Freundschaft
„Ja… ja, wenn er aufwacht, sage ich ihm Bescheid, dass du angerufen hast… Kein Problem, schön zu hören, dass bei euch alle Wohl auf sind."
Das waren die Worte, die ich von unten vernahm, als ich aufwachte. Mit wem telefonierte Mom da eigentlich? 3…2…1… Natürlich!!! Mit einem Mal war ich hellwach und sprang hastig aus dem Bett. Ich durchquerte das Zimmer, riss die Tür auf und eilte die Treppe herunter.
„Tschüss, Bella."
Gerade als Mom auflegen wollte, riss ich ihr das Telefon aus der Hand.
„Hallo!? Bella bist du noch dran?"
Einen kurzen Moment dachte ich sie hätte bereits aufgelegt, dann sagte sie: „Seth?"
„Steht's zu Diensten Mrs. Cullen", grinste ich.
„Seth! Schön, deine Stimme zu hören. Wie geht's dir?"
„Super. Ich freu mich auch mal wieder was von euch zu hören. Was habt ihr solange getrieben?"
„Ach…Wir haben eine kleine Häuserkolonie errichten lassen, damit wir getrennt voneinander, aber auch nah beieinander leben können. Dann noch die Sache mit der Uni und wir hatten einen kleinen Zwischenfall mit einem Normaden Zirkel."
Wow. Bei ihnen ging es wie immer spannend zu, im Gegensatz zu hier.
Ich seufzte und erhielt als Antwort darauf ein Kichern von Bella:„ Bei dir war's wohl weniger spannend?"
„Und wie. Seit ihr weg seid, ist hier gar nichts mehr los…"
„Und woher kommt dann deine gute Laune?"
„Hmm…", ich dachte kurz darüber nach, „Ich habe gestern ein Mädchen kennengelernt und-"
„DU HAST DICH AUF SIE GEPRÄGT???", rief Bella erstaunt.
Im Hintergrund vernahm ich ein erstickendes Husten.
„Nein! Nein so ist das nicht. Ich versteh mich nur gut mit ihr und kann mir vorstellen, dass wir gute Freunde werden können."
„Oh ach so.", sagte sie erleichtert, „Falscher Alarm Jake!"
„Was war denn los?"
„Jake hat sich an seinem Brötchen versschluckt, weil er dachte dich hätt's… naja erwischt."
Ich kicherte: „Klingt ganz so als seien bei euch alle Wohl auf.", sagte ich etwas sehnsüchtig.
„Ja. Alles okay bei uns. Ah, Nessie! Guten morgen meine Süße. Keine Sorge, Jake geht's gut! Willst du mit Seth reden?"
„Ja!", hörte ich das liebliche Stimmchen.
Und so vergingen die Minuten. Nessie berichtete mir von ihrem ersten Stadtbummel mit Tante Alice und Tante Rosalie; Jake redete quasi nur von Nessie und fragte mich über den neusten Stand im Rudel aus; Edward schwärmte von dem neuen Leben und vergewisserte mir noch einmal, dass sie sofort da wären, wenn es Schwierigkeiten gäbe.
Irgendwann jedoch legte ich auf, machte mich fertig und ging zur Klippe, wo ich mich mit Lily verabredet hatte.
Obwohl ich mich verspätet hatte, war Lily noch nicht da, also wartete ich auf einem Stein, nahe des Abgrunds auf sie. Inzwischen war es viertel nach eins. Wo blieb sie nur? Nicht, dass ich wütend war, im Gegenteil- ich machte mir Sorgen. Sie kannte sich hier schließlich noch nicht aus. Hatte sie sich verlaufen? War ihr etwas zugestoßen? Vielleicht hatte sie es sich auch einfach nur anders überlegt? So hing ich meinen Gedanken nach bis kurz vor halb zwei das leise Geräusch von den vertrauten Schritten zu hören war.
Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Ich war froh, dass sie doch noch kam. Dann erschien sie tatsächlich am anderen Ende der Klippe.
„Mahlzeit", grinste ich sie an und stand auf um ihr entgegen zu kommen.
Im Sonnenschein – ja ich glaubte es selbst kaum- sah sie noch niedlicher aus, auch wenn sie dieselben Sachen und dieselbe Frisur wie gestern trug.
Als sie mich sah, hellte ihr besorgtes Gesicht auf.
