Disclaimer: Siehe Kapitel 1

Anmerkung: In diesem Kapitel ist Erik wieder relativ er selbst und gibt auch mehr als drei Worte von sich. :) Ich hoffe sie sind alle halbwegs in character. Wobei ich mit meiner Trainigsszene schon mal nicht zufrieden bin … Und ich hoffe es ist nicht allzu kitschig geworden ... Jedenfalls ist das nächste und letzte Kapitel auch schon fast fertig, wird also diesmal nicht so lange mit dem Update dauern.

KKKKKKKKKKK

Kapitel 3
Dare you

KKKKKKKKKKK

Von da an war es wieder beinahe wie vor Kuba. Beide fühlten sich unwohl mit dieser merkwürdigen Sehnsucht und dem damit einhergehenden Kontrollverlust. Beiden waren diese Gefühle fremd. Sie kehrten, ohne ein Wort darüber zu verlieren, von jenem unklaren, verwirrenden Umgang miteinander zurück zum Status Freundschaft. Mit dem Unterschied, das sie einander versuchten aus dem Weg zugehen.

Erik war immer noch entschlossen seine Erinnerungen zurückzubekommen. Und er hegte die stille Hoffnung, das er damit auch seine Hilflosigkeit gegenüber Charles wieder in den Griff bekommen würde. Die kleine Stimme in seinem Kopf lachte ihn aus und fragte: „Wem machst du hier eigentlich etwas vor?". Erik ignorierte sie.
Er hatte jetzt einen Plan, wie er seine Erinnerungen ankurbeln wollte. Es fühlte sich gut an, einen Plan zu haben, es gab ihm etwas zu tun. Jetzt konnte er wieder Handeln, aktiv werden. Das gab ihm ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit.
Erik hätte es sich nie selbst eingestanden, aber ein Grund warum er an dem Gedanken festhielt, Schmidt könnte noch am Leben sein, war der, dass er dann immer noch ein Ziel hatte. Etwas auf das er hinarbeiten konnte. Ohne die Verfolgung von Schmidt, war er plötzlich orientierungslos. Er hatte nur gelebt um Rache zu nehmen. Er hatte nie darüber nachgedacht wie es danach weiter gehen würde. Vielleicht weil er im Stillen immer erwartet hatte, das es kein danach mehr für ihn geben würde. Wäre Charles nicht gewesen, hätte es das wahrscheinlich auch nicht gegeben.

Er schüttelte den Gedanken ab. Erik hatte beschlossen jeden über die Ereignisse auf Kuba zu befragen, in der Hoffnung, dass etwas von ihren Erzählungen seine Erinnerungen weckte. Und der Erste, den er befragen wollte, war Hank. Hank hatte immerhin eine ganz schöne Transformation durchgemacht seit dem letzten woran Erik sich erinnern konnte.

