Disclaimer: Siehe Prolog

Anmerkung: Dieses Kapitel enthält sehr viel inneren Monolog. Aber keine Bange, im nächsten gibt es dann wieder mehr Handlung. :) Reviews würden mich sehr freuen!

EEEEEEEEEEEEEE

Kapitel 2
Should I stay or should I go?

EEEEEEEEEEEEEE

Erik stand in seinem Schlafanzug unschlüssig mitten im Zimmer. Er hatte eine Weile ruhig und beinahe friedlich an Charles gedrängt geschlafen. Doch er war ein leichter Schläfer und kaum hatte ihn irgendein belangloses, kleines Geräusch geweckt, begann es wieder in seinem Kopf zu arbeiten. Sofort versuchte er wieder der fehlenden Erinnerung habhaft zu werden, deren Verlust von dem leichten aber immer noch permanenten Pochen in seinem Kopf bezeugt wurde. Plötzlich war Charles zu nahe und Erik hatte keine Nerven dafür auch nur eine Sekunde länger liegen zu bleiben. Vorsichtig hatte er sich von Charles gelöst und das Bett verlassen.

Doch nun konnte er sich nicht dazu durchringen das Zimmer zu verlassen. Ein Teil von ihm wollte nur raus. Der andere Teil hielt seinen Blick auf die schlafende Gestalt im Bett geheftet, die einen Wirbel an Gefühlen in ihm auslöste. Da war Dankbarkeit und ein nie enden wollendes Erstaunen darüber, was Charles wohl in ihm sah. Vor allem aber war da Wärme. Doch Erik wäre nicht Erik, wenn diese Empfindungen nicht durch andere verkompliziert würden. Denn da war auch Angst. Eine ganzer Pool von Angst. Da war die Angst Charles zu verlieren. Dann Angst davor von ihm abgelehnt zu werden. Aber auch eine unmittelbare Angst vor Charles selbst und seinen Fähigkeiten. Und die Angst davor von ihm abhängig zu werden. All diese Gefühle stritten um die Oberhand und hielten ihn am gleichen Fleck fest.
Da öffnete Charles die Augen und sah ihn direkt an. Kein Zweifel daran, das er ihn bereits über seine Gedanken lokalisiert hatte, bevor er die Augen öffnete. Charles stemmte sich mit seinen Armen in eine halbsitzende Position und schenkte ihm ein Lächeln. „Hey."
Erik konzentrierte sich um sein Gesicht kühl und unbeteiligt erscheinen zu lassen, als er murmelnd antwortete: „Hey."
Er wusste, er sollte jetzt wirklich gehen. Er wollte gehen. Er wollte seine tägliche Runde joggen gehen, den Kopf wieder klar bekommen. Er wollte diese verdammten Erinnerungen zurück deren Verlust ihn so hilflos machte. Wie er dieses Gefühl hasste! Doch etwas in Charles' Blick hielt ihn fest. Er hätte gerne behauptet, das es Charles' Telepathie war, die ihn an Ort und Stelle hielt, doch er wusste, das der andere das gar nicht nötig hatte. Nicht mit diesen Augen.
Charles kletterte jetzt aus dem Bett und trat auf Erik zu. Er streckte die Hand aus und berührte Eriks Wange. Erik wusste, dass er gehen sollte, doch stattdessen lehnte er sich in die Berührung, ohne je den Augenkontakt zu Charles abzubrechen.
„Komm zurück ins Bett. Du solltest dich noch schonen." Charles' Stimme war warm und fest.
Und Erik folgte seinem sanften Drängen. Auch jetzt fühlte er sich hilflos. Und doch war es eine andere Form von Hilflosigkeit. Denn wie Charles so seine Arme um ihn legte und sanft über sein Haar strich und damit beinahe das Pochen in seinem Kopf und die mit den fehlenden Erinnerungen verknüpfte Angst wegwischte, fühlte Erik noch etwas Neues. Geborgenheit.

