Captain Jim Brass stand neben der zweiten Ambulanz, um die Aussage des Zimmermädchens aufzunehmen. Besagtes Zimmermädchen hatte durch den Fund einen Schock erlitten. Der herbeigerufene Notarzt konnte sie aber weit genug stabilisieren, daß sie zumindest ansprechbar war. Später konnte sie ihre Aussage immer noch verifizieren, jetzt war es ihm erst einmal wichtig, daß sie überhaupt etwas zu der Sache sagte.
Brass war durch sein Leben, seine Arbeit und sein Umfeld abgehärtet und im Laufe der Jahre immer zynischer geworden. Dennoch aber gelang es ab und an einem Tatbeteiligten, den Wall, den er um sich herum errichtet hatte, damit andere die kaum heilenden Wunden in seiner Seele sehen konnten, zumindest bedenklich ins Wanken zu bringen. Lizzy Mardigan, so der Name des Zimmermädchens, gehörte in diese Kategorie, erinnerte sie den gestandenen Polizisten doch an seine eigene Tochter.
Jung, blond und einfach nur hilflos wirkend, sich langsam in Tränen auflösend, so hockte sie auf der Stoßstange der Ambulanz. Einer der Sanitäter hatte ein Kleenexpaket neben sie gestellt, das reichlich Benutzung fand. Das hübsche Gesicht des Mädchens war rot und verquollen von all den Tränen, die es geweint hatte.
Brass hatte kurz ihren Führerschein kontrolliert. Gerade achtzehn geworden war Lizzy. Und sehr wahrscheinlich war dieser Job als Zimmermädchen im MGM der erste Job ihres Lebens, und sicher nicht der letzte.
"Miss Mardigan", wiederholte Brass seine eigenen Worte, die er erst einige Minuten zuvor ausgesprochen hatte, "können Sie sich an irgendetwas erinnern? Etwas, abgesehen von der Frau."
"Lebt sie noch?" Lizzy blickte auf. Make up und Wimperntusche waren schon längst in einem der gebrauchten Kleenex verschwunden, abgewaschen von ihren Tränen.
Brass seufzte, nickte dann aber. "Ja, sie lebt."
Lizzy schniefte. "Wird sie überleben?"
Innerlich verfluchte Brass sich, diesen Fall nicht einem anderen übergeben zu haben. Lizzys Tränen unterspülten sehr deutlich die Mauer in seinem Inneren. Und diesen Teil der Mauer würde er nur zu gern stehen lassen, befand sich dahinter doch der wohl größte Schmerz, den er je erlebt hatte: die Entfremdung von seiner eigenen Tochter.
"Ich denke schon", entfloh seinen Lippen, obgleich er sich eigentlich gar nicht dazu äußern wollte. Lizzys in Tränen schwimmende Augen waren die seiner Tochter ...
Brass rief sich zur Ordnung. "Erinnern Sie sich an irgendetwas?" fragte er eindringlich.
Lizzys Lippen bebten. Dann, wenn auch zögernd, begann sie zu nicken. "Mr. Carter sagte mir, der Gast aus Zimmer 32-778 habe eine sofortige Beseitigung von Müll und eine Säuberung verlangt. Deshalb bin ich rein."
Brass zückte seinen Notizblock und sah Lizzy scharf an. "Und dann?"
XOXOXO
Als Lizzy mit der Sevicecard die Tür geöffnet hatte, trat sie in den Raum hinein.
Ein wenig hilflos sah sie sich dem Chaos gegenüber, das sich vor ihr auftürmte. Was auch immer hier passiert war, es waren definitiv die Fetzen geflogen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Inhalt der beiden Reisetaschen, die auf dem Boden lagen, aufgeschlitzt und vollkommen unbrauchbar, war quer durch den Raum verteilt, die Möbel umgeworfen. Ja, selbst der Glastisch vor der kleinen Fernsehecke lag in Scherben.
