Kapitel 5: Vor der Schlacht

8.-9. März 3019 D.Z. (Hargtal)

Rúmil beobachtete seit einiger Zeit mit gekrauster Stirn, wie Amárie mit eiserner Entschlossenheit und Präzision Befehle erteilte, Probleme löste und Vorbereitungen für die anstehende Schlacht traf, ohne sich Ruhe zu gönnen. Die Männer, egal ob Dúnedain oder Rohirrim beeilten sich die ihnen zugeteilten Aufgaben umgehend zu erledigen. War es aus Respekt, Einsicht oder Einschüchterung. Rúmil musste zugeben, dass seine Nichte zur Zeit nicht wie eine Person wirkte mit der man sich anlegen wollte, doch zu ihrer Verteidigung musste man sagen das die Befehle die sie erteilte nachvollziehbar und logisch, wenn nicht sogar verdammt gut überlegt waren.

Sie behandelte jeden mit Respekt, hörte sich andere Vorschläge an und erhob niemals die Stimme während sie mit anderen sprach, was ihr wiederum den Respekt und Akzeptanz der Männer verschaffte.

Er hatte keine Ahnung was vorgefallen war, aber Rúmil war sich sicher das es etwa mit dem Rohirrim Marschall zu tun hatte. Genau genommen war er sich nicht einmal sicher ob er ihm danken oder einen Kopf kürzer machen sollte. Amáries Blicken zu urteilen würde sie letzteres selber erledigen, wenn er auch nur einen falschen Schritt in ihre Richtung wagen würde. Seit sie vor zwei Tagen los geritten waren herrschte eine fühlbare Anspannung zwischen den beiden. Andererseits hatte von Anfang an den Eindruck gehabt, dass es zwischen den beiden öfter einmal unbeherrscht zu ging.

Rúmil kannte Amárie gut genug um zu wissen, dass sie ein leidenschaftlicher und teils unbeherrschter Mensch war. Allerdings gehörte mehr als ein bisschen Geschick dazu, sie so vor Wut vibrieren zu lassen wie es zur Zeit der Fall war. Nach seiner Einschätzung besaß der Neffe des Königs jedoch ein besonderes Geschick dafür.

Erstaunlicher Weise schien bei Amárie Wut, wenn sie nur stark genug war, einen eher förderlichen Effekt zu besitzen. Rúmil hatte das nie verstanden und er wusste das Orophin ebenso seine Schwierigkeiten damit hatte. Wut führte zu Unbeherrschtheit und die wiederum dazu das man Fehler machte. Bei Amárie offensichtlich nicht. Haldir war immer der einzige gewesen, der diesen Zug hatte nachempfinden können und hatte ihn mehr als einmal ausgenutzt, um sie zu etwas zu bewegen von dem er der Ansicht war das es erledigt werden musste.

Rúmil liebte seine Nichte, aber manchmal war sie zu menschlich um ihre Handlungen nach vollziehen zu können. Während sein Volk versuchte im Einklang mit sich selbst und ihrer Umgebung zu leben, erschien Amárie häufig wie eine Naturgewalt die alles durcheinander wirbelte. Mehr als einmal hatte sie in Lórien für Chaos gesorgt. War es weil sie alleine losgegangen war um der Herrin des goldenen Waldes ein paar frische Blumen zu pflücken, die unglücklicherweise in der Nähe von ein einer Horde Orks blühten oder sie Haldir bis zur Grenze nach geschlichen war um ihn vor Orks und Trollen zu beschützen und dabei um ein Haar erschossen wurde, weil man sie für einen Eindringling gehalten hatte.

Amárie hatte das was sie als ihr Schicksal ansah immer sehr ernst genommen und besaß wohl mehr Vertrauen in Estel als jeder andere. Nur das Vertrauen in ihre eigenen Fertigkeiten schien hin und wieder auf der Strecke zu bleiben, zumindest die in ihre Fähigkeiten als Anführer. Offensichtlich hatte sich das geändert und Rúmil konnte nur hoffen, das es so blieb. Sie hatte lange genug als Einzelgänger verbracht, immer mit der sturen Ansicht ihr einziger Zweck ihrer Existenz sei einmal einem Mann das Leben zu retten. Fast so als wäre das ihre einzige Daseinsberechtigung ohne Anspruch auf ein eigenes Leben.

