Und nach Minuten, die ihm wiederum wie eine Ewigkeit erschienen, geschah das Unfassbare. Harry spürte, wie die Spannung im Körper seines ehemaligen Lehrers allmählich nachließ und Snape leise seufzte. Langsam, ganz langsam drehte sich Snape um und sah ihm direkt in die Augen. „Was machst du hier?", hörte Harry ein leises Flüstern. Die schwarzen, unergründlichen Augen hatten einen traurigen Zug bekommen. Die Stimme war vom langen Schweigen belegt und heiser.
„Ich...". Pause. Eine gefühlte Ewigkeit verging. Harry war in eine Schockstarre verfallen, so erschrocken war er darüber tatsächlich wieder ein paar Worte vom leibhaftigen Severus Snape zu hören. Diese Stimme. Dieser durchdringende, unergründliche Blick. Auch wenn die Stimme schwächer klang, als sie es in Harrys Erinnerung tat, der Blick etwas an Kraft eingebüst hatte und Snape auch in allem trauriger wirkte, es war doch unverkennbar Severus Snape. Sein über alle Maßen gehasster Zaubertränkelehrer und doch so heißgeliebter Retter. Viele Bilder und vergangene Momente kamen Harry in den Sinn. „Sieh... mich... an!" Das Bild von Snapes vermeintlichem Tod hatte Harry wieder deutlich vor Augen. „Du hast die Augen deiner Mutter." Snapes bleiches, blutüberströmtes Gesicht.
Mit einem Schlag war Harry wieder zurück in die Vergangenheit versetzt worden, die ihn noch so plagte. Vielleicht war er deshalb immer wieder hier her gekommen. Um die Vergangenheit noch einmal zu erleben. Um endlich schlauer aus ihr zu werden. Um sie vielleicht irgendwann loslassen zu können. Wenn das jemals möglich war.
Als er erfahren hatte, dass Snape noch am Leben war, war er sehr überrascht gewesen. Erst hatte er nicht das Bedürfnis verspürt, Snape zu sehen oder mit ihm zu reden, doch mit der Zeit waren Harry immer mehr Fragen in den Sinn gekommen. Fragen an Snape. Wie war seine Kindheit gewesen? Was hatte er an seiner Mutter so geliebt? Wie hatte er es die ganze Zeit geschafft, als Doppelagent zu leben? Was hatte er sich dabei gedacht seine Schüler so grausam zu behandeln? Was hatte er sich dabei gedacht Harry so zu behandeln? Wie war es seinen einzigen Freund zu töten? Wie hatte er die Schüler als Direktor vor den Todessern beschützt? Wie um alles in der Welt hat er es geschafft, nach jedem furchtbaren Ereignis, nach jeder Niederlage, nach jeder von Dumbledores Hiobsbotschaften weiterzumachen, seinen Auftrag fehlerlos auszuführen? Wie war Lily als sie jung war? Ja, sogar wie Petunia in ihrer Jugend war, hatte er ihn fragen wollen!
Doch jetzt gerade in dem Moment, in dem er endlich die Möglichkeit dazu hatte, all diese Fragen zu stellen, fiel ihm keine mehr ein.
Vielmehr überkam ihn das Gefühl angekommen zu sein. Das seine Suche zu Ende war. Dabei war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass er etwas gesucht hatte. Doch jetzt war er da.
„Ich...", wiederholte Harry, „ich bin da." Mehr konnte er nicht sagen. Mehr hatte er nicht zu sagen. Er war dort, wo er hin sollte. Snape zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Harry musste fast schmunzeln bei dieser Geste. Er hatte nicht gedacht, dass er sie noch einmal sehen würde. „Das sehe ich... Ich bin nicht hier, weil ich blind bin. Sondern, weil ich es vorziehe, nicht mit meiner Umwelt zu kommunizieren. Auch nicht mit dir. Also, verschwinde wieder!", flüsterte Snape zynisch und böse, aber nicht so hasserfüllt wie damals im Unterricht, und drehte sich wieder zum Fenster.
