Oktober 1998 – London

Sie sah auf ihren Koffer. Schwarz und Weiß. Ihre weißen Blusen, die schwarzen Hosen und ihre Röcke. Sie strich über das feine, vertraute Gewebe. Die neuen, schwarzen Umhänge trugen bereits das Wappen der Universität Oxford. Morgen, Morgen würde sie abreisen und ein neues Leben beginnen. Das Studium, dass sie gewollt hatte. Sie strich über das schwarze Kästchen, dass oben auf ihren Sachen lag. Ein Kästchen, in dem sie einige kostbare Schätze bewahrte. Tief atmete sie den Duft ein, der von den kleinen Phiolen ausging, die in der Kiste lagen. Eine Mischung, die ihr entfernt vertraut vorkam. Sie versuchte, sich zu erinnern. Doch sie wusste nicht, wo sie diesen seltsamen Geruch, dieses halb düstere, halb beruhigende Parfüm schin einmal gerochen hatte. Doch es waren Düfte, die sie kannte. Sie konnte Baumschlangenhaut riechen, Seeanemone, so viele vertraute Düfte. Sie seufzte.

Ihre Hände glitten über den Berg an Pergament, der neben dem Kästchen lag. Ungeordnete, fast unordentlich wirkende Papiere. Ihr Studienausweis, die Papiere für die ersten Vorlesungen, Unterlagen für die Nutzung der Universitätslabore, ein ganzer Stapel der sich nur mit dem Ablauf des Studiums beschäftigte. Sie seufzte.

Harry und Ron hatten sie einstimmig für "völlig verrückt" erklärt, als sie endlich entschieden hatte, was sie studieren wollte. Hermine wusste noch genau, wie sie drei am Kamin eines der Zimmer im Grimmauldplace gesessen hatten.

"Ich werde nach Oxford gehen. Die haben einen guten Ruf... besonders... besonders was Zaubertränke angeht. Ich denke, ich werde dort studieren." Hermine hatte den Brief am Vormittag erhalten. Sie hatte sich beworben, schon vor Wochen. Doch erst Mitte August hatte sie den Brief bekommen, der ihre Aufnahme in den Studiengang Zaubertränke bestättigt hatte. Nun musste sie es den Jungen erzählen.

"Zaubertränke?!" Rons Stimme hatte sich überschlagen. "Ich dachte, du bleibst hier und studierst Medimagie und arbeitest im St. Mungos?"

"Ich ... Zaubertränke ist einfach spannender." Hermine war rot geworden. Sie hatte schon seit ihrem ersten Jahr gern mit den Substanzen experimentiert. Lange starrte sie schweigend ins Feuer. Sie wusste, dass es mehr als diesen einen Grund gab, doch den zweiten Grund wollte sie keinem verraten.

Sie war bei Minerva Mc Gonagall gewesen. Nur vier Wochen waren seit dem Angriff auf die Burg Hogwarts vergangen. Die meisten der Spuren waren beseitigt. Doch es gab eine Sache, die noch getan werden musste. Und es war Hermine, die Minerva angeboten hatte, ihr zu helfen.

Gemeinsam waren sie in den Keller gegangen. Gemeinsam hatten sie vor dem großen Bild inne gehalten, dass den Eingang zu Severus Snapes privaten Gemächern darstellte. Minerva hatte den Zauberstab gehoben. Den Schmerz im Gesicht ihrer alten Hauslehrerin würde Hermine nicht vergessen. Hermine entfand diesen letzten Schritt genauso schmerzhaft wie Mc Gonagall. In Snapes Privatssphäre einzudringen fühlte sich falsch an.

Das Portrait schwang zur Seite und gab den Eingang frei. Hermine war Minerva ins innere von Snapes Privaträumen gefolgt.

Hermine war erschüttert über das, was sie gefunden hatte. Es war so düster. Snape hatte keine Stube besessen. Keinen Wohnraum, in dem es gemütlich war. Er hatte den großen Raum, der sicher als Stube gedacht war, zum Studierzimmer umfunktioniert. Die Wände waren mit hohen, dunklen Regalen zugestellt, in denen dicke, alte Folianten standen. Der Raum roch nach Pergament. Keine Bilder, keine persönlichen Dinge. Nicht im Bad, nicht in dem schmalen Schlafzimmer mit dem Bett und den ewig gleichen Kleidern im Schrank. Alles hier war praktisch, kühl. Ohne jeden persönlichen Bezug.

