Brendan nagte nervös an seiner Unterlippe und lief den Gehsteig ständig hinauf und hinunter, während er sein Handy an sein Ohr preßte.
Freizeichen - Freizeichen ...
Er wurde immer nervöser. An einem Finger seiner freien Hand nagend drehte er sich auf der Stelle um und marschierte genau ein Dutzend Schritte wieder zurück.
"Nun mach schon!" nuschelte er am Nagelbett vorbei, gerade in dem Moment, als es am anderen Ende der Leitung knackte.
"Pathologie LA. Wilsors?" meldete sich die Pathologin des Teams mit desinteressierter Stimme.
"Heather?" Mit einem Mal stand Brendan stocksteif da und atmete tief ein. "Gott sei Dank, daß ich dich erreiche! Weißt du, warum Brennan ihren Laptop mitgenommen hatte?"
Ein Bild hatte sich tief in sein Hirn eingebrannt - oder besser, besonders tief im Gegensatz zu den anderen abrufbaren Erinnerungen, die ihm durch seinen Kopf geisterten.
"Brendan?" Dr. Heather Wilsors klang augenblicklich lebendiger. "Hast du schon die Bank gesprengt? Oder aus wievielen Casinos bist du bereits herausgeflogen?"
Brendan klappte den Mund wieder zu. Noch einmal atmete er tief ein und wünschte sich einfach nur, in das kameradschaftliche Geplänkel einsteigen zu können.
Er wußte, der Rest des Teams hatte seiner "Gabe" zu Anfang skeptisch gegenüber gestanden. Einzig Brennan hatte ihm geglaubt, wenn auch widerwillig, nachdem er sie überfahren hatte mit seiner Erinnerung an ihr erstes Treffen. Aber je mehr Fälle geklärt wurden, auch dank seines fotografischen Gedächtnisses, desto offener stand man ihm gegenüber. Als Chris Laroosh, der Computerexperte des CSI-LA, schließlich mit dem Programm zu ihm gekommen war kurz nachdem er seine offizielle Marke erhielt, war er als besonderer und wichtiger Teil des Teams akzeptiert worden und nicht nur als Freund und Kollege Brennans.
Jetzt aber, nachdem er die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war und versucht hatte, soviel wie möglich herauszufinden über das, was die hiesigen Tatortexperten möglicherweise ermittelt hatten, war ihm wieder etwas eingefallen:
Brennans Laptop war nicht im Hotelzimmer gewesen, als er einen Blick an Grissom vorbei riskiert hatte. Bevor sie gemeinsam ins Casino gegangen waren, hatte er noch an einer "Rekonstruktion" gearbeitet für den Fall eines Kollegen. Und da hatte er den Rechner auf dem Sofa liegen gelassen. Als er aber an Grissom vorbei in das Zimmer gesehen hatte, war er nicht mehr dort gewesen.
"Noch aus keinem", antwortete er endlich trocken. "Heather, Brennan ist überfallen worden. Sie liegt im Krankenhaus und ... und ..." Er stockte, weil er nicht weiter wußte.
Mit Freya war das früher anders gewesen, fiel ihm wieder einmal ein. Freya hatte ihm nur in den Kopf gesehen, da hatte er sich die ganze Erklärerei sparen können.
"Brennan ist was?" Heather klang sofort alarmiert. "Was ist passiert?"
DAS war definitiv eine gute Frage.
Brendan verzog das Gesicht, drehte sich auf der Stelle um und betrachtete das Bike, das er sich gemietet hatte, nachdem Brennan eingeliefert worden war.
"Wenn ich das wüßte", seufzte er ergeben und zog die Schultern hoch. "Man läßt mich nicht mitarbeiten an der Sache."
Jetzt klang er wirklich wie ein beleidigter kleiner Junge! Genau das, was er hatte vermeiden wollen durch diesen Anruf.
Er mußte seine Gedanken klären! Er brauchte irgendwo einen Ort der Stille, wie Freya es genannt hatte. Er war sicher, wenn er Ruhe haben würde, würde er ordnen können, was in den letzten Stunden auf ihn eingeprasselt war.
Normalerweise setzte er sich dann eben an einen Rechner mit Chris' Programm und zog auf diese Weise die Erinnerungen, die einfach zuviel waren, wieder aus seinem Kopf heraus. Allerdings war der einzige verfügbare Rechner offenbar verschwunden. Und selbst wenn nicht verschwunden, so doch zumindest unerreichbar, denn das Hotelzimmer war noch immer versiegelt.
