Interlude 1 – In der Höhle des Löwen, ein Prosit auf die Toten

Irgendwo in einem abgedunkelten Raum öffnete sich eine Tür und ein Mann mit dunklem Teint, Mitte 40 trat hindurch. Er steuerte zielgerichtet eine Sitzgruppe von mehreren schweren großen braunen Ledersesseln um einen Glastisch an.

Auf dem Weg dorthin schlüpfte er aus seinem dunkelgrauen Jackett und legte es über einen nahestehenden Stuhl.

Schwer ließ er sich in das weiche Leder sinken und schloss kurz die Augen.

Welch ein Segen!

Mit der rechten Hand, an der sich ein auffällig großer goldener Ring prangte, fuhr er sich durch die dunklen, an den Schläfen leicht angegrauten und – wie immer – perfekt gegelten Haare.

Die letzten Tage und besonders die letzten Stunden waren besonders stressig und nervenaufreibend gewesen und es tat nun gut, endlich etwas zur Ruhe kommen zu können.

Überglücklich diese Angelegenheit aus der Welt geschafft und das Gröbste überstanden zu haben. Nun hatte er zumindest ein, zwei Probleme aus der Welt geschafft.

Es sollte nichts schiefgelaufen sein. Viel lieber hätte er ja jemanden damit beauftragt, aber es musste schnell gehen und er hatte nicht genug Zeit gehabt, um die notwendigen Vorbereitungen treffen zu können, diese lästige Aufgabe einem Andern übertragen zu können. Auch konnte er mit diesem Auftrag nicht jedem trauen, wenn er mal diese impertinente, lästige Erpressung vollständig außer Acht ließ, war der Manager in seinem Geschäft so und so etwas zu mächtig geworden und hatte sich einen zu großen Kreis von Anhänger geschaffen. Diese Unverschämtheit war wohl letztendlich nur der Auslöser für das Unvermeidliche gewesen.

Schon seit längerer Zeit hatte er den Verdacht gehegt, dass der Manager zu sehr in die eigene Tasche wirtschaftete und dabei war, sich einen eigenen Namen in der Unterwelt zu machen.

Er hatte nichts gegen ein gewisses Maß an Eigenarbeit und Egoismus, aber wenn das auf Kosten der Loyalität beruhte, dann riss auch ihm der Geduldsfaden.

Alleine deshalb schon musste er aus dem Weg geräumt werden.

Leider war es bei weitem nicht so einfach mit ihm in Kontakt zu treten – ein weiteres Indiz für dessen Untreue – und er konnte deshalb nicht jeden X-beliebigen schicken.

Da sich diese Ratte hinter seiner Fassade im Hinterzimmer verkrochen hatte und begann sich genau zu überlegen, wen er zu sich lassen sollte und sich somit Privilegien herausnahm, die ihm nicht zustanden.

Der Kerl hat jeden meiner Männer zu empfangen!

In dieser Welt hieß es weitestgehend anonym zu sein bei denjenigen, die man delegierte. Solange man keine Verbindung nachweisen konnte, gab es keine Gefahr und keinen Grund zur Beunruhigung. Verdächtigungen waren nichts, weswegen er sich in seiner Position Gedanken machen musste.

Er selbst war zu gut, als dass ihm von irgendwoher Gefahr drohte und er war bei seinen Leuten beliebt und vorsichtig genug, dass er sich normalerweise keine Sorgen machte.

Noch einmal öffnete sich die Tür und holte ihn so aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurück.

Seine Haushälterin trat, gefolgt von seiner rechten Hand, ein.

„Danke, bringen sie Vincent und mir bitte je einen Scotch.

Und du setzt dich."

Beide nickten und die Haushälterin verschwand im Nebenzimmer, um ihnen die gewünschten Getränke zu besorgen.

Als sich der erstaunlich junge Mann ihm gegenüber in den Sessel hatte fallen lassen, lockerte sich sein Chef die Krawatte und schlug die Beine übereinander.

„Setze dich bitte so schnell wie möglich mit unserer Kontaktperson bei der Polizei in Verbindung, ich möchte kein Risiko eingehen. Ich denke nicht, dass sie etwas haben, aber es wäre ärgerlich nicht auf etwaige Eventualitäten vorbereitet zu sein. Es ist besser, wenn wir das ein wenig unauffällig im Auge behalten würden."

Die Haushälterin kehrte zurück und brachte ein Tablett mit zwei gefüllten Gläsern und eine mit dunkler Flüssigkeit gefüllten Glaskaraffe ebenso wie ein Eimerchen Eis herein.

Der Chef ließ Vincent die erste Wahl und nahm sich das übriggebliebene Glas. Ihm sollte niemand vorwerfen, es wolle seine Gäste vorsätzlich vergiften.

„Haben wir noch irgendetwas vergessen und was gibt es sonst Neues? Seit der Erpressung hatte ich kaum Zeit mich um die anderen Geschäfte zu kümmern."