CCCCCCCCCCCCCCC

Als Charles sich gute zwei Stunden später an den Frühstückstisch setzte, hatte er für jeden ein Lächeln und ein freundliches Wort. Erik war noch einmal eingeschlafen bis das Klingeln des Weckers ankündigte, das es Zeit war zum Aufstehen. Dann war Erik in sein Zimmer geschlichen um sich anzuziehen. Sie hatten nicht darüber gesprochen was zwischen ihnen vorgefallen war. Aber Charles hoffte, dass es der Anfang von etwas Neuem war. Er hoffte, das es bedeutete, dass Erik bleiben würde. Charles würde jedenfalls alles tun, um ihn seine fehlenden Erinnerungen vergessen zu lassen.

Erik saß neben ihm, sein Gesicht die übliche kühle Maske. Nur einem sehr aufmerksamen Beobachter wäre vielleicht aufgefallen, wie sein Blick beim umherstreifen stets etwas zu lange auf Charles verweilte. Charles war nicht minder gut darin zu verbergen, das seine Gedanken sich nur um Erik drehten. Er erwog sich die Zeit zu vertreiben, indem er Erik ein wenig durch die Augen der anderen betrachtete. Doch kaum hatte er sich zu diesem Zweck in Alex' Kopf geschlichen, als ihn dessen trübe Gedanken endlich in die Realität zurück brachten. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Alex nicht der Einzige am Tisch war, der angespannt war. Die Jungs blickten alle trübsinnig auf ihre Teller oder warfen Charles unsichere Blicke zu. Charles war die Anspannung zunächst nicht bewusst geworden. Die vergangen zwei Tage waren sie alle ziemlich beunruhigt wegen Erik gewesen. Erik mochte keinem von ihnen übermäßig nahe stehen, doch er war Teil ihres Teams, er gehörte zu ihnen und seine Bewusstlosigkeit hatte sie alle beunruhigt. Nachdem sich diese Sorge nun gelegt hatte (wenn man einmal von Raven absah, die Erik immer mal wieder einen Blick zuwarf, als würde sie befürchten, dass er jeden Moment über seiner Müsli-Schüssel zusammenbrach), hatte sich eine andere, unterschwelligere Sorge manifestiert. Die Frage, wie es nun mit ihnen weitergehen würde. Sie hatten Shaw bezwungen, ihre eigentliche Aufgabe war erfüllt. Nun, da Erik erwacht war, waren sie sich nicht mehr sicher, wie lange sie noch in Charles Zuhause erwünscht waren. Keiner von ihnen wollte in sein altes Leben zurück. Und doch waren sie plötzlich nicht mehr sicher, ob hier tatsächlich ein Neues auf sie wartete.
Charles war bisher zu sehr mit Erik beschäftigt gewesen um auch nur eine Sekunde daran zu denken. Und auch vor Kuba hatte er nie klar gemacht, wie es danach weitergehen würde. Dabei hatte er durchaus einen Plan. Und nun fühlte er sich ein wenig schuldig, dass er nicht eher deutlich gemacht hatte, was ihm vorschwebte. Es wurde dringend Zeit dafür.

„Ich habe mir überlegt", begann er mit seinem typischen Lächeln, und zog sogleich die gesamte Aufmerksamkeit der recht schweigsamen Runde auf sich, „aus diesem Haus eine Schule für Mutanten zu machen. Einen Zufluchtsort, wo sie Geborgenheit und Verständnis finden können und lernen ihre Fähigkeiten zu beherrschen."
„Das ist eine großartige Idee, Charles!", rief Raven erfreut aus, während die anderen gebannt darauf warteten wie es weiterging. Charles grinste sie erfreut an und fuhr dann fort.
„Ich werde natürlich Lehrpersonal brauchen. Und ich würde mich freuen, wenn ihr diese Rolle übernehmen würdet. Ihr habt viel gelernt in den letzten Tagen und seid, denke ich, bereit das weiterzugeben. Und natürlich soll auch unser eigenes Training nicht auf der Strecke bleiben." Er blickte dabei jeden in der Runde an und fühlte wie sich nach und nach die Anspannung in Freude verwandelte. Die Jungs riefen durcheinander. „Ich bin dabei!" und „Sie können auf mich zählen, Professor."
Zuletzt blickte Charles Erik erwartungsvoll an. Dieser wich jedoch seinem Blick aus und verließ den Raum ohne ein Wort. Es war ganz und gar nicht die Reaktion, die Charles erhofft hatte. Dennoch widerstand er dem Impuls ihm zu folgen, ebenso wie dem, ihn mental aufzuhalten. Er hatte sich zu lange auf Erik konzentriert. Jetzt musste er für die anderen da sein. Wenn er Erik jetzt folgte, würde es die anderen verunsichern. Sie mussten wissen, das sie hier einen Platz, ein Zuhause hatten, egal was Erik darüber dachte. Mit aller Selbstdisziplin, die er aufbringen konnte zwang sich Charles zu lächeln und auf die Fragen seiner Freunde einzugehen und seine Gedanken von Erik abzuwenden.