„Seth!", rief sie erstaunt und lief auf mich zu.
„Wen hast du sonst erwartet?"
Sie seufzte.
„Ich weiß auch nicht. Irgendwie war ich mir heute Morgen nicht mehr so sicher, ob unser Treffen gestern echt war, oder nur ein Traum."
Ich lachte laut auf und wusste nicht ob ich sie für verrückt oder lustig halten sollte. Vielleicht von beidem etwas.
„Ist das der Grund, weshalb du so spät bist?", fragte ich immer noch lachend.
Sie wurde rot und schaute mich entschuldigend an: „Es tut mir so leid, kommt nie wieder vor, versprochen!"
„Ach was, Hauptsache du bist überhaupt noch gekommen."
Ein Lächeln, dann schweifte ihr Blick über den Horizont.
„Es ist wirklich schön hier!", stellte sie nach eine Weile fest, „und heute regnet es noch nicht einmal."
Sie kicherte. Das Wetter kannte sie, wenn sie nicht weit von La Push und Forks wohnte.
Dann fiel mir was ein: „Sag mal Lily, magst du Wanderungen?"
Sie biss sich auf die Unterlippe.
„Nicht wirklich", gab sie zu „Ich lerne gerne neue Orte kennen, aber ich bin absolut unkoordiniert."
Hmm… das war wirklich mies. Ich liebte Sport.
„Schade, sonst hätte ich dir morgen oder so mal die Gegend gezeigt."
Scheinbar hatte sie mein trauriges und enttäuschtes Gesicht bemerkt.
„Wir können es versuchen", schlug sie vor, „Vielleicht schaffe ich es, wenn ich es unbedingt will! Weißt du… es würde mir wirklich gefallen mit dir die Gegend zu erkunden!"
Ich grinste: „Gut dann haben wir für morgen wohl wieder eine Verabredung!"
„Sieht so aus!", erwiderte sie ebenfalls grinsend.
Nachdem wir noch eine Weile schweigend auf das Meer geblickt hatten, unterbrach sie die Stille plötzlich: „Was hast du eigentlich in deiner Freizeit getan, bevor ich sie in Anspruch genommen habe?"
Nichts mehr, seit meine Freunde- die Vampire- weggezogen sind. Aber das konnte ich ihr natürlich nicht sagen.
„Mit den Jungs rumgehangen.", sagte ich stattdessen.
„Und was habt ihr gemacht?"
Ich dachte kurz darüber nach, ehe ich antwortete: „Alles Mögliche. Unseren Job, trainieren, schwimmen, von der Klippe springen und so."
„Ihr seid von DIESER Klippe gesprungen!?", fragte sie ungläubig.
„Na klar, das tun wir oft! Es macht Spaß!", grinste ich, als ich ihr schockiertes Gesicht sah.
„Ihr könntet euch verletzen!", rief sie empört.
„Keine Sorge, das machen wir schon ewig - irgendwann hat man den Dreh raus."
„Ihr seid verrückt!"
„Danke." Mein Grinsen wurde breiter.
Sie ging zum Klippenrand und schaute vorsichtig runter.
„Verrückt…", murmelte sie wieder.
„Hey mir wäre es lieber, wenn du wieder hierher kommen würdest!", sagte ich laut.
Lily kicherte: „Keine Sorge, im Gegensatz zu euch ist mir MEIN Leben heilig."
Ihr Blick wanderte über das Meer, während ein warmer Windstoß durch ihr Haar glitt. In dem Moment konnte man sie für einen Engel halten.
„Nanu?", hörte ich sie plötzlich sagen.
Ich runzelte die Stirn: „Was ist los?"
Doch sie schüttelte nur den Kopf: „Ach nichts. Ich hab mir eingebildet da sei etwas Merkwürdiges, aber es ist nichts."
Dennoch war ich skeptisch. In einer Welt wie dieser, waren merkwürdige Dinge, nicht unbedingt nur Einbildung, aber ich beließ es vorerst dabei.
„Und was machen wir heute?", fragte sie neugierig und kam endlich vom Klippenrand weg.
„Das Wetter ist nicht immer so schön wie heute, also lass es uns ausnutzen- gehen wir runter zum Strand!", beschloss ich fröhlich und voller Vorfreude. Ich nahm ihre Hand und gemeinsam machten wir uns auf den Weg.
