Notizen: Gutes Timing, SilkRaven. Nach langer Zeit, kommt jetzt das letzte Kapitel. Ich hatte viel Spaß an der Story und ich hoffe, ihr auch. :)

Merci!

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Bedeutung

Shepards bleich gewordene Geschichtsfarbe bildete einen starken Kontrast zu dem Rot ihrer Narben. Der Effekt war geradezu furchterregend.

Mit verengten Augen erwiderte sie den eisigen Blick des turianischen Generals bis er sich entnervt abwandte. Er trat von ihr zurück und setzte sich an den Konferenztisch in der Nähe von Captain Anderson. Garrus fiel auf, dass er ihr halb den Rücken zukehrte, was bei den Turianern als Zeichen der Missachtung galt. Es sah aus, als hätte Shepard einen kleinen Sieg über ihn errungen, aber Garrus wusste es besser. Sein Kommander verlor zusehends an Boden. Der Rat nahm sie langsam auseinander, rieb ihr ihre angeblichen Fehlschläge unter die Nase, doch das Ziel der Konfrontation war immer noch nicht erkennbar. Worauf wollten sie hinaus?

„Machen Sie mich für Cerberus´ Handeln verantwortlich?", fragte Shepard die Ratsherren schroff. „Hätte ich eine andere Entscheidung getroffen, könnte jetzt niemand die Reaper näher erforschen. Ich rechtfertige Cerberus´ Vorgehen nicht, doch so wie die Dinge stehen, ist diese Organisation im schlimmsten Fall bald nicht das dringlichste Problem."

„Das ist irrelevant, Kommander,", entgegnete Hyr Jolin ruhig, „Sie sind Soldat und uns scheint es, als wäre Ihnen die Tragweite Ihrer Entscheidung oftmals nicht zur Genüge bewusst."

Bevor Shepard auf diese Anschuldigung reagieren konnte, ergänzte die Matriarchin: „Wir sind übereingekommen, dass Sie ein Sicherheitsrisiko darstellen, Kommander Shepard. Noch ist kein Übel aus Ihren Taten erwachsen, allerdings ist auch kein besonderer Vorteil ersichtlich. Vielmehr denken wir, dass Sie oft äußerst menschlich gehandelt haben. Möglicherweise zwingt Sie Ihr Gewissen dazu, doch Sie bekleiden inzwischen eine Position, in der Sie sich diesen Luxus nicht länger leisten können." Die Asari hielt kurz inne und blickte nachdenklich auf die Großaufnahme der Reaperlarve, „Allerdings halten wir es trotz allem nicht für weise, auf Sie zu verzichten."

Shepards Nasenflügel blähten sich und sie bemerkte mit sardonischem Humor: „Auch ich bemühe mich stets bei meinen Missionen das geringere von zwei Übeln zu wählen."

General Terion schnaubte. „Theatralische Worte, Shepard. Sie halten sich für unersetzlich und Ihren Auftrag für einmalig. Wissen Sie, wie viele Terroranschläge und Sabotageakte es auf die Citadel seit ihrer Entdeckung durch die Asari bereits gegeben hat?"

„Über 9000. Die meisten zur Zeit der Kroganischen Rebellionen. 384 ernsthaftere Vergehen allein in den letzten fünfzig Jahren. Fast alle konnten verhindert werden.", erwiderte Shepard ohne langes Nachdenken und nahm dem turianischen Ratsherren somit die Befriedigung sie zurechtzuweisen. Garrus blickte zu Boden, damit niemand seinen hämischen Gesichtsausdruck sah. Eine Frage wie diese hatten sie erwartet. Sie war hervorragend dazu geeignet, ihre Warnungen zu relativieren.

Ein Anschlag? Davon haben wir vier jede Woche.

Deshalb hatten sie die Datapads über die Geschichte der Citadel aufmerksam gelesen.

„Exakt, Kommander.", bestätigte die Asari, doch ihr Blick galt General Terion. Es lag eine Warnung darin. „Und wir werden auch diese Herausforderung meistern."

Garrus sah sie ungläubig an. Die Reaper als Herausforderung zu bezeichnen, war eine dreiste Untertreibung und er spürte, dass Shepard ein Kommentar auf der Zunge lag, den sie nur mit Mühe für sich behielt.