SSSSSSSSSSSSSSS

Erik rannte. Sehr lange hielt er das zwar nicht durch, da er immer noch geschwächt war, aber er hielt nicht an. Seine Schritte blieben immer noch schnell, als er über das Außengelände des Xavier-Anwesens eilte. Wovor er davon rannte, konnte er gar nicht so genau sagen. Aber er fühlte sich in eine Ecke gedrängt. Er wusste, er hatte kein Recht darauf von Charles zu erwarten, das er ihn in seine Pläne einweihte. Und Charles hatte schließlich in die Runde gesprochen. Er hatte Erik nicht dazu gedrängt an seinem Plan Anteil zu haben. Und doch kam es ihm vor als hätte Charles ihn vor eine Tatsache gestellt, als hätte Charles schon für sie beide geplant. Er fühlte sich plötzlich eingesperrt in diesem Haus, das künftig eine Schule sein würde. Was dachte Charles? Das sie fröhlich Familie spielen würden? Das Erik ruhig hier bleiben würde und Kinder unterrichten, wenn er nicht einmal sicher war, das Schmidt tot war?
Seine Gedanken wurden durch ein Bild durchbrochen. Vor ihm stand Schmidt, wie eingefroren. Erik hielt einen seltsamen Helm in seinen Händen, den er aufsetzte. Dabei fühlte er ein Gefühl der Macht in sich aufsteigen. Das Bild war so schnell weg, wie es gekommen war, aber instinktiv wusste Erik, das es ein Stück seiner verschwundenen Erinnerung war. Er blieb stehen und versuchte mit aller Macht sich an mehr zu erinnern, doch davon wurden die Kopfschmerzen nur wieder stärker. Es war, wie wenn man nach einem Traum erwachte und ihn sich in Erinnerung rufen wollte. Je mehr man sich daran klammerte, desto verschwommener wurde alles. Ärgerlich stapfte er weiter, seine Gedanken um Charles völlig vergessen. Was war das für ein Helm? Was war mit Schmidt geschehen? Es ratterte in ihm, doch es wollten sich keine neuen Erkenntnisse einstellen.
Und so lief er, entfernte sich immer weiter vom Haus. Er sah nichts von dem klaren Herbsttag und dem bunten Laub, durch das die Sonne schien. Sein Kopf folgte den Erinnerungen, die ihm geblieben waren und versuchte sie mit dem was Charles ihm von Kuba erzählt hatte und den neuen Bildern zu verbinden. Immer wieder ging er alles durch, aber er konnte die Lücken nicht schließen. Und wieder nestelte sich diese unbeschreibliche Angst in seinem Herzen ein. Die Angst Schmidt könnte vielleicht noch am Leben sein. Sicher, Charles hatte ihm gesagt er hätte Schmidt getötet. Aber Charles hatte auch gesagt, er sei nicht dabei gewesen. Was machte Charles so sicher, das Schmidt wirklich tot war? Und wie hatte Erik ihn getötet?
Er war schon eine lange Zeit herumgeirrt, ohne irgendetwas zu sehen oder zu hören, als er sich plötzlich wieder vor der Satellitenschüssel fand. Wie konnte es sein, das er sich so klar an den Moment erinnern konnte, an dem er sie gedreht hatte, aber nicht an Schmidts Tod? 18 Jahre hatte er sich jeden Tag vorgestellt, wie er Schmidt einen langen, qualvollen Tod bereitete und nun konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie er es tatsächlich getan hatte? Es machte ihn unruhig und unsicher.
Wut und Frustration stiegen in ihm hoch. Erik blickte an der Satellitenschüssel hoch. Er streckte die Arme aus um alle seine Wut auf sie zu entladen. Es war ihm egal, ob er sie dabei zerstörte.
Aber nichts tat sich. Sie bewegte sich nicht einen Zentimeter. Das war zu viel. Alle Wut entwich aus ihm und mit ihr alle Energie. Erik lies sich auf den Boden sinken. Er wusste, das er es konnte, es war ihm schon einmal gelungen. Doch damals war Charles bei ihm gewesen. Charles war offenbar auch bei ihm gewesen, als er das U-Boot empor hob. Er ließ seinen Kopf auf seine Hände sinken. War er nicht fähig so etwas großes alleine zu bewältigen? Brauchte er Charles immer noch dafür? Wieder kroch jene andere Angst in ihm hoch. Die Angst abhängig von Charles zu werden. Und doch war da eine kleine Stimme in seinem Kopf, die fragte, ob das wirklich so schlimm wäre.

