"Ms. Wilsors? Hier
ist das CSI-LV. Bitte öffnen Sie die Tür." Dieser Ruf wurde
durch einen aufdringlichen, sich stetig wiederholenden Klopfrhythmus
unterlegt.
Heather hatte lange genug versucht, das ganze zu
ignorieren und somit Brendan die Chance zu geben, ihre viel zu frühen
Gäste zu empfangen. Doch da er sich nicht rührte ...
Gähnend
kroch Heather aus dem Bett heraus und schnappte sich den Bademantel,
den sie in der Nacht, als sie beide schließlich hier eingekehrt
waren, ans Fußende ihres Bettes gelegt hatte. Mit den weichen und
weiten Ärmeln kämpfend marschierte die Pathologin zur Tür ihrer
einfachen Suite (Brennan mochte sich ja auf das Spiel mit dem
männlichen Feuer einlassen, sie dagegen war älter und hoffentlich
weiser), um durch den Spion nach draußen auf den Hotelgang zu
linsen.
Zwei Männer, in Brendans Alter grob geschätzt, warteten
davor, einer ein Afroamerikaner, der andere dunkelhaarig mit einem
harten, kantigen Kinn.
"Miss Wilsors, bitte. Zwingen Sie uns
nicht, die Tür öffnen zu lassen", rief der erstere der
beiden.
Heather seufzte ergeben und legte die Kette vor
(eigenartig, hatte sie das nicht heute nacht getan?), um dann die Tür
einen Spalt weit zu öffnen. "Doktor", korrigierte sie aus
alter Gewohnheit. Aus irgendeinem Grund fiel es Männern
grundsätzlich schwer, eine Frau mit einem medizinischen Grad zu
bedenken.
Der Afroamerikaner sah sie überrascht an. "Dr.
Wilsors?" fragte er dann, dieses Mal mit deutlich gesenkter
Stimme.
Heather nickte befriedigt und zog, ganz und gar unweiblich
zu dieser frühen Stunde, die Nase geräuschvoll hoch. "Ihre
Ausweise, meine Herren", verlangte sie dann.
Die beiden
tauschten einen Blick, dann zog der Afroamerikaner einen
Polizeiausweis aus seiner Jackentasche. "Warrick Brown und NIck
Stokes vom hiesigen CSI", stellte er sich vor. "Wir würden
gern mit Detective Dean sprechen."
Heather seufzte, lehnte
sich lässig gegen den Türrahmen. "Das würde ich auch gern
..." Sie schloß die Tür soweit, daß sie die Kette lösen
konnte, um dann ihren unverhofften Gästen Einlaß zu
gewähren.
Desinteressiert wandte sie sich ab, während ihre
unverhofften Gäste den Hauptraum betraten. Statt sich weiter um die
beiden zu kümmern, marschierte sie zur rechten der drei Türen,
ballte die Hand zur Faust und schlug gegen das Holz.
"Brendan,
du hast Besuch!" rief sie über das Hämmern ihrer Faust
hinweg.
Keine Reaktion.
"Ma'am?" fragte hinter ihr
eine Stimme mit einem unüberhörbaren texanischen Akzent.
"Er
ist und bleibt ein alter Faulpelz", entschuldigte sie sich und
öffnete die Tür zum zweiten Schlafzimmer, um dieses ... leer
vorzufinden.
Heather blieb einen Moment lang wie erstarrt stehen,
um dann tief Luft zu holen und auf dem Absatz kehrt zu machen.
"Einen
Kaffee?" fragte sie, ganz vollendete Gastgeberin, die beiden
Tatortexperten.
Warrick Brown hatte sich unaufgefordert auf dem
Sofa niedergelassen, während Nick Stokes etwas deplaziert wirkend
mitten im Raum stand.
Jetzt wechselten die beiden wieder einen
Blick, ehe Stokes, er war derjenige mit dem texanischen Akzent,
sagte: "Danke, aber eigentlich sollten wir nur Detective Dean
abholen und zum Labor bringen."