„Wie Sie wissen, Kommander, unterstützt der Rat Spectre gewöhnlich nicht finanziell. Es hat sich als vorteilhaft erwiesen gewisse Dinge im Dunkeln zu lassen, die reguläre Transaktionen früher oder später ans Licht bringen könnten. So leidet das Ansehen des Rates nicht darunter, falls ein Spectre in Ungnade fällt."

Ja, diese Regel war Garrus nicht unbekannt. Man stellte besser keine Fragen, wenn man keine Lügen hören wollte. Und wenn etwas schiefging, wusch man seine Hände in Unschuld. Wie sonst hätte sich der Rat so einfach von Saren distanzieren können? Er fragte sich, wie viele Verbrechen der Rat auf diese Weise von sich gewiesen hatte...

Die Asari faltete die eleganten Hände auf der dunklen Tischoberfläche und fuhr im selben erklärenden Tonfall fort:

„Das ist ein bewährtes Prinzip, doch in Ihrem Fall führt es zu einer größeren Abhängigkeit von Cerberus. Trotz unserer Bedenken ist Ihre Verbindung zu dem Unbekannten im Augenblick förderlich. Da er, wie Sie selbst bemerkten, über einen beachtlichen Informationsvorsprung verfügt. Wir werden allerdings etwas an Ihrer Leibeigenschaft ihm gegenüber ändern."

Shepard zog erstaunt die Brauen in die Höhe. Damit hatte sie bei diesem desaströsen Gesprächsverlauf nicht mehr gerechnet. „Sie werden mich unterstützen?"

„Nicht Sie, Kommander.", widersprach Hyr Jolin kopfschüttelnd, „Professor Mordin Solus. Er hat Erstaunliches über die Seeker-Schwärme herausgefunden. Wir möchten, dass er seine Experimente fortsetzt..." Der salarianische Ratsherr deutete eine Verbeugung in Mordins Richtung an. „Wir bewilligen Ihren Antrag um angemessene Forschungsgelder für Ihre Projekte, Professor. Sobald Sie ihn einreichen."

Mordin verneigte sich leicht, ein schwaches Lächeln auf den Lippen.„Expeditionsschiff, Crew und Ausrüstung?"

„Im Bereich Ihres Budgets."

„Adäquat."

Garrus beobachtete wie die Farbe wieder in Shepards Gesicht zurückkehrte, als sie Zeugin dieses beinahe irrealen Wortaustausches wurde. Sie nahm eine bequemere Haltung an und ein kleiner Teil der Anspannung schien von ihr zu weichen. Ein Problem weniger.

„Wir haben die Dienste einiger Informations-Broker gekauft.", meldete sich ziemlich unerwartet Captain Anderson zu Wort. Bisher war das Gespräch völlig in der Hand der anderen drei Ratsherren gewesen und es war angenehm eine Stimme zu hören, die keine weiteren Anklagen befürchten ließ. „Irgendwo müssen die aktuellen Ereignisse Wellen geschlagen haben. Möglicherweise erfahren sie mehr als unsere Agenten und es ist langsam an der Zeit das Netz auszuweiten. Außerdem arbeiten wir an einem Nachrichtensystem, das weniger unsicher ist. Es hat... Vorfälle... gegeben..."

General Terion räusperte sich irritiert. „Später, Ratsherr.", unterbrach er Andersons kryptische Andeutung mit distanzierter Höflichkeit. „Der letzte Punkt auf unserer Liste sind Ihre zahlreichen Verpflichtungen, Kommander Shepard. Uns scheint, dass Sie allzu vielen Instanzen Rechenschaft schuldig sind. Wir werden Ihnen weitere Unabhängigkeit gewähren." Etwas an der Art wie er diesen Satz sagte, ließ Garrus aufhorchen. General Terion schien ihn förmlich zu genießen...

„Ihr Dienstgrad wird Ihnen hiermit aberkannt. Sie sind nicht länger Mitglied der Allianz."

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Garrus konnte sich nicht konzentrieren.

Er versuchte gerade einen Fehler auszubessern, der sich nach der Beschädigung der Thanix-Kanone in die Zielerfassung eingeschlichen hatte, doch das von ihm dazu geschriebene Diagnoseprogramm war bestenfalls mangelhaft.

Frustriert legte er den Kopf in den Nacken und atmete aus.

Seine Gedanken schweiften immer wieder zu dem verhängnisvollen Treffen mit dem Rat und obwohl er gewöhnlich in der Lage war trotz Ablenkung gute Arbeit zu leisten, fiel ihm dies nun ausgesprochen schwer.

