Chapter 5
Lilah wollte gerade auf den Knopf drücken, als sich die Türen schon öffneten. Sie zuckte erst kurz zusammen und erschrak noch mehr, als sie Lindsey erkannte, der ihr nun gegenüber stand. Dieser blickte allerdings ebenfalls irritiert. „Lilah! Hier stecken Sie also! Hmm, ich dachte eher, sie würden nach den oberen Etagen streben…" Er trat aus dem Aufzug heraus und schaute sich verwundert um. „… aber da habe ich mich wohl geirrt!"
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Lilah sah ihn genervt an. „Nun, dann frage ich mich aber, was Sie hier tun?" Sie drückte sich an Lindsey vorbei in den Aufzug. Der riecht aber gut! Sie verdrängte schnell den Gedanken und wandte sich ihm nur noch kurz zu. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe eine Menge zu tun!"
Damit drückte sie auf die Taste des Stockwerks mit ihrem Büro, die Türen schlossen sich und Lindsey verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie hörte nur noch, wie er zu einer neuen Bemerkung ansetzte. Als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte, atmete sie tief durch und versuchte sich zu entspannen.
Mit einem ‚Bing' öffneten sich die Türen erneut und sie stand vor einem hell erleuchteten Gang in dem es von Menschen wuselte. Der Geruch von frischem Blut traf sie mit voller Wucht. Überall hörte sie die gleichmäßigen Schläge des Pulses, der Menschen, mit denen sie arbeitete. Lilah versuchte nun, durch den Mund zu atmen und stürmte regelrecht auf ihr Büro zu. Nur am Rande nahm sie wahr, dass einzelne Menschen sie grüßten, oder was auch immer zu ihr sprachen.
Am Büro mit den großen Lettern ‚LILAH MORGAN' angekommen, kramte sie hektisch ihren Schlüssel hervor, schloss die Tür auf und knallte sie auch sofort wieder hinter sich zu. Das konnte doch nicht wahr sein! Kaum, dass sie das Gebäude betrat, begegnete sie auch noch ihrem ‚Lieblingsmitarbeiter'. Sie schnaufte kurz durch, als sie daran dachte, dass sie ja auch Holland hätte begegnen können. Daraufhin begab sie sich, immer im Schatten bleibend, an ihren Schreibtisch, der zum Glück nicht von der Sonne erreicht wurde, wo ihr als Erstes der riesige Papierstapel auffiel.
Ihr Postfach quillte geradezu über. Sie seufzte und machte sich Platz. Dann fuhr sie ihren PC hoch, wo auch gleich das Geräusch für ihr E-Mailfach ertönte. Sie überflog diese und die Akten auf ihrem Schreibtisch flüchtig, als es plötzlich an ihrer Tür klopfte. Auf dem Weg dahin überlegte sie, wer das wohl sein könnte, immerhin hatte sie sich so beeilt ungesehen in ihr Büro zu kommen, damit sie sich erstmal in Ruhe über alles klar werden konnte.
Als sie die Tür öffnete, hatte sich die Frage auch schon erledigt. „Lilah! Lindsey hatte also doch Recht! Freut mich, dass Sie den Weg mal wieder zu uns gefunden haben!" Er grinste sein typisches, falsches Lächeln, für welches Lilah ihn jedes Mal ohrfeigen könnte. Sie konnte die Falschheit förmlich spüren. Er schob sie ein wenig zur Seite und sprach dabei weiter: „Nun bin ich aber gespannt, was Sie die ganze Zeit so gemacht haben?"
Er setzte sich dazu auf den Stuhl für die Klienten und sah Lilah erwartungsvoll an. Die Anwältin schloss die Tür und verfluchte Lindsey innerlich. Dieser Verräter! War ja klar, dass er gleich zu Holland rennen würde, um mich anzuschwärzen! Und sie hatte gedacht, dass sie noch einen Moment Zeit hätte, sich was Gutes zu überlegen. Stattdessen nahm sie spontan einfach das Erste und Simpelste, was ihr in den Sinn kam.
Lilah atmete einmal tief ein und aus, ging dann wieder selbstsicher um ihren Schreibtisch herum und setzte sich in ihren Bürostuhl. „Es tut mir sehr leid, dass ich mich so lange nicht hab blicken lassen, aber die Angelegenheit war sehr wichtig und zwar:" Lilah fixierte nun Holland mit ihrem Blick, um ihre Aussage zu unterstreichen. „Mein Klient, mit dem ich mich zuletzt getroffen habe war, nun sagen wir mal ein wenig schwierig." Sie machte eine künstliche Pause.
„Es gab da noch Einiges zu klären und erledigen, allerdings bestand er darauf, dass sämtliche Sachen über mich liefen. Erst dadurch gelang es mir, sein Vertrauen zu gewinnen." Lilah endete ihre Erklärung mit einem gewinnenden Lächeln. „Allerdings brauchen Sie, Sir, sich nun um nichts mehr zu kümmern geschweige denn, sich um irgendetwas zu sorgen. Ich habe alles abgesichert und erledigt! Leider hat das ein wenig Zeit in Anspruch genommen, die hat sich jedoch auf jeden Fall gelohnt!" Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und spielte lächelnd mit einem Stift. Holland musterte seine Mitarbeiterin. Sie schien es tatsächlich ernst zu meinen, trotzdem zögerte er.
