Die Sonne erhob sich gerade über die Gipfel des fernen Gebirgszuges. Eine letzte kühle Brise streifte das ausgedörrte Land und wirbelte einzelne kleine Staubteufel hoch.
Einige letzte Kleintiere suchten noch eilig nach ihren Bauten, um sich vor dem Tag und seinen Gefahren in Sicherheit zu bringen. Irgendwo weiter entfernt kläffte ein Rudel Koyoten.
Das tiefe Brummen eines Motorrades zerschnitt diesen friedlichen und ruhigen frühen Morgen. Eine Staubfahne hinter sich herziehend holperte die schwere Maschine über den unebenen Wüstenboden, zielsicher den halb verwehten Spuren vom letzten Tag folgend.
Ein Wüstenhase nahm hakenschlagend Reißaus, als ihm dieses stählerne Ungetüm zu nahe kam. Und so war denn nur ein Wüstenkauz verschlafener Zeuge, als der Fahrer seine Maschine schließlich zum Stehen brachte und den störenden Motor abstellte.
Der Staub blieb noch weiterhin hin der kühlen Luft, setzte sich nur langsam, wurde aber von der Brise verteilt.
Der Fahrer bockte seine Maschine so gut wie möglich auf, sah sich dann noch einmal um, ehe er sich mit einer Hand durch sein staubiges, verwuseltes Haar strich und sich aufrichtete.
Genau hier. Hier war er gestern auch gewesen. Er erkannte die Stelle wieder an der dreiteiligen Felsordnung, die aus dem staubigen Boden ragte und dem ausgedörrten Buschskelett an deren Seite.
Brendan stieg von seinem gemieteten Motorrad, sah sich noch einmal aufmerksam um. Auf keinen Fall wollte er ausgerechnet jetzt, da er sich konzentrieren mußte, gestört werden durch irgendwen, wer auch immer sich in diese Einsamkeit verirren mochte.
Doch im weiten Umkreis konnte er nichts als Halbwüste ausmachen. Sträucher und verkrüppelte Bäume, unterbrochen von einigen weit verstreuten Felsbrocken und ausgetrockneten Bachläufen. Seine einzigen Zeugen würden Wildtiere sein.
Gut.
Brendan atmete tief ein und schloß die Augen. Tief beugte er sich über das Motorrad, nahm den Geruch nach Metall, Öl und feuchtem Staub in sich auf, leicht durchzogen von heißem Gummi. Dabei konzentrierte er sich auf das Bild, das er aus seiner Erinnerung rufen wollte, begann es sich vorzustellen.
Das Hotelzimmer.
Sein Rucksack stand noch neben der Tür, ungeöffnet. Brennans Schuhe lagen auf dem Boden, auf direktem Weg zum angrenzenden Bad. Sie liebte es, ihre Zehen in weichen und dickem Teppich zu versenken.
Im Hintergrund das Hotelbett, ein Doppelbett. Sie waren Freunde, trotz dem, was einmal zwischen ihnen gewesen war. Sie würden es sich teilen in der Nacht und er dafür Sorge tragen, daß sie Rücken an Rücken schliefen ...
Brendan versank immer tiefer in seine Erinnerung, rief sich jedes einzelne Detail des Hotelzimmers wieder ins Gedächtnis. Als er endlich glaubte, das Leder des Sofabezuges riechen zu können, richtete er sich auf und öffnete die Augen.
Wüste. Die Sonne gewann immer mehr an Kraft.
Brendans Gesicht war ernst geworden. Jetzt hob er die Hände, während er sich langsam umdrehte zu den drei Felsen. Mit einer fließenden Bewegung nahm er sich seine Sonnenbrille, die er zum Schutz vor dem Fahrtwind getragen hatte, ab, und ... stand, als er sich vollständig umgedreht hatte, im Zimmer des MGM Grand, das Brennan und er vor knapp zwei Tagen bezogen hatten.
Die Klimaanlage lief, die Vorhänge vor den Fenstern waren vorgezogen.
Der Schweiß trocknete auf der Haut seiner nackten Arme, statt dessen stellten sich die feinen Haare auf und bildeten eine Gänsehaut, so perfekt war das, was er sich hier vorstellte.
Er sah sich selbst auf dem Sofa sitzen, ein Bein angezogen, das andere ausgestreckt, und Brennans Laptop auf dem Knie balancierend.
Hatte er den richtigen Moment erwischt?
Brendan trat um das Sofa herum und beugte sich über den Nacken seines Erinnerungs-Ichs.
Er war richtig!