Shepard tat ihm leid. Garrus hatte im Laufe ihrer Bekanntschaft festgestellt, dass sie sehr stolz darauf war, der Allianz anzugehören.

War diese Maßnahme wirklich dazu gedacht, sie unabhängiger zu machen, oder war sie eine Bestrafung?

Terion hatte mit wenigen Worten ihre Laufbahn beendet und Captain Anderson hatte rein gar nichts dagegen unternehmen können. Ja, Anderson hatte protestiert, vehement sogar, doch sein Protest war eine kuriose Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Pflichtgefühl und seine Worte machten deutlich, dass der Entschluss des Rates, Shepard aus der Allianz zu entlassen, vor langer Zeit gefallen sein musste.

Sie begründeten, dass ein Spectre nicht gleichzeitig dem Rat und dem Militär eines seiner Mitglieder unterstehen konnte.

Garrus verstand nicht, warum dies ausgerechnet jetzt eine Rolle spielte, Shepard aber offensichtlich schon, denn sie hatte den Rat eine Weile gemustert, mit gefurchter Stirn und zusammengebissenen Zähnen...

Sie hatte nicht protestiert.

Der Weg zurück auf die Normandy war sehr unangenehm gewesen.

In ihrer Wut hatte sich sein Kommander mit einem bläulichen Schleier kaum beherrschter Biotik umgeben. Ein beunruhigendes und gefährliches Zeichen eines drohenden Kontrollverlustes, das sogar Mordin die Sprache verschlug. Sie waren regelrecht erleichtert, als sie schließlich ohne Zwischenfälle das Schiff erreichten und Shepard wortlos in Richtung ihres Quartiers verschwand. Es war seitdem ungefähr eine Stunde vergangen, was bedeutete, dass jeder an Bord der Normandy inzwischen die Details kannte. Die Crew bestand größtenteils aus Cerberus-Agenten, darunter viele Soldaten, die der Allianz bereitwillig den Rücken gekehrt hatten, dennoch herrschte eine beklommene Stimmung und ungewohnte Stille vor...

Er sollte zu Shepard gehen und mit ihr reden, doch er wusste nicht, ob seine Anwesenheit jetzt erwünscht war...

Deshalb korrigierte Garrus noch einmal das Diagnoseprogramm und änderte die Suchparameter. Keine Minute nachdem er die Funktion aktiviert hatte, empörte sich EDI:

„Mr. Vakarian, Ihr Programm hat soeben die Sensoren gehackt. Ich weiß nicht länger, wo wir uns befinden! Diese Konfusion ist zutiefst irritierend! Revidieren Sie augenblicklich Ihren Fehler."

Garrus brach die Suchfunktion ab und beschloss aufzugeben.

Er musste zu Shepard gehen. EDI und der Normandy zuliebe.

Möglicherweise hatte sie sich inzwischen beruhigt.

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Diesmal glitt die Tür zu ihrem Quartier nicht leise auf, als Garrus näher trat. Er stand eine Weile unschlüssig davor, fühlte das schwache Knistern biotischer Restenergie auf seiner Haut und fühlte sich unbehaglich. Schließlich überprüfte er die Türverriegelung.

Ein Schloss der Sicherheitsstufe 2. Geradezu eine Einladung.

Wenn sie wirklich ihre Ruhe haben will, braucht sie mindestens Stufe 10.

Garrus umging die Verriegelung und die Tür öffnete sich.

Er wusste nicht so recht warum, aber er erwartete ein verwüstetes Quartier zu sehen. Das Knirschen zerbrochenen Glases unter seinen Füßen zu hören, irgendetwas, dass Shepards fühlbarer Frustration entsprach.

Doch da war nichts. Im Raum herrschte gewohnte Ordnung.

Die Ruhe war auf unheimliche Weise unpassend...

Shepard saß etwas zusammengesunken an ihrem Schreibtisch und hielt etwas in ihrer Hand. Als er näher kam, sah er, dass es sich um ihre Erkennungsmarken an einer silbernen Kette handelte. Menschliche Soldaten nannten sie aus unerklärlichen Gründen Hundemarken...

„Ich frage mich, warum ich mir überhaupt die Mühe gemacht habe, sie in den Trümmern der Normandy zu suchen.", sagte Shepard ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme klang hohl.

