Disclaimer: Siehe Prolog

Anmerkung: Hier ist nun also das letzte Kapitel. Und es würde mich wahnsinnig interessieren, was ihr davon haltet. Ich hoffe es wird den beiden gerecht!
Der Kapiteltitel stammt von dem gleichnamigen Song von Sarah Maclachlan, den ich sehr passend fand.

KKKKKKKKKKK

Kapitel 4
do what you have to do

KKKKKKKKKKK

Erik rannte fast in sein Zimmer. Er warf die Tür hinter sich zu und mit einer Handbewegung verdrehte er den metallenen Türknauf so, dass sie unmöglich zu öffnen war.
Dann lies er sich in die hinterste Ecke des Zimmers sinken und machte sich so klein, wie es ihm nur möglich war. Er war verwirrt und verängstigt und es war ihm unmöglich sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Und diesmal war Charles der Letzte, der ihm dabei helfen konnte.
Es war nur ein Alptraum gewesen, weiter nichts als ein Alptraum. Er war eigentlich daran gewöhnt. Aber dieser Traum war so real gewesen. Er konnte ihn einfach nicht abschütteln. Er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, was er geträumt hatte. Alles was er wusste war, dass Charles der Grund für seine Angst war. Charles, bei dem er noch kurz zuvor Zuflucht und etwas Frieden gefunden hatte. Er begann wieder zu zittern und schlang die Arme noch enger um seine Beine.

„Erik?", erklang nun Charles' Stimme durch die Tür. „Erik, bitte lass mich rein. Lass mich dir helfen."
Die verrückte Panik nahm noch weiter zu. Wenn Charles nur gehen würde, wenn er bitte nur gehen würde! Er konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Erik schloss die Augen und tat, was er als Kind immer getan hatte, wenn die Angst ihn zu übermannen drohte. Er sagte sich das Märchen „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen" vor, das ihm seine Mutter einst erzählt hatte. Er spürte, wie er etwas ruhiger wurde.

Dann hörte er plötzlich Charles Stimme in seinem Kopf. „Bitte lass mich dir helfen."
Erik presste seine Arme um seinen Kopf, als könnte er Charles damit blockieren. „Verschwinde aus meinem Kopf!", schrie er.

Charles wusste nicht was er tun sollte. Er wusste nicht was los war und nach dieser Reaktion wagte er auch nicht sich in Eriks Geist umzusehen, um herauszufinden was geschehen war. Er stand vor der Tür, die Stirn daran gelehnt. Offenbar hatte Erik Angst vor ihm. Es war quälend nicht zu wissen warum und es war noch quälender ihm nicht helfen zu können. Er lauschte auf irgendwelche Geräusche aus dem Zimmer, aber kein Laut drang durch die dicke Eichentür. Nach ein paar Minuten wagte er vorsichtig wieder nach Eriks Geist auszugreifen. Aber er konnte in dem Wirrwarr an Gedanken und Gefühlen keine Erklärung für Eriks Panik finden. Jedenfalls nicht, ohne sich bemerkbar zu machen. Erik wiederholte immer wieder die gleiche Geschichte in seinem Kopf. Charles wollte nichts sehnlicher als ihn in seine Arme zu ziehen und ihm zu sagen, dass alles gut werden würde. Doch da das im Moment keine Option war, versuchte er, so gut es ihm möglich war, ohne Erik auf sich aufmerksam zu machen, in Eriks Gedanken Ruhe und Wärme zu pflanzen. Er fühlte wie Erik langsam ruhiger wurde und schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

Auch Charles war erschöpft und sank langsam mit dem Rücken an der Tür zu Boden. Er würde Erik nicht allein lassen. Er würde hier nicht weg gehen, bis Erik sich wieder beruhigt hatte und sich helfen ließ.

EEEEEEEEEEEEEE

Der Schlaf brachte Erik keine Erleichterung. Er war auf der Suche nach Charles. Aber egal wohin er sich wendete, er war von Mauern umgeben. „Nicht, dass ich dir nicht vertraue, Charles.", hallte seine eigene Stimme von den Wänden wieder. Ein schweres Gewicht lag auf seinem Kopf. Charles wollte es ihm abnehmen, aber Erik hatte Angst, was dann geschehen würde. Deshalb konnte er Charles nicht finden ...

Erik öffnete abrupt die Augen. Draußen dämmerte es bereits. Es dauerte einen Moment bis er begriff was er auf dem Boden machte. Und warum Charles nicht bei ihm war. Wie merkwürdig falsch es sich anfühlte, ohne ihn aufzuwachen. Und doch hätte er Charles Nähe in diesem Moment nicht ertragen. Er fühlte sich etwas besser. Ruhiger. Er stand auf und dehnte sich ein wenig. Seine Position auf dem Boden war ziemlich unbequem gewesen. Noch immer nagte diese merkwürdige Angst an ihm.

