"Warum wurde ich nicht infomiert?" fragte Gil kühl und starrte durchdringend auf seinen Vorgesetzten hinunter. "Conrad, wir hatten etwas ausgemacht!"

Es schmerzte! Es schmerzte wahrscheinlich mehr als er überhaupt wahrnehmen konnte.

Gil mußte zugeben, er verstand im Moment sich selbst nicht so ganz. Sicher, ein Mitglied seines Teams war verletzt worden. Er als Leiter dieses Teams war zum Teil verantwortlich, MUSSTE verantwortlich sein.

Andererseits war da etwas in ihm, eine blutende Wunde in seiner Seele, der über ein normales Maß an Verantwortung hinausging. Etwas, was ihm so noch nie bewußt geworden war. Aber gerade eben jetzt, da mit jeder Sekunde die Erkenntnis deutlicher in sein Bewußtsein sickerte, daß es ausgerechnet Sara getroffen hatte, da fühlte er sich auch noch aussgerechnet von seinen Vorgesetzten hintergangen.

Conrad Ecklie sah ihn mit einer Mischung aus Überraschung und unterdrückter Wut an. "Und warum werde ich nicht darüber informiert, daß Kollegen aus Kalifornien mit in diese Sache involviert sind?" entgegnete er. "Warum erhalte ich Antworten auf Anfragen, die an die Forensik LA gegangen sind und von denen ich nichts wußte?" Er zog einen Aktendeckel zielsicher aus einem Stapel hervor und hielt ihn Gil hin. "Warum Anfragen über einen Detective Brendan Dean, wenn der doch angeblich gar nicht verdächtig ist?"

Eine Anfrage über diesen Witzbold?

Eine Sekunde lang war es, als habe diese unverhoffte Enthüllung ihm den Wind aus den Segeln genommen, dann aber kehrte der gerechte Zorn zurück in Gils aufgewühlten Geist. Drohend beugte er sich über Ecklies Schreibtisch.

"Ich weiß nichts von einer Anfrage über Dean", sagte er fest. "Aber ich weiß, ich hätte eher informiert werden müssen, als es um den Angriff auf Sara ging. Sie ist Polizeibeamtin und Mitglied meines Teams!"

"Und eben darum werde ich Ihr Team nicht an diesen Fall lassen." Ecklie versuchte zumindest, eine strenge Miene aufzusetzen und schüttelte den Kopf. "Sie sind zu involviert. Die Tagschicht hat den Fall."

Gils Miene erstarrte. Langsam richtete er sich wieder auf. "Ist das Ihr letztes Wort, Conrad?" fragte er. Mit zwei Fingern zog er die fragliche Akte an sich heran.

Ecklie nickte, machte dann aber gleich eine entschuldigende Geste. "Sie lassen mir keine andere Wahl, Gil. Tut mir leid. Das gesamte Team ist mit Sidle befreundet und damit kompromitiert."

"Was uns nur noch besser ermitteln lassen wird." Gil hob stolz das Kinn.

"Hören Sie sich doch einmal selbst zu!" Ecklie schüttelte den Kopf. "Gil, sonst sind doch alles, was ich von Ihnen höre, Beschwerden darüber, daß die Nachtschicht überfordert ist. Jetzt erlasse ich Ihnen einen Fall und ..."

"Tun Sie nicht!"

Die beiden Finger drehten den Aktendeckel wieder herum, dann öffneten sie ihn, damit der Zeigefinger auf die gefaxte Personalakte des kalifornischen Ermittlers tippen konnte.

"Dean ist nicht verdächtig, für den Überfall auf Sara hat er ebenso ein Alibi wie für den auf Brennan O'Donnell. Aber er hängt mit drin. Beide Fälle hängen zusammen." Gil beugte sich wieder über den Schreibtisch, ein kühles Lächeln auf seinen Lippen. "Also entweder entziehen Sie uns beide Fälle oder ich werde umgehend Warrick und Nick zum Tatort schicken."

"Der wurde von der Tagschicht bereits freigegeben. Der Privatwagen von Sidle steht in der Garage." Ecklie starrte auf die Akte hinunter, sah dann wieder auf. "Das sieht nicht gut aus, Gil. Wenn dieser Fall zur Anklage kommt ..."

"... wird mein Team wasserdichte Beweise vorlegen können." Gil zögerte. Nun war es sein Blick, der zu der Akte hinunterglitt.

Wer hatte wegen Dean angefragt? Warum? Er war doch von Anfang an ausgeschlossen worden aufgrund seines Alibis am Spieltisches. Warum also sollte sich irgendjemand über ihn erkundigen?

Unter dem Blatt mit dem Ausschnitt aus Deans Akte lag noch ein zweites Fax. Er konnte den Namen nicht lesen, wohl aber den Geburtsort: Belfast. Also war auch O'Donnell überprüft worden.

Aber warum diese beiden?

Ihm fiel plötzlich wieder etwas ein, was Sara gestern zu ihm gesagt hatte. Und dieser eine Satz brachte ihn dazu, die Akte wieder umzudrehen.

Dean war Verhörspezialist, hatte studiert und wies eine beeindruckende Aufklärungsrate vor. Etwas, was so gar nicht zu dem chaotischen Auftreten dieses Mannes zu passen schien.

Da war noch etwas. Etwas, was er im Krankenhaus aufgeschnappt hatte. Etwas über einen vollen Kopf, der hatte geleert werden müssen.

"Beeindruckende Gedächtnisleistungen" stand als Vermerk unten am Rande, handschriftlich angefügt, vielleicht von O'Donnell ...

Ein Verhörspezialist, der rein gar nichts mit Forensik zu tun hatte, wurde Detective und eben in die Forensik versetzt ...

O'Donnell hatte einen Helfer mitbringen wollen ...

Sara hatte mit ihr gemeinsam an den Lassiter-Morden gearbeitet ...

Langsam, langsamer als sonst erschien es ihm, begann sich das Rätsel um Brendan Dean zusammenzusetzen. Er verstand zwar noch immer nicht ganz, was der kalifornische Detective in Vegas zu suchen hatte, aber ...

Gil blickte wieder auf.

Er war sich nicht sicher. Er fühlte sich unsicher, verletzlich und allein. Aber er brauchte in dieser Sache jede Hilfe, die er erhalten konnte. Wenn das auch einen eigenartigen Ermittler umfaßte, der möglicherweise über mehr Informationen verfügte, als er bisher zugegeben hatte, dann ...

"Ich brauche eine Genehmigung, um Dean für diesen Fall ins Team zu holen", beendete er endlich seine Forderungen.

Ecklie starrte ihn an. "Dean ist ..."

"Dean ist mit O'Donnell hergekommen, um sie bei Ermittlungen im Lassiter-Fall zu unterstützen", behaarte Gil.

"Und was hat das jetzt mit dem Überfall auf Sidle zu tun?"

Gil begann zu lächeln.

Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer schien das Bild zu werden. Auch wenn ihm nicht gefiel, was dieses Bild zeigte, er war sicher, er befand sich auf dem richtigen Weg.

"Klären wir die Lassiter-Morde, klären wir die Übergriffe auf O'Donnell und Sara. Beides hängt zusammen."