"Armer Severus!" hatte Minerva irgendwann in der Stunde gesagt, die sie beide nur durch die Räume gegangen waren. Sie beide waren erschüttert. Sie beide sahen das selbe. Räume, in denen man nicht lebte, sondern nur existierte. Räume ohne jede wärme.

Der große, hölzerne Schreibtisch war folgestellt mit Pergamenten, Federkielen und offenen Folianten. Snapes letzte Arbeit hatte sich mit den Horcruxen befasst. Er hatte mit Tränken und Zaubern experimentiert. Er hatte Voldemort einen Trank unterjubeln wollen. Hatte über den Teil seiner Seele, der noch in seinem verformten, schlangenartigen Körper steckte, die anderen wenn schon nicht zerstören, dann doch wenigstens finden wollen.

Hermine hatte die feine, ebenmäßige Handschrift betrachtet, versucht, den komplexen Zauber und Snapes schwierige, verwobene Gedanken dazu zu verstehen. Sie hatte nicht alles von dem verstanden, was Snape in seiner winzigen Schrift über vier Bögen Pergament verteilt hatte. Aber sie hatte genug verstanden, um zu erkennen, dass er nahe dran gewesen war. So nah, das er wohl nur Wochen gebraucht hätte, ehe sein Trank funktioniert hätte. Unter welchem Druck musste Snape gearbeitet haben? Ob er in den Wochen, Monaten vor dem Angriff überhaupt zum Schlafen gekommen war?

Hermine hatte die Pergamente wieder und wieder gelesen. Sie wollte verstehen, was Snape für einen Plan hatte. Doch Minerva hatte sie davon abgehalten. Gemeinsam hatten sie die vielen Bücher in Kisten verstaut, die kläglichen Reste von Snapes Leben in zwei Koffer verpackt. Dann hatte Minerva sich dem Schreibtisch zugewandt. Mit wenigen, aber kraftvollen Zaubern hatte sie den Schutz gebrochen, der darauf lag. Viele Rollen Pergament waren in eine weitere Kiste gewandert. Diesmal hatten weder Minerva noch Hermine es sich getraut, den Inhalt der Fächer zu berühren. Sie hatten den Inhalt von Snapes Kleiderschrank ausgeräumt. Seine schwarzen Unterhosen, seine Hosen. Alles Kleidungsstücke, die er noch Tage vor seinem Tod getragen hatte. Doch irgendwie war es persönlicher, Snapes Schreibtisch aus zu räumen als seinen Kleiderschrank. Als Hermine zusah, wie Minerva die Kiste mit einem Schwung ihres Stabes verschloss, traf sie eine Entscheidung. Sie würde Snapes Arbeit beenden. Es gab mehr als nur diesen einen Zauber, den er nicht mehr hatte beenden kö viele Tränke, so viele Ideen, die noch in dieser Kiste schlummerten. Snape Geist, sein brillianter Verstand, seine Genialität im Umgang mit Tränken und Tränkezutaten würden überleben. Dafür würde sie sorgen. Das war sie dem Mann schuldig, der sein Leben geopfert hatte, um seine Schuld zu tilgen und sie alle zu retten.

So hatte sie in den folgenden Wochen begonnen, sich an den großen, renommierten Universitäten zu bewerben. Sie hatte sich über das Studium und die Kunst der Tränkebrauerei informiert. Sie hatte Bewerbungen geschrieben, war zu Eignungsprüfungen gegangen- ohne ihren Freunden irgendetwas davon zu erzählen. Immerhin war Harry der Held der gesamten magischen Welt und konnte sich immer noch vor Paparrazi nicht retten. Schwieriger war es schon mit Ron. Merlin sei Dank war Ron nie begeistert von Museen, Bibliotheken oder einem für Hermine wichtigen Vortrag. So konnte sie sich bewerben, ohne die schwierigen Fragen ihrer Freunde beantworten zu müssen. Fragen, denen sie sich nicht hatte stellen wollen.

Doch mit der Annahme zum Studium in Oxford, dem besten Studiengang des Landes mit einer der besten Professoren die es gab, musste sie sich diesen Fragen stellen. Doch die Jungs stellten kaum Fragen. Sie waren zufrieden, dass Hermine weiterhin im Grimmauldplace wohnen würde und jeden Abend über das Flohnetzwerk zurück kommen würde. Und Hermine war froh, die Sicherheit ihres neuen Zuhauses nicht aufgeben zu müssen. Sie konnte ihrem Studium, Snapes Studien, nachgehen und bei ihren Freunden bleiben.

Sie würde ein neues Leben beginnen und sie war dankbar dafür.