Kapitel 6: Zweifel und Einsichten

10. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Hargtal)

Der Himmel war grau und düster und obwohl es noch früh am Morgen war, hatte Éomer wenig Hoffnung das der Himmel aufklaren würde. Selbst das Wetter schien das drohende Unheil wieder zu spiegeln dem sie noch heute entgegen reiten würden.

Entgegen seinen Befürchtungen waren in der Nacht noch weitere Krieger aus aus dem Osten und Süd-Westen des Landes eingetroffen. Doch wenn es stimmte was der gondoriansche Bote ihnen vor wenigen Minuten mitgeteilt hatte, würde es nicht ausreichen. Sie würden hoffnungslos unterlegen sein. Zu viele waren bereits den dunklen Heerscharen zum Opfer gefallen und zu groß war die Armee die vor den Toren Minas Tirith auf sie warten würde.

Seufzend schritt er weiter durch das Lager und beobachtete die Männer wie sie letzte Vorbereitungen trafen. Ihm selbst blieb bloß noch, nach Feuerfuß zu sehen bevor er sich der Gruppe seines Onkels anschließen würde. Er war froh, das es Théoden sein würde der die Männer in die Schlacht führte und das Los nicht auf ihn gefallen war. Wie sollte er, der selbst so wenig Hoffnung hatte den Männern Mut machen und ihnen der Anführer sein, den sie verdienten?

Mit Théodreds Tod war er der nächste in der Thronfolge und der Gedanke behagte ihm ganz und gar nicht. Ihm gefiel das Leben als Reiter der Rohirrim und auch ohne das Erbe der Krone standen genügend Dinge zwischen ihm und den anderen Männern um ihm niemals ganz dazu gehören zu lassen. Doch die Kluft war mit Théodreds Tot nun unweigerlich gewachsen und würde in Zukunft nur noch größer werden.

Mit den bevorstehenden Ereignissen war es allerdings fraglich wie lange er sich über solche Dinge überhaupt noch den Kopf zerbrechen musste. Wer wusste schon ob er die nächste Schlacht überstehen würde? Und es würde noch mehr als eine folgen um sein Glück und sein Geschick auf die Probe zu stellen.

Éomer hatte Feuerfuß fast erreicht, als ihn Amáries Stimme aus seinen Gedanken riss. Sie sprach elbisch und wie immer genoss er den angenehmen Klang der Worte, auch wenn er sie nicht verstand.

Im ersten Moment glaubte er, dass sie sich mit einem ihrer Verwandten unterhalten würde, doch als keine Stimme ihr antwortete trat er näher.

Die Waldläuferin stand dicht an Nachtschatten gedrängt, den Kopf gegen den dunklen Hals des Tieres gepresst, während ihre Hand rastlos über das dunkle Fell strich. Wie er selbst, war sie bereits gerüstet und mit einem nicht geringem Teil von Selbstzufriedenheit stellte er fest, dass das Kettenhemd und die Rüstungsteile die er ihr letzte Nacht geschenkt hatte perfekt saßen. Rasch schob er das Gefühl jedoch beiseite, das war nichts über das er sich den Kopf zerbrechen wollte.

Für eine Weile lauschte er lediglich dem Klang ihrer Stimme. Es war nicht besonders schwer den tieferen Sinn ihres Selbstgesprächs heraus zu hören, auch ohne das ihm jemand die Worte übersetzte. Amárie zweifelte an sich selbst und auch wenn er ihre Zweifel nicht teilte, konnte er verstehen woher sie rührten. Wie er selbst nahm sie ihre Verantwortung sehr ernst und er wusste gut genug wie schwer diese Bürde sein konnte.

Er erinnerte sich an die Geschichte die sie ihm über die Tradition ihrer Position als Herrführerin erzählt hatte. Wie viel hatte man ihr wohl über Kriegsführung beigebracht? Wie viel konnte man ihr dort wo sich aufgewachsen war darüber beibringen?

Schnaufend fragte er sich ob überhaupt irgend jemand in diesen Landen, für das was ihnen bevorstand vorbereitet war.

„Wollt ihr mich weiter belauschen, oder traut ihr euch näher zu treten?"

Zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt ließ ihn ihre plötzliche Frage beinahe zusammenzucken. Augenblicklich öffnete er den Mund um sich zu rechtfertigen, bevor ihm bewusst wurde das sie ihn aufzog. Offensichtlich war sie nicht ganz so deprimiert wie er angenommen hatte, wenn sie ihm noch mit gutmütigen Spott entgegen treten konnte.

Seine Mundwinkel zuckten unwillkürlich nach oben und er trat langsam näher. „Da ihr weder euer Messer zückt, noch giftige Blicke in meine Richtung werft kann ich es wohl wagen!"

„So oft mich auch der Wunsch danach überkommt, bezweifle ich das wir es uns leisten können auch nur einen Mann zu verlieren."

Und obwohl sie dabei lachte, waren seine Gedanken sogleich wieder bei der bevorstehenden Schlacht. Amárie musste es auch bemerkt haben, den ihre Gesichtszüge wurden sogleich ernst.

„Es sollen noch weitere Krieger in der Nacht eingetroffen sein?"