Wenn man nicht von der Klippe sprang und den Umweg außen rum nahm, brauchte man fast eine Stunde runter zum Strand, aber das machte uns nichts weiter aus. Ich erzählte Lily von meinen Freunden und von meiner Familie und sie tat es mir gleich. Im Gegensatz zu mir, verstand sie sich mit ihrer Schwester ausgesprochen gut; ihre Mutter und ihr Vater haben sich vor langer Zeit getrennt und während Lily bei ihrer Mom lebte, war ihre Schwester bei ihrem Dad geblieben. Lily sprach mir wegen dem Tod meines Dads ihr Beileid aus, aber sie freute sich für meine Mom, dass sie jemand neuen gefunden hatte. Irgendwann erreichten wir den Fuß des Berges und den großen hell erleuchteten Sandstrand.
„Hey Lily, schau mal!", sagte ich und deutete zum Ufer.
Das Wasser hatte sich zurückgezogen und hinterließ eine ganze Reihe von Muscheln in den verschiedensten Formen und Farben. Lily riss die Augen auf vor Überraschung, dann rannte sie schon los. Was hatte sie vor? Neugierig schaute ich zu, wie sie vor den Muscheln zum stehen kam und sie voller Begeisterung in Augenschein nahm.
„Das ist so toll! Komm her Seth, das musst du sehen!"
Lachend folgte ich ihr.
„Ich sehe das jeden Tag Lily- es sind doch bloß Muscheln.", sagte ich amüsiert darüber, dass sie sich wegen so einer Kleinigkeit freute wie ein kleines Kind.
„Bloß Muscheln?", fragte sie ungläubig, „bei uns gibt es so tolle Muscheln gar nicht, obwohl wir fast nebenan wohnen. Ich frage mich woran das liegt…", murmelte sie nachdenklich.
Ich konnte ihre Frage auch nicht beantworten. Für mich waren diese Muscheln immer das Selbstverständlichste gewesen, was dieser Strand zu bieten hatte. Doch für Lily schienen sie so etwas wie Schätze zu sein, jedenfalls kam es mir so vor, als sie sich hinhockte und Muschel für Muschel mit übertriebener Vorsicht aufhob und begutachtete. Wieder entfuhr mir ein Schmunzeln. Irgendwie war es ja niedlich.
„Kann es sein, dass du ein kleiner Muschel-Fanatiker bist?", fragte ich sie. Sie wandte sich mir zu und lächelte verlegen: „Merkt man das?"
Ich nickte. Wenn etwas offensichtlich war, dann das.
„Stimmt ja. Ich habe dir noch gar nicht erzählt was meine Mutter beruflich macht", sagte Lily, „Sie führt einen kleinen Laden, der selbstgemachten Meeresschmuck verkauft- also Schmuck aus Muscheln, Schwämmen, Sand, Steinen, getrockneten Pflanzen und so weiter."
Das erklärte natürlich ihre Begeisterung für Muscheln.
„Woher bekommt deine Mum denn die Materialien, wenn bei euch nur so eine geringe Auswahl herrscht?", fragte ich ehrlich neugierig.
„aus anderen Staaten und Ländern, vom Markt und seit neustem auch aus dem Internet, aber da ihr die Importkosten zu hoch sind, wird diese Variante wohl immer eine Ausnahme bleiben."
„Na dann schlage ich vor wir entledigen uns unserer Schuhe und machen eine kleine Wattwanderung. Dann importieren wir unsere gesammelten Schätze direkt zu deiner Mum", ich zwinkerte ihr kurz zu, „selbstverständlich völlig kostenfrei."
Augenblicklich huschte ein Strahlen auf ihr Gesicht, doch statt zu antworten, zog sie sich demonstrativ ihre Schuhe aus und legte sie ein Stück weit vom Wasser entfernt unter einen Busch.
„Na komm schon! Oder war das gerade nichts weiter als eine leere Versprechung?", kicherte sie und winkte mich hastig zu ihr.
„Als ob", grinste ich ihr zu und eilte zu ihr, um mir auch meine Schuhe auszuziehen.
Dann begann unsere kleine Wattwanderung. Lily erklärte mir viel über die Muscheln und Steinchen, die wir fanden und zu meiner Verwunderung interessierte ich mich irgendwann tatsächlich dafür. Ich liebte es, Lily zuzuhören.