SSSSSSSSSSSSSSS

Charles hatte alle Fragen seiner Freunde geduldig beantwortet und sie dann dazu ermuntert sich eigene Gedanken zu machen, wie man die Schule gestalten sollte und was sie unterrichten wollten. Training würde heute keines stattfinden. Endlich konnte Charles sich in sein Zimmer zurückziehen. Er sehnte sich nach Ruhe. Er musste denken. Es schien ihm fast, als hätte er das in den Tagen seit Kuba etwas zu sehr vernachlässigt. Mehr als einmal musste er sich davon abhalten, das seine Gedanken zu Erik abschweiften. Alles was er sich gestattete war jede halbe Stunde mental nach Erik zu suchen, um sicher zugehen, das er nicht ganz fort war. Er hatte die Uhr ständig im Blick und hielt den Zeitrahmen, den er sich selbst gegeben hatte exakt ein. Wenn er dann erleichtert festgestellt hatte, das Erik sich immer noch auf dem Anwesen befand, musste er sich erneut zusammen nehmen um nicht bei ihm zu verweilen, und seine Gedanken zu lesen, sondern sich mit dem unmittelbar vor ihm befindlichen zu befassen. Es war eine ermüdende Vorgehensweise und doch war ihm eine andere nicht möglich. Er musste sich einfach immer wieder davon überzeugen, das Erik noch da und greifbar war. Aber er konnte nicht zulassen, das er sich in Eriks Gedanken verlor.
Charles war an sich ein rationaler Mensch. Und jetzt, da er einmal aus dem unmittelbaren Sog von Erik gerissen war, wurde ihm klar, das er in den letzten Tagen kaum rational gehandelt hatte. Alles hatte sich um Erik gedreht und er hatte darüber seine Schützlinge vernachlässigt. Beunruhigender war allerdings eine ganz andere Erkenntnis: Er hatte versucht Macht über Erik zu erlangen. Er wollte alles über ihn wissen. Er war ständig versucht in Eriks Kopf herumzustöbern. Es war nicht so, das er es nicht gewohnt war sich in den Köpfen anderer mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu bewegen, mit der er atmete. Oft genug hatte er die Privatsphäre anderer überschritten, wenn er es für notwendig hielt. Doch mit Erik war es etwas völlig anderes. Er wollte immer mit ihm verbunden sein, immer wissen was er dachte. Er wollte jedes noch so kleine Detail über ihn wissen. Und er wollte in seinem Freund lesen, das es ihm mit Charles ebenso erging.
Und Charles hatte sich mehr als einmal bei dem Gedanken ertappt Erik zu zwingen zu bleiben. Oder ihn zu zwingen zu ihm zu kommen. Das war das Beängstigendste. Charles glaubte nicht an Zwang. Er glaubte an freien Willen. Aber seine Angst Erik zu verlieren war so stark, das er versucht war mit seinen eigenen Prinzipien zu brechen. Und es wäre schließlich nicht das erste Mal. Für Erik hatte er sich zum Mörder gemacht indem er Shaw einfror. Es ging nicht darum, ob Shaw den Tod verdiente oder nicht. Es ging darum, dass er keine Chance hatte sich zu wehren. Sicher, er hatte sich entscheiden müssen: Erik, oder Shaw. Aber nie würde er vergessen, wie die Münze durch seinen Kopf jagte und wie Erik ihn dabei angesehen hatte. Für diesen Erik, der ihn aus seinen Gedanken ausgesperrt hatte, der Shaw diesen qualvollen Tod bereitete, der ihn quälte ohne zu Bedenken, das er damit auch Charles quälte. Den Erik, der nur Hass kannte, für ihn empfand Charles selbst beinahe so etwas wie Hass. Er hatte gedacht, wenn er Erik diese Erinnerung nahm, konnte er vielleicht auch diesen Erik ausradieren. Aber Charles selbst konnte ihn nicht vergessen und ein Teil von ihm lebte in der ständigen Angst, das er wieder zum Vorschein kommen könnte. Das war ein weiterer Grund warum er versucht war Kontrolle auf Erik auszuüben. Denn er wusste, das da so viel mehr als Wut und Hass war und er wollte diesen Teil von Erik nicht aufgeben, wollte ihn nicht an seine dunkle Seite verlieren. Doch Charles musste auch lernen sich zurückzuhalten. Er konnte Erik nicht jedes mal stoppen, wenn er etwas tat, das Charles nicht wollte. Denn dann wäre er nicht mehr als eine Marionette. Und das war das Letzte was Charles wollte.
Er musste sich wieder daran erinnern, was noch wichtig war in seinem Leben.