„Ja," nickte er ohne dabei all zu überschwänglich zu klingen. „Etwa zweihundert Mann aus dem Osten und weitere fünfzig aus Süd-Westen. Kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, sollten wir es überhaupt schaffen, rechtzeitig in Gondor einzutreffen."

„Wo ist euer Glaube und eure Zuversicht geblieben, Éomer? Gestern wart ihr noch so eifrig bemüht, meine Zweifel zu zerstreuen und heute lasst ihr euch von euren eigenen überwältigen?"

Wieder musste er grinsen, zuckte aber mit den Schultern. „An einem Tag wie diesem, wo nicht einmal die Sonne aufgehen will, fällt es mir schwer zuversichtlich in die Zukunft zu blicken."

„Ich bin sicher, Erus Pläne für euch sind andere als vor den Toren Gondors zu sterben. Ihr seit nun Thronfolger, Éomer, euer Volk braucht euch."

Nur mit Mühe konnte er verhindern das er bei der Erwähnung seiner neuen Stellung zusammen zuckte. Er brauchte nun wirklich nicht noch daran erinnert zu werden. „Meine Pflicht ist meine Bürde," murmelte er leise vor sich hin ohne es zu wollen. Doch Amárie hatte ihn gehört und musterte ihn mit einem seltsamen Blick bevor sie schließlich nickte.

„Ich verstehe."

Und wahrscheinlich tat sie das wirklich.

„Aber für die nächste Weile ist eure einzige Pflicht dem Feind zu erschlagen, Pferdeherr und die Bürde scheint ihr in der Vergangenheit gut bewältigt zu haben. Und nun solltet ihr euch um euer Pferd kümmern, sonst reiten wir noch ohne euch los!" Mit einem Nicken verwies sie ihn an Feuerfuß, der scheinbar ungeduldig auf der Stelle trippelte und Éomer merkte wie sich seine Laune augenblicklich hob. Sie hatte recht, er sollte sich auf den Kampf konzentrieren und mit dem Schwert in der Hand und dem Feind vor Augen wusste er sich zumindest zurecht zu finden.

Mit einem letzten Nicken in ihre Richtung wandte er sich seinem Hengst zu ohne zu merken, das er immer noch ein Lächeln auf den Lippen hatte.


11. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Auf dem Weg nach Gondor)

Zu behaupten Haldir wäre unzufrieden, würde der Realität nicht gerecht werden. Doch es gab zur Zeit einfach eine Vielzahl an Ereignissen, die ganz und gar nicht so liefen wie er es sich wünschte. Und Haldir war es gewohnt das die Dinge so liefen wie er es wollte. Zumindest stand es zumeist in seiner Macht, Befehle zu erteilen um die Dinge in eine Richtung zu bewegen mit der er sich anfreunden konnte.

Doch seit er Lothlórien verlassen hatte, schien alles mehr und mehr seinen Händen zu entgleiten. Einen Umstand den er ganz und gar nicht schätzte.

Zum einen war da die Tatsache das sie wirklich ausgezogen waren um den Menschen zu helfen! Als wäre es nicht ihre Gier und Verschlagenheit gewesen, die sie überhaupt erst in ihre jetzige Lage gebracht hatte. Soweit es Haldir betraf waren die Menschen selbst Schuld an ihrer Misere und sollten nun gefälligst selbst damit zurecht kommen.

Aber Galadriel hatte entschieden Hilfe zu entsenden und es stand weder in seiner Macht noch in seinem Willen ihr zu widersprechen. Die Wege seiner Herrin waren oft ebenso unergründlich wie ihr Mitgefühl groß war und Haldir hoffte inständig das Galadriel sich auf mehr als ihre Hoffnung gestützt hatte, als sie die Galadhrim entsendet hatte.

So viele von ihnen waren gefallen und noch mehr verletzt worden.

So wie er selbst. Nur eine weitere Tatsache die ihm missfiel. Es war nicht das erste mal das er im Kampf verwundet wurde und ganz sicher auch nicht das letzte Mal. Doch anders als sonst blieb ihm nur, seine Wunde von stümperhaften menschlichen Heilern versorgen zu lassen. Im Stillen musste er zugeben, das Aragorns Heilkünste nicht so schlecht waren wie er ihm gerne vorwarf, doch sein Arm pochte noch immer und würde ihm im Kampf nicht viel nützen.

Ein Galadhrim, der seinen Bogen nicht benutzen konnte, dachte er schnaufend. Er würde sich darauf beschränken müssen mit einer Hand zu kämpfen. Hätten Rúmil und Orophin ihren Willen, würde er gar nicht an der Schlacht teilnehmen, sondern wie ein verängstigter Elfling zurück bleiben.

Leider war diese Option ausgeschlossen. Amárie würde kämpfen, also würde er es auch. Wie so oft in der Vergangenheit war seine Nichte ein stetiger Quelle für Freude, Stolz und Frustration. Besonders letzteres.

Amárie war willensstark und pflichtbewusst, Eigenschaften die er durchaus zu schätzen wusste, wenn sie sie nicht gerade nutzte um ihm das Leben schwer zu machen. Wieso konnte sie nicht einsehen das das Schlachtfeld viel zu gefährlich für sie war?

