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Leider hatte Amelin mit ihrer Vermutung recht gehabt – die kommenden Wochen waren in der Tat wenig erfreulich.
Alle Lehrer waren recht angespannt, die Schüler verunsichert und eingeschüchtert.
Und schon bevor er überhaupt in Hogwarts angekommen war, hatte Harry Potter die erste Bekanntschaft mit einem Dementor gemacht.
Im Hogwarts-Express, in dem sich Remus befunden hatte, um im Zweifelsfall eingreifen zu können – was er auch prompt hatte tun müssen.
Sein Patronuszauber hatte den Dementor vertrieben, der im Abteil von Harry, Ron und Hermine aufgetaucht war.
Der Patronuszauber war es auch, den alle Lehrer und die älteren Schüler, die bisher damit in Berührung gekommen waren, ständig im Hinterkopf hatten, seit die Dementoren sich auf dem Schulgelände aufhielten.
Remus hatte zusammen mit Dumbledore entschieden, Harry Einzelunterricht zu erteilen, damit er den Patronuszauber lernen konnte.
Es war zweifellos nötig, da Harry, sollte Sirius Black ihn tatsächlich aufsuchen, sofort im Fokus der Wächter von Askaban stehen würde.
Amelin war der Meinung, daß es auch nicht hätte schaden können, Hermine Granger und Ron Weasley darin zu unterrichten, da sie fast ständig mit Harry zusammen waren.
Vielleicht hätte dann jedoch auch die Gefahr bestanden, daß sich Harry eventuell zu sehr auf seine Freunde verlassen hätte – gerade Hermine war eine überdurchschnittlich begabte Hexe.
So konzentrierte sich Remus auf Harry, und seinen Aussagen zufolge lief das Training gut – immerhin etwas Positives.
Und dann, eines Morgens, kam die Hiobsbotschaft – die, auf die alle nervös gewartet hatten, per „Tagesprophet":
Sirius Black war in der Nähe von Hogsmeade gesehen worden.
Amelin mußte bis zum Nachmittag warten, bis nach ihrem letzten Unterricht für heute und den Rest der Woche – es war ein Freitag - , um Remus aufsuchen zu können.
Er hatte heute keinen Unterricht gehabt und war auch nicht zu den Mahlzeiten erschienen.
Sie wußte, daß dies wieder die allmonatliche Zeit war, in dem es ihm oft nicht gut ging... ein denkbar schlechter Zeitpunkt.
Sie hoffte inständig, ihn in seinen Räumen anzutreffen... hoffte, daß er nicht auf die Idee gekommen war, sich eigenhändig auf die Suche nach Sirius zu machen.
Was wohl in ihm vorgegangen war, als er den Artikel im „Tagespropheten", direkt auf dem Titelblatt, gesehen hatte?
Remus war nicht da.
Amelins Befürchtungen wurden unangenehm realistisch, und sie beschloß, Dumbledore aufzusuchen.
Auf dem Weg aus dem leeren Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste stieß sie plötzlich, kurz vor der Tür, mit dem Fuß gegen etwas.
Sie stutzte und bückte sich, griff nach dem Gegenstand.
Es war eine Phiole.
Und sie war zerbrochen.
Eine schreckliche Ahnung erfaßte sie... oh, nein... laß es jetzt bitte nicht das sein, was ich vermute...
Sie schnupperte vorsichtig daran – und schloß entsetzt die Augen.
Auch das noch.
Sie richtete sich hastig auf und eilte zu den Kerkern.
Severus Snape war, wie alle, heute noch angespannter und gereizter als in den letzten Wochen, und die Schüler der 6. Klasse von Hufflepuff und Ravenclaw hatten wahrlich keinen angenehmen Unterricht.
Gerade begannen sie mit dem Zusammensuchen der Zutaten für den komplizierten Glückskleetrank, als Amelin hereinplatzte.
Snape fuhr mit bereits blitzenden Augen herum, um den unverschämten Schüler anzublaffen, der es wagte, so hereinzustürmen, als er Amelin auf sich zueilen sah.
Sie versuchte offenbar, einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren, aber ihre Augen sahen sehr beunruhigt aus, und Severus Snape kannte seine ehemalige Schülerin recht gut.
Er verschränkte seine Arme hinter seinem Rücken und fragte kühl:
„Professor Wrenga... haben Sie als frischgebackene Lehrkraft bereits das Anklopfen verlernt?"
