Was sich da auf dem großen
Hauptmonitor abzeichnete, war wirklich mehr als interessant. Es war
schlicht ... eine perfekte Kopie seines Büros!
Gil mußte
zugeben, er war schlicht überwältigt.
Die Grafik war beinahe
natürlich, alles befand sich genau an seinem Platz. Wer auch immer
diese virtuelle Kopie erstellt hatte, hatte nicht einmal die
zusammengeknüllten Papiere im Papierkorb oder gar die drei
verschiedenen Stifte, die auf seinem Schreibtisch lagen
vergessen.
"Und das beste ..." hörte Gil die Stimme des
Polizisten aus LA sagen im Brustton des besten TV-Verkäufers. Und
eine Sekunde später ... drehte das Bild sich und zeigte nach einem
perfekten 180-Grad-Schwenk auf den Gang hinaus.
Gil hatte eine
Menge in seinem Leben gesehen, nützliches wie auch unnützes. Aber
diese Grafik war schlicht perfekt.
"War er schon bei dir?"
fragte Catherine verblüfft. "Oder woher hat er die ganzen
Details?"
Erst da ging Gil auf, daß sie recht hatte: Dean
war von Warrick und Nick direkt ins Videolabor gebracht worden, bei
ihm war er nicht gewesen. Und Gil erinnerte sich auch nicht an einen
früheren Besuch des Mannes. Mehr als einen flüchtigen Blick auf dem
Weg hierher durfte Dean gar nicht gehabt haben.
Aber wie ...
?
Archie, der Computer- und Videoexperte des CSI-Labors, zog einen
dieser kleinen USB-Sticks aus einem seiner Rechner und betrachtete
diesen, als habe er gerade den Heiligen Gral gefunden. "Das ist
phantastisch!" staunte der junge Asiat.
Dean, der sich über
die, zum Rechner gehörende, Tastatur gebeugt hatte und eifrig
tippte, blickte auf und grinste. "Wie gesagt, Chris entwickelt
Programme. Eigentlich würde er wohl lieber Grafiken für Spiele oder
virtuelle Umgebungen wie 'Second Life' entwickeln. Hat sich bisher
allerdings nicht ergeben. Aus seinem jüngsten Projekt baute er uns
diese virtuelle Tatortbegehung."
"Und Sie können
offenbar sehr gut damit umgehen." Gil hatte sich hinter Dean
aufgebaut, der unwillkürlich hochschreckte und herumwirbelte, als er
sprach.
Verlegen begann der kalifornische Polizist zu grinsen.
"Mr. Grissom ..."
Gil nickte und warf Archie einen
langen Blick zu. Der drehte sich daraufhin sofort wieder um und
begann seinerseits eifrig zu tippen.
"Tut mir leid, daß ich
nicht sofort zu Ihnen gekommen bin", fuhr Dean fort und fuhr mit
einem zerknirschten Lächeln seine Rechte aus. "Und danke, daß
ich jetzt doch mitarbeiten darf."
Gil sah dem Jüngeren in
die Augen, ehe er einschlug und dessen Hand schüttelte.
"Wieso
diese Spielerei?" wandte Catherine sich an ihren Neuzugang und
nickte zum Bildschirm hinauf.
Gil wurde sich endlich wieder
bewußt, daß sie hier im Labor waren und drehte sich um, um die
neugierige Meute wieder zurück auf ihre Plätze zu schicken. Doch
die hatten sich mittlerweile von selbst getrollt. Zumindest ein
bißchen Autorität schien er also doch auszustrahlen.
Deans
Lächeln wurde charmant, als er sich nun Catherine zuwandte. "Oh,
das ist unsere übliche Vorgehensweise in LA. Ich dachte, das könnte
helfen. Dean, Brendan Dean." Eifrig schüttelte er Catherine die
Hand.
"Und inwiefern soll es helfen, wenn Sie mein Büro
virtualisieren?" erkundigte Gil sich.
Dean riß die Augen
auf, begann dann zu lachen, als er einen Blick mit Warrick gewechselt
hatte.
"Brendan hat uns nur erklärt, wie sein Gedächtnis
funktioniert", erklärte der CSI-Ermittler daraufhin.
Dean
nickte. "Ich besitze ein fotografisches Gedächtnis, wie man es
umgangssprachlich nennt. Das Programm wurde an meine Bedürfnisse
angepaßt. Auf diese Weise haben wir in LA quasi zwei
Rekonstruktionsmöglichkeiten: Die Tatortfotos und ..." Er
zuckte mit den Schultern "... mich."
