01. Oktober 1999 – Berlin

Der erste Oktober war ein schöner, freundlicher Freitag. Severus genoß die Wärme, die die letzten, warmen Herbststage brachten. Niemand, der ihn aus seiner Zeit in Hogwarts kannte, hätte in dem Mann den herrischen Tränkemeister von damals erkannt. Denn Severus Snape war zufrieden. Mehr als nur zufrieden.

Er saß in einer Ecke der hellen, erstaunlich freundlichen Mensa der Universität. Vor ihm stand ein Becher des besten Kaffees, den er in Berlin finden konnte. Der Geruch stieg in seine Nase und entlockte dem Mann ein Seufzen.

Er genoß das Licht der letzten warmen Sonnenstrahlen, das durch die hohen Fenster floss wie Gold. Severus konnte das leise Rascheln der Bäume hören, sehen wie sich die beiden Weiden im ersten, sanften Herbstwind wiegten. Ein paar bunte Blätter wirbelten über die Wiese. Dann blieben sie liegen. Severus sah diesem Farbenspiel eine Weile zu. Seine Gedanken schweiften ab, während er dem Tanz der Blätter zu sah.

Ein Jahr war er inzwischen in Berlin und er fühlte sich wohl. Seine Wohnung war gemütlich. Da er seit einem Jahr keinen ungebetenen Besuch bekommen hatte, da nicht einmal jemand in die Nähe seiner Schutzzauber gekommen war, fühlte er sich sicher. Das einzige, was er fast schmerzlich vermisste, waren seine Bücher. Aber er konnte ja schlecht nach Hogwarts spazieren, McGonagoll sagen, er wolle seine persönliche Habe und hoffen, ohne jedes Aufsehen wieder zu verschwinden.

Dumbledore, und wenn er noch so sehr in seinem Bild steckte, würde dafür sorgen, dass er nicht ohne Aufsehen wegkam. Severus musst Lächeln. Albus... Albus, der Draco geschützt hatte. Albus, der ihm vergeben hatte. Albus, der ihn hier her gebracht hatte. Der ihn, wenn auch auf seine Art, nie im Stich gelassen hatte.

Hier stockten Severus Gedanken. Wann hatte er Albus vergeben? Wann hatte er ihm verzeihn, dass er ihn gezwungen hatte erneut zu morden? Wann hatte er aufgehört, ihn für das zu hassen, was auf dem Astronomieturm geschehen war?

Die Antwort war einfach. Irgendwann in den zurückliegenden zwölf Monaten. Severus seufzte, sein Blick glitt zurück zu den Blättern. Dem Herbst und dem rauhen Winter war einer der lebendigsten Frühlinglinge gefolgt, an den Severus sich erinnern konnte. Überall duftete es nach Leben, Leichtigkeit... Überall bunte Farbtupfer. Das Licht und die Farben hatten sein Innerstes berührt. Irgendwie hatten sie ihn aus der Dunkelheit gelockt. Severus hatte sich vom Frühling verzaubern und vom Sommer verführen lassen. Er kicherte und staunte zugleich über dieses so ungewohnte Geräusch. Etwas, dass er gern als "Dumbledorsche Spätfolgen" bezeichnete, hatte von ihm besitz ergriffen und er wurde es nicht wieder los. Er hatte es, wenn er ehrlich war, auch nicht wirklich versucht.

Dieses neue Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit beflügelte seine Kreativität. So hatte er ein paar Artikel in der renomierten deutschen Fachzeitschriften für Tränkebrauerei veröffentlicht. Ohne die ewig präsente Bedrohung durch den dunklen Lord war es einfach, sich mit Genuß seiner Arbeit und seinen Forschungen hinzugeben. Ja, man konnte seine Arbeitsweise zur Zeit einfach nur als hingebungsvoll bezeichnen. Er hatte sich alten Experimenten zugewandt, die im Krieg liegen geblieben waren. Sachen, von denen er wusste, dass sie unveröffentliche in der Schublade seines Schreibtischs lagen.