Erik betrat also Hanks Labor.
„Wie kam das?", fragte er laut, ohne weitere Einleitung. Hank schrack einen Moment zusammen, was bei jemandem mit seinem Aussehen durchaus komisch wirkte. Aber er war so vertieft in seine Arbeit gewesen, das er Erik nicht bemerkt hatte. Er drehte sich genervt um.
„Von Anklopfen hältst du wohl nichts, hm?". Erik hielt vor allem nichts davon eine Antwort auf diese Frage zu geben, sondern wiederholte mit einer Handbewegung in Hanks Richtung ungeduldig: „Also?"
Hank brauchte einen Moment um zu verstehen worauf Erik hinaus wollte. Er hatte keine Lust darüber zu reden und am wenigsten mit Erik, aber er kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu wissen, das eine Weigerung nur unnötigen Stress bringen würde. Er seufzte.
„Mein Mittel, das mit dem ich meine und -" er wollte von Raven sprechen, besann sich aber eines Besseren. „ … meine Mutation zurückbilden wollte -", er hielt erneut inne und warf Erik einen fragenden Blick zu.
„Weiter, ich habe nicht alles vergessen!", entgegnete Erik daraufhin trotzig.
Hank fuhr mit einer gewissen Wehmut in der Stimme fort: „Jedenfalls … es hat sie offenbar stattdessen zum endgültigen Ausbruch gebracht." Hank wandte sich ab, als wollte er sich wieder seiner Arbeit zuwenden. Er schien sich zu schämen, ob seines misslungenen Experiments, oder der daraus resultierenden blauen Form wegen war nicht zu sagen.
Doch egal was Erik von Hank und dieser ganzen Idee von Mutationsunterdrückung hielt, etwas in ihm empfand Mitleid. Er wollte irgendetwas Tröstendes sagen und alles was ihm einfiel war: „Du siehst gut aus." Hank blickte mit gerunzelter Stirn auf und Erik, einem plötzlichen Impuls folgend, griff an seinen Hals, als würde er von unsichtbaren Händen angegriffen.
Einen Moment später, nahm er verwirrt und peinlich berührt seine Hände wieder herunter. Hanks Blick erhellte sich jedoch.
„Du erinnerst dich!", stieß er hervor. Er machte ein paar Schritte auf Erik zu und betrachtete ihn mit äußerstem wissenschaftlichen Interesse.
„Wie meinst du das?", erwiderte Erik und um seine vorherige Scham zu überspielen, klang seine Stimme noch härter und befehlender als gewöhnlich. Hank lies sich davon jedoch nicht beeindrucken.
„Nun, als du mich das erste Mal nach meiner Transformation gesehen hast, hast du genau das gleiche gesagt. Und ich … ich hab dich angegriffen und am Hals gepackt, weil ich dachte, du machst dich lustig über mich.", nun war es Hank, der peinlich berührt war, doch er überwand das schnell in seinem wissenschaftlichem Überschwang. „Ganz offensichtlich hat dein Unterbewusstes das wieder abgerufen, als sich gerade die Situation wiederholt hat."
„Heißt das meine Erinnerungen werden auf jeden Fall zurück kommen?", fragte Erik nun drängend. Und Hank konnte nicht umhin einen gewissen Stolz zu empfinden, das Erik so interessiert an seiner Meinung war.
„Es wird Zeit brauchen, aber doch, ich denke schon.", erwiderte Hank. Mehr zu sich selbst fügte er hinzu. „Charles wird sich freuen. "
„Charles?", fragte Erik etwas zu schnell. Hank sah aus, als wäre er bei etwas ertappt worden.
„Tja, nun ja, er hat sich Sorgen gemacht … wie, wie wir alle natürlich ..."
Erik warf Hank einen abschätzigen Blick zu. „Wie auch immer." Er war schon fast zur Tür raus, als er sich zu einem brummigen „Danke" durchrang.
Er hatte langsam das dumpfe Gefühl, das der linkische Wissenschaftler doch mehr wahrnahm, als er ihm zugetraut hätte.

TTTTTTTTTTT

Charles hatte sich einen strikten Tagesplan zurecht gelegt, um Erik aus dem Weg zu gehen. Den Vormittag hatte er gefüllt indem er mit Raven, die das Haus schließlich ebenso gut kannte wie er selbst, seine Pläne für den Umbau durchging. Später würde er mit Hank an ihren Plänen für ihr eigenes, verbessertes Cerebro arbeiten. Und im Moment war er ganz gut beschäftigt damit Alex zu trainieren. Charles hätte kaum sagen können, wie dankbar er dafür war, das es so viel zu tun gab.

Und tatsächlich war er so sehr von Alex abgelenkt, das er nicht bemerkte, wie Erik sich ihnen näherte und hinter einem Busch zum Halten kam. Erik war nach seinem Gespräch mit Hank erst mal seine übliche Runde gelaufen, um das Gehörte zu verarbeiten. Er glaubte mittlerweile eine dumpfe Erinnerung daran zu haben, wie Hank ihn, in einen albernen, gelb-blauen Anzug gekleidet, gewürgt hatte. Aber er war nicht ganz sicher, ob er sich das nicht nur einredete. Er hatte seine Runde fast beendet, als er Charles und Alex entdeckte, die auf dem Rasen vor einer antiken Statue trainierten. Er hatte Charles den ganzen Tag noch nicht gesehen, da er bewusst früher gefrühstückt hatte als alle anderen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Nun konnte er es sich jedoch nicht verkneifen ein paar Minuten zuzusehen. Er verbarg sich also hinter dem Busch. Er befürchtete zwar, dass Charles ihn aufgrund seiner Gedanken bemerkte, aber vielleicht würde er ihn einfach ignorieren, solange er sich verborgen hielt.

