Kapitel 14 - Die Nerven liegen blank

James hatte seine Augen weit aufgerissen und starrte sie ungläubig an. „Das war euer Ernst, gestern?" fragte er mit rauer Stimme, sein Kiefer angespannt. „Nein, Krone, jetzt komm mal runter!", versuchte Sirius zu retten was zu retten war. „Das hätte ich ehrlich nicht von dir gedacht, Black!" James marschierte wütend zum Portraitloch. „James, warte! James verdammt!", folgte ihm Sirius, doch der Angesprochene ignorierte ihn. „Halt dich fern von mir!" Damit knallte er Sirius das Portrait vor der Nase zu und verschwand. Stocksteif stand Sirius da und starrte auf die Stelle, wo sein bester Freund gerade eben verschwunden war. „Scheiße!"

Lily löste sich aus ihrer Schockstarre und näherte sich ihm vorsichtig. Sanft berührte sie ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich um. Sirius sah sie vollkommen verzweifelt an. Lily wusste, wie nah sich die beiden standen und wie sehr Sirius von ihm abhängig war. Sie nahm ihn wortlos tröstend in den Arm. „Das bekommen wir schon hin. Er kann dir gar nicht lange böse sein, dazu bist du ihm zu wichtig.", flüsterte sie leise. Sirius nickte, als wolle er sich selbst von ihren Worten überzeugen und nahm sie schließlich bei der Hand. „Lass uns ihn suchen gehen. Je schneller wir diesen Schlamassel klären, desto besser!"

Sie verließen den Gemeinschaftsraum und begannen das Schloss zu durchkämmen. Sie fanden James weder in der großen Halle, noch in der Bibliothek, der Küche oder in einem der Geheimgänge. Nicht einmal der Raum der Wünsche war verschlossen, James somit auch nicht darin. Vollkommen fertig trafen sie sich in der Eingangshalle wieder. „Draußen haben wir noch nicht geschaut...", überlegte Lily müde. Wortlos steuerte Sirius das Portal an und hielt ihr die Tür auf, wofür Lily nur ein schwaches Lächeln übrig hatte.
Sie schlugen den Weg zum See ein und suchten derweil mit ihren Augen das Gelände ab. Plötzlich blieb Sirius stehen und deutete auf eine entfernte Weide am Ufer. „Hab ich mir das eingebildet oder fliegt da wirklich ein Schnatz?" Lily kniff die Augen zusammen und fixierte den Baum, auf den Sirius zeigte. „Du könntest Recht haben, lass uns nachsehen."
Zaghaft näherten sie sich der Weide und je näher sie kamen, desto deutlicher sichtbar wurde eine schwarzgekleidete Person, die an den Baumstamm gelehnt den vor ihr schwebenden Schnatz immer wieder fing und wieder frei ließ.

Als sie schließlich am Blättervorhang standen, räusperte sich Sirius leise. James Kopf fuhr herum und er stand im nächsten Moment auf den Beinen. „Was hast du an 'Halt dich fern von mir' nicht verstanden? Ihr sollt mich in Ruhe lassen!", „James, hör mir zu, wir-", „Ich will das gar nicht hören, verstanden? Ich hätte nie gedacht, dass du mich so hintergehst! Und du Evans, dass du mich nicht magst, okay, das kann ich irgendwie verkraften, aber dass du dich ausgerechnet an meinen besten Freund ran machst? Ist das dein Ernst? Das ist erbärmlich!" Ein stechender Schmerz durchfuhr Lily bei seinen giftigen Worten und sie stolperte einen Schritt rückwärts. Halt suchend klammerte sie sich an Sirius Arm, der nicht minder entsetzt auf seinen Freund starrte. „Krone, das-", „Verpisst euch einfach!", schrie James und rauschte an ihnen vorbei Richtung Schloss.

