Disclaimer: DWK gehört mir nicht.
Anmerkung: So, auch mal wieder ein update für diese Story, obwohl ich eigentlich echt nicht weiß wofür, wenn es ja scheinbar kein Schwein interessiert (sorry, bin etwas gefrustet im Moment, aber vielleicht könnten mich ein paar Reviews aufheitern).
Freya sah zu wie Erik von der Mauer sprang. Es schien im egal zu sein, ob er dabei geschätzte drei Meter in die Tiefe fiel. Sie glaubte nicht einmal, dass er sich vorher über das Vorhandensein oder nicht Vorhandensein des abfedernden Laubhaufens vergewissert hatte. Wahrscheinlich waren drei Jahre auf Ragnarök aber auch einfach genug Zeit gewesen um zu wissen, dass im Herbst die Laubschicht um sie herum schon mal einen Meter hoch werden konnte. Vielleicht kümmerte es ihn aber auch überhaupt nicht, ob er sich bei seinem Sprung die Beine brach oder nicht. Warum er nicht das Tor benutzt hatte war ihr ein Rätsel; er war ihr ein Rätsel. Es war bereits Herbst und damit die Jahreszeit, in der die Silberlichten oftmals von ihrer Pampa in den Wald der Wölfe kommen würden. Die wilden Kerle hatten Ragnarök mittlerweile verlassen. Sie waren zwar anfangs begeistert gewesen von der Festung der Wölfe und der Tatsache, dass es hier keine Eltern gab, die ihnen etwas verboten. Doch ihnen war schnell langweilig geworden, als ihnen klar geworden war, dass sie jagen lernen müssten, um zu überleben und das es abgesehen mal vom trainieren und dem verteidigen ihres Reviers hier nicht viel zu tun gab. Sie waren kaum zwei Wochen nach ihrem Sieg wieder abgereist. Freya folgte Erik. Niemand sollte alleine raus gehen, erst recht nicht Erik. Er hatte so ein Händchen dafür Ärgern anzuziehen. Erik suchte einen Ort auf, den Freya sehr gut kannte. Es war die Grenze des Nebels. Freya hatte keine Ahnung, was er hoffte zu erreichen, wenn er hierher ging. Sicherlich wartete er nicht auf die Silberlichten. Harrte er etwa des Tages, an dem Jaromir aus dem Nebel auftauchen würde und wieder den Wölfen beitrat? Wohl kaum, dafür war einfach zu viel passiert und damit meinte sie nicht nur die Sache mit Horizon.
„Was tust du hier, Freya?"
Erschrocken darüber entdeckt worden zu sein, machte sie keinen Mucks. Wie ein schutzloses Rehkitz, das sich ganz still verhielt, in der Hoffnung, der Wolf würde es nicht bemerken und vorüberziehen.
„Ich weiß, dass du da bist also komm raus."
Langsam kletterte sie von ihrem Versteckt auf dem Ast eines Baumes herunter und trat hinter ihn. Sie bemerkte wie er sich versteifte und stellte sich schnell neben ihn. Erik hasste es, wenn jemand hinter ihm war, in einer Position, in der er die Person nicht einschätzen konnte. Horizon schlich ständig um Leute herum und flüsterte ihnen gerne von hinten ins Ohr.
„Warum bist du hier?"
Er sah sie nicht an. Seine Augen blieben auf den Nebel fixiert, als gäbe er ihm all die Antwort nach denen er suchte. Seine Unbeeindrucktheit machte sie wütend. Nichts schien ihn aus der Fassung zu bringen. Er war nie nervös, nie aufgebracht, nie fröhlich und nie traurig.
„Das gleiche könnte ich dich fragen."
Er schwieg.
„Wartest du auf Jaromir?"
„Er hat seine Entscheidung getroffen."