„Aha!", sagte ich irgendwann, als ich eine Entdeckung machte.
Ich hob eine kleine, weiße Muschel auf, die leicht rosa schimmerte.
Stolz zeigte ich Lily mein Fundstück und sagte wissenschaftlich: „Das ist die berühmte Lily-Muschel! Klein, süß und rosa."
Mein Grinsen wurde breiter, als ich ihre rot angelaufenen Wangen erblickte.
Aber dann kam sie lächelnd auf mich zu und meinte: „Danke, sie ist wunderschön."
„Deshalb trägt sie deinen Namen", erwiderte ich und zeitgleich mit ihr schlich sich ein Rotschimmer auf meine Wangen.
Was hatte ich gesagt? Seit wann war ich so schnulzig? Naja, jetzt konnte ich es ohnehin nicht mehr ändern, also räusperte ich mich entschuldigend und wortlos setzten wir unseren Weg fort.
Ich war etwas verwundert, dass ausgerechnet Lily es war, die die peinliche Stille unterbrach.
„Aha!", war das erste, was sie sagte und der Ton indem sie es sagte, kam mir verdammt bekannt vor.
Erneut bückte sie sich, um eine Muschel aufzuheben, ehe sie mir diese zeigte und grinsend erklärte: „Das ist die berühmte Seth-Muschel! Groß, gutaussehend und… ähm Sandbraun?"
Was für sie ein Scherz zu sein schien, fand ich unheimlich. War es Zufall, dass sie eine sandbraune Muschl für mich gewählt hatte? Vermutlich!
Deshalb lachte ich und führte den wiederholten Dialog weiter: „Danke, sie ist echt cool!"
Ein Kichern ihrerseits: „Deshalb trägt sie deinen Namen."
Der weitere Tag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Die Sonne beglückte uns noch ganze zwei Stunden und auch als die Wolken die Überhand gewannen, konnte das unsere gute Laune nicht vertreiben. Nachdem unsere Taschen voll mit bunten Muscheln waren und das Wasser allmählich zurückkam, beschlossen wir, eine Sandburg mit großem Wassergraben zu bauen, die sogar so lange stehen blieb, bis die Flut sie endgültig überströmte. Ganz trocken waren wir bei der ganzen Aktion nicht geblieben und unsere Klamotten waren so voller Sand und Matsch, dass wir schon darüber diskutierten, wer Zuhause mehr Ärger bekommen würde. Das Ergebnis war, dass wir wohl beide noch ganz gut davon kommen würden. Ich, weil Mom es von mir gewohnt war und Lily, weil sie als Entschädigung den Muschelvorrat ihrer Mutter aufstockte.
Nun, wo sich das Wasser wieder über den Großteil des Strandes verteilt hatte und es allmählich zu dämmern begann, saßen wir am Strand und schauten uns ausgelaugt an, wie die Sonne am Horizont versank oder besser, wie sich die Wolken davor färbten- von violett über orange zu rot.
„Danke, für den schönen Tag, Seth.", sagte Lily irgendwann und lächelte mich an.
Ich erwiderte ihr Lächeln: „Danke gleichfalls. Du glaubst gar nicht wie gut es mir getan hat."
„Doch… Ich meine, mir geht es genauso."
Dann sagten wir eine Weile nichts mehr, ehe ich ein leises „Seth?" vernahm.
„Hmm?", murmelte ich müde.
„Sind wir jetzt eigentlich Freunde?"
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Nach all dem was wir innerhalb der letzten zwei Tagen erlebt haben, denke ich schon."
„Das ist schön.", flüsterte sie, dann spürte ich plötzlich ein Gewicht an meiner Schulter- Lily war zu Seite weggerutscht und hatte die Augen geschlossen.
„Hey~", sagte ich leise und tätschelte ihren Kopf, „soll ich dich Heim bringen? Es ist schon spät."
Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf: „Lass uns noch ein bisschen so sitzen bleiben… Du bist so angenehm warm."
Den Wunsch konnte und wollte ich ihr nicht abschlagen. Schließlich ging es mir in diesem Moment genau so gut wie ihr.
Langsam schloss auch ich die Augen
und genoss die letzten Minuten
die Lily noch bei mir war
…