Lily starrte ihm geschockt nach. Sie wusste, wenn sie nicht sofort mit James redeten würden alle Beteiligten Dinge sagen und tun, die sie später bitter bereuen würden! Wenigstens das hatte sie aus ihrem Streit mit Severus gelernt.
Mit dieser Erkenntnis und einer wachsenden Wut ob James Kopflosigkeit begann sie erst langsam, dann immer schneller James nachzulaufen. „James Potter!", schrie sie sauer. Dieser hielt nicht an sondern beschleunigte mit gesenktem Kopf seine Schritte. Aufgebracht zog Lily ihren Zauberstab. Sie war nicht grundlos mit einem Slytherin befreundet, dachte sie als sie ihn hob und einen leisen „Petrificus Totalus" in James Rücken schickte. Dieser hatte nicht mit einem Angriff hinterrücks gerechnet und knallte vornüber auf die Nase. Schnell lief Lily bis zu ihm hin und hörte auch Sirius, wie er zu ihr aufschloss.

„Ich kann nicht glauben, dass du gerade James Potter einen Fluch in den Rücken geschickt hast!", meinte Sirius halb entrüstet, halb bewundernd. „Wir müssen mit ihm reden, sonst wird die ganze Situation immer schlimmer." Sirius nickte nur und gemeinsam drehten sie James auf den Rücken. Dieser war vollkommen erstarrt, nur seine Augen blitzten sie wütend an. „Okay, du Sturkopf.", begann Lily seufzend. „Da du ja unter normalen Bedingungen nicht zuhörst, müssen wir wohl Gewalt anwenden. Immerhin kannst du so keine Wiederworte geben..." James schoss zornige Blitze aus seinen Augen. „Lily, nun mach schon!", drängte Sirius. „Ist ja gut, ist ja gut. Zuallererst – Sirius und ich sind NICHT zusammen! Das wäre echt komisch, brr!", „Hey!", protestierte dieser. James wiederum sah sie aus großen und zweifelnden Augen an. „Ich war gestern Abend nur genervt, dass sich alle wie meine Eltern aufgeführt haben, da wollte ich euch eben ein bisschen schocken. Sirius hat bravourös mitgespielt." Lily und Sirius betrachteten ihren geschockten Mitschüler einen Moment. „Ich glaube du kannst den Fluch aufheben.", meinte Sirius abschätzend. Lily hob ihren Stab. „Finite."

James setzte sich ruckartig auf und starrte sie abwechselnd an. „Was war das dann heute Morgen? Das sah nicht gespielt aus!", „Das war reinster Eigennutz.", meinte Lily achselzuckend. Daraufhin wurde sie nicht nur von James fragend angestarrt. „Was glotzt ihr denn so? Ich hab Sirius provoziert, dass die Gerüchte über seine Kussqualitäten nicht der Wahrheit entsprächen und er war natürlich herausgefordert und musste seine Ehre verteidigen. Ich habe kurzerhand entschlossen, den Moment zu genießen. Danach wollten wir euch aufklären, denn ganz ehrlich, wir sind wirklich nur gut befreundet." Sirius nickte bekräftigend und James saß verschlossen vor ihnen. Lily und Sirius warteten mit angehaltenem Atem auf seine Reaktion. „Das mit gestern, okay, aber das heute morgen sah zu echt aus!", brachte dieser schließlich abweisend hervor. Sirius starrte ihn daraufhin ungläubig an und Lily? Ihr platzte der Kragen!

Sie stürzte sich auf James, warf ihn wieder auf den Rücken und nagelte ihn auf dem Boden fest. „Das ist jetzt nicht dein verdammter Ernst, bei Merlin! Du bist so ein Sturkopf Potter, so ein verblödeter Esel! Als ob Sirius und ich was miteinander anfangen würden! Du durch und durch hohler Flubberwurm, du machst mich wahnsinnig!" Dann drückte sie ihre Lippen auf die von James. Dieser war im ersten Moment komplett erstarrt und erwiderte den Kuss dann feurig. Lily versank in dem Gefühl seiner weichen Lippen auf ihren und es war als würde Feuer durch ihren Körper rasen. Als sie sich schließlich voneinander lösten prickelten ihre Lippen und Lily lief leicht rot an, während sie von James herunter kletterte. Dieser und Sirius blickten sie sprachlos an, was sie nur noch weiter in Verlegenheit stürzte. Sie trat von einem Fuß auf den anderen, aber weiterhin sagte keiner der beiden Jungen ein Wort.