Lizzy konnte nur den Kopf schütteln über diesen Zerstörungswahn. Soetwas hatte sie nun wirklich noch nicht gesehen! Dabei hatte das Paar, das hier einzog, so nett und freundlich auf sie gewirkt.
Ja, sie war den beiden auf dem Gang begegnet, als sie gerade dieses Zimmer verließen, fiel ihr wieder ein. Eine Frau mit langen, dunklen Haaren und ein ebenfalls dunkelhaariger Mann in einem modischen T-Shirt. Die beiden waren ihr im Gedächtnis geblieben, weil sie die Frau nur um ihre Haare beneiden konnte, und ihn, weil sie ihn einfach anziehend fand.
Aber das war gewesen, ehe sie dieses Chaos hier vorfand.
Lizzy suchte sich vorsichtig einen Weg zum Bad hinüber. Immerhin gab es einige zerbrechliche Amaturen dort. Und bei der Zerstörungswut im Zimmer sollte sie sich vielleicht davon überzeugen, daß dort alles heil geblieben war. Und wenn nicht, dann sollte sie vielleicht Mr. Carter rufen.
Die Tür zum Bad war nur angelehnt.
Lizzy zögerte kurz, stieß sie dann aber auf. Und jetzt erschrak sie wirklich über die roten Flecken an den Wänden und der deutlichen Schleifspur auf den Bodenfließen. Und neben der Toilette lag etwas, was sie im ersten Moment für ein Bündel feuchter und blutiger Kleider hielt - bis sie den nackten Frauenfuß und die bläulich verfärbte und stark geschwollene Hand als menschliche Gliedmaßen erkannte. Gliedmaßen, die zu der Frau gehörten, die ihr erst vor wenigen Stunden auf dem Gang begegnet war ...
XOXOXO
"Das ist alles?" Brass blickte von den Notizen, die er sich gemacht hatte, auf, gerade als sich die Hintertür des MGM erneut öffnete, nachdem gerade erst die Sanitäter mit der verletzten Frau herausgekommen waren.
Lizzy blickte unwillkürlich hinüber zu der Bewegung - und wurde noch blaßer, als sie sah, wer da gerade das Hotel verlassen wollte.
"Das ist er! Das ist er!" begann sie zu kreischen, wies mit dem ausgestreckten Arm auf jemanden.
Brass hatte seine Mühe, Lizzy zurückzuhalten, ehe sie sich auf denjenigen stürzen konnte, der so offensichtlich ihr Mißfallen erregt hatte. Und endlich kam ihm dann auch einer der Sanitäter zu Hilfe, so daß Brass selbst sehen konnte, wen Lizzy meinte:
Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann in Jeans und T-Shirt war neben dem Hinterausgang stehen geblieben und starrte sichtlich entgeistert zu ihnen herüber.
Brass warf einen Blick zurück über die Schulter. "Schließen Sie die Türen und fahren Sie los", befahl er dem Sanitäter, schloß selbst eine der Hintertüren, damit Lizzy den Fremden nicht mehr sehen konnte.
Statt dessen drehte Brass sich wieder um - und fand eben jenen Fremden bereits auf dem Weg zu ihm.
Wäre nicht das erste Mal, daß ein Täter den Unschuldigen spielte, ging es ihm durch den Kopf, während er dem anderen nun entgegentrat.
"Brass, LVPD", stellte er sich vor, "und Sie sind ... ?"
Der Große blinzelte einen Moment lang, dann zückte er seinerseits eine Marke - eine Polizeimarke aus LA.
"Brendan Dean, LAPD." Ein kurzes, amüsiertes Grinsen zog einen Mundwinkel hoch. "Und Sie sind DER Jim Brass? Der Vater von Ellie?"
In Brass' Innerem erstarrte etwas zu Eis.