Augenblicklich sprangen
sämtliche Alarmsignale in Heathers Geist an.
Brendan sollte vom
CSI abgeholt und zu deren Labor gebracht werden? Warum? Sie hatte
geglaubt, seine beiden Alibis seien absolut wasserdicht.
"Ihn
abholen? Warum?" fragte sie mißtrauisch.
Brown richtete sich
auf dem Sofa wieder auf und sah sie nachdenklich an. "Wurden Sie
nicht informiert? Detective Dean soll bei der Aufklärung des Falles
O'Donnell/Sidle helfen. Er selbst hatte die Anfrage gestellt."
Ein
Stein fiel ihr vom Herzen. Lächelnd schüttelte sie den Kopf.
"Darüber wußte ich nichts ... einmal abgesehen davon, daß
Brendan nachgefragt hat, ob er helfen könnte."
"Und wo
ist er?" erkundigte Stokes sich mit langem Hals in das leere
Schlafzimmer hinein.
DAS allerdings war eine sehr gute Frage, und
Heather hatte keine Antwort darauf. Sie wußte nur, es war nur zu
typisch für Brendan Dean, einfach bei Nacht und Nebel zu
verschwinden. Einer der Gründe, warum sie nicht der Meinung gewesen
war, er sollte ins Team aufgenommen werden.
"Er ist bald
wieder da", wich sie aus und verschränkte die Arme vor der
Brust. "Allerdings muß ich mich schon wundern, daß Sie
ausgerechnet jetzt mit der Genehmigung kommen."
Brown zuckte
mit den Schultern. "Wir sind nicht befugt ..."
"Jaja."
Heather winkte ab. "Ich mache den Job selbst lange genug, CSI
Brown. Ich weiß, daß Sie mir keine Auskunft geben dürfen."
Brown
grinste amüsiert. "Eines würde mich aber doch interessieren:
Dean hat verkündet, die kleine Ellie Brass würde beim CSI-LA
arbeiten?"
Heather nickte. "Das stimmt, und ist Brennan
O'Donnell zu verdanken. Ellie hat eine bemerkenswerte
Beobachtungsgabe."
Stokes musterte sie mit Interesse. "Aber
sie war doch auf eine ziemlich schiefe Bahn gerutscht ..."
Heather
wurde ernst. "Als eine ihrer Freundinnen an einer Überdosis
starb, brachte Ellie das wohl zur Besinnung. Es hat zwar ziemliche
Arbeit bedeutet, von Überredungskunst gar nicht zu sprechen, aber
..."
Die Zimmertür öffnete sich erneut und ein verstaubter,
spitzbübisch grinsender Brendan trat ein, einen Donutkarton unter
den Arm geklemmt, in der anderen Hand einen angebissenen
Schmalzkringel.
"Frühstück! Hey, du mußt diese
unglaublichen Donuts probie..." Er stockte, als er aufsah. Sein
Kopf bewegte sich zwischen ihr und den beiden CSIlern hin und her.
Dann beschloß er wohl, daß ihm keine Gefahr drohte, zuckte mit
den Schultern und trat an den niedrigen Couchtisch, um seine Last
loszuwerden.
"Einen Donut?" fragte er unschuldig in die
Runde. "Keine Ahnung, ob einer von euch diesen kleinen Bäcker
an der Ausfallstraße kennt. Wenn nicht, dann habt ihr bisher was
verpaßt." Herzhaft biß er in seinen Kringel. Babyrosa gefärbte
Füllung blieb an seiner Wange haften, während er kaute.
"Wo
warst du?" verlangte Heather zu wissen.
Dabei, sie wußte es
ohnehin, so wie er aussah. Er war wieder draußen in der Wüste
gewesen. Irgendetwas mußte ihn also noch beschäftigt
haben.