"Und jetzt ist der große Junge beleidigt, weil er nicht mitspielen darf?" Heather klang belustigt, dann aber wurde sie sofort wieder ernst. "Wie geht es Brennan?"
Brendan seufzte ergeben und ließ die Schultern hängen. Mit der freien Hand rieb er sich den Nacken und konnte die Verspannungen unter der Haut fühlen.
"Sie ist bewußtlos. Ein paar Rippen gebrochen, eine Hand zerquetscht, Gehirnerschütterung, Wasser in den Lungen ..."
Wieso zum Kuckuck bemitleidete er sich? Brennan war diejenige, die er bemitleiden sollte. Immerhin dürfte sie ziemliche Schmerzen gehabt haben, ehe sie das Bewußtsein verlor.
"Großer Gott!" entfuhr es Heather.
Brendan warf dem Motorrad einen leidenden Blick zu. "Weißt du, warum Brennan ihren Laptop mitgenommen hatte?" wiederholte er seine Eingangsfrage. "Wollte sie an irgendetwas arbeiten?"
Einen langen Moment lang herrschte Schweigen, dann: "Dein Kopf platzt, richtig?"
Brendan nickte stumm. Er wußte, Heather würde die Antwort auch aus seinem Schweigen lesen können.
"Was sagt das LVPD?" fragte Heather weiter.
"Wie du sagtest. Sie lassen mich nicht mitspielen." Brendan tat die paar Schritte bis zum nächsten Laternpfahl und lehnte sich dagegen. "Statt dessen war jede zweite Frage, ob Brennan und ich ein Verhältnis hätten."
"Was ja auch einmal der Wahrheit entsprach", fügte Heather trocken hinzu. "Okay, großer Junge, was drückt dich?"
Brendan schloß die Augen. Sofort war da wieder das Bild des vollkommen chaotischen Hotelzimmers, als habe es jemand auf die Innenseite seiner Lider gemalt. Er öffnete die Augen wieder und fühlte, wie sie brannten.
"Ich weiß es nicht ... nicht genau", antwortete er endlich.
Er mußte einen ruhigen Ort finden und alles ordnen. Nur würde er denn wohl nicht in Las Vegas finden, solange Chris' Programm für ihn unerreichbar war.
"Aber du hast eine Ahnung", bohrte Heather weiter.
Hatte er die?
"Der Laptop war weg", antwortete er.
Wie auf Befehl tauchte aus den Tiefen seines Geistes ein Abbild der Benutzeroberfläche auf. Icons, siebzehn genau. Drei davon paßwortgeschützt (als habe ihn das jemals abgehalten ...). Chris' Programm ... da war eine neue Datei abgespeichert ...
"Brendan?"
Er zuckte zusammen, als ihn Heathers Stimme wieder aus seinen Erinnerungen weckte.
"Bin da ... wieder." Er lehnte den Hinterkopf gegen den Laternenmast. Eine besonders dicke und späte Motte umflatterte die weiß-illuminierte Leuchtröhre.
"Okay, Großer. Als erstes gebe ich dir einen ärztlichen Rat: Leg dich schlafen."
Die Motte flatterte weiter.
"Einen ärztlichen Rat von einer Pathologin", flachste er. "Du weißt aber schon, daß ich mir noch keinen Sarg bestellen möchte?"
Der Dauerbrenner brachte sie immer wieder zum Schmunzeln. Es tat gut, mit ihr zu kalauern. Er fühlte sich allein, seit Brennan abgeholt worden war. Einsamer selbst als vor ein paar Monaten, als er unter Mordverdacht stand und seine FBI-Kollegen ihn fallen ließen wie eine heiße Kartoffel.
"Du klingst, als würdest du gleich im Stehen einschlafen. Brendan, wenn du helfen willst, dann mußt du ausgeruht sein."
Aber man ließ ihn, den großen Jungen, wie das Team in LA ihn nannte, doch nicht mitspielen!
"Ruh dich aus und dann sieh nach Brennan. Hörst du?"
Brendan seufzte, nickte dann aber. "Ja, Mum."
"Kannst du dich ausweisen? Hast du Geld und Kreditkarten?"
"Ich bin durchaus in der Lage, für mich allein zu sorgen", entgegnete er. "Mach ich immerhin schon länger."
"Weiß ich doch", wiegelte sie ab. "Aber du kennst doch uns Weiber. Tauchst du mit Leidensmiene auf, werden wir alle zu Glucken. Ruh dich aus, dann sieh nach Brennan. Ich bin sicher, die Kollegen werden sich noch an dich wenden."
Es klickte, dann war er wieder allein mit seinen Gedanken ...