Der blonde junge Mann im hellen Anzug schüttelte den Kopf:

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir an etwas nicht gedacht haben sollten. Leider standen wir ziemlich unter Zeitdruck, aber es sollte trotzdem alles glatt gelaufen sein.

Aber ich werde unseren Mann dort schnellst möglich kontaktieren.

Ansonsten haben wir aus dem Stoff des neuen Lieferanten eine neue Marke entwickelt die den Namen ‚ XTC 4L' trägt, es wird ein Löwe über einer 4 eingeprägt und wir werden diesen in den nächsten Tagen in drei verschiedenen Diskotheken über die nächsten Wochen hinweg ausprobieren. Bei den wenigen einzelnen Testpersonen war die Reaktion durchaus positiv.

Mit dem neuen Produkt könnten wir wohlmöglich auch noch neue Kunden gewinnen, wenn man der Einschätzung unseres ‚Experten' Glauben schenken kann."

Daraufhin lachten beide Herren herzhaft.

„Ich weiß ja nicht, wo er immer diese neuen Ideen herhat, aber solange sie mir Geld bringen ist mir das herzlich egal. Er kann mit jedem Vorschlag gerne herkommen, sollte er uns damit neue Wege in anderer Bereiche eröffnen umso besser. Fahre fort Junge."

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in naher Zukunft einige neue Einnahmequellen geben wird, wir sind weiterhin an der Übernahme des ‚Banzai's dran, aber der Besitzer ist leider weniger kooperativ, wie wir uns das erhofft hatten.

Aber ich bin ziemlich guter Hoffnungen, dass es uns bald gelingen wird, ihn davon zu überzeugen, dass es besser ist, mit statt gegen uns zu arbeiten."

„Ich denke du wirst die richtigen Leute mit den richtigen Argumenten finden, ich lasse das vollständig in deiner Hand, Vincent.

Du bist in kurzer Zeit erstaunlich weit gekommen und hast deshalb einige Neider, die nur auf eine Gelegenheit warten.

Du genießt bei mir ein gewisses Vertrauen, aber ich sage dir eines, begehe nicht den gleichen Fehler wie der Manager und missbrauche es, sonst wirst du enden wie er.

Ich hege große Hoffnung für deine Zukunft und es wäre eine Schande und Verschwendung dich an deine Habgier opfern zu müssen.

Gute Vertraute sind schwer zu kriegen, aber nur sehr wenige sind ganz und gar nicht ersetzbar. Ich verschließe manchmal die Augen, aber ich verzeihe auch nicht alles. Halte dir das immer vor Augen, Junge."

„Keine Sorgen, Rodrigo.

Meine Loyalität ist geklärt und ich sehe meine Zukunft nur an deiner Seite.

Wir haben einige Probleme mit einem der Lieferanden, aber wir konnten die Ware retten, die bei dessen Observation beinahe konfisziert worden wäre.

Aber viel wichtiger ist, dass sie einen Nachfolger für die Casinoleitung bestimmen müssen.

Dort kann es nicht lange ohne feste Leitung bleiben, sonst fürchte ich fangen sehr unangenehme Machkämpfe bei seinen Untergebenen an und wir sollten nicht riskieren das Casino zu verlieren."

Der Chef nickte, füllte beide Gläser aus der Karaffe nach und begann bedächtig zu sprechen:

„Ich habe für die Nachfolge schon jemanden im Sinn. Er hat sich ausgezeichnet und es sich verdient eine neue Position zu begleiten. Einen festen Platz ist ihm sicherlich auch lieber, als auf der Straße, ich bin mir nur nicht sicher, ob er dem Druck gewachsen ist so wie kompetent genug im wirtschaftlichen Sinne, möglicherweise müssen wir ihm die erste Zeit einen zuverlässigen Mann zur Seite stellen. Das würde seine Position dort sicherlich stärken, könnte sich aber auf längere Sicht negativ auswirken. Es gibt einiges zu bedenken…

Aber du hast Recht, es muss schnellstmöglich entschieden werden."

„Bevor ich es vergesse, Franziska von Karma spuckt Gift und Galle wegen der für sie misslungenen Razzia – obwohl ich persönlich sie ja als vollen Erfolg einstufen würde. Sie hat uns bedroht und weitere Observationen angekündigt.

Sie hat es sich persönlich zum Ziel gesetzt uns irgendetwas nachzuweisen."

„Staatsanwältin von Karma, eine gefährliche Frau. Aber ihr ist es in der Vergangenheit nicht gelungen uns etwas nachzuweisen und das wird sie auch in Zukunft nicht können.

Sie ist gut, aber wir sind besser.

Vielleicht sollten wir die Augen für mögliche Verräter offen halten. Nicht, dass sie bei uns jemanden einschleusen wird…

Danke Vincent.

Wenn es sonst nichts mehr gibt, würde ich sagen haben wir nun Feierabend."