Gil war gerade auf dem Weg zum Labor, als sein Handy klingelte. Und augenblicklich, noch ehe er abgenommen hatte, beschleunigte sich sein Herzschlag.
Es bedeutete selten etwas gutes, wenn eben auf seinem Arbeitsweg sich sein Telefon meldete. Viel zu oft durfte er auf der Stelle umdrehen und sich postwendend dem nächsten Tatort zuwenden - viel, viel zu oft!
Gil drückte die entsprechende Taste am Lenkrad, um die Freisprecheinrichtung des Wagens zu aktivieren und meldete sich.
"Dr. Gilbert Grissom?" fragte eine ihm unbekannte Stimme.
Gils Herzschlag wurde noch ein wenig schneller, doch er ließ sich nichts von der beginnenden Nervosität anmerken, sondern nickte, als stünde er seinem unbekannten Gesprächspartner gegenüber.
"Ja", antwortete er dann einfach.
"Ist Ihnen eine Sara Sidle bekannt?" fuhr die Stimme fort.
Das Klingeln in seinem Kopf stammte definitiv nicht von einem Tinitus, sondern von einer imaginären Alarmglocke, die augenblicklich anschlug.
"Mit wem rede ich?" fragte er, statt zuerst zu antworten.
"Oh, Verzeihung. Emerson Jennings. Ich rufe Sie an, weil in der Notfalliste für Ms. Sidle Ihr Name und Ihre Nummer stehen, Dr. Grissom."
Gil verlangsamte die Geschwindigkeit und setzte den Blinker, als er fühlte, wie seine Finger zu zittern begannen und seine Hände sich um das Lenkrad krampften.
"Gibt es einen Notfall?" fragte er, darauf bedacht, seine Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen.
"Ich fürchte ja. Ms. Sidle wurde vor einer halben Stunde eingeliefert. Man fand sie in einer Nebenstraße, soweit mir bekannt ist, Dr. Grissom."
Der Wagen stoppte eine Spur zu abrupt.
Gil fühlte unvermittelt einen riesigen Knoten in seiner Kehle, an den vorbei er kaum atmen konnte. So brauchte er drei Anläufe, ehe er fragte: "Wurde die Polizei verständigt?"
"Meines Wissens ja. Es wäre vielleicht hilfreich, wenn Sie vorbeikommen würden, Dr. Grissom", erklärte dieser Emerson Jennings.
Warum hatte Ecklie ihn nicht informiert? Warum hatte rein niemand ihn informiert, wenn Sara bereits seit einer halben Stunde im Krankenhaus war?
Gil spannte die Kiefer an, während er versuchte, an den Gedanken in seinen Kopf vorbei in Ruhe die nächsten Schritte zu überlegen.
Sara im Krankenhaus, gefunden in einer Nebenstraße und wohl übel verletzt. Zumindest übel genug, daß man ihn verständigte.
Gil wußte nicht warum, aber wieder ging ihm der O'Donnell-Fall im Kopf herum. Sara hatte weiterhin Kontakt zu Brennan O'Donnell gehabt, auch nachdem sich deren Wege trennten. Und jetzt wurde Sara nicht einmal vierundzwanzig Stunden nach Brennan O'Donnell ins Krankenhaus eingeliefert.
"Ich bin auf dem Weg!" Gil beendete das Gespräch.
Wenn die beiden Fälle zusammenhingen, und davon ging er aus nach dem, was Sara ihm am Morgen erzählt hatte, dann war das auch weiterhin sein Fall. Und er würde ihn lösen!

XOXOXO

Heather Wilsors öffnete leise die Tür zum Krankenzimmer und blieb erst einmal stehen, deutlich über das Bild schmunzelnd, das sich ihr bot:
Auf einem Stuhl neben Brennans Bett hockte zusammengesunken Brendan Dean, die langen Beine ausgestreckt und den Kopf auf die Brust gesunken. Und der CSI-Ermittler schlief den Schlaf der Erschöpfung.
Heather schüttelte den Kopf und schloß die Tür hinter sich.
Sie war gleich vom Flughafen hergekommen, um ihrer Freundin so schnell wie möglich beistehen zu können. Dabei hatte sie allerdings nicht damit gerechnet, ausgerechnet den Neuzugang des Teams hier friedlich schlafend vorzufinden. Dabei ... eigentlich hätte sie es sich denken können. Brendans Logik war in einigen Belangen einfach unschlagbar und verblüffend einfach:
Er sollte sich ausruhen und nach Brennan sehen - also verband er schlicht das eine mit dem anderen und Ende.