Etwas in ihm wagte einen leisen Jubel, doch er wußte, er mußte voll konzentriert sein, um das hier aufrecht zu erhalten.
Past-Brendan hatte gerade die Benutzeroberfläche erreicht, studierte nun die verfügbaren Programme.
Zwei neue Dateien - paßwortgeschützt.
Brendan lächelte schief.
"Als hätte mich das jemals abgehalten ..."
Er kannte Brennan besser, als die jemals glauben würde. Eine Woche waren sie beide zusammen gewesen, vor fünf Jahren. Er gehörte damals noch dem NSA an als Partner von Freya. In einem Hotel waren sie sich begegnet. Brennan nahm an einer Konferenz teil, er war damals mit einem Überwachungsauftrag unterwegs gewesen.
Past-Brendan lächelte verträumt, rief das erste der beiden Programme auf und gab die erste Möglichkeit eines Paßwortes ein: FREEDOM.
Er liebte sie immer noch, und mittlerweile war er sich sicher, er würde nie aufhören, sie zu lieben. Als er sie in LA wiedersah, ihr eigentlich den Fall, an dem sie arbeitete, entziehen sollte, war es gewesen, als habe er nach Jahren sein Herz wieder gefunden.
Natürlich war es ihm unmöglich gewesen, der Polizei den Fall zu entziehen. Statt dessen hatte er bei der Aufklärung mitgeholfen und Brennan in sein Geheimnis eingeweiht - und sich den FBI-Abteilungsleiter zum Feind gemacht ...
Nein, dieses Mal war es nicht der alte Schlachtruf der Familie O'Donnell.
Past-Brendan überlegte nicht lange, sondern versuchte sich an dem nächsten Begriff: Without you.
Brennan mochte U2, sie liebte deren Musik geradezu. Wie sie sagte, war diese eine Verkörperung des neuen Irlands.
Nein, wieder nichts.
Brendan grinste, als er sich erinnerte, im gleichen Moment, in dem sein Erinnerungs-Ich ein drittes Wort versuchte - und für einen Moment öffnete sich die Datei.
Past-Brendan riß erstaunt die Augen auf. "Ich?" rief er.
"Was?" kam Brennans Stimme aus dem Bad.
Brendan hielt die Szene an, beugte sich über die Schulter seines Erinnerungs-Ichs und betrachtete konzentriert den Bildschirm.
Eine Rekonstruktion. Ein Tatort. Ein Haus. Zwei Stockwerke, zehn Räume einschließlich Treppenhaus. Zwei Ein- und Ausgänge, davon einer in einen Garten hinaus. Garten, der umschlossen war von einem zwei Meter hohen Holzzaun.
Brendan konzentrierte sich auf die Skizzen der Opfer.
Mann, Frau, zwei Kinder - typische amerikanische Durchschnittsfamilie.
Lassiter, San Francisco. Matthew, seine Frau Lynn und die beiden Töchter Cloud und Summer - mochte da jemand Wetter und Jahreszeit?
Eine Anmerkung am unteren Bildrand: Reihenfolge!
Brendan konzentrierte sich auf die Opfer.
Jedes in einem Raum. Cloud wohl in ihrem Zimmer, Summer im oberen Bad. Mutter Lynn in der Küche und Vater Matthew im Arbeitszimmer.
Wie?
Blutlachen waren angemerkt, also blutig. Aber von einer eigentlichen Todesursache war nichts zu finden.
Brendan richtete sich stirnrunzelnd auf, sah sich noch einmal im Hotelzimmer um.
Und dieses veränderte sich, während er seiner Erinnerung einige Stunden hinzufügte.
Brennans Kleidung, der gesamte Inhalt ihrer Tasche, war kreuz und quer durch das Zimmer verteilt. Der Bezug des Sofas aufgeschlitzt, der kleine Glastisch zerschmettert.
Brendan trat um die Erinnerung des umgekippten Sofas herum und hockte sich vor den Überresten des Tisches hin.
Blut an einigen der Scherben.
Er blickte hoch.
Der Plasmafernseher hing halb von der Wand gerissen und die Bildfläche deutlich eingedellt, noch an seinem Platz. Die Beule wies eigenartige Dellen auf ...
Er drehte sich um - und fand, was er gesucht hatte die ganze Zeit.
Ein kühles Lächeln legte sich auf Brendans Lippen, als er seine Erinnerung fallen ließ und sich unversehens wieder in der morgendlichen Wüste wiederfand.
Er hatte einige Anhaltspunkte - und zumindest eine Antwort ...