Gegen eine Mauer gelehnt beobachtete er das Treiben noch eine Weile und entschied schließlich zu seinen Brüdern zurück zu kehren. Haldir litt noch immer unter den Verletzungen die er sich in Helms Klamm zugezogen hatte und sollte eigentlich gar nicht hier sein. Doch stur wie er war gab es nichts was ihn davon abbringen konnte. Keiner von ihnen war begeistert hier zu sein, doch da Amárie nicht davon abzubringen war in die Schlacht zu ziehen, blieb ihnen nichts anderes übrig als sie zu begleiten. Ihre Nichte war ebenso wenig von ihrer Entscheidung begeistert wie sie von der ihren. Sie sprach es nicht laut aus, aber Rúmil wusste das sie sich um Hadir sorgte.

Sein eigensinniger und oft schlecht gelaunter Bruder war immer ihr großes Vorbild gewesen. Ihr Held seid er sie das erste Mal vor Orks gerettet hatte und ganz egal wie unnahbar Haldir sich verhalten hatte, daran hatte sich nie etwas verändert. Und auch wenn Amárie einige Jahre dafür benötigt hatte, letztlich war sie Haldir ebenso ans Herz gewachsen wie Orophin und ihm selbst. Er tat sich lediglich schwerer damit das zu zeigen. So schob er Versprechen und Ehre als Gründe vor um sie in die Schlacht zu begleiten, statt ihr zu sagen das er den Gedanken nicht ertragen konnte von ihrem Tod unterrichtet zu werden. Haldir würde wahrscheinlich seine eigene Unsterblichkeit dafür opfern, würde er sie damit retten können und wenn man bedachte in welcher Verfassung er sich befand war Rúmils Befürchtung nicht einmal unbegründet.

Seufzend betrat er das Zelt das man ihnen zur Verfügung gestellt hatte und betrachtete seinen älteren Bruder der schlafend auf Fellen und Kissen lag. Orophin war nicht weit von ihm entfernt und seiner Miene nach zu urteilen teilte er seine Sorge.

Er kann so froh sein, dass er uns hat um ihm den Rücken frei zu halten. Ansonsten hätte ihn sein Dickschädel schon vor Jahrhunderten das Leben gekostet!" Fluchte er leise vor sich hin.

Das habe ich gehört!"

Es ist beruhigend zu erfahren das zumindest dein Gehör zu funktionieren scheint. Dein Verstand scheint mehr Schaden davon getragen zu haben als dein Körper, Bruder."

Der Blick den Haldir ihm zukommen ließ, erstickte jedes weitere Wort im Keim. Ob verrückt oder nicht, Haldir war immer noch sein größerer Bruder und Orophin und er würden ihm folgen wohin der Weg auch führen mochte.


9.März 3019 D.Z. Abends (Hargtal)

„Sorg dafür das die Pfeile gleichmäßig aufgeteilt werden, Badan!" Wies Amárie den Dúnedain neben sich an und deutete auf die in den letzten Tagen gefertigten Pfeile. Sie hatte bereits gestern sichergestellt das jeder aus ihrem Volk einen Bogen zu ihren regulären Waffen besaß. Jeder der Dúnedain hatte irgendwann in seinem Leben gelernt mit einem umzugehen, doch nicht alle trugen zur Zeit einen Bogen bei sich. Etwas das für ihren Schlachtplan ungünstig war.

Morgen würde die Herrschau der Rohirrim stattfinden und sie würden in die Schlacht reiten. Im Laufe des Tages waren noch Krieger aus den umliegenden Lehnen angekommen, aber wenn in der Nacht und in den frühen Morgenstunden nicht noch mehr erscheinen würden, sah es schlecht für sie aus. Sehr schlecht. Was nur ein weiterer Grund war warum sie dafür sorgen musste das die Krieger die sich im Hargtal befanden so gut wie möglich gerüstet waren. Besonders die Männer für die sie die Verantwortung trug.

Der Mann neben ihr nickte und machte sich daran ihrer Anweisung nachzukommen. Sie selbst ging im Kopf alle Dinge durch die sie bis zum Aufbruch noch erledigen musste.

„Ihr solltet eine Pause machen!" Unterbrach eine Stimme ihre Gedanken. Stöhnend schloss sie die Augen und zählte bis zehn, heimlich hoffend das er verschwinden würde wenn sie die Augen wieder öffnete. Natürlich hatte sie nicht so viel Glück. Ohne sich zurück zu drehen wusste sie das Éomer noch immer dort stand.

„Ich habe noch Dinge zu erledigen!"

„Ihr solltet euch ausruhen und etwas essen."