"Frühstück organisieren", antwortete Brendan
jetzt unschuldig und wischte sich endlich den Cremefleck von der
Wange. "Die mit der Babyfüllung mußt du unbedingt probieren.
Sowas brauchen wir in LA noch." Er strahlte sie breit an.
Beim
nächsten Fall in Hollywood sollte Brennan ihn zu Hause lassen,
entschied Heather. Brendan war noch nie ein guter Lügner gewesen,
aber diese Farce ...
Da fiel ihr etwas ein, was sie gestern
vollkommen vergessen hatte.
"Das CSI-LV möchte mit dem
CSI-LA zusammenarbeiten. Und du bist der Austauschdetective",
erklärte sie grob.
Brendans Grinsen wurde breiter. "Dann
schmeiß ich gleich mal ne Runde mit meinen neuen Kumpels. Bedient
euch, Jungs ... CSI Brown, richtig?"
Heather verschwand in
ihrem Schlafzimmer und wandte sich eilig ihrer Handtasche zu, um das
kleine Präsent für das hiesige CSI hervorzusuchen. Dabei fragte sie
sich zum wiederholten Male, wie es diesem großen Kind und Chaoten da
draußen eigentlich immer gelang, ihre Mutterinstinkte zu wecken.
Offensichtlich legte er mit seiner Art irgendwelche Schalter in ihrem
Hirn um, denn anders konnte sie sich ihr eigenes Verhalten nicht mehr
erklären.
Das gesuchte in der Hand kehrte sie einige Minuten
später wieder in den Wohnraum der Suite zurück, um kopfschüttelnd
zu lächeln.
Brendan hatte ganz offensichtlich mal wieder seinen
Charme voll aufgedreht, denn mittlerweile saß er, Brown auf der
einen und Stokes auf der anderen Seite, einträchtig auf dem Sofa und
genoß seinen nächsten gefüllten Donut.
Ein sonderbares Trio,
diese drei Männer da ihr gegenüber. Unwillkürlich fragte Heather
sich, wer der beiden anderen wohl der größere Kindskopf war.
"Habt
ihr unser Zimmer mittlerweile freigegeben?" erkundigte Brendan
sich, nachdem er den nächsten Bissen geschluckt hatte.
Aha, man
verbrüderte sich also bereits. Heather hob eine Braue. Das ging ja
ausgesprochen schnell, selbst für Brendans Verhältnisse.
"Es
ist immerhin ein Tatort", entgegnete Brown, der sich
mittlerweile auch einen Donut genommen hatte.
"Schon, aber
..." Brendan zupfte an seinem T-Shirt. "Allmählich hätte
ich gern meine Klamotten zurück. Zumal der Täter meinen Rucksack
unbeachtet gelassen hat."
Heather wurde auf der Stelle
aufmerksam. "Bist du dir da ..." Sie stockte und schüttelte
unwillig den Kopf. "Was rede ich da? Du warst wieder draußen,
um das herauszufinden, stimmts?"
Brendan zuckte unter den
fragenden Blicken seiner beiden neuen Kollegen unschuldig mit den
Schultern. "Entweder das, oder der Bestand an I LOVE
Vegas-T-Shirts in dieser Stadt wird rapide abnehmen."
"Moment!"
Stokes hob die Hand. "Wieso willst du wissen, ob deine Sachen
heil geblieben sind? Du warst doch nicht im Zimmer."
Brendan
grinste breit, überließ diese Erklärung aber lieber
Heather.
"Gentlemen, ich gratuliere Ihnen. Sie haben sich
gerade LAs Geheimwaffe gegen findige Bösewichter aufgehalst: Brendan
Dean, die menschliche Aufzeichnungsmaschine." Heather warf
Stokes den kleinen Datenstick zu, den sie mitgebracht hatte. "Das
werden Sie brauchen. Ist sozusagen Brendans Gebrauchsanweisung."
In
dessen Augen leuchtete pure Abenteuerlust. "Cool, Chris'
Programm!"