„Möglicherweise, weil sie dir etwas bedeuten."

„Pah. Nutzloses Metall. Halb geschmolzen. Der Absturz hat ihnen nicht gutgetan..."

Garrus lehnte sich wie so oft zuvor mit der Schulter gegen die Seite der Glasvitrine. Er tippte mit dem Finger gegen seinen Visor. „Kein besonderes Modell. Es gibt bessere... Die Lebensgefährtin einer meiner Leute hat ihn mir geschenkt. Wahrscheinlich damit ich besser auf ihren Mann aufpassen kann... Ich habe ihre Namen auf der Innenseite eingraviert. Ich weiß, es hört sich bescheuert an." Er strich sich nachdenklich über die Narben in seinem Gesicht. „Irgendwie wurde das Ding durch sie zu einem Teil von mir. Auch danach... Nachdem alles einen bitteren Beigeschmack bekommen hat."

Shepard betrachtete die verbogenen Plättchen in ihrer Hand und warf sie dann achtlos auf den Boden. Sie erhob sich schwungvoll von ihrem Stuhl um an Garrus vorbei in den hinteren Teil des Raumes zu gehen. Ihr Gesicht hielt sie abgewandt, vielleicht sollte er es nicht sehen.

„Ich dachte, ich hätte mein altes Leben hinter mir gelassen.", in ihren Worten schwang Zorn mit, „Die Zivilistin Shepard war eine Enttäuschung. Jemand, den man keines zweiten Blickes würdigen würde. Jemand, der keinen Respekt zeigte und keinen bekam. Es war schwer, diesen Jemand hinter sich zu lassen. Warum, glaubst du, lasse ich mich stets nur mit dem Nachnamen anreden? Fähnrich Shepard, Korporal Shepard, Leutnant Shepard und letztendlich Kommander... Fast alles, worauf ich stolz bin, habe ihm im Dienst getan. Soldat der Allianz zu sein, war das erste Mal, das ich das Gefühl hatte, etwas zu leisten. Etwas Sinnvolles zu tun."

Garrus war ihr schweigend gefolgt und sie stieß fast gegen ihn, als sie sich plötzlich zu ihm umdrehte.

„Warum glaubst du, dass sich daran etwas ändert? Deine Möglichkeiten als Spectre sind um einiges größer. Kannst du damit nicht mehr erreichen?", wollte er wissen, die Hand halb ausgestreckt, weil sie leicht ins Straucheln gekommen war. Doch sie fing sich und trat einen Schritt zurück. Er ließ die Hand sinken.

„Garrus, dieser vielgelobte Status als Spectre hat mir nie etwas bedeutet! Ich hatte Momente, in denen ich nahe dran war, meine Position zu missbrauchen. Es war so verlockend und lächerlich einfach! Drohungen und Erpressung um leicht an Informationen zu kommen, ein paar Leute zu Tode ängstigen, weil sie mir auf die Nerven gingen... Je größer meine Anspannung, desto schneller war ich mit Rechtfertigungen bei der Hand. Doch dann dachte ich, lass´ das bleiben, du bist Offizier der Allianz. Du trägst Verantwortung." Shepards Gesicht glühte vor Erregung, sie hatte die Fäuste geballt, als ginge es darum jemanden niederzuringen. „Die N7-Ausbildung hat mir das Äußerste abverlangt. Ich habe meine körperlichen und geistigen Grenzen kennengelernt und trotzdem als eine der wenigen durchgehalten. Der Marsch wird nicht kürzer und die Ausrüstung nicht leichter, nur weil man eine Frau ist. Niemand nahm Rücksicht auf mich. Niemand machte es mir leicht. Bevor ich zur Allianz kam, habe ich es mir selber zu leicht gemacht. Die einzigen Grenzen, die ich davor kannte, waren die meines Gewissens. Das Militär half mir auszubrechen..." Shepard seufzte schwer.

„Die Allianz war verdammt lange mein Zuhause, Garrus. Inzwischen sind die Einzigen, die mir etwas bedeuten an Bord der Normandy und ich muss ständig ihr Leben aufs Spiel setzen. Für Völker, die nicht einmal wissen, dass wir existieren. Am Anfang habe ich das nicht in Frage gestellt..."