„Dämliche Idioten!", murmelte sie und marschierte Richtung Schloss. Das Gefühl von James Lippen und dem Strahlen in seinen Augen nach dem Kuss würde den ganzen Tag nicht mehr aus ihren Gedanken verschwinden.

Nach ihrem denkwürdigem Abgang hatte sich Lily unverzüglich in die Bibliothek zurückgezogen. Einerseits hatte sie den anderen noch immer nicht gebeichtet, dass der Kuss mit Sirius reinste Scharade war, andererseits musste sie erst einmal ihr eigenes Gefühlschaos geordnet bekommen. Und Professor Binns würde die ersten beiden Stunden auch gut ohne sie auskommen.

Aufgewühlt starrte sie in den dicken Wälzer über angewandte Arithmantik in ihren Händen, ohne die Wörter zu lesen. James hatte den Kuss erwidert, und er hatte eindeutig Gefallen daran gefunden. Die Frage war nur, wo die beiden jetzt standen. Wie tief gingen seine Gefühle wirklich? Natürlich, er fragte sie immer wieder nach einem Date, aber allein durch die schiere Anzahl dieser Fragen war sie sich nicht mehr sicher, wie ernst er es wirklich meinte. Würde er für einige Wochen zufrieden sein und dann beschließen, dass er doch nicht für eine längere Beziehung geschaffen war? Frustriert fuhr sich Lily durch die Haare und gab es auf in ihr Buch zu starren. Das Fenster bot wenigstens eine schönere Aussicht.

Erst gut eineinhalb Stunden später wurde sie von einem Räuspern aus ihrer Starre gerissen. Sie fuhr herum und starrte direkt in Sirius' nachdenkliches Gesicht. Wortlos bedeutete er ihr auf dem Fensterbrett, auf dem sie saß, etwas Platz zu machen. Er ließ sich nieder und starrte ebenfalls auf die Schlossgründe hinab. „Er wird nicht den ersten Schritt machen.", sagte er schließlich leise in die Stille hinein. Lily blickte ihn zögernd an. „Wie meinst du das?" Sirius seufzte und richtete nun auch seinen Blick auf sie. „Er ist vollkommen verwirrt. Erst war er von Grund auf entsetzt, weil er dachte, wir beide wären zusammen, dann hat er erfahren, dass wir es doch nicht sind, und dann hast du ihn ausgeschimpft und geküsst. Wobei letzteres nebenbei etwas ist, von dem er seit Ewigkeiten träumt. Sag ihm nur nicht, dass ich das gesagt habe." Sie grinsten sich leicht an. „Und jetzt weiß er gar nicht mehr was er denken soll und traut sich deswegen nicht zu mir?", fragte sie schließlich mit belegter Stimme. „Exakt. Weil ich aber ein so toller Freund bin und leide, wenn meine engsten Freunde leiden-", er legte sich theatralisch die Hand auf die Brust, „kann ich natürlich nicht mit ansehen, wie ihr es dank eurer Stur- und Unsicherheit nicht schafft, endlich zusammen zu kommen! Geh gefälligst zu ihm hin und sprecht euch aus, anstatt dich hier in der Bibliothek zu verkriechen." Lily zog etwas den Kopf ein. „Ich versteh ja schon!"

Wieder schwiegen sie eine Zeit lang, bis dieses Mal Lily diejenige war, die das Schweigen brach. „Meint er es ernst?", stellte sie zögerlich die Frage, die ihr am schwersten im Magen lag. Sirius durchbohrte sie mit einem ernsten Blick, den sie erst wenige Male miterlebt hatte, so selten, wie er ihn benutzte. „So ernst, wie man es nur meinen kann!" Lily erwiderte seinen Blick während ihr Herz einen hoffnungsvollen Sprung tat. Sirius würde sie nie anlügen, sie vertraute ihm.