„Ihr solltet vorsichtig sein, man könnte fast meinen ihr würdet euch um mein Wohlergehen sorgen!" Entgegnete sie ohne jeglichen Humor. Amárie hatte ihm immer noch nicht verziehen was vor zwei Tagen zwischen ihnen vorgefallen war. Sie rang sich dazu durch ihm von ihrer Herkunft und Abstammung zu erzählen und alles was er für sie übrig hatte war Spott und abfällige Worte. Mit Éomer wusste sie nie so recht wo sie stand. Jedes Mal wenn sie anfing ihn zu mögen tat er wieder etwas das sie zur Weißglut trieb. Und wenn er es tat, dann tat er es gründlich.

„Amárie-"

„Oh, ihr kennt meinen Namen?" Fragte sie schneidend und drehte sich schließlich herum. Alles an seiner Person schrie nach Respekt, auch ohne Rüstung und grimmigen Blick. Sie beneidete ihn um diese Fähigkeit mehr als sie zugeben mochte und es förderte nur ihre schlechte Laune. Seine Miene war unbeweglich, zählte man das übliche Stirnrunzeln nicht dazu doch seinen Augen fehlte der harte Blick den sie so oft darin vorfand.

„Ihr werdet euren Männern morgen nichts nutzen, wenn ihr euch vor Erschöpfung kaum auf den Beinen halten könnt!" Versuchte er es erneut, schaffte es aber nicht den Anflug von Verärgerung zu verbergen.

„Ich dachte ihr traut mir ohnehin nicht zu von Nutzen zu sein, was kümmert es euch da in welcher Verfassung ich mich befinde?"

„Das habe ich so nie behauptet und das wisst ihr auch!" Knurrte er und die Art wie er seinen Rücken straffte ließ sie wissen das seine Geduld zu ende ging. „Ihr," setzte er an brach aber ab und holte tief Luft. „Es ist noch Fleisch übrig und Brot und Käse. Wieso gönnt ihr euch nicht ein paar Minuten Ruhe?" Seine Stimme klang beinahe erschöpft und entgegen ihren besseren Wissen ließ sie sich erweichen.

„Also schön."

Seufzend deutete sie ihm, ihr zu zeigen wo sich das verheißungsvolle Essen befand. Einige Minuten später trat sie in ein Zelt das weitaus größer war als ihres oder das der meisten hier.

Éomers Zelt. Unsicher blickte Amárie sich um während der Rohirrim das Zelt durchquerte ohne ihr Zögern mitzubekommen.

Trotz der Größe war das Zelt recht spärlich eingerichtet, wenn man bedachte das er der Neffe des Königs war und auf wesentlich mehr Luxus bestehen könnte, wenn er es wollte. In einer Ecke war ein gemütlich aussehendes Lager aus Fellen und Decken ausgebreitet, doch abgesehen davon war es recht karg. Ein paar Kleidungstücke, Krüge und eine Waschschüssel gingen eher kläglich unter, während der größte Teil von ordentlich aufgebahrten Waffen und Rüstungen eingenommen wurde.

„Setzt euch!" Überrascht zuckte sie zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit wider auf Éomer der ein riesiges Tablett in den Händen hielt. Beladen mit Essen und Wein schritt er zu den Fellecken und ließ sich dort nieder. Zögerlich folgte sie seinem Beispiel und setzte sich im Schneidersitz ihm gegenüber und beobachtete wie er zwei Becher Wein einschenkte und ihr einen der beiden reichte.

„Keine Sorge, er ist nicht vergiftet!" Versicherte er ihr, als er ihr Zögern wahrnahm und grinste sie unverschämt an. Mit einer fast ruppigen Bewegung entriss sie ihm den Becher und funkelte ihn an. Doch alles was es ihr einbrachte war eine hochgezogene Augenbraue. Die Geste alleine reichte schon aus um ihr Blut zum brodeln zu bringen. Innerlich fluchend führte sie den Krug zu ihrem Mund und nahm einen großen Schluck daraus nur um enttäuscht festzustellen das der Wein zwar gut war, aber nicht das geringste an ihrer Stimmung änderte.

Wieso hatte sie sich eigentlich überreden lassen mitzukommen? Amárie wusste es selbst nicht, aber in Éomers Gegenwart schien ihre Logik sie öfter einmal im Stich zu lassen. „Arroganter Bastard!" Murmelte sie halb in den Becher hinein.