Seine kleine Tochter. Der Teil seines Lebens, den er vollkommen verfahren hatte. Ellie war schon vor Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Drogen, Prostitution, Kleinkriminalität. Er hatte als Vater versagt, vollkommen versagt.
Brass nickte langsam. "Dann ist sie mittlerweile wohl stadtbekannt in LA, wie?" fragte er.
Die letzte Spur eines Lächelns verschwand aus Deans Gesicht. "Ellie arbeitet nebenbei im Labor in LA", entgegnete er. "Sie studiert."
Brass' Gesicht erstarrte zu einer nichtssagenden Maske.
Es war doch erst ein paar Monate her, daß sie hier gewesen und auf seinen Tod gewartet hatte. Woher dann der Sinneswandel?
Darum ging es jetzt nicht, rief er sich selbst zur Ordnung, straffte sich innerlich und begegnete Deans Blick kühl.
"Und Sie sind demnach mit wem genau in Vegas? Freundin? Ehefrau? Geliebte?"
"Vorgesetzte", entgegnete Brendan trocken. "Brennan O'Donnell und ich sind übers Wochenende hergeflogen, um ein wenig auszuspannen."
"Und bei der Polizei von LA verdient man so wenig, daß man sich nur ein Zimmer leisten kann", setzte Brass drauf. "Was war zwischen Ihnen beiden los? Streit darum, wer das Bett benutzen darf?"
Deans Mimik spiegelte sehr offen dessen Empfindungen wieder. Himmel, und dieser Milchbubi sollte für die Polizei von Los Angeles arbeiten? Brass hatte nicht übel Lust, Dean Handschellen anzulegen und mit aufs Revier zu nehmen.
"Ich habe keine Ahnung, was passiert ist. Ich war im Casino und habe Black Jack gespielt", erklärte Brendan und faltete die Arme vor der Brust. "Brennan war auch erst unten, doch sie hatte wohl Jetlag. Sie sagte, sie wolle sich ein wenig hinlegen. Das nächste, was ich bemerkte, waren Ihre CSI-Leute auf dem Weg in unser Zimmer." Er nickte zurück. "Wenn Sie mir nicht glauben, Detective, dann sehen Sie sich doch die Überwachungsbänder an. Genug Kameras hat das Hotel auf jeden Fall."
"Das werden wir auch sicher tun", sagte Brass. "Und es heißt Captain."
Dean verzog unwillig das Gesicht, ließ die Arme dann wieder locker fallen. "Hören Sie, ich möchte genauso gern wissen wie Sie, was hier passiert ist. Ob Sie es glauben oder nicht, ich mag Brennan und fühle mich da, wo ich jetzt bin, sehr wohl. Und ich schlage ganz sicher keine Frauen!"
Brass musterte den Jüngeren.
Irgendwie erinnerte er ihn schon an den einen oder anderen Kollegen. Motiviert und voller Tatendrang - bis die Realität sie dann einholte. Dabei wirkte Dean auf ihn nicht, als wäre er ein Greenhorn.
"Sie wollen uns helfen?" fragte er.
Dean nickte sofort. "Sicher. Ich kann Ihnen bestimmt helfen. Aus diesem Grund wurde ich ja zum CSI versetzt statt in der ..."
"Nein", entschied Brass.
Dean stockte und bekam große Augen. "Nein?"
Brass nickte. "Genau. Nein. Halten Sie sich zur Verfügung und genießen Sie Ihren Aufenthalt, Mr. Dean. Die Polizei von Las Vegas kann auch ganz allein ihre Fälle lösen. Dazu brauchen wir keine Hilfe aus Kalifornien."
Dean blieb sprachlos zurück, während Brass zu seinem Wagen zurückkehrte, dieses Mal ein kleines bißchen beschwingter, aber auch weiterhin skeptisch.
Auf jeden Fall würde er in LA nachfragen, ob es tatsächlich stimmte, was dieser Dean da gerade über Ellie gesagt hatte ...
