Gil mußte zugeben, er hatte noch nie so viele und gleichzeitig so wenige Spuren an einem Tatort gefunden. Das Hotelzimmer, das CSI O'Donnell bewohnt hatte, bot auf den ersten Blick ein einziges Chaos. Auf dem zweiten war es noch nicht viel besser. Erst ab dem dritten Blick, nämlich der Tatsache, wie und wo die Kleidungsstücke und sonstigen Utensilien zu finden waren, kristallisierte sich allmählich ein Muster heraus.
Jemand hatte etwas gesucht. Und diese Suche war erst gestartet worden, nachdem das Opfer das Bewußtsein verloren hatte. Zwar gab es im Raum selbst keine Anzeichen, doch Gil war sich sicher, O'Donnell war bereits vorher handlungsunfähig gewesen, möglicherweise durch eine Fesselung, vielleicht auch durch die Verabreichung der nötigen Drogen. Was auch immer es gewesen war, er würde es in Kürze herausfinden.
Warrick hatte Gil nach Hause geschickt. Der Junge sollte sich erst ausruhen, ehe sie weiter an der Auswertung des Falles arbeiteten. Außerdem mußten sie mit den Ergebnissen von Blut- und möglichen Spermaspuren ohnehin warten, bis die zuständigen Techniker soweit waren.
So fuhr Gil allein zurück zum Labor. Unterwegs gönnte er sich nur einen kurzen Zwischenstop an einem Drive-In, um sich wenigstens mit einem Becher Kaffee wachhalten zu können.
Allmählich, so ging es ihm auf, machte sich das Alter doch bemerkbar. Vielleicht sollte er irgendwann einmal daran denken, etwas kürzer zu treten, so wie Sara es ihm immer wieder riet.
Sara ...
Sie hatte er ins Krankenhaus zum Opfer geschickt. Gil mochte es an für sich relativ gleich sein, aber er wußte auch, sollte es zu einer Vergewaltigung gekommen sein, würde eine Frau eher mit einer Frau reden als mit einem Mann. Und aus diesem Grund hatte er sich an Sara gewandt.
Was ihn allerdings erwartete, als er schließlich im Labor eintraf, damit hatte er nicht gerechnet:
Nicht Sara Sidle erwartete ihn in seinem Büro und ordnete gerade die Seiten eines ersten, groben Berichtes, sondern Catherine Willows, die sofort aufblickte, als er den Raum betrat.
"Eigentlich dachte ich, du hättest einen eigenen Fall", merkte er an und versuchte, sich keinerlei Überraschung anmerken zu lassen.
Catherine lächelte gewinnend, beugte sich vor und schob das Klemmbrett auf seinen Schreibtisch. Wie immer war dieser übervoll, so daß sie (wahrscheinlich nicht ganz aus Versehen) einen Stapel Akten in bedenkliche Bewegung brachte.
"Interessenskonflikt, so nannte Sara es. Ich nenne es einen Tausch", konterte sie trocken und lehnte sich wieder zurück.
Gil runzelte die Stirn. "Interessenkonflikt? Inwiefern?"
Catherines Gesicht sprach eine andere Sprache, doch sie zuckte mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen?"
Gil trat um den Schreibtisch herum, gerade im richtigen Moment, als der Stapel doch Übergewicht bekam und umkippen wollte. Eilig schob er ihn wieder ein Stück Richtung Tischmitte. Das Klemmbrett auf der anderen Seite klapperte zu Boden.
Catherine amüsierte sich offensichtlich köstlich, beugte sich dann aber doch vor und hob ihre Notizen wieder auf.
"Archie und ich haben schon ein bißchen gezaubert", erklärte sie. "Nachforschungen betrieben über die Beteiligten, ob unbeteiligt oder nicht."
Gils Stirnfurchen wurden tiefer. "Anzeichen einer Vergewaltigung am Opfer?"
"Du darfst sie ruhig beim Namen nennen." Catherine lachte und warf ihr Haar zurück. In der nächsten Sekunde war sie wieder die professionelle Tatortermittlerin. "Nein", antwortete sie mit hartem Blick. "Es reichte dem Kerl offensichtlich, sie ins Koma zu prügeln. Keinerlei Hinweise auf sexuelle Betätigung innerhalb der letzten zweiundsiebzig Stunden."
Damit schob er seinen Verdacht in Hinsicht auf Brendan Dean erst einmal gedanklich zur Seite. Also doch kein romantisches Stelldichein der beiden, das aus dem Ruder lief. Dabei wäre es so ein wunderbarer Ansatz gewesen.
Manchmal aber war die einfachste Lösung eben doch nicht die einfachste Lösung.
"Ligaturmale an den Handgelenken", fuhr Catherine fort. "Offensichtlich wurde sie gefesselt, ehe man sie zusammenschlug. Der oder die Täter haben Handschuhe getragen. Keine Fingerabdücke, und wenn wir nicht die passenden Handschuhe finden ..." Sie zuckte mit den Schultern.
Das sah im Moment alles andere als gut aus, mußte Grissom zugeben.