Sie war schließlich nur ein Mensch. Selbst mit dem Anteil an Elbenblut in ihren Adern war sie sterblich. Wieso also musste sie die wenige Zeit, die ihr auf diesen Landen vergönnte war, aufs Spiel setzten, in dem sie sich in den Kampf stürzte?

Haldirs einziger Trost war das er sie selbst im Umgang mit Waffen unterrichtet hatte. Für eine Sterbliche war sie geschickt und schnell mit dem Bogen ebenso wie mit den Schwertern. Doch auch der beste Kämpfer konnte im Kampf getötet werden.

Warum musste auch sie diejenige sein die die Dunedain in die Schlacht führte? Verdammt seinen Isildur und all seine Erben! Abgesehen von einem glücklichen Schlag auf die Finger hatte er nicht viel in seinem Leben vollbracht. Seine Weigerung, aus Gier, sich von dem Ring zu trennen war letztlich sein Verderben gewesen und hatte seine Nachkommen zu dem Leben verdammt das sie heute führten. Verbannt vom Thron und ihrem Geburtsrecht.

Hätte der Narr Einsicht gezeigt, wären sie vielleicht gar nicht in ihrer jetzigen Position. Amárie wäre nicht gezwungen dieser lächerlichen Pflicht nachzukommen und er wüsste sie unversehrt und wohlbehalten in Lórien.

Doch was ihm mehr missfiel als mit Menschen in den Krieg zu ziehen und Amárie nicht davon abbringen zu können in die Schlacht zu ziehen, war die Szene die sich nicht all zu weit von ihm entfernt abspielte.

Haldir, er wird nicht tot vom Pferd fallen, ganz egal wie viel Mühe du dir auch gibst, ihm Löcher in den Kopf zu bohren!" Rúmils amüsierte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, doch er machte sich nicht einmal die Mühe ihn anzusehen. Stattdessen starrte er weiter auf die beiden Reiter zu seiner Linken.

Ich weiß nicht worum du dich sorgst, die meiste Zeit verbringen sie damit sich zu streiten," lachte sein Bruder immer noch amüsiert bevor er nachdenklich hinzufügte. „Sollten sie allerdings jemals diese schlechte Angewohnheit ablegen, erkennen sie vielleicht -"

Das reicht!" Schnappte Haldir ungehalten zurück bevor er sich daran hindern konnte und drehte sich zu seinem Bruder herum. Rúmil machte sich nicht einmal die Mühe sein Grinsen zurück zu halten und Haldir wurde klar das er in eine Falle getappt war. Eine die Rúmil, nun da er sich seiner Aufmerksamkeit sicher sein konnte, voll auszunutzen gedachte.

Er entstammt einer edlen Linie – für einen Menschen. Er ist ehrenvoll und pflichtbewusst und ich konnte mich in den letzten Tagen selbst davon überzeugen, das er -"

Rúmil!"

Ich will damit lediglich sagen," beharrte Rúmil ohne sich an seinem ungehaltenen Blick zu stören, „es könnte weit aus unpassendere Männer in ihrem Leben geben."

Das letzte worüber Haldir nachdenken wollte, waren die Männer in Amáries Leben. Und es kostete ihn all seine Jahrtausende Lebenserfahrung um nicht frustriert die Augen zu zukneifen. Statt dessen begnügte er sich mit einer versteinerten Miene. Er befürchtete jedoch, das sein Bruder ihn gut genug kannte um das verräterische Zucken in seiner Wange zu bemerken. Wie befürchtet wurde Rúmils Grinsen merklich breiter.

Statt zu antworten wanderte sein Blick zurück zu seiner Nichte die ruhig und gelassen neben dem Neffen des Königs her ritt. Sehr zu seinem Bedauern hatte sich die frostige Stimmung zwischen den beiden gelegt. Statt sich mit Éomer zu streiten oder ihn zu ignorieren unterhielt sie sich in Seelenruhe mit ihm.

Haldir konnte nicht umhin dem Pferdeherrn einen weiteren düsteren Blick zu zuwerfen.

Bruder, du solltest mehr Vertrauen in sie haben. Ihr Temperament mag manchmal mit ihr durchgehen, aber sie ist nicht leichtfertig in ihren Entscheidungen."

Ich vertraue ihr," knirschte er bevor er hinzufügte „ihm allerdings nicht!"

Statt über seine verstimmte Antwort zu lachen, so wie Haldir es fast erwartet hatte, schwieg sein Bruder. Irritiert drehte er sich herum. Das Grinsen war von Rúmils Lippen verschwunden und hatte einer nachdenklichen Miene Platz gemacht. Ein Ausdruck den man nicht häufig auf dem Gesicht seines jüngsten Bruders vorfinden konnte. Ernsthaftigkeit und tiefsinnige Überlegungen waren eher Orophins Stärke während Rúmil jeden Tag so lebte wie er kam ohne sich all zu viele Gedanken um Konsequenzen und Regeln zu kümmern.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, das sie sterblich ist?"

Die Frage traf ihn so unerwartet das er zusammenzuckte. Kaum merklich aber sein Pferd machte einen leichten Satz nach vorne, so das es mehr als einen Moment brauchte bis er sich und das Tier wieder unter Kontrolle hatte.