Sein Schreibttisch. Noch etwas, dass er vermisste. Ob Minerva seine Banne hatte brechen und seine Arbeiten an sich nehmen können? Hatte das Schloss ihr Eintritt in seine Gemächer, sein Allerheiligstes gewährt? Hatte der Moment, in dem er tatsächlich Tod war, genügt, um die magischen Zauberbanne zu brechen? Wollte er all das überhaupt wissen? Vermisste er seine Kollegen?Wollte er sehen, wie es ihnen ging? Wollte er sich mit eigenen Augen vergewissern, dass Lillys Sohn gesund war?

Severus schüttelte sich kurz, um die Flut an Fragen zu stoppen. Seine neue Arbeit, das Lehren in der Universität, machte Severus unerwartet viel Spaß. Seine Studenten waren gut bis sehr gut ausgebildet. Sie wollten sich mit Tränken befassen. Sie genoßen seine oft sehr kniffligen Experimente. Einige der älteren Semester hatten ihm sogar neue Denkanstöße geliefert. Alles war gut.

Wieder fiel sein Blick auf das Fenster. Er sah sein Gesicht im Spiegel der Scheibe. Seine Haare waren lang geworden. Er hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Gesicht wurde von etwas eingerahmt, dass seine Studenten als Kevin Kurany Bart bezeichneten. Es hatte Severus einige Zeit gekostet, um herauszufinden, dass dieser Kevin ein Fußballer war. Fussball kannte er noch aus seinen Kindertagen.

Aber seine Haare und sein Bart waren nicht alles, was sich verändert hatte. Severus hatte eine Gesichtsfarbe, die inzwischen eher an Milchkaffee als an Tafelkreide erinnerte. Kein Wunder. Er hatte die Semesterferien zum großen Teil mit einem Buch auf seinem Balkon verbracht. Es war zu erwarten, dass seine Haut dabei etwas Farbe annehmen würde. Zugenommen hatte er schon vor den Semsterferien. Irgendwann im letzten Jahr war das verhärmte, kranke aus seinem Gesicht verschwunden.

Als sein Blick an seiner Nase hängen blieb, war er fast selbst verwundert, wie vertraut ihm diese Veränderung bereits war. Von Wiesenthal hatte, noch während er bewusstlos war, einige der schlimmeren Wunden versorgt und praktisch nebenbei seine Nase gerichtet. Sie war jetzt kleiner, weniger auffällig. Sie passte jetzt besser in sein Gesicht.

Sein Gesicht... Er hatte immer ein kantiges, ausgezerrtes Gesicht gehabt. Ein fahles, lebloses Gesicht mit schmalem, verkniffenen Mund, dunklen, bestenfalls zornsprühenden Augen und den tief in die Haut gegrabenen Augenränder. Wie verwundert war er selbst gewesen, als diese schwarzen Halbmonde irgendwann im Winter nachgelassen hatten.

Insgesamt sah er gesund aus. Gesünder als in den letzten zwanzig Jahren. Gesünder als er sich erinnern könnte. Severus löste den Blick vom Fenster. Er nippte an der Tasse. Schließlich war er hier her gekommen, um den letzten, ruhigen Semesterferientag zu feiern. Morgen würden die meisten der Studenten aus den Ferien auf den Campus zurückkehren. Dann wäre es mit der Ruhe vorbei!

Als er in aller Ruhe seinen Kaffee ausgetrunken hatte, kamen Schritte näher. Severus sah auf. Eine junge Frau mit braunen Locken, kurzem Rock und langen Beinen kam auf ihn zu. Severus erkannte Nadine Mayersbach sofort. Die junge Hexe war intelligent, freundlich und hing in seinen Seminaren an seinen Lippen. Sie setzte sich ohne ihn zu fragen an seinen Tisch. Sie lächelte ihn an und Severus ...

er lächelte zurück.

"Hallo Professor Black!" Sie war offenbar gut gelaunt. "Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen! Ich hab endlich ein Thema für meine Abschlussarbeit! Ich habe fast die ganzen Semesterferien danach gesucht. Jetzt weiß ich es endlich! Ich werde über die Entwicklung der neuesten Heiltränke schreiben. Es gibt da einen vielversprechenden Ansatz zur Heilung zauberinduzierter Krankheiten, besonders die geistigen Schäden, die durch Zauber entstehen können. Ich will das recherchieren und dann einen dieser Tränke weiter entwickeln."