Doch Harry dachte nicht einmal im Traum daran wieder zu gehen. Er konnte es nicht erklären und nie hätte er daran gedacht, dass so etwas passieren könnte. Er hatte das Gefühl, die einzige Person auf dieser Welt getroffen zu haben, die ihn verstehen konnte. Die nachvollziehen konnte, was er mitgemacht hatte, weil sie das selbe Schicksal gehabt hatte. Eines, das ganz der Vernichtung Voldemorts gewidmet war und alles andere außen vor gelassen hatte. Die Vernachlässigung in der Kindheit, das Finden einer Heimat in Hogwarts um dann als Dumbledores Spielfigur im Kampf gegen Voldemort ausgenutzt zu werden. Keiner hatte so viel für diesen Kampf geopfert wie sie beide. Außer vielleicht Dumbledore selbst.
Zum ersten Mal seit Voldemorts Ende fühlte sich Harry nicht allein. Es war ein magischer Moment.
Ihn überkam ein überwältigendes Gefühl von Nähe. Die körperliche Gegenwart Snapes hatte es geschafft, was viele in der Zeit seit der Schlacht versucht hatten. Alle waren sie gescheitert beim Versuch ihm Trost zu spenden, auch Ginny. Harry war weiterhin lethargisch geblieben. Fast alle hatten nach und nach wieder die Zukunft für sich entdeckt und die Vergangenheit hinter sich gelassen. Harry nicht. Ihn hielt die Vergangenheit noch immer gefangen. Erst jetzt in diesem Moment, hatte er zum ersten Mal das Gefühl, dass sein Leben nicht eigentlich schon vorbei war.
Er war nicht allein.
Dabei hatten alle durch den Krieg vieles verloren und nicht wenige hatten alles verloren. Doch für die meisten von ihnen gab es ein Leben ohne Voldemort. Für Harry und Snape gab es nur dieses. Zumindest schien es jetzt so. Was waren schon die aufgeregten Küsse mit Cho Chang? Was war schon ein gewonnenes Quidditch-Spiel? Verglichen mit dem, was gekommen war, war alles bedeutungslos.
Waren sie nicht immer schon immer Dumbledores Marionetten gewesen? Hatte nicht er ihre Leben gelenkt, wie ein allmächtiger Schachspieler Zug um Zug seine Figuren weiterrückt? Oder war er nicht doch auch nur einer von ihnen gewesen? Einer, der bereit war, für eine bessere Welt zu sterben? For the greater good.
Mit Worten die Tonnen auszudrücken, die Harry fühlte, war unmöglich. Es gab nur einen Weg.
Harry legt seine rechte Hand auf Snapes rechte Schulter, dann die linke Hand auf die linke Schulter. Die Stirn lehnt er sanft an Snapes Rücken. So verweilt er. Atmen. Atem spüren. ...Ich bin da...
Snape seufzt. Harry war überzeugt davon, dass Snape dasselbe spüren musste. So viel kann kein Mensch allein fühlen.
„Was machst du hier?", kommt noch einmal der Versuch böse zu sein. Aber das kauft Harry Snape nicht ab. Dafür war der Satz viel zu wenig boshaft gesagt worden. Stattdessen schwang eine leichte traurige Note mit. Damals in der Schule war das ganz anders gewesen. Boshaftigkeit und ja, fast Hass, war in allen Worten, die Snape an Harry gerichtet hatte, gelegen. Eigentlich auch in den meisten, die er nicht an Harry gerichtet hatte.
Harry lässt die Geborgenheit, die er so lange nicht mehr gefühlt hat auf sich wirken. „Ich bin da", wiederholt er noch einmal. Fast als müsste er es sich selbst bestätigen. Als wäre er am Ziel. Es scheint ihm das einzig Sinnvolle zu sagen.
