Chapter 3
Lilah realisierte plötzlich, dass sie so spontan ja gar nicht raus gehen konnte – ohne in eine menschliche Fackel aufzugehen. Eher weniger menschlich… Fügte sie im Geiste noch hinzu. Sie dachte angestrengt nach: einerseits müsste sie sich definitiv in der Kanzlei blicken lassen, andererseits kam es auf einen Tag mehr auch nicht mehr an.
Allerdings wusste sie, wo in der Kanzlei die Getränke für Besucher und damit auch das Blut für weniger menschliche Wesen aufbewahrt wurden. Sie wusste, dass genug davon da sein würde, da sie vom städtischen Krankenhaus ‚beliefert' wurden, was bedeutete, dass sie einen Arzt geschmiert und bedroht hatten, der ihnen die Blutspenden aushändigte. Dort musste sie versuchen heranzukommen – ohne entdeckt zu werden.
In diesem Moment fiel ihr der nächste Problempunkt ein: Vampirdetektoren. Da musste sie erstmal unbeschadet dran vorbeikommen. Lilah presste sich stärker in ihr Sofa und seufzte. Gar nicht so einfach ihr ‚neues Leben'. Dabei verzog sie angewidert das Gesicht. Andererseits fiel ihr nun ein, dass Angel sich auch öfter mal in die Kanzlei geschlichen hat, ohne, dass die Detektoren ansprangen.
Irgendwo muss es da ein Schlupfloch geben… Lilah ging sämtliche Möglichkeiten im Geiste durch. Die Detektoren und Wachposten waren an jedem Eingang vorhanden. Kurz darauf fiel ihr ein, wo keine Wachposten standen: Unter dem Gebäude. In diesem Moment war es wie eine Erleuchtung: Einmal, wie Angel immer unbemerkt in die eigentlich recht gut bewachte Anwaltskanzlei gelangen konnte und zweitens wie auch sie da hinein kommen konnte.
Lilah schluckte und schaute erneut angewidert, als sie daran dachte, durch irgendwelche Abwasserkanäle zu schleichen – und das künftig wohl öfter. Wenn ich den Blutsauger erwische, dann…Sie versuchte wieder, sich das Gesicht ihres letzten Klienten ins Gedächtnis zu rufen, woran sie allerdings kläglich scheiterte.
Sie seufzte wieder und dachte über ihre weitere Vorgehensweise nach. Als Erstes würde sie eine schöne lange Dusche gönnen, sich etwas Neues anziehen und danach auf den Weg zur Arbeit machen. Dort würde sie sich zuerst etwas Trinkbares organisieren – unbemerkt natürlich, und danach musste sie wohl oder übel bei Holland vorbei…
Gedacht – getan. Lilah ging in das immer noch zugezogene Bad, machte das Licht an, erschrak erneut über dessen Helligkeit, schmiss ihre Klamotten direkt in die Waschmaschine, stieg in die Dusche und stellte das warme Wasser an. Die Anwältin wusch sich das restliche Blut vom Körper und genoss die Wärme, da sie ja nun keine eigene mehr hatte.
Nach einer geschlagenen dreiviertel Stunde stellte sie das Wasser wieder ab und trat aus der Dusche heraus. Sie betrachtete erneut ihr Spiegelbild, was heißt, sie versuchte es und fluchte laut, als sie wieder einmal bemerkte, dass sie keins mehr hatte. Mit einem Handtuch um ihren Körper geschlungen, ging sie nun in ihr ebenfalls abgedunkeltes Schlafzimmer. Dort angekommen suchte sie aus ihrem wohlgeordneten Kleiderschrank ein neues Kostüm für die Arbeit heraus. Nicht gerade praktisch im Kanalsystem, aber was solls. Ich kann in der Kanzlei ja auch nicht herumrennen wie ein Bauarbeiter…
Lilah zog die Sachen an und versuchte sich dann noch ein wenig zu schminken. Das jedoch gestaltete sich relativ schwierig so ganz ohne Spiegel. Zu ihrem Glück hatte die Anwältin das schon oft genug getan, sodass die Handgriffe fast von selbst gelangen. Nachdem sie fertig war, ging sie zurück in ihr Wohnzimmer. Sie schaltete ihren Laptop an und suchte nach den Abwasserkanalplänen der Stadt. Erstaunlicherweise wurde sie sogar fündig.
Sie druckte sich den für sie wichtigen Teil des Planes aus und musste doch ein wenig schmunzeln – andere benutzten einen Routenplaner für Urlaubsstrecken und Straßenpläne und sie suchte nach dem städtischen Abwassersystem. Lilah konzentrierte sich nun auf die Region zwischen ihrer Wohnung und der Kanzlei.
Der Maßstab war zwar ziemlich klein, aber doch noch erkennbar. Bei näherer Betrachtung stellte sie fest, dass sie direkt von ihrem Hinterhof in das Kanalsystem 'einsteigen' konnte. Wenigstens etwas Gutes! Dachte sie erleichtert. Wenn sie noch ewig durch die halbe Stadt rennen müsste… Sie faltete den Zettel, nahm ihre Aktentasche und verließ ihre Wohnung.
.:TBC:.