Er sah sie ruhig an.
Sie verschwendete keine Zeit damit, darauf zu antworten, sondern sagte, als sie dicht vor ihm stand und zu ihm aufsah, leise und eindringlich:
„Ich muß Sie sprechen, Sir – sofort! ... bitte, Professor", fügte sie nach einem Stirnrunzeln ihres früheren Lehrers hinzu.
Auch, wenn sie jetzt Kollegen waren, war er für sie nach wie vor Professor Snape, nicht Severus.
Ihr war klar, daß die Schüler sie möglichst unauffällig, aber sehr interessiert beobachteten.
Snape zögerte kurz, warf dann vorsichtshalber noch einen furchteinflößenden Blick auf die Klasse und verschwand mit Amelin in seinem Büro.
Dort trat er nahe vor sie, seine schwarzen Augen funkelten, als er fragte:
„ Nun, Professor Wrenga... was kann ich denn für Sie tun?"
Der Subtext lautete ganz klar:
Wehe dir, wenn es nicht äußerst wichtig ist...
Sie atmete tief durch und sagte dann:
„Professor Lupin ist nicht aufzufinden.
Das ist gerade sehr... ungünstig."
Snape zog die Augenbrauen leicht zusammen.
„Und was hat das mit mir zu tun?"
Anstatt zu antworten, zog Amelin die Phiole aus ihrer Tasche und hob sie hoch.
„Die habe ich beim Verlassen seiner Räume auf dem Boden gefunden.
Meine Vermutung ist... er hat den Raum in höchster Eile verlassen, und das hier... ist ihm aus der Tasche gefallen... ohne, daß er es bemerkt hat", sagte sie.
Snape nahm das Fläschchen in die Hand.
Er mußte nicht daran riechen um zu wissen, um was es sich handelte... schließlich hatte er den Trank selbst gebraut.
Er sah Amelin durchdringend an.
Sie sagte ernst:
„Ich bezweifle sehr stark, daß Professor Lupin das bewußt hätte liegen lassen.
Aber falls er den ganzen Tag unterwegs ist... und erst heute abend bemerkt, daß ihm... etwas Wichtiges fehlt...", sie verstummte kurz, fuhr dann leiser fort: „... zu dieser Jahreszeit wird es leider sehr schnell dunkel.
Wir haben wohl nicht mehr als ein paar Stunden."
Sie sah ihn an, er schwieg; sagte schließlich sachlich:
„Sie wissen es also."
Amelin nickte.
Es war unmöglich, einzuschätzen, was er dachte.
Dann sagte er:
„Unglücklicherweise, Amelin...", sie zuckte leicht, denn er nannte sie sehr selten beim Vornamen, „...habe ich keinen Vorrat dieses Trankes... und keine Zeit, einen neuen zu brauen.
Ich habe Unterricht, wie Ihnen nicht entgangen sein dürfte."
Sie zögerte nervös, sagte dann vorsichtig:
„Sie müssen ihn auch nicht brauen... ich kann das tun."
Er hob die Augenbrauen, erwiderte:
„Mir ist bekannt, was Sie können... trotzdem dürfte es doppelt so lange dauern wie bei mir, da ich im Brauen des Trankes viel Übung besitze.
Allein die Anleitung umfaßt 16 Rollen Perga..." – doch sie fiel ihm hastig ins Wort.
„Ich brauche die Anleitung nicht."
Er sah sie ungläubig an, und sie fuhr leicht nervös fort:
„Ich mache das nicht zum ersten Mal... oder zum zweiten.
Glauben Sie mir, als ich ihn zum ersten Mal gebraut habe... hat er sich mir ganz fest eingeprägt."
Seine Augen flackerten, ansonsten war ihr ehemaliger Professor reglos.
Was ging bloß immer hinter diesen rätselhaften Augen vor...
Er gab ihr die Phiole.
„Dann fangen Sie an.
Sie wissen ja dann wohl... was davon anhängen könnte."
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um, ging aus seinem Büro und schloß die Tür.
Sie atmete tief durch, stand nun alleine in Professor Snapes Büro... und dann begann sie hektisch, die Zutaten zusammenzusuchen.
Es blieb wirklich nicht allzuviel Zeit.