„Okay, Alex, jetzt versuch mit deinem Finger die Statue zu treffen.", sagte Charles nun.
Alex blickte erst ihn und dann die Statue zweifelnd an. „Was wenn ich wieder nicht mit meinem Finger schieße, sondern doch aus dem Bauch heraus? Wenn ich etwas anderes treffe ..." Alex' besorgter Gesichtsausdruck lies vermuten, dass er eher Angst hatte aus Versehen Charles zu treffen. Charles schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Da mache ich mir keine Gedanken, Alex. Du hast es auf Kuba hinbekommen. Und gerade eben auch mehrmals im Bunker. Konzentriere dich immer nur darauf wo du die Energie hinleitest."
Erik sah wie sich Alex' Gesicht mit Entschlossenheit füllte. Er war nun bereit es zu versuchen.
„Na dann los, Alex.", gab Charles das Signal und tatsächlich trat ein Energiestrahl aus Alex' ausgestrecktem Zeigefinger. Er verpasste die Statue nur um ein paar Zentimeter.
„Das war schon sehr gut Alex. Du musst deine Hand nur noch etwas ruhiger halten."
Alex errötete leicht, versuchte aber cool zu wirken. „Ich wollte nur Ihre Statue nicht zerstören, Professor."
Charles zwinkerte ihm grinsend zu. „Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen. Ich fand sie ohnehin schon immer scheußlich."
Alex versuchte es noch einmal, und ob es nun daran lag, dass er sich mehr darauf konzentrierte seine Hand ruhig zu halten, oder daran, dass er unbedingt seinen Mentor von einer ungeliebten Statue befreien wollte, er traf jedenfalls voll ins Schwarze.
„Großartig!", rief Charles mit einem warmen Lachen aus, als die Statue zerbarst.

Erik hatte nicht oft die Gelegenheit gehabt ihn beim Trainieren zu beobachten, aber jedes Mal brachte es sein Herz zum Hüpfen. Nicht, dass er das jemals zugeben würde. Aber hier war Charles in seinem Element. Erik musste sich eingestehen, dass egal was er selbst von dem Plan hielt, es für Charles die richtige Entscheidung war eine Schule aufzubauen. Er hatte eine natürliche Begabung dafür Andere zu motivieren und ihnen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu geben. Und wenn etwas gelang und er auf diese ganz bestimmte Art lachte …
Die kleine Stimme in seinem Kopf machte sich über ihn lustig. Worauf Erik sich abrupt von der Szene vor sich abwandte um noch eine Runde zu laufen.

TTTTTTTTTT

Eine dreiviertel Stunde später stand er in der Küche. Er hatte das Mittagessen ausfallen lassen und nun plagte ihn doch der Hunger. Er war gerade dabei sein Brot zu schneiden, als er jemanden eintreten hörte.