Ob er darüber nachgedacht hatte? Es war schwer es zu vergessen. Jedes Mal wenn er sie ansah wurde er aufs neue daran erinnert das sich ihre Wege in nicht all zu langer Zeit für immer trennen würden. Amárie mochte durch das Elbenblut in ihren Adern ein ungewöhnlich langes Leben für einen Menschen vergönnt sein, aber dennoch war sie sterblich. Und ihr Leben auf dieser Welt nur ein Bruchteil dessen, was er bereits gelebt hatte.

Haldir würde es nie laut zugeben, aber er fürchtete den Tag an dem sie für ihn, für immer verloren sein würde. Seine Brüder zu verlieren würde ihn niederschmettern, aber konnte sich immer noch an die Hoffnung klammern, sie eines Tages wieder zu sehen. Amárie auf der anderen Seite würde ihnen dorthin nicht folgen können.

Rúmil wusste das ebenso gut wie er. Fragend blickte er seinen Bruder an, ohne auf die Frage zu antworten während er versuchte die unterschiedlichen Gefühle die er bei dem Gedanken an Amáries Ableben empfand unter Kontrolle zu bringen.

Haldir," Rúmils Stimme glich einem Seufzen. „Wir wissen beide, das sich unsere Zeit hier in Mittelerde seinem Ende zuneigt. Sei es durch die Hand des Feindes oder durch den Aufbruch zu den Grauen Anfurten. Für einen Menschen wird sie noch viele Jahre auf dieser Erde haben." Sein Bruder machte sich nicht die Mühe sollte sie die Schlacht überleben bei zu fügen. Sie wussten beide gut genug wie gering die Hoffnung auf einen Sieg gegen den Feind war. Es laut auszusprechen würde nicht helfen, ihre Stimmung zu verbessern.

Wer wird sich um sie kümmern, wenn wir fort sind?"

Wir haben ihr bei gebracht auf sich acht zu geben!"

Wieder ein Seufzen und Haldir bekam den Eindruck ein kleines Kind zu sein das getadelt wurde, weil es einen einfachen Sachverhalt nicht verstehen konnte. Ärger stieg in ihm hoch, doch bevor er diesem Luft machen konnte sprach Rúmil schon weiter.

Das haben wir, aber sie kann nicht alles auf dieser Welt allein bewältigen. Ich bin sicher Estel würde sie aufnehmen, aber er wird genügend Sorgen und Probleme haben um die er sich kümmern muss und eine eigene Familie die seine Aufmerksamkeit beanspruchen wird."

Zu seiner Schande musste Haldir gestehen, dass er niemals darüber nachgedacht hatte was mit Amárie geschehen würde, wenn sie Mittelerde verlassen würden. In seiner Vorstellung war es immer seine Nichte gewesen, die sie verlassen würde. Nicht anders herum.

Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste das sie eine Familie hat die sich um sie kümmert, wenn wir fortgehen!" Erklärte Rúmil bevor er nach einem flüchtigen Blick in Richtung der Betroffenen ins Schweigen verfiel. Andererseits war es auch nicht nötig mehr zu sagen, seine Botschaft war mehr als deutlich geworden und hatte Haldir einiges zum nachdenken gegeben.

Wie zuvor schweifte sein Blick zum dem Paar zu seiner Linken, die nach wie vor in einer Unterhaltung verstrickt waren. Doch statt wie zuvor Löcher in Éomer Hinterkopf zu bohren ließ er seinen Blick musternd über den jungen Pferdeherrn schweifen.

Vielleicht hatte sein Bruder recht was ihn betraf. Es gab durchaus schlechtere Männer als den Neffen des Königs und er teilte Rúmils Meinung, auch er würde sich besser fühlen, wenn er wüsste das für Amárie gesorgt wäre.

Vielleicht war Éomer der Mann den man Lothdúlin anvertrauen konnte.

Eine ganze Weile beobachtete Haldir wie Éomer sich mit Amárie unterhielt. Hin und wieder würde er sich in einer vertrauten Geste näher zu ihrer Seite lehnen oder sie würde mit einem lautlosen Lachen und einer lockeren Handbewegung eine seiner Bemerkung abtun bevor sie etwas erwiderte was wiederum ihn erheiterte. Meist war es nicht mehr als ein kurzes Aufflackern eines Lächelns seinerseits, aber es war sichtbar für alle die sich die Mühe machten näher hin zu sehen.

Vielleicht hatte Rúmil recht.

Vielleicht...


13. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Kurz vor dem Drúadan-Wald)

Die letzten drei Tage waren schneller verstrichen als Amárie erwartet hatte. Was nicht zuletzt daran lag, dass sie sich kein einziges Mal mit Éomer gestritten hatte. Doch natürlich hatte der neu gefundene Friede zwischen ihnen nicht lange anhalten können und wie auch zuvor war es eine belanglose Nichtigkeit gewesen, die eine hitzige Debatte zwischen ihnen erneut entfacht hatte: Puckelmänner.

Sie hatten Min-Rimmon nun seit einiger Zeit hinter sich gelassen und waren nicht mehr weit vom Drúadan-Wald entfernt, von wo aus sie weiter über die große Weststraße nach Minas Tirith reiten wollten.