Ein Teil von ihm erwog Charles zu suchen und sich in seiner Geborgenheit zu verlieren. Ein beängstigend verführerischer Gedanke. Doch der andere Teil von ihm fragte sich langsam, woher diese unbestimmte Angst kam und warum sie so sehr mit Charles verbunden zu sein schien. Etwas in ihm hatte offenbar aufgeschrien - in dem Moment, als er sich Charles rückhaltlos ausgeliefert hatte.

„Nicht, das ich dir nicht vertraue, Charles", hallten die Worte aus seinem Traum in ihm wieder. Er dachte an den Helm aus seiner Erinnerung, den er nicht ganz zuordnen konnte. Und dann verbanden sich die Worte mit dem Gegenstand und er wusste es plötzlich wieder: Der Helm konnte einen Telepathen aussperren. Er hatte diesen Helm getragen auf Kuba. Er hatte Charles ausgesperrt. Und dann hatte er sein Gedächtnis verloren. Plötzlich fragte er sich, ob das ein Zufall sein konnte. Er wusste wozu Charles fähig war … . Er erschauderte bei der Vorstellung, dass Charles sein Gedächtnis gelöscht haben könnte. Und was fast noch schlimmer war, dass Charles ihm seit er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war, etwas vorgemacht haben könnte. Seine Hände ballten sich mehrmals krampfhaft zu Fäusten. Jetzt da er den Verdacht hatte, musste er Gewissheit bekommen. Aber wie? Er konnte Charles schlecht fragen. Wenn er ihn bisher angelogen hatte, würde er es sicher auch weiterhin tun. Oder gar erneut in Eriks Kopf herummodeln. Wenn er den Helm hätte … Und dann wusste Erik was zu tun war. Es war eine geringe Chance, natürlich, aber es war nicht ausgeschlossen. Und die bloße Aussicht etwas zu tun, statt sich einfach nur ausgeliefert zu fühlen, war schon eine Erleichterung. Jetzt musste er nur herausfinden, wo Charles sich gerade befand. Er ging hinüber zur Tür und entzerrte das Türschloss wieder, sodass er durch das Schlüsselloch spähen konnte. Zuerst schien der Gang leer, soweit er sehen konnte. Doch auf dem Boden vor der Tür entdeckte er ein Stück von Charles' Pyjama-Hosen und seine blanken Füße. Offenbar saß er auf dem Boden. Wahrscheinlich an die Tür gelehnt.

Das verkomplizierte die Sache. Andererseits hieß es, dass Charles' Zimmer leer war. Doch wie sollte er dorthin kommen, wenn nicht durch die Tür? Und dann war da noch die Sorge, dass Charles seine Pläne jederzeit in seinen Gedanken lesen und dementsprechend handeln könnte. Er musste sich schnell entscheiden. Und hoffen, dass Charles sich an seinen Wunsch hielt nicht in seinen Kopf zu sehen. Sein Blick fiel auf das Fenster. So leise es ging, bewegte er sich dorthin, öffnete es mit einer Handbewegung und kletterte hinaus. Das Zimmer war im ersten Stock, er würde einen Sturz vermutlich überleben. Er stieg von einem Sims zum nächsten, während er nach den metallenen Fenstergriffen in dem jeweiligen Zimmer ausgriff, um sich abzusichern. So passierte er einige Zimmer, bevor er eines der Fenster öffnete und hinein kletterte. Das Zimmer war leer. Er trat in den Gang hinaus, orientierte sich kurz und steuerte dann zielsicher Charles' Zimmer an. Sein ganzer Körper war auf Alarmbereitschaft, als er eintrat. Zu seiner Erleichterung war Charles noch nicht zurück gekehrt. Er schloss die Tür hinter sich und verzehrte erneut das Schloss. Sein Blick fiel auf das zerwühlte Bett und die Erinnerung daran wie glücklich er darin noch wenige Stunden zuvor gewesen war, lies in ihm das Bedürfnis aufkommen, sich darauf einzurollen und auf Charles zu warten. Sollte Charles doch mit seinen Erinnerungen machen was er wollte - solange er nur bei ihm war … . Es kostete Erik ein erstaunliches Maß an Willenskraft diesen Gedanken abzuschütteln und den Blick von dem Bett abzuwenden.