Das machte Freya rasend. Jaromir war sein Bruder, verdammt noch mal! Er war derjenige um den Erik sich sorgen sollte, auf den er bis zuletzt bauen sollte. Erik spürte Freyas Zorn. Freya war mit Jaromir zusammen gewesen und sie liebte ihn auch jetzt noch wo er ein Verräter war. Wenn er nun zurückkäme, wenn er aus dem Nebel auftauchen würde, sie empfinge in mit offenen Armen. Vergeben und vergessen. Aber das konnte Erik nicht; niemals.
„Dann wartest du auf Horizon? Dass sie dich holt und mit in ihr Netz der Intrigen spinnt? Glaubst du im Ernst, dass sie sich jemals für dich interessiert hat, jemals interessieren wird? Kapier es doch endlich! Sie ist Geschichte! Sie hat dir das Kreuz auf die Brust tätowiert, schon vergessen?"
„Nein, ich habe es nicht vergessen. Und Nein, ich warte auch nicht auf sie.", erwiderte er ruhig obwohl es in ihm brodelte.
„Was tust du dann hier? Warum zieht es dich wieder und wieder an diesen Ort?", fragte sie hilflos.
„Nichts."
Er drehte sich um und ging an ihr vorbei.
„Warte!", befahl sie und wusste nicht einmal wirklich warum sie wollte, dass er stehen blieb. „Schert dich dein eigener Bruder wirklich so wenig? Du bist verachtungswürdig."
„Vielleicht, aber sei dir eines bewusst; Freya, Horizon war es nicht, die mir das Kreuz auf die Brust tätowierte."
Damit verschwand er in den Schatten der Bäume. Freya ließ sich gegen eine Eiche sinken. Horizon war nicht diejenige, die ihm das angetan hatte? Jaromir? Nein, das konnte nicht sein, Jaromir hatte seinen Bruder geliebt. Andererseits war er schon immer leicht zu manipulieren gewesen und ein Drückeberger.
Flashback
Freya klingelte an Samuels Haustür. Er öffnete und sie erkannte sofort, dass er schlechte Laune hatte. Grimmig blickte er sie an.
„Hey."
Er seufzte gereizt und schob die Tür weiter auf um sie hereinzulassen. Dann kehrte er an den Herd zurück, wo auf einer sorgsam kontrollierten Gasflamme einige Kartoffeln kochten. Er drehte die Stärke runter und setzte sich auf die abgewetzte Couch. Freya hockte sich zu ihm.
„Was ist los? Probleme mit deiner Mutter?", fragte sie bedeutungsvoll.
Samuel seufzte, beugte sich vor und fuhr sich mit einer Hand durch die wirren Haare. Freya bemerkte, dass er tiefe Augenringe hatte.
„Das übliche."
„Sam, es ist offensichtlich nicht das übliche, das übliche macht dich nämlich nicht so fertig."
„Jaromir ist weg."
Sie starrte ihn ungläubig an.
„Was hast du gesagt?"
Samuel stand wieder auf, manövrierte den Topf Kartoffeln von der Flamme und schüttete sie in eine Schüssel. Dann ging er in Janas Zimmer um seine kleine Schwester zum essen zu holen. Freya folgte ihm und lehnte sich an den Türrahmen.
„Ignorier mich nicht, Sam.", drohte sie verärgert.