Die Aussicht bald wieder Waldboden unter ihren Füßen zu spüren hatte Amárie in gute Laune versetzt, was es leichter als sonst gemacht hatte sich mit Éomer zu unterhalten, ohne gleich Anstoß an seiner zeitweisen schroffen Art zu nehmen. Alles war wunderbar bis sie auf die steinernen Staturen am Rand des Weges zu sprechen kamen.

Wie immer hatte ihre Neugierde über unbekannte Dinge sie dazu angetrieben Fragen zu stellen und es hatte nur Nahe gelegen, das Éomer als Bewohner Rohans mehr über diese Gegend wusste als sie.

Die in Stein gemeißelten Figuren waren klein nur knapp vier Fuß groß, und besaßen ungestüme Gesichtszüge mit platten Nasen, breiten Mündern und etwas zu tief liegenden Augen. Einige standen, während andere knieten. Manche waren mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, die sie mit ihren riesigen Händen umklammert hielten und Amárie war fasziniert von den wundervollen Gebilden.

Zu gern wäre sie abgestiegen um sich die ein oder andere Statur genauer an zu sehen. Doch leider hatten sie keine Zeit für solche unnötigen Wünsche. Also hatte sie sich mit dem zweit besten zufrieden gegeben. Sie hatte Fragen gestellt.

Was sind das für Staturen?" Sie hatte sich fast den Kopf verrenkt um der letzten hinterher zu starren nur um einen Moment später festzustellen das die nächste nicht weit von ihnen entfernt lag.

Abfälliges Schnauben war fürs erste jegliche Antwort gewesen die sie erhalten hatte, bevor sie sich schließlich lange genug von den steinernen Figuren gelöst hatte um ihn an zu blicken.

Nun?"

Puckelmänner!"

Der Name klang seltsam in ihren Ohren und so wie er ihn aussprach war es nichts weiter als ein Schimpfwort.

Die Staturen sind wundervoll, wisst ihr wer sie gemacht hat?"

Für einen langen Moment hatte er sie angestarrt als sei sie verrückt geworden bevor ein weiteres abfälliges Grollen seine Lippen verlassen hatte.

Wundervoll? Euch scheint zu viel Sand in die Augen geweht worden sein oder ihr müsst eine sehr seltsame Auffassung von Schönheit haben um Freunde an diesen Dingern zu finden!"

Im ersten Augenblick war Amárie zu überrascht über seine tiefe Abneigung, ein paar harmlosen Staturen gegenüber, um wütend über seine Worte zu werden. Sie wusste aus der kurzen Zeit die sie sich kannten, das der Pferdeherr nicht viel Sinn für und Geduld für Dinge hatten die unwichtig für seine Situation waren. Auch hatte sie nicht erwartet, dass er ihre Begeisterung teilen würde, aber sie konnte nicht verstehen warum er sogleich beleidigend werden musste.

Die letzten Tage hatten sie es geschafft mehr als ein Gespräch über alle möglichen Dinge zu führen; die Jagd, Edoras, Lothlórien – sogar ein paar Kindheitserinnerungen. Alles um sich von der anstehenden Schlacht abzulenken, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren sich mit ihren Männern zu beratschlagen und Reibereien zu beschwichtigen die sich unweigerlich in solch einer großen Gruppe einfinden mussten.

Sie hatte sich bemüht zu keinem Zeitpunkt seine Autorität in Frage zu stellen während er darauf geachtet hatte seine Antworten weniger schroff und abweisend zu formulieren. Alles in allem hatten sie sich blendend verstanden. So blendend, das Élodain ihnen den ein oder anderen nervösen Blick zugeworfen hatte. Wahrscheinlich felsenfest davon überzeugt, das es lediglich die Ruhe vor dem Sturm war.

Und mit einer einzigen Antwort schien Éomer den Wind erneut heraufbeschworen zu haben.

Schönheit kann viele Formen haben und ich finde an vielerlei Dingen Freude!" Der gutgelaunte Klang war aus ihrer Stimme verschwunden und ihre Stirn zog sich verstimmt zusammen, während sie gleichzeitig versuchte ihren Unmut zurück zu halten.

Sie war unter Elben aufgewachsen und obwohl die Erstgeborenen großen Wert auf Vollkommenheit in fast allen Dingen des Lebens legten, hatten sie doch eine andere Auffassung von Schönheit als die Menschen. Sie genossen es hübsche Dinge zu betrachten, herzustellen und zu besitzen aber darüber hinaus vergaßen sie nicht das es mehr als nur eine oberflächliche Art von Schönheit gab.

Eine Frau mit einer Narbe im Gesicht war nicht weniger schön, als eine ohne nur weil es schwieriger war hinter den oberflächlichen Makel zu blicken. Ein Mann mit drei Fingern an einer Hand war nicht weniger ein Mann als einer der alle besaß, nur weil er nicht mehr einen Bogen spannen konnte.

Die äußere Erscheinung war nur ein Aspekt von Vollkommenheit und war nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn die Person in ihrem restlichen Wesen hässlich war.

Doch Éomer schien wie so viele andere Menschen auch nur das sehen zu können, was direkt vor ihm lag. Die Enttäuschung die sie über diese Einsicht in ihn gewann wog schwerer als sein harscher Ton.

Nur weil etwas fremdartig erscheint muss es nicht hässlich sein. Zählt für euch nur der äußere Glanz, wenn es darum geht gefallen an etwas zu finden?"