„Ich kann euch versichern, dass meine Eltern bereits zwei Jahre lang verheiratet waren, bevor ich auf die Welt kam."

Das trockene Kommentar ließ sie so heftig zusammen zucken, dass sie die Hälfte des Weines ihm hohen Bogen verschüttete. Ihre Wangen wurden plötzlich so heiß, das sie den dringenden Wunsch verspürte sie mit ihren Händen zu kühlen und sie biss sich verlegen auf die Lippe.

Entgegen den Drang ihre Augen fest zu zu kneifen blickt sie ihn an und stellte erstaunt fest das er eher amüsiert als wütend aussah. Sie hatte fest damit gerechnet das seine Züge sich vor Wut verzehrt hätten und er sie ihm hohen Bogen aus seinem Zelt katapultieren würde, doch nichts dergleichen geschah.

„Verzeiht mir," würgte Amárie heraus und versuchte die Spuren des Weins ungeschickt mit ihrem Unterärmel fortzuwischen. „Dazu hatte ich kein Recht."

In der Regel hatte sie kein Problem damit mit Flüchen und der ein oder anderen Beleidigung um sich zu werfen, aber es gab Grenzen für alles. Zudem waren seine Eltern tot, was ihr Kommentar in ihren eigenen Augen nur noch geschmackloser wirken ließ.

„Damit sind wir wohl quitt," seufzte er. „Meine Worte euch gegenüber waren ebenfalls harsch und standen mir nicht zu." Offensichtlich war das Éomers Art ein Friedensangebot zu unterbreiten und in Anbetracht ihrer derzeitigen Lage hätte sie schon ziemlich dumm sein müssen dieses nicht anzunehmen. In ein paar Tagen konnten sie alle tot sein, was spielten ihre kindlichen Zankereien da für eine Rolle? Nicht die geringste, aber Amárie wusste sie würde sich selbst etwas vormachen, wenn sie glaubte es würde nicht wider vorkommen.

„Das sind wir wohl." Nickte sie. „Bis zum nächsten Mal."

Offensichtlich wusste er so gut wie sie, das es nicht lange dauern würde bevor sie wieder etwas finden würden das die Gemüter überhitzen würde.

„Bis zum nächsten Mal!" Grinste Éomer und schob das Tablett mit Essen näher an sie heran. Nicht willens den Frieden jetzt schon zu brechen, griff sie nach einem Stück Brot und Braten und merkte erst wie hungrig sie eigentlich war, als sie einen Bissen davon nahm. Mit einem zufriedenen Seufzen machte sie sich über beides her und war bereits dabei, sich die Fingerspitzen abzulecken als ihr auffiel das sie beobachtete wurde. Abrupt hielt sie in der Bewegung inne und blickte Éomer an der sie mit einer Mischung aus Belustigung und Überraschung anblickte, welche sie hastig dazu veranlasste ihre Finger aus ihrem Mund zu ziehen.

Räuspernd wandte er seinen Blick ab und griff selbst nach dem Essen. „Werden eure elbischen Verwandten morgen mit uns in die Schlacht ziehen?"

Dankbar nicht länger über die seltsame Situation nachdenken zu müssen nickte sie. „Ich befürchte ja."

„Ihr befürchtet?" Schnaubte ihr Gegenüber der sicherlich mehr als nur eine schlaflose Nacht hinter sich gebracht hatte, aus Sorge zu wenige in die Schlacht zu führen. Gegen die Übermacht aus Mordor zählte jeder Mann und es waren weitaus weniger gekommen, als sie sich erhofft hatten. Sie war ihm also nicht böse, wegen der Bitterkeit in seiner Stimme.

„Ja. Haldir ist schwerer verletzt als er sich selbst eingestehen möchte. Aber er lässt sich nicht davon abbringen mitzukämpfen. Und wo Haldir hingeht folgen seine Brüder. Die restlichen Überlebenden sind bereits nach LothLórien zurück gekehrt wie ihr sehr wohl wisst."

„Er reitet wegen euch, nicht wahr?"

„Haldir reitet wegen eines Schwurs den er einst geleistet hat!"

„Macht euch nichts vor. Er mag den Schwur als Grund vorschieben, aber er wird reiten, weil er euch beschützen will."