*
Nach dem Ende des Unterrichts ging Severus Snape sofort in sein Büro, wo seine ehemalige Schülerin hochkonzentriert den Zaubertrank braute.
Er betrachtete sie, wie sie, völlig vertieft und mit schlafwandlerischer Sicherheit, ohne einen einzigen überflüssigen Handgriff, das Serum zubereitete.
Er trat lautlos hinter sie, und seine Blicke wanderten automatisch über ihre linke Halsbeuge, ihren Nacken und ihr glänzend rotes Haar, das über ihre rechte Schulter nach vorne fiel.
Ihre Haut... so zart, porzellanhaft, wie Milch...
Für einen kurzen Moment tauchte ein Bild vor seinem inneren Auge auf, das er bewußt ganz weit zurückgedrängt hatte... ein 16-jähriges Mädchen, eine Schülerin, die nachts im Bad der Vertrauensschüler ein Ritual anwandte... der duftendes, glitzerndes Wasser und Öl über die bloße Haut perlte... so sinnlich...
Und dann das andere Bild, noch schwerer zu ertragen... das Gefühl ihrer Berührung, der kurze, aber erschreckend intensive Moment, in dem seine selbstauferlegte Beherrschung und Zurückhaltung ihr gegenüber ihn kurzzeitig völlig im Stich gelassen hatte...als er sie plötzlich in seinen Armen gehalten, die Wärme und die Konturen ihres Körpers an seinem gespürt hatte... zugelassen hatte, daß sie ihn küßte... mehr noch : wie er es leidenschaftlich, voller Verlangen, erwidert hatte.
Severus schloß die Augen, spürte für einen Augenblick wieder ihren Atem, ihre weichen Lippen, die sanften Berührungen ihrer Finger an seinen Nacken, seinen Armen, seiner Brust... und das Streicheln ihrer Zunge an seiner, ihr Geschmack, den er für immer in sich aufgenommen hatte, ihr Duft... so unendlich lieblich...
Er zwang sich, sich von dieser bittersüßen Erinnerung loszureißen, die sich ihm hin und wieder aufdrängte.
Er hätte diese beiden Erinnerungen an sie all die letzten Jahre gerne aus seinem Kopf gelöst, sich davon befreit... hätte er nicht Angst vor seiner eigenen Schwäche gehabt, Angst, er könne dem Verlangen nachgeben, sie ins Denkarium zu gießen, um sie noch einmal zu erleben.
In den Jahren ihrer Abwesenheit hatte er diesen Drang so oft bekämpfen müssen – und auch dieses Mal würde Severus Snape stärker sein als sein Verlangen.
Er öffnete die Augen, zwang sich, keinen weiteren Blick auf ihren Nacken zu werfen und sagte leise und ruhig:
„Wie ich sehe, haben Sie tatsächlich einige Übung im Brauen dieses speziellen Trankes."
Sie zuckte erschrocken, drehte sich schnell zu ihm – sie hatte ihn jetzt erst bemerkt.
Da er, wie er nun feststellen mußte, viel zu dicht hinter sie getreten war, blickte er aus direktester Nähe hinab in ihre großen, bronzenen Rehaugen – und fühlte einen kurzen Stich in der Magengegend.
Er durfte jetzt bloß nicht daran denken, wie sie ihn aus diesen warmen Augen angesehen hatte, als er sie damals recht ungerührt und kalt – nach außen hin – abgewiesen hatte.
Wie verletzt ihre Augen ihn angesehen hatten... ein Blick, den er niemals würde vergessen können, solange er lebte.
Wenn sie doch nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, wie es ihn innerlich fast zerrissen hatte, sie bewußt zu verletzen und dabei auch noch völlig gegen sein eigenes Verlangen zu handeln... aber er mußte es.
Jetzt sagte sie:
„Ja.. ich brauche auch nicht mehr lange."
Er nickte, ging zu seinem Schreibtisch.
Er stand mit dem Rücken zu ihr, als er fragte:
„Wenn die Frage erlaubt ist... besteht zwischen Ihrer Kenntnis, was diesen Trank betrifft, und dem Kollegen Lupin eventuell irgendein... Zusammenhang?"
Er drehte sich um und sah sie an, an den Tisch gelehnt, mit verschränkten Armen.
Sie zögerte, sagte dann leise:
„Ja..."