„Oh ... Erik.", murmelte Raven. Sie wollte schon wieder aus der Küche zurückweichen, doch Erik hatte sie ohnehin noch befragen wollen. Ohne den Kopf zu heben, sagte er daher: „Gut, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist."
Raven blieb abrupt im Türrahmen stehen.
„Was?", spielte er etwa auf ihren Annäherungsversuch vor Kuba an?
„Du versteckst dich nicht mehr.", erwiderte Erik.
Raven war erleichtert, aber sie wusste nicht recht was sie darauf sagen sollte. Schließlich war er der Grund dafür, das sie endlich zu ihrer blauen Form stand. Sie wußte, dass Erik sich nicht mehr daran erinnern konnte, was vor seiner Bewusstlosigkeit geschehen war. Konnte es etwa sein, dass er auch vergessen hatte was zwischen ihnen passiert war? Mittlerweile war ihr die ganze Geschichte mehr als peinlich. Sie war nur so enttäuscht von Hank gewesen und Erik hatte ihr schließlich immer wieder das Gefühl gegeben auch in ihrer wahren Form attraktiv zu sein. Und es war schließlich nicht so, dass sie sich nicht von ihm angezogen fühlte. Die Sache war nur die: Sie bewunderte Erik zwar und war ihm dankbar, aber sie hatte mittlerweile erkannt, dass sie ihn nicht liebte. Und in Anbetracht der Tatsache, das er sie direkt nach dem Kuss weg geschickt und am nächsten Tag kaum beachtet hatte, nahm sie an, das es ihm ebenso ging. Was sie wieder dazu führte, dass ihr die Sache äußerst peinlich war. Deswegen war sie Erik auch seit er aufgewacht war aus dem Weg gegangen.
Wenn er nun aber alles vergessen hatte … Sie musste es wissen.
„Was ist das Letzte woran du dich vor Kuba erinnerst?", fragte sie daher gerade heraus.
Eriks Blick schnellte von dem Brot hoch.
„Die Nacht davor.", Eriks Stimme hatte einen bedrohlichen Unterton. Es gefiel ihm gar nicht, das Raven plötzlich diejenige war, die die Fragen stellte.
„Oh.", zu früh gefreut. Raven befand, das sie in diesem Fall das Ganze lieber gleich aus der Welt schaffen sollte. „Ich wollte dir nur sagen, dass …. das zwischen uns … vielleicht können wir das einfach … vergessen?" Eriks Gesicht zeigte keine Regung.
„Das zwischen uns?"
„Na, die Sache, der … der Kuss und so.", und Raven trat den Beweis an, dass sie auch in ihrer blauen Form erröten konnte.
Das traf Erik unvorbereitet. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern Raven geküsst zu haben. Warum sollte er auch? Sicher, sie war ein attraktives Mädchen, aber er hatte anderes im Sinn, als herumzuknutschen. Ungefragt kam die Erinnerung an seinen Kuss mit Charles hoch. Und noch einiges mehr … Als Erik sie immer noch mit blankem Gesichtsausdruck anstarrte, fragte Raven schließlich: „Du kannst dich nicht erinnern, hab ich Recht?"
„Nein.", brummte Erik.
„Kein Problem, dann ist ja alles Bestens.", sprudelte Raven hervor, bevor sie endlich die Flucht antrat. Ihre Eitelkeit trug nur einen leichten Schaden davon. Ihr Stolz einen etwas größeren. Und langsam fragte sie sich, wie weit Eriks Erinnerungslücken tatsächlich zurückreichten.

RRRRRRRRRRRR

Das gleiche fragte sich auch Erik. Wie konnte es sein, dass er sich so deutlich, so klar an jenen Kuss mit Charles erinnern konnte, nicht aber im geringsten an den mit Raven?

Und dann, ganz plötzlich, fügte sich alles zusammen. Raven, die nackt in seinem Bett lag und nicht gehen wollte. Wie er sich zu ihr setzte und sie küsste, aus einer Vielzahl von Gründen. Wie er Ravens Lippen auf den seinen spürte, aber dabei an Charles dachte. Wie er Raven fortschickte und sich aufmachte um Charles zu finden. Das war der Moment als sie sich im Korridor begegneten, wie zwei Magneten, die magisch voneinander angezogen wurden. Erik erinnerte sich wieder.

Und da wusste er endlich was zu tun war.

RRRRRRRRRRR

Erik erschien auch nicht zum Abendessen. Charles wurde langsam unruhig und er war nicht der Einzige. Er spürte, das auch die anderen angespannt waren. Seans sehr laute Gedanken erklärten ihm auch warum. Sie fragten sich, ob zwischen ihm und Erik irgendetwas vorgefallen war. Noch vor ein paar Tagen hatten sie ständig beim Essen die Kopfe zusammengesteckt, sich unterhalten, gelacht. Gestern war Erik einfach vom Frühstück abgehauen und heute erschien er nicht einmal mehr zum gemeinsamen Essen.
Wenn die anderen wüßten, was tatsächlich zwischen ihm und Erik geschehen war. Charles hätte fast darüber gelacht, wenn er nicht selber so unruhig gewesen wäre. Immerhin konnte Charles fühlen, das Erik noch nicht das Gelände des Anwesens verlassen hatte. Das musste ihm im Moment genügen. Er versuchte sein Bestes die Stimmung aufzulockern und sich nichts anmerken zu lassen, aber er hatte das unangenehme Gefühl, das die Anderen ihn durchschauten.
Um ihren fragenden Blicken (und Gedanken) zu entgehen, beeilte er sich mit dem Essen (viel brachte er ohnehin nicht runter in den letzten Tagen) und schützte vor, noch viel zu tun zu haben, was schließlich nicht mal ganz gelogen war.