Gil betrachtete den
Jüngeren aufmerksam. Wollte der ihn foppen? Dieses Modell konnte
unmöglich Dean erstellt haben. Immerhin war er nicht im Büro
gewesen. So schnell arbeitete kein Gedächtnis!
"Wollen Sie
mir allen Ernstes mitteilen, daß Sie diese Rekonstruktion erstellt
haben? Aufgrund von ... ?"
"Aufgrund unseres Rundganges
durch die Labore", ließ Nick sich von der Tür her vernehmen.
"Das ist schlicht Wahnsinn, was dieser Mann sich merken kann! Du
hättest ihn mal auf der Fahrt hierher erleben müssen. Nach einer
Sekunde hat er schon zig Autonummern gespeichert!"
"Nicht
zig. Ich hab ein schlechtes Zahlengedächtnis, mehr als drei kann ich
mir nicht merken." Dieses Mal war es wieder das zerknirschte
Lächeln.
Gil blickte wieder hoch zu dem Bildschirm.
Das konnte
nicht sein! So gut war keiner, schon gar nicht in so kurzer Zeit.
Dean mußte Hilfe gehabt haben.
Gil hatte schon von vielen
ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden gehört, sie manchmal auch selbst
gesehen oder gar ausprobiert. Aber was Dean ihm hier gerade zu
schlucken geben wollte ...
"Wenn Sie ein so gutes Gedächtnis
haben", wandte Catherine ein, "warum hat der CIA Sie dann
nicht behalten?"
Dean wurde ernst. "Die NSA",
korrigierte er und schüttelte den Kopf, "und daß ich
zurückgestuft wurde lag daran, daß meine Partnerin den Dienst
quittierte. Man stufte mich als teamunfähig ein und schob mich zum
FBI ab."
"Und Ihre Partnerin? Hatte die auch eine
Fähigkeit?"
Dean schmunzelte. "Wenn ich Ihnen das
beantworte, müßte ich Sie anschließend erschießen, Ms. Willows.
Sagen wir, sie brachte mir bei, mit meiner Gabe so umzugehen, wie ich
es jetzt tue. Das Gedächtnis hatte ich tatsächlich schon
immer."
Gil betrachtete wieder die virtuelle Kopie seines
Büros. "Soll das heißen, Sie müßten einen Raum nicht einmal
betreten, um ihn dermaßen detailliert beschreiben zu können?"
Dean
musterte nun ihn, nickte dann. "Wenn Sie wüßten, was ich alles
in und mit meinem Kopf anstellen kann, Mr. Grissom, würden Sie nicht
fragen."
Gil war fasziniert. Wenn das tatsächlich stimmte,
konnte jemand wie Brendan Dean die Ermittlungsarbeit tatsächlich
beschleunigen, einfach, indem man ihn dahin brachte, wo man ihn
brauchte.
Und damit wäre dann auch Sara bestätigt, ging ihm auf,
sich an ihre Aussage erinnernd. O'Donnell mußte Dean mitgebracht
haben, weil sie sein Gedächtnis brauchte. Die Frage war, wieviel
wußte er jetzt?
Als habe Gil seine Gedanken laut ausgesprochen
wandte Dean sich wieder der Tastatur zu. "Wenn ich mich nicht
irre, gehen auch Sie mittlerweile davon aus, daß es bei den
Angriffen um etwas geht, was sowohl Ihre Miss Sidle wie auch Brennan
verbunden hat. Wenn Sie bereits weiter gedacht haben, dann werden Sie
auf den Lassiter-Fall gestoßen sein, die einzige Zusammenarbeit der
beiden. Da diese Akten aber in San Fran vor sich hinbunkern, werden
Sie nicht weiter gekommen sein. Da habe vielleicht ich eine Lösung."
Er drückte auf "Enter" und ... die Grafik von Gils Büro
verschwand, um einer anderen, sehr viel skizzenhafteren, Platz zu
machen.
"Was ist das?" fragte Catherine verblüfft.
Dean
trat nachdenklich einen Schritt zurück und faltete die Arme vor der
Brust. "Das habe ich auf Brennans verschwundenen Laptop gesehen.
Die Rekonstruktion des Tatortes und der Tathergangs im Fall Lassiter
SF."
Gil studierte die Skizze, stutzte dann. "Wieso sind
die Leichen nicht eingetragen?"
"Weil etwas mit den
Leichen nicht stimmt. Auch die durchgeführte Rekonstrukition war
falsch. Brennan hat das durchgerechnet", antwortete Dean. "Und
ich weiß nicht, WIE die Familie zu Tode gekommen ist. Aber ich weiß,
daß wir, finden wir den Mörder der Lassiters, den Täter im Fall
O'Donnell/Sidle ebenfalls gefunden haben."