Er sah sie weiter an, schweigend... und sie fuhr fort:
„Nach meinem Abschluß bin ich doch eine Weile in Osteuropa gewesen... und dort bin ich ihm zufällig begegnet... und habe von seinem... Zustand erfahren."
Seine Augen flackerten leicht, als er erwiderte, ebenso leise:
„Davon haben Sie in Ihren Briefen gar nichts erwähnt."
Sie spürte eine leichte Hitze in ihrem Gesicht aufkommen, als er es sagte, und mit zarter Stimme, fast schüchtern, sagte sie:
„Ich hätte nicht gedacht, daß Sie sie... überhaupt gelesen haben... Sir."
Es versetzte ihm einen erneuten Stich.
Leise sagte er:
„Natürlich habe ich das."
Schweigend wandte sie sich wieder ihrem Kessel zu, sah auf die Uhr.
Snape trat langsam näher zu ihr, sah prüfend in den Kessel.
Dann fragte er:
„Als Sie Lupin dort getroffen haben... waren Sie da zu irgendeinem Zeitpunkt in direkter... Gefahr?"
Sie schluckte, leicht nervös, beschloß dann, daß es keinen Sinn ergab, zu lügen.
Und er würde es ohnehin merken.
„Ja...", flüsterte sie.
„So... könnte man es sagen."
Sie sah, wie seine dunklen Augenbrauen sich zusammenzogen und fügte rasch hinzu:
„Aber wie Sie sehen können, ist mir nichts passiert... und ich habe dadurch gelernt, das Schutzserum zu brauen..."
– „Hat er Sie... verletzt?" fragte Snape mit funkelnden Augen.
Sie war leicht verunsichert, als sie etwas in seinem Blick sah, das stark nach Beschützerinstinkt aussah.
Sie erwiderte zögerlich:
„Nichts... Dramatisches.
Und Sie wissen doch, daß Professor Lupin keine Schuld an seinem Zustand trägt..."
Snapes tiefschwarze Augen flackerten leicht, als er mit einem gefährlichen Unterton raunte:
„So..."
Als er ihren etwas eingeschüchterten Blick sah, entspannten sich seine Gesichtszüge, sein Blick wurde sanfter.
Er fragte:
„Wie haben Sie es denn überhaupt geschafft, ihn in Schach zu halten... wenn ich fragen darf?"
Sie sagte, ihn offen ansehend:
„Ketten."
Er zog seine Brauen in schwindelerregende Höhen und fragte:
„Wie bitte?"
Sie wiederholte:
„Ketten... es ist mir gelungen, ihn in Ketten zu legen... bis ich den Trank gebraut, ihn ihm eingeflößt hatte und die Gefahr vorüber war."
Er starrte sie an, räusperte sich dann kurz und wiederholte dann, wie um sicher zu gehen, daß er nicht an einem plötzlichen Ohrenleiden litt:
„Sie haben Professor Lupin... Ihren ehemaligen Lehrer... in Ketten gelegt?"
Etwas sehr Merkwürdiges schien in seinem Gesicht vorzugehen... und seine Mundwinkel.... war er etwa... amüsiert?!
Tatsächlich fand Severus Snape die Vorstellung, daß sein scheuer, sanfter Kollege sich von einer Ex- Schülerin anketten ließ, unglaublich belustigend.
Ihm wurde klar, daß sie ihn höchst verwirrt ansah und jetzt fragte:
„Professor Snape... finden Sie das etwa... witzig?"
Ihr fast schockierter Gesichtsausdruck und Tonfall waren hinreißend.
Er riß sich zusammen, sagte dann so neutral er konnte:
„Nun ja.. ich muß zugeben... daß ich derartige... Vorlieben... bei Professor Lupin nicht unbedingt vermutet hätte."
Seine Augen funkelten in unterdrückter Belustigung.
Sie starrte den Professor, der ihr direkt in die Augen sah, weiter an, faßte sich dann und sagte mit hochgezogener Augenbraue:
„Und ich muß gestehen... daß ich jegliche Form von Humor – besonders dieser Art von Humor – bei Ihnen ebensowenig vermutet hätte... Sir."
Und jetzt passierte tatsächlich ein kleines Wunder: er lächelte!
Und zwar nicht spöttisch oder bösartig, sondern ehrlich amüsiert.