Offensichtlich ein wenig überrumpelt von ihrer Frage blickte er sie an. „Natürlich nicht!" Brummte er, doch Amárie brauchte nicht Galadriels Gabe um zu erkennen, das seine Worte nicht gänzlich der Wahrheit entsprachen. Offenbar begriff er das selber, denn er wendete fast schuldbewusst seine Augen von ihr.

Es sind Drúedain – wilde Menschen!" Erklärte Éomer ihr plötzlich. „Sie sind es die diese Staturen schaffen. Nach ihrem eigenen Abbild, so das es schwer ist sie von ihren Werken zu unterscheiden, wenn sie in eine Starre verfallen."

Starre?"

Sie besitzen Magie," sowie er das Wort aussprach klang es fast wie ein Fluch und sie spürte wie sie unfreiwillig zusammenzuckte, was er jedoch nicht zu bemerken schien.

Es ist eine Art Trance in die sie verfallen können um sich vor Angreifern zu verstecken. Sie stellen Figuren auf um Jäger zu verwirren."

Jäger?" Ihre Stimme war schneidend doch alles was sie erntete war ein Schulterzucken. „Ihr macht Jagd auf sie?" Wie furchtbar konnten Wesen sein, die solch schöne Figuren erschaffen konnten? Amárie wusste das es ein dumme Denkensweise war. Nur weil jemand schöne und gute Dinge vollbringen konnte, hieß das nicht das er nicht mit der selben Leidenschaft schlechte Taten vollbrachte.

Hin und wieder in der Vergangenheit." Gab er schließlich zu.

Warum?"

Warum was?"

Inzwischen musste er ihr ansehen können was sie von seinen Antworten hielt, zumindest könnte er das, wenn er sich die Mühe machen würde sie anzusehen. Doch er schien ihrem Blick hartnäckig auszuweichen, was sie nur noch mehr ärgerte.

Warum jagt ihr sie?"

Es sind nicht mehr als wilde Tiere, die Welt wird sie nicht vermissen!"

Dieses Mal war es Ekel gewesen der sich in ihrem Gesicht breit gemacht hatte und da er scheinbar den Mut gefunden hatte sie anzublicken hatte er es gesehen. Für einen langen Augenblick schien es so als wollte er noch etwas sagen, doch schließlich zuckte er lediglich mit den Schultern. Und bevor sie etwas dummes tun konnte, wie ihm beispielsweise erzählen was sie von seiner Ansicht hielt, riss sie die Zügel herum und trieb Nachtschatten so weit fort von ihm wie sie konnte.

Seit dem Gespräch waren ein paar Stunden vergangen und sie hatte Nachtschatten fast an der Spitze des Zuges, abseits der anderen, in einen lockeren Schritt verfallen lassen. Sie hatten den Eingang des Waldes fast erreicht doch Amárie konnte ihre anfänglichen Vorfreude nicht wieder heraufbeschwören, während sie über Éomers Worte nachdachte.

Besonders über den Ton in seiner Stimme als er ihr erzählt hatte das die Drúedain über Magie verfügten. Nachdem was Saruman seinem Onkel und König angetan hatte konnte sie verstehen, dass er Magie gegenüber skeptisch war, aber hatte Gandalf ihm nicht bewiesen das sie genauso gut für gute Dinge eingesetzt werden konnte?

Würde er sie ebenfalls mit Misstrauen anblicken, wenn er von ihrer Gabe wüsste? Es war keine Magie im eigentlichen Sinne. Alles was sie konnte war ein paar Wunden zu heilen, wenn sie sich nur genügend darauf konzentrierte und bereit war den Preis dafür zu zahlen. Schließlich war nichts umsonst, auch nicht ihre Fähigkeit.

Verstimmt schob sie ihre Gedanken beiseite. Was interessierte sie was Éomer von ihr hielt? Sie hatten von Anfang an nicht viel mehr getan als sich zu streiten und sich gegenseitig Vorwürfe zu machen.

Und dennoch fanden sie sich immer wieder zusammen. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren sich gegenseitig anzuschreien oder den anderen mit spitzzüngigen Bemerkungen in Rage zu versetzen konnte sie jedoch nicht leugnen das sie seine Gesellschaft genoss.

Er hatte in vielerlei Hinsicht eine andere Ansicht als sie, doch wenn er glaubte das keiner ihr Gespräch belauschte, war er nicht nur bereit sie anzuhören, sondern auch ihre Meinung zu überdenken. Mehr als einmal hatte er zugegeben Umstände aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und hatte eingeräumt das er vielleicht nicht alles in Betracht gezogen hatte. Das selbe hatte sie getan. Sie hatte zugehört und gelernt das hinter seinen schroffen, kurzen Antworten oft mehr steckte als sie zunächst vermutete. Oft gab es vielseitige Gründe für seine Ansichten nur machte er sich nicht viel Mühe diese mit anderen zu teilen. War er einmal zu einem Entschluss gekommen, schien er der Meinung zu sein das eine möglichst einsilbige Antwort seinerseits für alle genügen musste.

Solange niemand um sie war, schien Éomer oft ein vollkommen anderer Mann zu sein. Er war ungezwungener und machte sich die Mühe sich ihr zu klären.