"Allerdings hat der Ansatz des Interessenkonfliktes einiges interessante ans Licht befördert." Catherines Lächeln war verschwörerisch.
Ja, eben das hatte sie ja erst angesprochen, als er reingekommen war. Sara und sie hatten die Fälle getauscht, warum auch immer.
"Inwiefern?" fragte Gil.
Catherines Lächeln vertiefte sich. "Es stimmt tatsächlich, Sara und O'Donnell haben an einem Fall zusammen gearbeitet, vor zirka neun Jahren. O'Donnell war gerade erst in die Staaten übersiedelt."
Natürlich. Gil erinnerte sich. Brennan O'Donnell war gebürtige Irin. Aufgrund ihres Spürsinns und der Art, wie sie an die Dinge heranging, war sie eine Zeitlang Gastdozentin gewesen an verschiedenen Universitäten in den USA. Bis man sie vor einem knappen Jahr nach LA holte, um das dortige CSI auf Vordermann zu bringen.
"Man holte O'Donnell dazu, als es um die Lassiter-Morde ging. Du erinnerst dich?" Catherine sah ihn erwartungsvoll an.
Die Familie Lassiter, die in San Francisco ermordert worden war. Man vermutete einen Ritualmord, bis ein herbeigerufener Experte ...
"Sara half damals mit, um Felderfahrung zu gewinnen", fuhr Catherine fort. "Die beiden sollen gut miteinander ausgekommen sein."
Merkwürdig daß Sara das ihm gegenüber noch nie erwähnt hatte ...
Gil nickte nachdenklich, lehnte sich jetzt seinerseits auf seinem Stuhl zurück und dachte nach.
Sara und O'Donnell kannten sich also, hatten gemeinsam an einem Fall zusammengearbeitet. Noch dazu an einem Fall, der bis dato noch nicht aufgeklärt worden war. Und ausgerechnet jetzt und hier wurde O'Donnell zusammengeschlagen? Warum?
"Über ihren Begleiter haben Archie und ich auch einiges ausgegraben." Catherine setzte sich wieder auf. "Brendan Dean hat einen stetigen und schnellen Abstieg hinter sich. Vor zwei Jahren gehörte er noch einer Spezialeinheit an, dann wurde er plötzlich durchgereicht und vor ein paar Monaten dann sollte er eigentlich ganz aus dem Dienst ausscheiden. Er stand unter Mordverdacht."
"Durchgereicht?" Gil hob eine Braue.
Catherine nickte. "So weit reichen leider unsere Befugnisse nicht, aber er war irgendwo jenseits des FBI für mehrere Jahre, ehe er dorthin zurückkehrte. NSA? CIA? Wer weiß? Bekannt ist nur, daß er seine Partnerin verlor und daraufhin zurückgestuft wurde. Er war im FBI-Büro von LA."
Dieser ... Tourist war ein Spezialagent gewesen? War das sicher? Gil hatte eher den Eindruck, daß Dean etwas übermotiviert gewesen war. Aber ... wer wäre nicht übermotiviert, wenn die eigene Vorgesetzte plötzlich im geteilten Hotelzimmer zusammengeschlagen wird?
Catherine nickte. "Wie gesagt, er stand unter Mordverdacht. Der konnte, welch ein Wunder, durch O'Donnell aufgehoben werden. Das CSI von LA hat den Fall gelöst. Dean kehrte aber nicht zurück zum FBI, sondern wurde als Detective dem CSI zugeteilt auf Geheiß des Polizeipräsidenten von LA."
Gil klappte innerlich die Kinnlade herunter.
Ein Ex-Geheimnisträger auf freiem Fall wurde ausgerechnet durch die Polizei aufgefangen, ehe er am Boden zerschmetterte? Und dann stand eben dieser Ex-Geheimnisträger plötzlich in Vegas an der Seite eben der Frau, der er seine Freiheit verdankte? Irgendetwas daran war merkwürdig.
"Wenn die beiden was miteinander haben sollten, dann können sie gut damit umgehen", fuhr Catherine ungerührt fort. "Was aber noch nicht bedeutet, daß Dean zwangsläufig außen vor ist, wenn es um die Verdächtigen geht. Was ihn ausschließt ist schlicht und ergreifend die Überwachungskamera. Er befand sich zur Tatzeit tatsächlich im Casino. Und wärt Warrick und du nur zwei Minuten später aufgetaucht, hätte er noch dazu den Sicherheitschef als besten Zeugen. Er steht unter Verdacht, falsch zu spielen. Eventuell zählt er Karten."
Und auf dem gemeinsamen Hotelzimmer wurde zur gleichen Zeit seine Vorgesetzte brutal zusammengeschlagen.
Irgendwie ergab das ganze noch immer keinen echten Sinn für ihn.
"Wir sollten wegen näherem nachfragen in LA", schlug Catherine vor. "Vielleicht weiß einer dort mehr über die beiden. Hat Dean gesagt, warum sie hier waren?"
Gil schüttelte den Kopf. "Leider nicht. Nur Ausflüchte. Er ist ein schlechter Lügner ..."