Diesen Schwall an Worten musste Severus erst mal auf sich wirken lassen. Dann nickte er ganz langsam. Nadine hatte schon im letzten Semester nach einem Thema gesucht. Sie hatten viele Nachmittage diskutiert. Das Thema war ziemlich weitschweifend, aber so wie Severus die junge Nadine kannte, würde sie es schaffen.

"Sie werden mehr als dieses Semester brauchen, Miss Mayersbach! Wissen Sie schon, wo Sie mit der Materialsammlung beginnen wollen?!" fragte er schließlich. Er legt die Fingerkuppen aneinander.

"Im Oxfort Institut of applianced Potionbrewery!" kam Nadines Antwort. Severus seufzte und nickte. Natürlich würde sie das größte Europäische Archiv für Tränkebrauerei. Sie würde mit einem ganzen Pack an Fragen zurückkommen und vermutlich mit einem Teil seiner alten Schriften.

Wieder konnte er nicht verhindern, dass er sich Fragen stellte. Wenn McGonagoll an seine ganzen Unterlagen gekommen war, hatte sie die alten Schriften verbrannt? Oder war er durch Potter rehabilitiert? Ein Gutmensch wie Potter hatte seinen Ruf sicher bereinigt!

Snape verfiehl in alte Gewohnheiten. Er schnaubte mit allem Zynismus, zu dem er fähig war. Der Gutmensch Potter. Severus schüttelte unwillig den Kopf, er wollte nicht an den Jungen, der lebt, denken.

Zu spät stellte er fest, dass Nadine ihn aufmerksam musterte. Sie schenkte ihm immer noch ein freundliches Lächeln. Er atmete durch. Dann wendete er sich wieder Nadine zu.

"Das OIAPB ist natürlich die erste Adresse. Ich nehme an, Sie wollen meine Erlaubniss, die ersten drei Vorlesungen auszusetzen?!" Snape mochte den Gedanken nicht, dass diese schlaue junge Frau ausgerechnet in Oxford herumschnüffeln würden. Das würde sie nach Hogwarts führen... Und das würde seine Sicherheit, seinen geliebten Frieden gefährden.

Doch der Ausdruck in Nadines Gesicht sagte ihm, dass er keine Chance hatte sie von ihren Plänen abzubringen. Er musste in Erfahrung bringen, wo sein Portrait hing. Er musste alles tun, um zu verhindern, dass sein altes Ich zu interessant für Nadine wurde. Aber wie? Einige der Ideen, wie er Nadines Suche in die richtigen Bahnen lenkte, verwarf er. Er hatte nicht vor, auch im Bereich Nötigung in alte Verhaltensmuster zu verfallen.

"Ja, das auch!" stimmte Nadine zu. "Aber ich wollte noch zwei andere Dinge... Würden Sie der Gutachter für meine Arbeit werden, Professor?" Severus nickte lächelnd. Diese Aufgabe reitzte ihn sogar. Vielleicht konnte er so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er konnte ihr eine alte, unfertige Forschungsarbeit geben. Sie würde sich ausprobieren und ihre Ergebnisse präsentieren können.

"Und ich bräuchte eine Empfehlung. Professor Hickstead ist doch ein alter Bekannter von Ihnen? Wenn Sie ein paar Zeilen schreiben würden, würde er mir sicher helfen, dass passende Material zu finden!" Da war sie. Da war Severus große Chance. Er konnte Emilian Hickstead, seinem Studienkollegen, seinem alten Weggefährten diskret ein paar Zeilen zukommen lassen. Dass würde ihm vielleicht Zugang zu seine Unterlagen verschaffen und sein Problem mit der neugierigen Nadine lösen. Also nickte er ihr zu.

"Ich werde Professor Hickstead ein paar Zeilen schreiben!" Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Nadine ihn umarmte. Er verkrampfte sich. Es gab Dinge, die er immer noch nicht mochte. Berührungen gehörten dazu!

Als Nadine schließlich mit einem strahlenden Lächeln aus der Mensa verschwunden war, versank Severus wieder in seine Gedanken. Gedanken, die im letzten Jahr immer freundlicher geworden waren.