Garrus betrachtete sie aufmerksam. Ihre strengen, harten Gesichtszüge mit den schlecht verheilten Narben, die steile Falte zwischen den zusammengezogenen Brauen, verengte Augen, die militärische Frisur, eine tadellose Allianzuniform und so gewissenhaft geputzte Stiefel, das man sich darin spiegeln konnte... Hinter ihr ein Zimmer, dem beinahe jegliche persönliche Note fehlte...

Es ging ihr im Grunde nicht um die Allianz, so viel wurde ihm bewusst, es ging darum, sich in dem Chaos eine Insel der Ordnung zu schaffen. Ein Ort, wo Ideale noch etwas bedeuteten, damit man nicht langsam zu dem wurde, was man bekämpfte. Zu recht oder zu unrecht schien sich sein Kommander sehr vor einer solchen Verwandlung zu fürchten.

Shepard hielt seinem Blick eine Weile stand, doch als sie merkte, dass er zu verstehen begann, trat sie den Rückzug an.

„Höre nicht auf mein Gejammer. Ich kann mich selber nicht leiden, wenn ich in einer solchen Stimmung bin.", wehrte sie ab, plötzlich weniger düster, als hätte sich in ihr ein Schalter umgelegt. Sie straffte die Schultern, die Haltung aufrecht und der Ausdruck neutral. Selbstbewusst und befehlsgewohnt wie er sie vor über zwei Jahren zum ersten Mal getroffen hatte. Die Veränderung war beklemmend. Sie besorgte Garrus sogar noch mehr als ihr Geständnis, aber er ging nicht darauf ein. Es war nicht der richtige Augenblick. „Ich werde damit zurechtkommen."

Ihre Hände glitten über das ernste Schwarz ihrer Uniform und sie begann diese geübt aufzuknöpfen. „Eigentlich kommt mein Rauswurf nicht überraschend. Ich wünschte nur, Anderson hätte mich vorgewarnt.", sie versuchte die offene Jacke abzuschütteln, doch die Schulter machte nicht mit.

Garrus streifte den steifen Stoff ab und reichte ihn seinem Kommander. Shepard starrte wortlos darauf, ehe sie die Jacke ordentlich in ihren Schrank hängte.

„Ich verstehe nicht, warum es überhaupt notwendig war. Als sie dich zum Spectre ernannten, war ein Ausstieg aus der Allianz keine Voraussetzung."

Shepard lächelte zynisch.

„Damals, als wir die Sovereign vom Himmel geschossen haben, wurde der Einsatz der Menschen geehrt, indem sie endlich ein Ratsmitglied stellen durften. Die perfekte Möglichkeit ein Volk mit großen Ressourcen und einer beachtlichen Flotte näher an sich zu binden, ohne jene zu beleidigen, die schon lange auf einen Sitz im Rat warten. Und wer durfte jenen Menschen auswählen? Die Regierung der Erde? Das Militär? Die Botschaft? Nein, der Rat überließ es mir. Sie werden gewusst haben, dass ich Anderson nehmen würde. Er muss ihnen recht gewesen sein, sonst hätten sie mich stattdessen lieber mit ein paar wuchtigen Medaillen abgespeist. Trotzdem war ihnen bestimmt nicht wohl dabei, dass ein Ratsherr seinen Platz in der Intergalaktischen Politik mir verdankte..."

Sein Kommander zog sich eine dunkle Jacke ohne jegliche Rangabzeichen an, nachdem sie einige Uniformen von Cerberus verächtlich zur Seite gelegt hatte. Er hatte sie nie in einem Dienstanzug dieser Organisation gesehen und mochte er noch so praktisch sein.

„...Doch dann verbrüderte ich mich mit dem Unbekannten und tat all die Dinge, die sie so verwerflich finden. Ich gewann Einfluss bei den Quarianern, verkehrte mit den Geth und Rachni, Wrex schwingt sich gerade zu dem wichtigsten Anführer der Kroganer auf und ich zähle ihn zu meinen Freunden, selbst Aria wird mich nicht so schnell wieder vergessen. Bestimmt gehört auch mein Auferstehen von den Toten zu ihrer langen Liste meiner schlechten Eigenschaften."

Garrus ließ sich auf das Sofa sinken, die Arme skeptisch verschränkt. „Ich ahne, worauf du hinaus willst, Shepard, aber das grenzt an Größenwahn."

Vorerst zufrieden mit ihrer Kleiderwahl setzte sich sein Kommander neben ihn. Als sie fortfuhr, war ihr Tonfall nicht länger ironisch angehaucht, sondern ernsthaft und nachdenklich.