Das Zwinkern, das in seine sonst so kalten Augen trat, ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Behalten Sie es lieber für sich", sagte er mit seiner dunklen, klangvollen Stimme.
Sie erwiderte, vollkommen fasziniert:
„Haben Sie etwa Angst um Ihren Ruf... Professor Snape?"
Sein leichtes, unwiderstehliches Lächeln blieb, als er trocken antwortete:
„Nein... ich habe Angst um Ihren Ruf, Professor Wrenga.
Wenn Sie das jemandem erzählen... nimmt Sie keiner mehr ernst."
Sie meinte, ein leichtes Zwinkern zu sehen, bevor er zu seinem Schreibtisch ging und den Rest der Zeit, den sie für den Trank brauchte, schweigend mit dem Korrigieren von Schülerarbeiten verbrachte.
Schließlich war sie fertig, und er kam zu ihr, half ihr beim Befüllen der Phiolen.
„Nehmen Sie die Hälfte in Ihren Gewahrsam... den Rest behalte ich hier", sagte er.
Als er ihren erstaunten Blick sah, fügte er hinzu: „Ich glaube, daß sie bei Ihnen gut aufgehoben sind, Amelin."
Sie hatte ein bißchen Angst, zu erröten wegen dieses Vertrauensbeweises von einem Mann, für den „Vertrauen" ein Fremdwort zu sein schien, vom unnahbarsten und verschlossensten Menschen, der ihr je begegnet war.
Lucius Malfoy war ein offenes Buch im Vergleich zu ihm... und das wollte etwas heißen.
Allerdings, das hatte ihr ihr Gefühl von der ersten Sekunde an klar gesagt, weit weniger vertrauenswürdig als Severus Snape.
Und das, obwohl sie und Lucius sich in der Vergangenheit kaum hätten näher kommen können...
Das Vertrauen, daß Severus seiner Ex-Schülerin entgegenbrachte, hatte einige Gründe; zum Teil war es eine Art Stolz, den er verspürte, seit sie ihm von der Begegnung der unangenehmen Art mit Remus Lupin erzählt hatte – er war stolz, daß die einzige Lieblingsschülerin, die er je gehabt hatte, in einer lebensgefährlichen Situation offenbar Nerven und Verstand bewahrt hatte und ihr Talent genutzt hatte.
Außerdem fühlte er eine Art Verbundenheit, von der sie nichts wissen konnte, weil sie sich in der gleichen Situation befunden hatte wie er vor langer Zeit... er wußte ganz genau, wie sie sich gefühlt haben mußte, welche Ängste sie ausgestanden haben mußte.
Und die Tatsache, daß sie ihm das überhaupt erzählt hatte... nicht beschlossen hatte, zu schweigen oder zu lügen... es rührte ihn mehr, als es sollte.
„Wir müssen uns jetzt schleunigst auf den Weg machen... und hoffen, daß einer von uns ihn findet... oder er selbst merkt, was ihm fehlt, bevor..."
Er beendete den Satz nicht.
Die Sorge war in ihre Augen zurückgekehrt; sie nickte, leicht blaß.
Als sich ihre Wege trennten, sagte er leise:
„Seien Sie bitte sehr vorsichtig, Amelin... keine Heldenaktionen.
Wir brauchen Sie noch."
Das war wohl das Liebevollste, daß Severus Snape je zu ihr gesagt hatte... und es berührte sie.
Sie nickte und sagte ebenso leise:
„Das Gleiche kann ich von Ihnen behaupten, Professor Snape."
Er zögerte nur kurz, sagte dann, ruhig und dunkel:
„Severus reicht."
Er sah ihr in die Augen, nickte ihr noch einmal kurz zu – und verschwand.
Ein warmes Gefühl lag in ihrer Brust... doch dann riß sie sich zusammen.
Remus brauchte ihre Hilfe.
Sie eilte in ein leeres Klassenzimmer, konzentrierte sich... die Luft um sie herum wirbelte auf, schneller, höher, ein silbriges Schimmern... und ein Falke in funkelndem, schneeweißem Federkleid, durchsetzt von feinsten kupfernen, bronzenen und goldenen Federn, mit einem kupfernen Schnabel und glänzenden, bronzenen Augen rauschte elegant und anmutig durch das hohe, offene Fenster hinaus, über die Felder und Bäume hinweg, in Richtung Hogsmeade.
***