Heather trat um das Bett herum und griff nach der Krankenakte, die auf dem Beatmungsgerät neben dem Bett lag. Sie blätterte die Seiten kurz durch und überflog die Diagnosen, ehe sie sich wieder dem Bett zuwandte.
Heather trat dicht an die Matratze heran und griff nach dem bloßen Arm ihrer Freundin, während sie das blaße, verfärbte Gesicht der Irin musterte.
"Was machst du nur für Sachen, Kleine?" fragte sie schließlich.
Standardfrage zwischen zwei Freundinnen. Eigentlich bei jedem Fall gab es einen Punkt, an dem Heather das fragte. Geändert hatte Brennan ihr Vorgehen bisher nie deswegen. Im Gegenteil war es oft genug Heather, die ihren Standpunkt überdachte. So wie bei Brendan ...
Die Pathologin blickte auf und betrachtete den schlafenden Mann auf der anderen Seite des Bettes.
Dieser große Kindskopf hatte sich dem Team quasi aufgedrängt, indem er ständig dort auftauchte, wo auch Brennan zu finden gewesen war. Und er hatte geholfen, früher durch seine alte FBI-Marke und sein sagenhaftes Gedächtnis, mittlerweile durch letzteres und seine Verbissenheit. Und irgendwo, so glaubte Heather zu wissen, tief in ihm steckte immer noch ein Gefühl für Brennan, das weit über Freundschaft hinausreichte. Beweisen konnte sie ihm nichts, er hatte gelernt, damit umzugehen, aber sie spürte es.
Brennan dagegen konnte entweder besser mit ihren Gefühlen umgehen, oder aber sie empfand tatsächlich nichts mehr für den ehemaligen FBI-Agenten.
Aber warum hatte sie Brendan dann mit nach Vegas geschleift?
Heather verzog das Gesicht und beugte sich über das Bett. Mit einem Finger stieß sie den schlafenden Mann an der Schulter an.
Brendan grummelte unwillig, seufzte dann und ... schlief weiter.
"So haben wir nicht gewettet, Kindskopf", murmelte sie, beugte sich noch weiter vor und bohrte erneut mit einem Finger in seine Haut.
Brendan zuckte zusammen, blinzelte einmal, doch sein Kopf schien irgendwie zu schwer, um ihn zu heben, sank jedenfalls wieder auf seine Brust.
"Oh nein, junger Mann, so nicht!" sagte Heather mit fester Stimme.
Und augenblicklich riß Brendan den Kopf hoch und zuckte zu ihr herum. Beinahe wäre er sogar vom Stuhl gepurzelt, wenn er nicht im letzten Moment mit beiden Händen zugegriffen hätte.
"Heather!" entfuhr es ihm perplex.
Die Pathologin nickte. "Hatte ich dir nicht gesagt, du solltest dich ausruhen und DANN nach Brennan sehen?"
Brendans Gesicht verwandelte sich in ein Abbild purer Unschuld. "Hattest du?"
Heather seufzte, griff wieder nach der Akte. "Hatte ich." Sie begann zu blättern.
"Und was willst du hier?" fragte Brendan verwirrt.
Heather blickte auf und musterte ihn.
Seine Kleidung und seine nackten Arme, sowie das Gesicht und sein dunkles, verwuseltes Haar waren verstaubt. Nicht so sehr, daß er dreckig wirkte, aber ...
"Du warst draußen in der Wüste", stellte sie fest.
"Und du beantwortest meine Frage nicht", entgegnete Brendan, verzog dann das Gesicht und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. "Aber ... stimmt. Ich war draußen. Mein Kopf ..." Mitleidheischend sah er wieder auf.
"Du mußtest dich ordnen, ich weiß." Heather vertiefte sich mehr in die Akte, als sich plötzlich Schritte und Stimmen näherten, und schließlich die Tür geöffnet wurde.
So schnell, wie daraufhin Brendan aufsprang, ging hier einiges mehr vor als sie zunächst angenommen hatte.
Einige Pfleger brachten ein zweites Bett in den Raum. Und eigentlich wollte Heather protestieren dagegen, daß ihre Freundin nicht allein liegen durfte - bis sie einen Blick in das Gesicht der brünetten Frau hatte werfen können.
Sie kannte dieses Gesicht, wenn auch deutlich besser und gesünder aussehend. Dieses Gesicht sollte freudig lächeln und in die Kamera strahlen ... an Brennans Seite.
"Mr. Grissom!" riß Brendans Stimme sie aus ihrer Erinnerung, gerade als ein Mann mittleren Alters, gekleidet mit einer CSI-Windjacke, als letzter den Raum betrat, nicht ein Auge von dem gerade hereingebrachten Bett lassend.
Heather schluckte hart.
Sie war offensichtlich zu spät ...