Chapter 4
Lilah hatte es geschafft, unbemerkt und ‚unbeschienen' von der Sonne das Kanalsystem zu betreten. Sie stand nun inmitten der Abwässer von L. A. Die Anwältin rümpfte die Nase, kramte ihren ausgedruckten Plan heraus und versuchte, sich zu orientieren. In diesem Moment fiel ihr ein Vorteil ihres neuen Ichs auf: Sie brauchte kein Licht, sondern konnte auch im Dunkeln problemlos sehen.
So schlich sie unter L. A. hindurch, hin zu ihrer Arbeitsstelle, nicht ohne ab und an mal die Nase kraus zu ziehen oder ihr Gesicht zu verziehen. An der Kanzlei angekommen konzentrierte sie sich um so mehr auf ihre Umgebung. Sie würde zu Grunde gehen, wenn irgendein Angestellter von Wolfram & Hart sie hier sehen würde – die sonst so toughe Anwältin kriecht plötzlich durchs Abwasser – eine Horrorvorstellung.
Lilah schüttelte unwillentlich ihren Kopf. Kurz darauf fand sie ihren ‚Ausgang'. Sie stieg die Leiter hinauf und lauschte. Es war nichts zu hören. Laut Plan müsste sie an irgendeinem Hinterausgang herauskommen. Sie stemmte den Deckel langsam auf und lunschte, ob irgendjemand in der Nähe war. Als sie überzeugt war, dass sie alleine war, stemmte sie den Deckel richtig auf und stieg aus dem dunklen, kalten Kanalsystem.
Die Anwältin rückte den Deckel zurück, zog ihr Kostüm glatt und stopfte den Plan in ihre Tasche. Langsam wurde der Hunger unerträglich. Es war wie ein nicht enden wollendes Brennen in ihrer Kehle. Sie sah sich um und stellte erst einmal fest, dass sie erneut in einem Raum war. Soviel zum Thema Hinterausgang. Langsam bewegte sie sich zur Tür. Dort lauschte sie erneut. Nichts. Sie öffnete die Tür einen Spalt, schaute hinaus und stellte wiederum fest, dass sie im untersten Keller war. Welch Überraschung. Muss eine Art ungenutzter Raum sein.
Sie schloss die Tür hinter sich. Auf einem langen Gang angekommen musste sie sich nun erstmal wieder orientieren. Ihr Gesicht hellte sich auf: Die Getränke und Häppchen für die Klienten waren nur über den Gang hinweg, die zweite Tür. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihre Absätze gaben nur ein leises Geräusch von sich, sodass es ihr möglich war, sich besser auf ihre Umgebung zu konzentrieren.
Obwohl Lilah sich denken konnte, dass ausgerechnet jetzt wohl kaum jemand im tiefsten Keller rumlaufen würde. An der Zieltür angekommen, blieb sie erst einmal stehen. Da sie nichts hörte, drückte sie die Klinke herunter, betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich. Diese gab ein hohes quietschendes Geräusch von sich, bei dem Lilah erschrak. Nachdem sie sich von dem Schreck erholt hatte und sich vergewissert hatte, dass sich keiner mehr im Keller befand außer ihr, wandte sie sich den Regalen und Schränken an der gegenüberliegenden Wand zu.
Es war, als ob ihre Hände automatisch zum richtigen Schrank geführt worden währen, denn als sie den Ersten öffnete, breitete sich eine Vielfalt mit Lebenssaft gefüllten Beuteln vor ihr aus. In diesem Moment schien sie eine Welle zu erfassen: Lilah griff in den Schrank und riss den ersten Beutel, den sie erwischte an sich. Sie war kurz davor gierig reinzubeißen, als sie über sich selbst erschrak. Sie war tatsächlich zu einem Monster mutiert.
Sie war keine fiese Anwältin mehr, nein, sie war nun ein blutrünstiges, triebgesteuertes Monster. Lilah seufzte und ließ sich neben den Schrank nieder gleiten. Den Beutel legte sie neben sich. Wenn sie darüber nachdachte, war das was sie hier tat höchst widerlich. Sie wollte das Blut von irgendwelchen Menschen trinken, gut, diese hatten das Blut freiwillig gespendet, aber nicht zu diesem ekelhaften Zweck.
Die Anwältin schloss die Augen und spürte das Brennen nun noch viel intensiver. Irgendwie konnte sie jetzt verstehen, wieso die Vampire regelmäßig durchdrehten, beziehungsweise sie sich so sehr beherrschen mussten. Je mehr Lilah der Versuchung widerstehen wollte, desto mehr Schmerzen bereitete es ihr.
Schließlich verlor die Anwältin den Kampf gegen ihren inneren Vampir. Sie riss den Beutel erneut an sich und biss hinein. Gott, fühlt sich das gut an… Die rote Flüssigkeit rann in Sturzbächen ihre Kehle hinunter und beseitigte so das Brennen und linderte damit den Schmerz.
Nachdem der eine Beutel leer war, nahm sie sich den Nächsten. Und den Nächsten,… Trotzdem war sie immer darauf bedacht, nichts auf ihr Kostüm oder ihre Schuhe zu kleckern. Das würde schließlich verräterische Spuren hinterlassen, die sie absolut nicht gebrauchen konnte.
Als sie wieder zu sich kam und sich sozusagen wieder in ‚die Anwältin' verwandelte, sah sie um sich herum erstmal das Ausmaß an aufgerissenen und ausgeleerten Blutkonservenbeuteln. Sie vernichtete, in einem leichten Schockzustand, diese Beweise so schnell sie konnte, wischte sich noch einmal über ihren Mund und sah an sich herab, um sich davon zu überzeugen, dass ihr Gelage keine Spuren hinterlassen hatte.
Lilah seufzte erneut und war zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich richtig von sich selbst angeekelt. Sie versuchte Haltung zu bewahren, setzte ihre toughe Anwältin-Maske auf und verließ den Raum. Sie eilte schnurstracks zum Aufzug, der sie zuerst einmal in ihr Büro bringen sollte.
.:TBC:.