Sie verkniff sich jegliche Erwiderung weil sie sich tief im Innersten wünschte das Éomer recht hatte mit dem was er sagte. Haldir und sie standen sich nahe. Das hieß so nahe wie sich ein Elb wie Haldir und ein Mensch sich nahe stehen konnten. Amárie vermutete das sie irgendwo abgeschlagen hinter seinen Brüdern und jedem anderem Elb in Lórien stand. Was in Haldirs Fall wohl so nahe war wie sie ihm kommen konnte. Doch ob es ausreichte um ihn schwer verletzt in eine Schlacht ziehen zu lassen nur um Ihretwillen wagte sie zu bezweifeln.

„Mein Vater sagte immer, eine Familie ist dafür da einem das Leben schwer zu machen. Dadurch vergisst man nicht das man eine hat!"

Die ungewöhnliche jedoch leidlich treffende Aussage ließ sie auflachen. „Oh, ich nehme an ihr sprecht aus Erfahrung?"

„Hin und wieder..."

„Lasst mich raten, eure Schwester!" Amárie hatte so ein Gefühl das Éowyn von Kindesbeinen an dafür gesorgt hatte, das er sie nicht vergas. Die goldhaarige Dame machte den Eindruck öfter einmal ihren Kopf durch zu setzen, egal was ihr großer Bruder davon halten mochte.

Die halb gemurmelte, halb gebrummte Antwort konnte sie nicht verstehen ließ sie aber laut lachen.

„Euch würde das Lachen schon vergehen, wenn ihr einmal für sie verantwortlich wärt." Lachte er mit, nicht jedoch ohne einen Funken Ernsthaftigkeit in seinem Blick.

„Ihr liebt sie sehr nicht wahr?"

„Sie ist meine Schwester natürlich tue ich das."

Amárie wusste nicht wann das Gespräch plötzlich so persönlich geworden war, aber an seinem Gesichtsausdruck konnte sie erkennen das er es auch bemerkt hatte. Seltsamerweise schien es ihn nicht halbwegs so zu verunsichern wie sie selbst.

„Wie war es in Rohan aufzuwachsen? Ich habe nicht so viel von eurer Stadt gesehen wie ich erhofft hatte, aber sie scheint mir fröhlich und bunt zu sein, wenn nicht der Schatten des Krieges über ihr steht."

„Das ist sie," stimmte der Pferdeherr ihr zu und trank einen Schluck Wein bevor er fort fuhr. „Und niemals langweilig." Der Ausdruck der über sein Gesicht huschte erinnerte sie an einen Jungen der sich an ein paar besonders raffinierte Streiche erinnerte.

Fasziniert beobachtete Amárie wie Éomer sich immer mehr entspannte während er ihr von seiner Heimat erzählte bis sie den Mann vor sich kaum wieder erkannte. Alle Schutzschilde, Bürden und Sorgen schienen in diesem Moment von ihm abgefallen und alles was blieb war der Mann selbst. Ein gut aussehender Mann mit einem angenehm rauen Humor und einer ebenso angenehmen Stimme wie sie beunruhigt feststellte.

Wieso war ihr das vorher nie aufgefallen? Ihre ständigen Streitereien und die alles andere als beruhigenden äußeren Umstände waren wohl der Hauptgrund. Hinzu kam das sie sich nie all zu große Gedanken um solche Dinge gemacht hatte. Und es gab wohl keinen schlechteren Zeitpunkt als den derzeitigen um daran was zu ändern.

Hastig trank sie einen großen Schluck Wein und nagte an einem Bissen Käse, doch fand sich nicht in der Lage ihre Gedanken ganz davon loszureißen. Éomer bemerkte die subtile Änderung in ihrer Haltung schien sie aber völlig falsche aufzufassen. Den Valar sei Dank!

„Es ist spät," Offensichtlich etwas verlegen sie aufgehalten zu haben fuhr er sich mit der Hand über den Nacken. Eine Geste von der sie durch Aragorn gelernt hatte das sie zudem Nervosität verbarg. Augenblicklich wurde sie wachsamer.

„Bevor ihr geht, ist da noch etwas das ihr euch anschauen solltet." Damit erhob er sich mühelos aus seiner sitzenden Position und sie kam seinem Beispiel nach bevor er noch auf die Idee kommen konnte ihr auf zu helfen.

Er deutete auf die hintere Ecke im Raum wo sich der größte Teil der Rüstung und Waffen befand. Jedes Stück ordentlich aufgebahrt und poliert um sich den Feind in bester Form zu präsentieren dachte sie belustigt.

„Ich gehe davon aus das ihr lediglich in eurem Lederhemd in die Schlacht ziehen werdet?"