„Dann werde ich mit ihm reden. Nach dem Mittagessen." Sie überlegte kurz. „Kannst du ihn hinaus schicken zu eurem Baum? Es werden gleich erstmal die Mädchen über mich herfallen und ich weiß nicht ob sich die Gelegenheit bietet ihm einen Zettel zu schicken." Sirius lächelte sie zufrieden an und nickte bestätigend. „Mit Vergnügen Lils.", „Lils?", fragte sie mit hochgezogener Augenbraue. „Du brauchst einen neuen Spitznamen!" Damit sprang er auf und reichte ihr eine Hand. Mit einem Ruck hatte er sie auf die Beine gezogen und ihr Buch auf einen der Tische gelegt. „Auf geht's! Für deine Verhältnisse hast du schon mehr Unterricht verpasst heute, als gut für dich ist! Immerhin haben wir Donnerstag!" Kopfschüttelnd ließ Lily sich von ihm mitziehen. Sie konnte nur hoffen, dass sie das Gespräch mit James später einigermaßen auf die Reihe bekommen würde!

Mehrere Stunden später lief Lily mit gesenktem Kopf aufgeregt den Weg Richtung See. Sie hatte sich erfolgreich aus den Fängen ihrer Freunde befreit. Nachdem sie zur vierten Stunde in den Unterricht gekommen war, hatte sie natürlich erst einmal eine Lawine aus Fragen erwartet. Mit knappen Sätzen hatte sie daraufhin die Geschehnisse umrissen und ihre Freunde nebenher noch über die Show mit Sirius aufgeklärt. Diese Story hatte für verblüffte Gesichter gesorgt - Lily war sonst die Ehrlichkeit in Person. Nur den ernst gemeinten Kuss mit James hatte sie aus ihrer Erzählung vorerst ausgelassen. Erst wollte sie klären, was das nun zwischen ihnen war. Ansonsten hätte sich vor allem Molly wahrscheinlich direkt auf James gestürzt.

James! Ihre Blicke hatten sich nur bei ihrem Betreten des Klassenzimmers einmal gekreuzt und Lily hatte panisch sofort ihren Kopf gesenkt. Die ganze Stunde hindurch aber hatte sie seine stechenden Blicke in ihrem Rücken spüren können. Beim Verlassen des Raumes hatte sie schließlich zaghaft zu Sirius geschaut, der mit einem Lächeln die unausgesprochene Frage bestätigte, ob er James ihre Nachricht weitergegeben hatte.

Jetzt war sie ein weiteres Mal auf dem Schlossgelände, anstatt das vorzügliche Essen in der großen Halle zu genießen. Ehrlich gesagt hätte sie es vermutlich auch nicht vertragen – sie war viel zu nervös dafür, Hunger zu verspüren.
Als sie schließlich an dem berüchtigten Baum ankam setzte sie sich auf den Boden und lehnte sich mit angezogenen Knien an den Stamm. Sie würde warten müssen. Ihre Augen nahmen die idyllische Szenerie vor ihr auf. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf der Wasseroberfläche des Sees und sorgte für ein helles Funkeln und Glitzern. Die Luft war klar und angenehm kühl – vermutlich hatte es in der vergangenen Nacht etwas geregnet, auch wenn die Wiesen bereits wieder trocken waren und keine Anzeichen von Nässe aufwiesen. Das war hier in Schottland schließlich nichts besonderes. Das sanfte Rauschen der Blätter über ihr beruhigte ihre angespannten Nerven zumindest für kurze Zeit.

Gerade als sie den Grund ihres Kommens durch die überwältigende Landschaft vor ihr beinahe vergessen hätte, räusperte sich zum zweiten Mal an diesem Tag jemand hinter ihr.