Charles war erschöpft von alledem. Sollte es nicht leicht sein jemanden zu lieben? Er war ruhelos, weil er sich nicht gestattete zu sehen was in Erik vorging. Weil er nicht wusste, wie es weiter gehen würde. Zweimal sah er in seinem Schreibtisch nach, ob der Helm noch da war. Er war es. Zumindest das war eine Erleichterung.
Er zwang sich, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Er wollte schließlich eine Schule aufbauen. Das war etwas woran er sich festhalten konnte. Es hatte ihn geschmerzt, dass Erik einfach gegangen war, als er den Vorschlag machte. Er wollte ihn an seiner Seite wissen.
Genervt von sich selbst schüttelte Charles den Gedanken ab. Vor ihm ausgebreitet lag der Grundriss des Anwesens. „Konzentrier dich!" Er würde eine Schule aufbauen. Ganz gleich, ob mit oder ohne Erik Lehnsherr. Er würde eine Schule aufbauen.

HHHHHHHHHHHHH

Es war bereits dunkel, als Erik ins Haus zurückkehrte. Er fröstelte ein wenig, aber er bemerkte es nicht. Im Wohnzimmer hörte er die anderen fröhlich ihre Pläne für die Schule diskutieren. Charles hörte er nicht. Er schlich unbemerkt an dem Zimmer vorbei in sein eigenes. Als er eintrat, scannte er sogleich den ganzen Raum. Er war leer. Erst jetzt gestand sich Erik ein, dass erwartet hatte, das Charles da sein und auf ihn warten würde. Irgendwie war er immer da gewesen. Er hatte Erik vom Ertrinken abgehalten, als er versuchte Schmidts U-Boot aufzuhalten. Er hatte Erik davon abgehalten die CIA zu verlassen. Er war ihm in Russland gefolgt. Das Charles ihn nicht gesucht hatte, und nun nicht wenigstens hier auf Erik wartete, erschien ihm falsch. Erik musste sich eingestehen, das er enttäuscht war. Er konnte nicht genau sagen, was er erwartet hatte, aber ganz sicher nicht, das Charles seinem Ausbruch gegenüber so gleichgültig war. Brummig griff Erik nach dem Buch das auf seinem Nachtkästchen lag und lies sich auf einen Stuhl sinken. Was spielte es für eine Rolle, ob Charles da war? Er brauchte ihn nicht! Er versuchte zu lesen, aber schnell stellte er fest, das er über die ersten Zeilen nicht hinaus kam. Was tat Charles? Warum versuchte er nicht Erik für seine Schule zu gewinnen? Warum ließ er ihn allein?