Lederhemd? Lederhemd? Dachte sie wütend und brauchte einen Moment um ihre Fassungslosigkeit zu überwinden. Doch bevor sie den Mund aufmachen konnte um ihm ein paar Takte zu seiner unverschämten Wortwahl mitzuteilen hob er abwehrend die Hand.

„Eure Rüstung ist dafür gemacht euch in eurer Bewegung nicht einzuschränken und euch im Wald mühelos voran zu bewegen nicht für eine Schlacht."

„Helms Klamm hat sie gut überstanden!" Warf sie schneidig ein, verstummte jedoch als sein Blick auf sie fiel. Natürlich hatte er recht mit dem was er sagte. Ihr weicher Lederharnisch war mehr dafür geschaffen sie vor der Umgebung des Waldes zu schützen als vor einem Feind. Das Leder war dick genug um nicht einzureißen, wenn sie hängen blieb und bot im allgemeinen mehr Schutz als Wolle und Leinen es vermochten. Das sie an der Hornburg keine ernsthaften Verletzungen davon getragen hatte, war wohl eher dem Zufall zu verdanken.

„Und wollt ihr euer Glück noch einmal herausfordern?" Éomer schien ihr Schweigen auf seine Frage als Verneinung aufzufassen. „Dachte ich mir!" Brummte er und griff nach etwas das hinter seiner eigenen Rüstung verborgen war.

„Hier nehmt das!" Damit reichte er ihr einen klirrenden Haufen silbernen Metalls und sie war zu geschockt um seiner Aufforderung nicht nachzukommen. Das Kettenhemd das sie nun in beiden Händen hielt war erstaunlich leicht und feinmaschig und sie hielt es in die Höhe um es besser zu betrachten. Es würde ihr gut bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichen, besaß aber vorne und hinten einen Schlitz, so das es sie nicht in ihrer Bewegung hindern würde. Die Arme waren lang und würden bis über ihre Armschoner reichen. Doch das beste war das es dünn genug war um es unter ihrem Harnisch zu tragen.

„Und die hier!" Éomers Stimme riss sie aus ihrer Betrachtung und ließ ihren Blick wieder zu ihm wandern. In seinen Händen hielt er weitere Rüstungsteile. Armschienen, Beinschienen und einen einseitigen Schulterschutz. Offensichtlich hatte er daran gedacht das zwei sie beim Bogenschießen behindern würden. Sie legte das Kettenhemd vorsichtig zur Seite, auch wenn Vorsicht wohl nicht nötig war, bevor sie nach dem Rest der Rüstung griff. Die Schoner waren alle samt aus festen, stabilen Leder gearbeitet und waren praktischer Weise mit Schnallen zu befestigen, was lästiges Schnüren überflüssig machte. Das Leder war nicht reich verziert oder beschlagen, aber es war gut gearbeitet und Amárie fragte sich, womit sie solch eine Gabe verdient hatte. Langsam, fast schon ein wenig widerwillig wanderten ihre Augen von der Rüstung zu dem Mann vor ihr der sie mit aufmerksamer Miene musterte.

Als er ihren Blick bemerkte straffte er sich sich kaum merklich und Amárie wurde bewusst das er immer noch nervös war. Das ließ sie um ein Haar laut los lachen. Nicht etwa weil sie sich über ihn lustig machen wollte, sondern weil es sie selbst besser fühlen ließ. Somit war sie nicht die einzige die nicht recht wusste wie sie reagieren sollte. Statt jedoch zu lachen und die Situation wohl möglich noch angespannter zu machen nickte sie lediglich.

„Danke!" Sagte sie aufrichtig. „Ich hoffe ich werde Gelegenheit haben mich erkenntlich zu zeigen." Wenn ich die Schlacht überleben sollte. Fügte sie im Stillen zu. Doch sie hätte es genauso gut laut aussprechen können, denn Éomer schien das Unausgesprochene bestens zu verstehen.

„Das werdet ihr!" Die Bestimmtheit mit der er seine Worte sprach ließ sie lächeln und milderte das Gefühl von Furcht und Ungewissheit vor dem was kommen sollte. Dennoch blieben Zweifel.

„Aragorn hat die Richtige Entscheidung getroffen. Ihr seid eine gute Anführerin und meine Männer würden euch ebenso furchtlos folgen wie euer Volk!"

Überrascht über seine Worte blickte sie in an und stellte erstaunt fest das der ernste Zug um seine Mundwinkel nicht gewichen war und seine Augen sie mit der selben Gewissheit anblickten wie zu vor. Die Worte waren ihm nicht einfach nur heraus gerutscht oder gesprochen um ihr Selbstbewusstsein zu stärken sondern schlicht und einfach, weil er daran glaubte.