Zögern war nicht gut, das war Lilah klar, immerhin könnte dies ihr Leben kosten. Wobei das jetzt ja eher relativ war. Um ihn doch noch zu überzeugen, steckte gleich nach: „Natürlich arbeite ich die Sachen, die durch meine Abwesenheit liegen geblieben sind sofort nach, wenn nötig auch mit Überstunden." Das brachte Holland zum Strahlen. Lilah verdrehte innerlich die Augen. Natürlich würde er bei dem Satz schwach werden!
Da hatte sie sich ja in was reingeredet… „Das nenne ich eine lobenswerte Einstellung, Lilah! Ich wusste, Sie würden mich und die Kanzlei nicht enttäuschen!" Damit erhob er sich, ging zur Tür – und drehte sich noch einmal um: „Viel Erfolg und willkommen zurück!" Dann verließ er ihr Büro. Lilah hatte das Gefühl, sich die Nase zuhalten zu müssen. Dieser Gestank, der von Holland ausging, war unerträglich und hinterließ in ihrem Büro eine bleibende Spur von Verlogenheit und Arroganz.
Plötzlich dachte sie an ihre viel wichtigere Aufgabe: Herauszufinden, wer überhaupt ihr letzter Klient war, denn Holland oder Lindsey zu fragen schied definitiv aus. Sie stand auf und ging zu ihrem Aktenschrank. Kurz davor hielt sie plötzlich inne. Ein Lichtstrahl trennte sie von ihrem Schrank. Also ging Lilah entschlossen zur anderen Seite, wo sich der Regler für ihre Jalousien befand. Diesen hielt sie nun so lange, bis es ihr Dunkel genug war und sich kein Sonnenstrahl mehr in ihr Büro verirren konnte.
Sie machte ein bisschen Licht an, um den Anschein zu wahren, dass sie welches benötigte, falls noch jemand reinkam. Danach fiel ihr etwas viel Besseres ein: Ihr Terminkalender im PC! Also setzte sie sich an ihren Schreibtisch und öffnete ihren virtuellen Terminkalender. Sie klickte sie sich zu dem Tag zurück, als sie sich mit demjenigen getroffen hatte. Dort stand allerdings nur ein eingekringeltes A.
„Was soll das denn sein?" fragte sie sich laut. Sie überlegte krampfhaft, ihr fiel jedoch spontan keine sinnvolle Assoziation eines Namens zu dem Buchstaben ein. Die Anwältin fluchte haltlos vor sich hin. „Fuck, seit wann schreib ich denn nur dämliche Abkürzungen auf, die mir im Nachhinein auch nichts mehr sagen? Mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann? …" Das stimmte. Sie blätterte zurück und da standen ausschließlich Klienten mit Vor- und Zunamen (falls sie dies besaßen) teilweise sogar mit Kontaktmöglichkeiten.
Sie schloss das Programm und griff nach ihrer Tasche. Dort kramte sie ihren anderen klassischen Terminkalender raus. Sie schlug auch da erneut die Seite auf, die eigentlich den Namen ihres Klienten preisgeben sollte, doch auch da war nur ein A mit einem Kreis drum. „Verdammt!" Sie klappte das Buch zusammen und schmiss es in eine Ecke. Dann ließ sie sich auf ihren Bürostuhl fallen und seufzte. Das konnte doch nicht wahr sein! Lilah überlegte, was sie nun tun konnte, um einfach nur irgendetwas über den mysteriösen Klienten X bzw. A herauszufinden.
Sie dachte einen Moment daran zu Dawn in Files & Records zu gehen, die ja bekanntlicherweise alles weiß, doch das brachte ohne Anhaltspunkte auch nichts. Sie wollte gerade aufstehen, um in ihrem Aktenschrank zu wühlen, als ihr Erkenntnis dämmerte: Sie konnte nirgendswo Aufzeichnungen finden, da es überhaupt noch keine gab! Logisch! Da sie sich ja erst getroffen hatten, dafür dass derjenige Klient in der Kanzlei wird. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. In der ganzen Hektik hatte sie diese simple Tatsache einfach vergessen oder verdrängt.
Sie wusste langsam nicht mehr wo ihr der Kopf stand. Lilah ging zur bürointernen Minibar und goss sich erstmal einen Scotch ein. Und noch einen. Und noch einen. Erst nach dem Dritten stellte sie erstaunt fest, dass sie den Alkohol schmecken konnte, wirklich schmecken! Darauf trank sie gleich noch einen Vierten, den sie aber genüsslich langsam ihre Kehle hinunter rinnen ließ, um jeden Tropfen intensiv zu genießen und zu schmecken.
Danach wendete sich schließlich den von Holland erwähnten wartenden Akten zu. Sie erhoffte sich, damit einigermaßen Ordnung in ihr Kopf- und Gefühlschaos zu bringen. Etwas Arbeit würde sie ein wenig ablenken! Und damit schlug sie die erste Akte auf.
.:TBC:.