Als er begann das Zimmer abzusuchen, fühlte er sich wieder sicherer. Das war etwas, womit er sich auskannte. Er war schnell und effizient. Und die Größe des Helms schränkte die Möglichkeiten ein. Er stand vor dem Schreibtisch und versuchte die größte der Türen zu öffnen. Tatsächlich war sie abgeschlossen. Der Schreibtisch mochte aus Holz sein, aber die Angeln waren aus Metall. Erik riss sie einfach heraus und die Tür fiel nach vorne zu Boden. Es war fast zu einfach um tatsächlich das Versteck des Helms zu sein. Und doch, als Erik die Hände ausstreckte und hineingriff, konnte er ihn fühlen, kalt und schwer. Er zog ihn hervor und als er ihn erblickte, war plötzlich alles wieder da: Wie Erik ihn Schmidt abgenommen hatte. Wie er Charles damit blockiert hatte. Wie er Schmidt die Münze durch den Kopf gejagt hatte, während Charles ihn festhielt. Die Raketen, die die dummen Menschen auf sie richteten. Charles, der ihn zu überzeugen versuchte. Charles, der sich auf ihn stürzte. Charles der ihm den Helm vom Kopf riss und -
Eriks Herz setzte einen Moment aus. Er hatte es wissen wollen. Aber die Gewissheit zu haben, war wie ein Schlag in die Magengrube. Charles hatte ihn verraten. Der Einzige, dem er seit dem Tod seiner Mutter vertraut hatte, der Einzige, der ihm überhaupt etwas bedeutete. Und er hatte ihn verraten. Eriks Herz brach. Einfach so. Und dann kamen die Gefühle. Die Enttäuschung war fremd und saß tief. Doch mit ihr kam auch die Wut. Die Wut war vertraut und Erik klammerte sich daran, wie sich seine Finger plötzlich schmerzhaft um den Helm klammerten, den er immer noch anstarrte. Er würde ihn aufsetzten -

„Erik, nicht!", Charles Stimme war ein gleißender Schmerz in seinem Kopf. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Aber er konnte Charles fühlen. Eine kalte Präsenz, die ihn festhielt. Panik stieg in Erik hoch. Er versuchte sich dem eisernen Griff zu entziehen, aber es war unmöglich. Ohne sein eigenes Zutun, bewegte sich seine Hand und entzerrte das Schloss. Der Helm fiel zu Boden. Eine weitere Bewegung und die Tür sprang auf und Charles stürzte ins Zimmer, den Blick direkt auf Erik am Schreibtisch gerichtet, der sich an der linken Wand befand.

„Erik.", Charles trat nun langsam weiter auf ihn zu. Erik wollte zurückweichen, aber Charles hatte ihn noch immer fest im Griff.

Charles stand nun fast neben dem Schreibtisch. „So war es nicht gedacht.", murmelte er. Etwas in seinem Blick flackerte auf. „Ich könnte diese Erinnerung auch löschen. Und überhaupt alle deine schlechten Erinnerungen. Wir könnten noch einmal von vorne anfangen, wir könnten -". Er sprach sehr schnell und abgeharkt. Eriks Panik wurde noch größer. Er hatte Charles nie so erlebt, es war als würde jemand völlig fremdes vor ihm stehen.

Charles verstummte mit einem Mal, die Augen weit, erschrocken über sich selbst. Er wandte sich von Erik ab, machte ein paar Schritte in den Raum hinein, schloss die Augen und fuhr sich müde über das Gesicht. Er war dabei die Kontrolle zu verlieren. Er hatte gerade erwogen alle Erinnerungen von Erik zu nehmen, die ihn ausmachten. Die ihn zu dem machten, der er war. Und was bliebe dann übrig? Kaum mehr als eine leere Hülle, die zufällig aussah wie Erik. Charles schluckte. Das war es nicht, was er wollte. Das hatte er nie gewollt. Er drehte sich wieder zu Erik um.

„Es tut mir leid, Erik. So leid.", und jetzt klang er wieder wie er selbst, wenn auch schuldbewusst und seltsam besiegt. Und wie sehr es ihm leid tat. Er begann erst jetzt wirklich zu begreifen, was er getan hatte. Was er zerstört hatte. Trotzdem hielt er Erik immer noch fest. Er musste sich erst erklären. Erik sollte verstehen, warum er es getan hatte. „Ich dachte, wenn ich die Erinnerung an dein letztes Gespräch mit Shaw und an den Angriff der Menschen lösche, dann könntest du mich besser verstehen. Und du würdest hier bleiben. Mit mir die Schule aufbauen. Ich hatte solche Angst dich zu verlieren ..." Sein Tonfall wurde flehend. „Ich weiß, das ist keine Entschuldigung für das was ich getan habe. Aber es wird nicht noch einmal passieren." Charles blickte Erik fest ihn die Augen. „Ich verspreche dir, Erik, ich werde so etwas nie wieder tun!"