Er bemerkte erst, als er erleichtert die Tür zu seinem Zimmer hinter sich geschlossen hatte, das sich die Präsenz, die er den ganzen Tag vermisst hatte, direkt hinter ihm befand. Er drehte sich um und da saß er.
„Hallo Charles."
„Erik.", sagte Charles und jenes selig-kindliche Lächeln breitete sich wieder auf seinem Gesicht aus. Erik erwiderte es. Er konnte gar nicht anders. Er saß in einem der Sessel an dem niedrigen Tisch vor dem Kamin, der bereits brannte. Auf dem Tisch stand das aufgestellte Schachbrett.
„Spielen wir eine Runde?", fragte er.
„Sicher.", entgegnete Charles. Er hätte in diesem Moment fast allem zugestimmt, nur um in Eriks Nähe sein zu können. Er hatte sich Mühe gegeben heute. Er hatte den ganzen Tage gearbeitet, sich um die anderen gekümmert und konzentriert. Doch es war, als wäre er nicht richtig da gewesen, bis zu diesem Moment. Er setzte sich in den gegenüberliegenden Sessel.
„Whiskey?", fragte Erik und zog hinter seinem Sessel eine Flasche und zwei Gläser hervor.
„Du kennst mich zu gut.", entgegnete Charles dankbar. Im nächsten Moment bereute er seine Worte. Er war plötzlich nicht mehr sicher, ob sie nicht mehr implizierten, als Erik lieb war. Erik zeigte jedoch keine Reaktion.
Es herrschte ein paar Minuten Schweigen, während Erik nun über seinem ersten Zug brütete. Als er schließlich seine Figur bewegt hatte und aufsah, hatte er jenen Blick, der Charles immer an ein Raubtier erinnerte, das seine Beute ins Auge fasste. Charles ließ sich davon nicht beunruhigen. Im Gegenteil, er war erleichtert. Das bedeutete, das es Erik wieder besser ging. Zum ersten Mal, seit er seine Erinnerungen gelöscht hatte, schien Erik wieder ganz er selbst zu sein. Da war keine Unsicherheit mehr, keine Angst. Erik wirkte wie jemand, der sein Ziel klar vor Augen hatte. Und Charles war froh darüber. Es hatte ihn geschmerzt, Erik seinetwegen so verloren zu sehen. Die einzige Frage war nun nur noch, ob ihm Eriks Ziel auch gefiel. Ein Blick von Charles in Eriks Gedanken hätte genügt, um es herauszufinden. Doch er wollte ihm die Zeit geben die er brauchte. Er musste Vertrauen haben. Erik würde ihm mitteilen, was in ihm vorging. Das hatte er immer getan.
„Warum eine Schule, Charles?", unterbrach Erik nun die Stille. „Mit deinen Fähigkeiten könntest du alles erreichen. Du könntest das ganze Land beherrschen, den Präsidenten zu deiner Marionette machen." Sein Gesicht war unbewegt, bis auf das herausfordernde Blitzen in seinen Augen.
Etwas sagte Charles, dass das ein Test war. Er wusste nur nicht so genau, wofür.
Er wog seine Antwort gut ab.
„Mag sein,", entgegnete er schließlich. Erik war der Einzige, demgegenüber er zugab, das er eine solche Macht überhaupt besaß, „aber woraus würde diese Herrschaft bestehen? Aus Zwang und Angst." Als Erik nichts entgegnete, fügte er hinzu: „Ich weiß wie es ist, immerzu von Angst umgeben zu sein, und es ist das Letzte was ich noch einmal erleben will." Jetzt kam Bewegung in Eriks Gesicht. Der letzte Teil der Antwort hatte ihn überrascht. Ein grimmiges Lächeln breitete sich auf Charles Gesicht aus, als er die unausgesprochene Frage beantwortete.
„Als Kind konnte ich meine Kräfte ebenso wenig beherrschen, wie jeder andere Mutant. Zunächst wusste ich ja nicht einmal, was überhaupt geschah. Ich verstand nicht, warum ich meine Mutter hören konnte, ohne das sie ihre Lippen bewegte. Ich dachte, das sei normal. Und ich begriff nicht, das ich jedes Mal wenn ich etwas intensiv empfand dieses Gefühl auf die Menschen in meiner Umgebung übertrug, oder dass ich, wenn mir etwas nicht passte, meinen Willen anderen aufzwang. Meine Mutter und mein Stiefvater begriffen mit der Zeit, dass, wie sie es bezeichneten, „etwas nicht mit mir stimmte". Und es machte ihnen Angst. Und wie so häufig, wenn man sich vor etwas fürchtet, beginnt man es zu hassen. Ich kann es ihnen nicht einmal verübeln. Ich wusste alles was sie über mich dachten. Ich verstehe die Angst der Menschen, Erik. Weil ich sie gesehen habe. Und ich will nicht noch einmal der Grund für diese Angst sein."