Sie war einer der wenigen Menschen, die ihn bei seinem richtigen Namen kannten. Unter fremden war er einfach nur Erik. Erik, der seit er elf war als inoffizieller Bote alles möglich vom Sender zum Empfänger transportierte, um für sein mangelndes Taschengeld wettzumachen. Dabei kam ihm seine fast schon übermenschliche Agilität mit der er im Stile von Freestyle Runnern durch die Straßen und über die Dächer hetzte zu gute. Erik, der mit dem gelogenen Alter von 19 in einer Bar an der Kastanienallee arbeitete, seit er zwölf war um das finanzielle Durchkommen seiner zerrütteten Familie wenigstens halbwegs garantieren zu können. Erik war seine zweite Identität. Ein Schutzschild gegen die vielen Sozialarbeiter, die immer wieder in seiner Kneipe auftauchten und ihn mit Fragen zu seinem Alter quälten. Bei seinen Freunden, also Freya und ihrem großen Bruder Run, seiner Mutter wenn sie ausnahmsweise mal gut auf ihn zu sprechen war und auch bei seiner Schwester Jana war er Sam. Für seine Lehrer und für seine Mutter in schlecht gelauntem Zustand war er Samuel. Samuel war der uneheliche und ungewollte Sohn von Sarah Müller und ihrem damaligen Freund, der Reißaus genommen hatte, als Samuel gerade mal fünf war. Samuel war derjenige, der sich anstelle von Sarah, wenn sie abends besoffen nach Hause kam, und Jan kümmerte und, während er seine Mutter Bett fertig machte ihre Gefühlsausbrüche zu Gemüte führen musste. Sam hatte einst in Englisch einen Aufsatz geschrieben, dessen Thema sich Freya nun nicht mehr wirklich entsann, an was sie sich jedoch noch erinnerte war der Satz: „She was broken and left me to pick up the pieces." Ein Satz den seine damalige Englischlehrerin vollkommen überrascht hatte. Etwas Derartiges hatte sie definitiv nicht von einem minder qualifizierten Hauptschüler aus labilen Familienverhältnissen erwartet.
„Du hast mich gehört, also was hat es für einen Sinn dir dasselbe noch mal zu sagen?", erwiderte er kühl, während er Jana hochhob und sie im Wohnzimmer auf einen Stuhl setzte.
„Jaro ist heute Morgen ganz früh aufgestanden, Sam hat ihn gefragt, wo er hin will und Jaro hat gesagt, er geht weg. Danach war Sam ganz wütend.", erklärte Jana.
Manchmal wusste Freya nicht, wie viel die sechsjährige eigentlich schon von ihrer Umwelt verstand. Freya war wie vom Donner gerührt, als ihr erstmals klar wurde, was das bedeutete.
„Aber, er kommt doch sicher wieder zurück?", fragte sie geschockt.
Erik schnaubte und schüttelte sacht den Kopf. Ob als Antwort auf ihre Frage oder aus stiller Verzweiflung konnte Freya nicht erkennen.
„Jaromir würde euch nicht einfach so im Stich lassen, er kommt ganz sicher bald wieder zurück, schließlich seit ihr seine Familie.", behauptete Freya nach einigen Augenblicken des Schweigens fest.
Doch Jaromir kam nicht zurück. Er erschien weiterhin regelmäßig zum Training der Wölfe. Dort verhielt er sich wie als sei nichts passiert. Als hätte er nicht seinen jüngeren Bruder mit einer Alkoholabhängigen Mutter und einer kleinen Schwester alleine gelassen. Wenn sie ihn darauf ansprach, verwies er sie lediglich auf Samuel oder dass er nicht davon reden wollte. Samuel schwieg sich gegenüber seinem Bruder aus. Sagte kaum ein Wort in dessen Gegenwart, vermutlich, weil dies unweigerlich zu einem gewaltigen Gefühlsausbruch geführt hätte und er so schon fertig genug war. Manchmal besuchte Jaromir sein altes Zuhause. Dann wurde er von seiner Mutter mit offenen Armen empfangen. Meist öffnete ihm jedoch nur Samuel mit tiefen Augenringen und in diesem Fall würde er ihnen ein wenig Geld auf den Tisch legen, welches Samuel ihm wortlos wieder in die Hand drücken würde und ihn vor die Tür setzte. Doch selbst wenn Sarah da war, so blieb er trotzdem nie lange um Janas bohrenden Fragen und Eriks Stummheit zu entgehen.
Flashback Ende
Nachdenklich machte Freya sich auf den Rückweg.