Ein innerer Drang ihn in die Arme zu schließen und ihren Kopf in seinem Nacken zu vergraben überkam sie. So wie sie es vielleicht bei Aragorn getan hätte, wenn sie versuchte etwas auszudrücken für das ihre die Worte fehlten. Doch sie standen sich weder nahe genug für solch vertraute Gesten noch glaubte sie das Éomer viel davon halten würde. Schon allein weil sie ihn dadurch in Verlegenheit bringen würde.

Dennoch fehlten ihr die Worte um ihm sagen, wie dankbar sie war. Niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht ihr zu sagen, dass sie ihre Aufgabe gut erfüllte. Sicherlich, die Männer taten was sie ihnen sagte aber ständig nagte der Zweifel an ihr und sie fragte sich was Aragorn an ihrer Stelle tun würde. Von ihm zu hören, das seine Männer ihr genug Respekt entgegen brachten -auch hinter ihrem Rücken um sie zu akzeptieren machte ihr Mut.

Le hannon, rochir! Cû nîn linnatha na vagol lîn ir auth tôl!" (Danke Pferdeherr! Möge mein Bogen mit deinem Schwert singen wenn der Krieg kommt.) Antwortete sie schließlich sanft und obgleich er sie nicht verstehen konnte, schien er zu begreifen das sie sich bei ihm bedankte.

Losto vae, Éomer! Schlaft gut!"


Éowyn war auf dem Weg zu dem Zelt ihres Bruders. Sie hatte lange mit sich gerungen, da sie wusste das Éomer sie gut genug kannte um möglicherweise etwas von ihrem Vorhaben zu erahnen. Sollte er herausfinden das sie vorhatte morgen mit in die Schlacht zu reiten, würde er sie mit allen Mitteln davon abhalten und sie wusste das er am längeren Hebel saß. Jedoch wollte und konnte sie nicht riskieren in die Schlacht zu reiten, ohne sich zuvor von ihm zu verabschieden. Wer wusste schon wie es für sie beide ausgehen würde? Sie konnte auf das Beste hoffen, musste aber letztlich mit der Realität leben.

Sie stand vor dem Zelt und nestelte mit dem Stoff ihres Kleides als sie plötzlich ein lautes Lachen aus dem Inneren hörte. Irritiert stellte sie fest, dass es ihr Bruder war der das Geräusch verursachte. Éowyn fragte sich wie lange es her war das sie ihren Bruder hatte lachen hören und stellte voller Schrecken stellte fest, dass sie sich nicht mehr daran erinnern konnte.

Stirnrunzelnd lehnte sie sich ein wenig näher und hörte wie er etwas über Élodains und seine Streiche aus Kindertagen erzählte. Hatte er getrunken? Ihr Bruder gehörte nicht gerade zu der Sorte Mensch die viel über persönlich Dinge sprach. Nicht einmal mit Leuten die ihm nahe standen. Hatten er und Élodain so kurz vor der Schlacht beschlossen noch einmal in der Vergangenheit zu schwelgen? Doch statt Élodains Stimme war es die einer Frau die Éomer unterbrach um ihm eine Frage zu stellen. Ihre Augen wurden groß, als sie erkannte zu wem die Stimme gehörte und sie wusste das sie die beiden in Ruhe lassen sollte. Doch ein neugieriger und durchweg unvernünftiger Teil von ihr ließ das nicht zu. Stattdessen lauschte sie und versuchte ihr schlechtes Gewissen zu ignorieren.

Es ist spät!" Sie hatte nur wenige Minuten vor dem Zelt gestanden als sie das hörte und nahm an, das ihr Gespräch damit beendet war. Sie war schon dabei sich umzudrehen um nicht vor dem Eingang erwischt zu werden, wenn Amárie heraus kam, als sie die Stimme ihres Bruders erneut hörte.

Bevor ihr geht, ist da noch etwas das ihr euch anschauen solltet."

Wieder war es die Neugierde die sie inne halten ließ.

Ich gehe davon aus das ihr lediglich in eurem Lederhemd in die Schlacht ziehen werdet?"

Lederhemd? Wovon sprach ihr Bruder da?

Eure Rüstung ist dafür gemacht euch in eurer Bewegung nicht einzuschränken und euch im Wald mühelos voran zu bewegen nicht für eine Schlacht."