Sobald jedoch einer der anderen Reiter ein Stück näher an sie heran ritt oder er den Blick der anderen zu deutlich in seinem Rücken spürte begann er in sein altes unnachgiebiges Selbst zurück zu fallen. Es war als würde er sich davor fürchten, vor anderen eine Schwäche zu offenbaren, wenn er seine Meinung und Ansicht nicht durchsetzte.

Seine Position brachte das wohl mit sich, auch wenn Amárie der Meinung war das er es hin und wieder übertrieb. Überlegungen und Ansichten anderer in seine eigenen Entscheidungen mit einfließen zu lassen war keine Schwäche, sondern klug und weitsichtig. Beides Eigenschaften die ein zukünftiger König brauchen würde um seine Untertanen gut und gerecht zu regieren.

Männer die nur ihren eigenen Willen durchsetzten ohne andere Ansichten in Betracht zu ziehen waren oftmals Tyrannen die Widerspruch mit Gewalt bekämpften und freie Gedanken fürchteten wie Trolle das Licht.

Es ärgerte Amárie jedoch maßlos das er erneut seine engstirnigen Ansichten an den Tag gelegt hatte, obwohl niemand in der Nähe gewesen war der ihr Gespräch hätte überhören können. Sie konnte damit leben, dass er die Vorstellung seines unbeugsames Selbst vor den anderen Männer aufrecht erhalten wollte auch wenn sie es nicht nachvollziehen konnte. Aber musste er es vor ihr tun? War es so schwer neues und fremdes zu betrachten ohne gleich schlecht darüber zu urteilen?

Amárie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie zunächst die Bewegung zu ihrer rechten gar nicht wahr nahm. Erst das leise kratzende Geräusch von Stein auf Stein war es das ihre Aufmerksamkeit weckte. Überrascht blickte sie sich um doch es dauerte einen Moment bis ihr klar wurde woher das Geräusch kam.

Sie sind es die diese Staturen schaffen. Nach ihrem eigenen Abbild, so das es schwer ist sie von ihren Werken zu unterscheiden, wenn sie in eine Starre verfallen."

Mit großen Augen betrachtet sie die Figur am Wegesrand, während ihr Éomers Worte durch den Kopf gingen. Konnte es wirklich sein, das die Statur lediglich ein in Starre gefallener Drúedain war? Ihr wurde bewusst, dass sie nichts über dieses Volk wusste. Sie hatte einfach angenommen das die Rohirrim lediglich Jagd auf sie machten um sich die Zeit zu vertreiben und weil sie ihre Andersartigkeit fürchteten. Was wenn sie ihnen tatsächlich feindlich gesonnen waren?

Ein schneller Blick über den Rücken ließ sie nervös die Lippen aufeinander pressen. In den vergangenen Minuten war sie an Dutzenden steinernen Figuren vorbeigeritten. Wenn jede von ihnen lediglich ein schlafender Drúedain war und sie ihnen böses wollten würde sie das in arge Schwierigkeiten bringen.

Ihre Augen huschten zurück zu der ihr am nächst gelegenen Statur, doch so lange sie sie auch anstarrte, sie rührte sich nicht. Auch das Geräusch war verschwunden. Hatte sie sich alles nur eingebildet? Oder hatte sie sich von Éomers Worten so verunsichern lassen das sie nun schon Dinge sah die es gar nicht gab?

Die nächsten Stunden bis zum erreichen des Waldes verbrachte sie angespannt. Hin und wieder war sie der Meinung das Knirschende Geräusch von rollenden Steinen zu hören, aber sobald sich ihre Augen zu der Quelle des Geräusches wendeten fand sie nichts weiter als reglose Figuren. Dennoch konnte sie sich plötzlich nicht des Gefühls entwehren beobachtet zu werden.

Als sie zur Mittagsstunde endlich Waldboden unter ihren Füßen hatten und zu einer kurzen Rast ansetzten, hoffte sie sich ein wenig entspannen zu können, aber stattdessen verstärkte sich nur ihr Gefühl beobachtet zu werden.

Nachdem sie ein Stück Brot und Käse mit einem großen Schluck Wasser heruntergespült hatte, schaffte sie es kaum ruhig an Ort und Stelle zu stehen. Orophin schien ihr Verhalten nicht entgangen zu sein.

Was ist los Lothdúlin?" Seine Augen schweiften aufmerksam über ihre Umgebung während er langsam näher trat.

Was sollte sie ihm sagen? Das sie Gespenster sah aufgrund dessen was Éomer ihr erzählt hatte? Er würde sie auslachen! Andererseits würde er sie nicht mit einem einfachen Schulterzucken davon kommen lassen.

Es ist wahrscheinlich nichts." Schüttelte sie den Kopf, doch Orophins hochgezogene Augenbraue forderte sie dazu auf sich zu erklären. Seufzend tat sie ihm den gefallen. „Éomer hat mir von den Staturen am Rand des Weges erzählt. Es sind Drúedain," dem kurzen nicken ihres Onkels entnahm sie das ihm der Name etwas sagte und sie ihm nichts über sie erzählen musste.

Seit einer Weile habe ich das Gefühl das wir beobachtet werden. Es ist vermutlich dumm von mir das zu glauben. Wahrscheinlich sehe und höre ich Dinge die nicht da sind wegen dem was er mir erzählt hat."