Snape muss es ebenso erscheinen, denn seine Hand greift zur Schulter, dort wo Harrys Hand liegt, und umfasst sie.
Was auch immer Snape durch den Kopf geht. Er muss tatsächlich tief bewegt sein. Ein Jahr hatte er nicht gesprochen und davor hatte er Harry abgrundtief gehasst. Außerdem sah er nicht gerade aus als wäre er der Typ für körperlichen Kontakt. Aber vielleicht hatte auch er nur auf etwas gewartet, vielleicht hatte auch er etwas gesucht ohne es selbst zu wissen.
Lange Zeit bleiben sie so stehen. Oder ist die Zeit stehen geblieben?
Harry hebt seinen Kopf wieder von Snapes Rücken und gibt ihm über den Druck seiner Hände auf den Schultern ein Zeichen sich umzudrehen. Snape dreht sich um. Seine tiefschwarzen Augen treffen Harrys grüne. Beide hätten so viele Dinge zu sagen, fragen, zu erzählen.
Snape umfasst Harrys Gesicht und legt seine Stirn auf Harrys. Noch einmal seufzt er. Er hält den Erfolg seines jahrelangen Kämpfens in den Händen. Das, wofür es sich gelohnt hat.
Harry inhaliert den Geruch seinens ehemaligen Lehrers. Snape riecht so anders als früher. Keine Zaubertrankgerüche mehr.
Harry hebt den Kopf und legt eine Hand auf Snapes Wange. Die andere prüft einen Moment lang die ungewohnt kurzen Haare seines Gegenübers. Hat er sich getäuscht oder war da tatsächlich gerade ein leichtes Zucken um Snapes Mund zu sehen? Ein Schmunzeln?
Er streicht über Snapes Ohr. Er schaut ihm in die Augen. Sie kommen sich näher. Der unverwechselbare Moment kurz vor dem ersten Kuss. Die Sekunden, die sich unvergleichlich schön auf Minuten ausdehnen. Das Gefühl, als würde die Welt für einen Moment aufhören sich zu drehen, um nur auf die beiden Lebewesen zu schauen.
Die Lippen berühren sich. Es ist kein erotischer Kuss, es ist keine Zunge mit im Spiel. Es ein Ausdruck für die überwältigende Nähe zwischen ihnen. Eine logische Konsequenz der Geborgenheit und Dankbarkeit. Ein unschuldiger Kuss. Auf den Mund. Auf die Nase, auf die Augen, auf die Stirn des älteren Mannes. Harry schaut Snape noch einmal kurz in die Augen bevor er ihn fest umarmt und sich an seine Brust schmiegt. Dafür bekommt er einen sanften, tröstlichen Kuss auf den Kopf. Und Snape hält ihn fest.
Und wieder scheint es als ob die Zeit stehen bleiben würde. Oder war sie seit der Schlacht überhaupt jemals fortgeschritten?
Irgendwann ist der Moment verstrichen und die Welt beginnt sich weiter zu drehen. Es ist Zeit zu gehen.
Noch einmal schauen sie sich in die Augen, sie, die so viel gegeben hatten. Noch einmal nehmen sie sich an den Händen, noch ein kurzer Druck. ..Danke... Ein Danke, dass aus tiefstem Herzen kommt.
Hat Harry das überhaupt laut gesagt?
Langsam geht Harry rückwärts in Richtung Tür, Snape bleibt bewegungslos am Fenster stehen.
Erst an der Tür dreht er sich um und geht leise hinaus.
Als sie hinter ihm ins Schloss fällt, bleibt er noch einmal kurz stehen um tief durchzuatmen.
Festen Schrittes verlässt Harry das Pflegezentrum und stapft hinaus ins nasskalte Wetter Aberdeens.
Er hat das Gefühl, als wäre er erholt aus einem langem Schlaf aufgewacht. Bereit um mit der Sonne in den Tag zu starten.
Die Welt dreht sich weiter. Und dieses Mal dreht er sich mit.