Helms Klamm hat sie gut überstanden!"

Die giftige Erwiderung ließ sie grinsen. Sie hatte ein paar der Auseinandersetzungen der Waldläuferin und Éomers miterlebt und war jedes Mal erstaunt mit wie viel sturer Furchtlosigkeit Amárie ihrem Bruder entgegen trat. Von Élodain wusste sie das Streit zwischen den beiden nichts ungewöhnliches war und das es recht unwahrscheinlich war das sie in allzu ferner Zukunft damit aufhören würden. Ihrer Meinung nach tat es ihrem Bruder gut endlich einmal jemanden zu treffen, der nicht gleich das tat was er wollte. Sie schätzte Amárie umso mehr, da sie eine Frau wahr.

Éomer war ein guter und gerechter Mann und Éowyn wusste das er niemals jemanden weh tun würde der es nicht verdient hatte. Schon gar nicht einer Frau. Dennoch schien sein Wesen die meisten Frauen abzuschrecken und sie kannte nicht eine, die es wagen würde ihm zu widersprechen. Geschweige denn ihn herauszufordern in der Art und Weise wie Amárie es tat.

Schließlich riss sie sich aus ihren Gedanken fort und lauschte erneut dem was gesprochen wurde. Éowyn brauchte ein wenig um dahinter zu kommen, doch das Klimpern und Rascheln vom Metall ließen keinen Zweifel das er ihr ein Rüstung für die kommende Schlacht schenkte.

Ihr Bruder, der von Frauen im Kampf soviel hielt wie von einem Mann an der Kochstelle, schenkte Amárie eine Rüstung und ging wie sie einen Moment später hört sogar soweit ihre Fähigkeiten als Anführerin zu loben?

Éowyn war sich nicht sicher wie sie das auffassen sollte. Auf der einen Seite bestätigte ihr sein Handeln das Éomer die Waldläuferin schätzte. Sehr sogar und sie für eine gute Kriegerin halten musste. Ihr Bruder war kein Mann großer Worte und noch weniger machte er sich die Mühe Lügen zu sprechen, also waren seine Worte ernst gemeint.

Doch wieso konnte er ihr nicht die selben Worte zukommen lassen? Sie war eine gute Kämpferin. Es mochte ihr an Körperkraft und Erfahrung mangeln, aber sie war flink und geschickt. Wieso stand es ihr also nicht zu offen an der Seite ihrer Liebsten in die Schlacht zu ziehen. Hatte sie etwa weniger zu verlieren als ein Mann? Es war ebenso ihre Welt wie die der Männer.

Amárie schien er diese Rechte einzuräumen und sogar zu unterstützen. Zwar hatte er keine Macht über sie, wie über eine seines eigenen Volkes, dennoch hätte er sein Missfallen über Ignoranz ausdrücken können, wenn er gewollt hätte. Sein Verhalten ließ aber darauf schließen das er ihre Anwesenheit im Kampf zu schätzen wusste.

Sie beneidete Amárie um die Möglichkeit offen das zu tun, was sie sich selbst wünschte. Ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten ohne jemanden der ihr sagte war sich gehörte und was nicht. Ohne sich heimlich davon stehlen zu müssen um für ihr Volk zu kämpfen.

Losto vae, Éomer! Schlaft gut!"

Amáries Stimme riss sie aus ihren Gedanken und Éowyn schritt hastig zur Seite und verbarg sich im Schatten zur rechten des Zeltes um nicht beim Lauschen ertappt zu werden.

Keinen Moment zu früh wie sie feststellte. Amárie tat von Éomer gefolgt aus dem Zelt und beide nickten sich noch einmal zu bevor die Waldläuferin mit Rüstungsteilen beladen im Dunklen der Nacht verschwand. Éomer bewegte sich jedoch nicht und starrte noch lange auf die Stelle in der die dunkelhaarige Frau verschwunden war.

Sie war zu weit von ihm entfernt und es war zu dunkel um seine Gesichtszüge sehen zu können, aber Éowyn wusste auch so was sie dort sehen würde. Es war der selbe Blick der sich auf ihrem Gesicht widerspiegeln musste, wenn sie Aragorn anblickte.

Sie konnte für ihren Bruder nur hoffen, dass ihr Bruder am Ende nicht wie sie mit gebrochenen Herzen dastehen würde. Éowyn konnte nur hoffen, das er Gelegenheit haben würde es herauszufinden.

TBC