„Mag sein. Aber Fakt ist, dass ich in meiner Rolle als Spectre zunehmend an Bedeutung gewinne. Das wird sie beunruhigen. Nach dem Angriff auf die Citadel haben sie mich in den Randsektoren auf Patrouille geschickt. Ich glaube, sie wollten, dass ich wieder etwas in Vergessenheit gerate... Durch meine Verbindung zu Cerberus kann ich nun allzu leicht Anderson in Verruf bringen. Schließlich habe ich ihn vorgeschlagen. Ist Anderson diskreditiert, wirft das auch ein schlechtes Licht auf die Glaubwürdigkeit des Rates. Werde ich hingegen zur Heldin, erlange ich möglicherweise mehr Macht, als ihnen lieb ist. Sie haben sich entschieden, mich ein wenig zurecht zu stutzen. Wie eine Kletterpflanze, die ihre Fensterscheiben zu überwuchern droht... Jetzt habe ich zumindest bei der Allianz nichts mehr zu sagen. Aus dem Militär ausgeschlossen zu werden, ist immer ein Gesichtsverlust. Die Gründe spielen keine Rolle."

„Viel Mühe für einen einzelnen Menschen, findest du nicht?"

„Ja, doch ich vermute, zwischen den Zeilen stand sehr viel mehr, als ich heute mitbekommen habe. Ich hätte ihnen gegenüber nicht die Fassung verlieren sollen, dann werde ich immer achtlos. Wenigstens haben sie mich nicht völlig abserviert. Und sie zahlen. Das kommt mir wirklich gelegen.", Shepard war wieder ihr pragmatisches, kalkulierendes Selbst. Garrus entspannte sich ein wenig.

„Wie geht es jetzt weiter?", wollte er wissen, nachdem sie sich eine Weile angeschwiegen hatten.

Shepard lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie atmete tief ein. „Etwas Erholung wäre schön."

„Die Asari Kolonie auf Sanves soll sehr unterhaltsam sein."

Shepard machte eine ablehnende Handbewegung. „Hab´ davon gehört. Zu überzuckert für meinen Geschmack."

Über Garrus´ Gesicht huschte das turianische Äquivalent eines Schmunzelns. „Vielleicht Carthaan? Beeindruckende quecksilberfarbene Sonnenuntergänge..."

„Mhm...", murmelte sein Kommander lächelnd ohne die Augen zu öffnen. „Oder Edessan. Ich habe gelesen, dass der Planet zum größten Teil von einen hellgrünen Ozean bedeckt ist, mit winzigen versprenkelten Inseln... Die einzige Gefahr ist ein Sonnenbrand."

„Ich empfehle Syglar. Die Hauptstadt Ghoi soll eine gelungene Mischung turianischer und salarianischer Architektur sein. Ich wollte schon immer wissen, wie das möglich ist."

Wieder herrschte Stille in dem Raum, doch sie war angenehm. Garrus spürte einen Stich des Bedauerns, als Shepard die Augen aufschlug und die Hände auf die Knie stützte. Der Moment war vorbei.

„Sage Joker, dass wir Illium anfliegen, sobald die Reparaturen abgeschlossen sind. Ich muss mich mit Liara treffen. Anderson hat recht, es wird Zeit das Netz auszuweiten."

Garrus erhob sich, wohlwissend, dass ihr Gespräch nun zu Ende war. „Verstanden, Kommander."

Im Gehen bemerkte er etwas Glänzendes auf dem Fußboden. Shepards Marken an der silbernen Kette. Er hob sie auf...

Shepard beobachtete ihn mit fragend hochgezogener Braue, als er vor sie trat. Ihre Verwirrung hatte etwas Rührendes.

Vorsichtig streifte ihr Garrus die Kette über den Kopf. Seine Fingerspitzen strichen sanft über die nackte Haut ihres Halses und kamen auf ihren Schultern zu liegen. Langsam schien sich die Welt um ihn zu drehen, er hörte sein eigenes Herz schlagen... Er atmete ihren Geruch ein...

Sie sahen sich an und plötzlich begriff er, dass sie es tatsächlich bis zu diesem Augenblick nicht gewusst hatte...

Die gesamte Crew wusste inzwischen Bescheid, nur Shepard nicht.

„Du wirst sie noch brauchen.", sagte Garrus leise und ging.

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