habe es nach den Ferien dann einfach nicht fertig gebracht den anderen davon zu erzählen." „Wieso?" fragte Remus leise. Lily schluckte. „Ich wollte ihnen weder ihre gute Laune vermiesen, noch mir das alles noch einmal antun. Sammy und Mira waren wie Eltern für mich, Sammy auch mein Patenonkel. Und Linus-" sie brach ab und rieb sich energisch die Augen.
„Reden wir nicht mehr darüber. Ich – es macht mich nur fertig!" Remus drückte sie noch einmal und gab sich dann alle Mühe sie abzulenken. Sie redeten über ein neu erschienenes Buch und dessen Kritiken. Doch obwohl wenn Lily sich alle Mühe gab, trug sie den restlichen Tag ein erzwungenes Lächeln im Gesicht.
Es ziehen langsam düstere Wolken auf...