„Und trotzdem werden sie uns fürchten", sagte Erik. Sein Gesicht verriet keine Gefühle.
„Wenn die Kinder lernen ihre Mutationen zu beherrschen, dann gibt es keinen Grund, warum sich ihre Eltern oder sonst irgendwer vor ihnen fürchten sollte.", erwiderte Charles nun mit der alten Überzeugung in der Stimme. „Wir können Teil dieser Gesellschaft sein und wir können das friedlich erreichen, ohne Zwang."
„Nehmen wir mal an, du hast Recht, Charles. Was springt für dich dabei heraus?"
„Was meinst du?"
„Eine Schule voll dankbarer Mutanten, dankbare Eltern, die dir alle zu Füßen liegen, die dir nur zu gern einen Gefallen tun. Wenn das keine Form von Macht ist.", entgegnete Erik mit sichtlichem Vergnügen daran, Charles aus der Ruhe zu bringen. „Tu nicht so, als wäre dir das noch nie in den Sinn gekommen. Wie du vorhin so schön sagtest: Ich kenne dich zu gut."
Charles konnte das tatsächlich nicht abstreiten. Er hatte daran gedacht. Aber Erik hatte Unrecht damit, dass das der Grund war, warum er die Schule aufbaute.
„Aber darum geht es nicht! Es geht darum, diesen Kindern zu helfen! Es soll ihnen nicht ergehen wie uns! Sie sollen nicht auf sich selbst gestellt sein, oder von Männern wie Shaw benutzt werden!"
Shaws Name rief eine Veränderung in Erik hervor. Sein Gesicht wurde wieder völlig verschlossen. Fast bereute Charles was er gesagt hatte. Doch dann fing er Eriks Blick auf.
„Und was willst du für dich, Charles?", fragte er. Seine Stimme war rau und in seinen Augen lag ein seltsames Flackern. Charles wusste nicht, wie er diesen Blick deuten sollte.
„Für mich?", erwiderte er überrascht. Er wusste genau was er wollte, aber er konnte es nicht sagen.
„Du weißt, was ich will, Erik.", antwortete er daher, den Blick fest auf seinen Freund gerichtet. „Ich will, dass du mit mir diese Schule aufbaust …"
Erik stand auf, ging um den Tisch herum und beugte sich über Charles, mit jenem intensiven Gesichtsausdruck, der Charles das Gefühl gab, dass es Erik war, der seine Gedanken las.
„Und was noch, Charles?"
Und plötzlich brach es aus Charles heraus und er konnte nicht mehr aufhören.
„ … Ich will, dass du bei mir bleibst. Ich will wissen was in deinem Kopf vorgeht. Ich will, dass du mich genauso sehr brauchst, wie ich dich brauche. Ich will-"
Eriks Gesicht war nun nur noch Zentimeter von dem seinen entfernt. „Alles was du willst, Charles. Alles was du willst.", murmelte er, bevor den letzten Abstand zwischen ihnen schloss.

DDDDDDDDDDD

Erik schoss aus dem Schlaf hoch. Ohne zu denken, schob er sich weiter weg von Charles, in dessen Armen er bis eben noch gelegen hatte.
Dieser erwachte gerade, aufgeschreckt durch die Panik, die von Erik ausging. Verschlafen öffnete er die Augen und murmelte: „Erik?" Der reagierte jedoch nicht, sondern schob sich weiter zum anderen Ende des Bettes. Das rüttelte Charles endgültig aus der Schläfrigkeit. Besorgt krabbelte er zu Erik hinüber und streckte die Hand aus, um ihm über die Wange zu streichen.
„Ein Alptraum?", fragte er. Doch Erik wischte wütend seine Hand weg.
„Fass mich nicht an!" Schon war er aus dem Bett und schlüpfte in seine Sachen.
„Was ist passiert?", fragte Charles völlig perplex. Und schon griff er nach Eriks Geist aus um zu begreifen was in ihn gefahren war. Doch Erik schien das zu ahnen.
„Und halt dich aus meinem Kopf fern!", zischte er, bevor er – halb angezogen – aus dem Zimmer stürzte.