Und dann war Erik frei. Und mit ihm all die Enttäuschung, der Schmerz und die Wut. Vor allem die Wut. Erik hatte sie in den letzten Minuten genährt, weil sie das Einzige war, woran er noch glaubte. Die Wut hatte ihn immer aufrecht gehalten. Sie würde es auch jetzt tun. Mit einer fließenden Bewegung hatte er den Helm vom Boden auf seinen Kopf gesetzt. Charles spürte den Verlust von Eriks Präsenz schmerzhaft. Und dann lies Erik seiner Wut freien Lauf. Ohne zu überlegen griff seine Kraft nach dem nächsten größeren metallenen Gegenstand aus. Es war die Stehlampe, direkt neben dem Schreibtisch. Sie kippte zur Seite und schoss dann auf Charles Brust zu und warf ihn gegen das Bücherregal gegenüber dem Schreibtisch. Die Wucht lies einige der Bücher auf ihn niederprasseln. Charles blieb für einen Moment die Luft weg. Es erforderte all seine Willenskraft nicht ohnmächtig zu werden.

Die Stehlampe drückte ihm weiter auf die Brust und sperrte ihn zwischen sich und dem Regal ein. Sie hielt ihn so fest, dass er trotz seiner nachgebenden Beine in einer stehenden Position verharrte. Er hustete mehrmals.

„Du hast Recht, du wirst so etwas nie wieder mit mir machen.", zischte Erik, während er nun langsam um den Schreibtisch herum auf Charles zutrat. Seine Augen waren hart und kalt. Charles kannte diesen Blick. Das letzte Mal als ihn Erik so angesehen hatte, war er in Shaws Kopf gewesen. Und zum ersten Mal seit er Erik kannte, hatte Charles Angst vor ihm. Doch er begegnete Erik mit festem Blick. Er wusste, er würde nur diese eine Chance bekommen um Erik zu überzeugen. Seine Rippen schmerzten und seine Lunge brannte und es war so furchtbar schwer sich zu konzentrieren.

„Erik, bitte.", seine Stimme rasselte. „Bitte, hör mir zu -"

Erik war nun ganz nah. So nah, dass er die Stehlampe mit seinem Gewicht nur noch mehr gegen Charles Rippen drückte. Einen Moment trafen sich ihre Blicke. Und jetzt konnte Charles erkennen, das hinter der Kälte und der Wut in Eriks Augen so viel mehr lag. Seine Augen waren hell von unvergossenen Tränen. Und Charles konnte nicht mehr sagen, ob der Schmerz in seiner Brust von dem Druck der Lampe auf seinen Brustkorb kam, oder von der Gewissheit, dass er Erik so viel Leid bereitet hatte. Er konnte nicht mehr weitersprechen. Und plötzlich waren seine eigenen Wangen feucht. Erik schloss den letzten Abstand zwischen ihnen. Es war ein aggressiver, fordernder Kuss, der keine Zärtlichkeit oder Wärme zuließ. Charles erwiderte ihn dennoch, unsicher und verzweifelt. Dann zog sich Erik abrupt zurück. Ein Blick genügte um Charles zu sagen, das es vorbei war. Da war nicht einmal mehr Wut. Nur noch Leere und Kälte.

Erik hatte sich entschieden. Er hatte einmal zugelassen, das er Gefühle entwickelte, dass er jemanden an sich heran ließ und ihm vertraute. Und er war verraten worden. Nie wieder.
Er wandte sich ohne ein Wort von Charles ab und ging zur Tür.

Charles nahm sein letztes bißchen Kraft zusammen.
„Erik! Erik, bitte! Erik!", er rief immer und immer wieder, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Die Stehlampe hielt ihn immer noch fest, presste ihm die Luft ab. Erik lies die Tür hinter sich zufallen. Und Charles fühlte wie seine Welt mit diesem einen Schlag zusammenbrach, bevor er ohnmächtig zu Boden sank.

Und so endete es, wie es begann. Mit einem Kuss. Der erste Kuss, zärtlich und unschuldig in einem dunklen Gang, voller Hoffnung und Versprechen. Der letzte Kuss, kalt und schmerzhaft im grellen Morgenlicht, voller Verzweiflung und Enttäuschung.

Etwas starb in diesem Moment in Erik und Charles.
Und zurück blieben nur Magneto und Professor X.

Ende