Es klopfte an der Tür. Charles! Erik fühlte wie sein Herz schneller schlug. Doch er würde seine Freude nicht zeigen. Er drehte den Stuhl so, das er mit dem Rücken zur Tür saß, bevor er mit rauer Stimme „Ja!" rief.
„Erik?", ertönte Hanks Stimme vorsichtig. Erneut empfand Erik Enttäuschung. Er wischte sie beiseite und drehte sich stattdessen mit funkelnden Augen zu Hank um.
„Was?"
Noch vor ein paar Tagen wäre Hank vielleicht vor seinem Tonfall zurück geschreckt. Doch nun war er nicht mehr der schüchterne Wissenschaftler. Er hatte angefangen sich mit seiner Mutation zu arrangieren. Und damit ging auch ein neues Selbstbewusstsein einher.
„Das Abendessen ist fertig. Und sag doch bitte Charles Bescheid." Und er war wieder verschwunden, ehe Erik widersprechen konnte.
Er musste sich geschlagen geben. Sein Magen zumindest war erfreut von der Aussicht auf Nahrung. Er hatte seit dem Frühstück nicht mehr gegessen. Und da war er schließlich auch nicht weit gekommen. Dennoch wollte er nicht derjenige sein, der Charles holte. Charles sollte zu ihm kommen. Er erwog einfach zum Essen zu gehen und abzuwarten, bis einer der anderen Charles holte. Andererseits … er konnte Charles schließlich auch nicht verhungern lassen, oder? Und während er sich auf den Weg zu seinem Zimmer machte, hörte er wieder die kleine Stimme in seinem Ohr, die ihm zuflüsterte, dass er doch eigentlich ganz dankbar war für diese Gelegenheit Charles einen Moment alleine zu sehen, ohne sich zu viel Blöße geben zu müssen.
Er klopfte an, doch keine Reaktion. Vielleicht hatte Charles schon selbst mitbekommen, das es Essen gab? Erik schob die Tür auf und trat ein. Er entdeckte ihn, den Kopf halb auf seinen Armen, halb auf dem Schreibtisch liegend. Für einen Moment blieb er stehen und betrachtete den schlafenden Charles. Wie sein Rücken sich langsam hob und senkte. Die Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht gefallen waren. Jede Wut, jede Enttäuschung und alle widersprüchlichen Empfindungen waren für einen Moment gebannt.
Erik wollte ihn nicht wecken. Er blickte sich im Zimmer um und entdeckte einen bunten Quilt, der über das Bett gebreitet war. Er holte ihn und legte ihn Charles vorsichtig um die Schultern. Er war schon fast wieder an der Tür, als er Charles verschlafene Stimme hörte. „Erik?"
Erik drehte sich um. Charles hatte den Kopf gehoben. Er sah aus, als sei er noch nicht richtig wach, aber er lächelte ihn freudig an. In diesem Moment wirkte er fast wie ein Kind, das an Weihnachten noch im Halbschlaf beobachtete, wie der Weihnachtsmann die Geschenke unter den Baum legte. In drei Schritten war Erik wieder bei ihm und zog ihn in seine Arme. Wie so oft wenn es um Charles ging war es mehr ein Impuls, als etwas das er aus eigenem Willen tat.
Charles erwiderte die Umarmung überrascht.
Erik hörte ihn in seinem Kopf sagen: „Ich hatte Angst du würdest uns verlassen."
Erik schwieg und zog Charles noch enger an sich.