Statt zu lachen, wie sie es erwartet hatte nickte er lediglich. „Vielleicht!" Nach einem kurzen Blick nach oben in die Bäume schien er einen Entschluss gefasst zu haben. „Komm!"

Stirn runzelnd blickte sie ihn an. „Wohin?"

Wenige Minuten später fand sie sich mit Orophin in einer der Baumkronen wieder. Die weißblonden Haare ihres Onkels waren alles was sie von ihm sehen konnte, während er geschwind und wesentlich geschickter als sie auf den nächsten Baum sprang. Amárie konnte das Getuschel der Männer unter ihr hören, aber statt darauf zu achten folgte sie Orophin tiefer in den Wald hinein.

Mit jeder Sekunde die verstrich konnte sie spüren wie das Lächeln um ihre Lippen breiter wurde. Zwar wollten sie ihre Umgebung ein wenig näher auskundschaften, aber das hieß nicht das sie ihr kleines Abenteuer nicht genießen konnte. Es war Jahre her seit sie mit einem ihrer Onkel auf der Jagd gewesen war – und es fühlte sich gut an endlich wieder auf vertrauten Terrain zu sein.


Mit gefurchter Stirn beobachtete Éomer wie Amárie im Astwerk des Baumes verschwand, beinahe so schnell und geschickt wie der Elf vor ihr. Er hätte zu gerne heraus gefunden was es mit der Kletterei auf sich hatte und kurz hatte er überlegt zu fragen, aber dann hatte er sich eines besseren besonnen. Éomer wusste, dass sie, bis zu ihrem etwas unglücklich verlaufenden Gespräch, voller Vorfreude auf den Wald gewesen war. Vielleicht hatte es einfach vermisst in Baumkronen herumzuklettern? Er bezweifelte jedoch das das der Grund war. Allerdings hoffte er das sich ihr hitziges Gemüt wieder beruhigt hatte, wenn sie wieder Boden unter den Füßen hatte. Jedoch bezweifelte er auch das.

Am liebsten hätte er sich selbst eine Ohrfeige versetzt, jedenfalls hatte er sie verdient für seine eigene Dummheit. Seit seinem Friedensangebot kurz vor ihrem Aufbruch nach Minas Tirith hatte zwischen ihnen eine angenehm entspannte Atmosphäre geherrscht und er hatte schnell festgestellt das Amáries Gesellschaft etwas war, an das er sich leicht und gerne gewöhnen konnte.

Sie war sicher nicht auf den Mund gefallen, aber anders als viele die nur den Mund aufrissen um ihre eigene Stimme zu hören, war sie klug und oft steckte mehr hinter ihren Worten als er zunächst annahm. Sie sah die Dinge nur aus einem anderen Blickwinkel.

Es war angenehm sich mit jemanden unterhalten zu können, der seine eigene Meinung vertrat und sich weder durch seine Position noch durch irgendwelche gesellschaftlichen Hoffnungen dazu verleiten ließ klein bei zu geben und ihm zuzustimmen. Das einzige was sie dazu bringen konnte ihre Meinung zu überdenken war offensichtlich, wenn er ihr seine Ansicht nahelegte und ihr erklärte wie er zu dieser gekommen war.

Für eine Frau mit einem oftmals hitzigen Gemüt, hegte sie gerade zu eine auffällige Abneigung gegen spontane und unbegründete Antworten. Das brachte ihr Temperament ebenso zum kochen wie Spott. Begabt wie er war hatte er es natürlich geschafft sie beinahe in einem Atemzug zu verspotten und mit einer schroffen Antwort abzutun. Und statt seinen Fehler zu korrigieren hatte er es nur schlimmer gemacht. Er konnte sich wirklich auf die Schulter klopfen, dachte er schnaubend.

Doch manchmal war es einfach schwer nicht in seinen alten Gewohnheiten mit ihr zu verfallen. Besonders wenn etwas ihr Interesse geweckt hatte und sie Fragen stellte wie ein neugieriges Kind das auf etwas gestoßen war das sie in Staunen versetzte.

Mit dem Elbenblut in ihren Adern musste sie älter sein als es den Anschein hatte und doch konnte sie Freude an so vielen Dingen finden die er nur nebensächlich mit einem Schulterzucken abtat. Er hatte selbst seine Hoffnung vor langer Zeit zurück gelassen während Amárie nichts an ihrer Lebensenergie eingebüßt hatte. Sie war so vollkommen anders als er und doch konnte er sie nicht...

Éomers Augen zuckten erneut zu der Stelle an der sie im Baum verschwunden war ohne den Gedanken zu ende zu führen. Es war weder die Zeit noch der Ort. Bei dem Verlauf den ein Leben genommen hatte würde es wahrscheinlich niemals wieder Zeit dafür geben. Andere würden von nun an sich das Recht herausnehmen für ihn zu entscheiden. Kopfschüttelnd versuchte er die unliebsamen Gedanken los zu werden.

Doch eine gute Stunde später, während sie längst weiter gezogen waren und Amárie weiterhin in den Bäumen verschwunden war, war er immer noch in Gedanken versunken. Und die Waldläuferin, die keine Eile zu haben schien wieder zurück zu kommen, nahm einen erschreckend großen Teil in ihnen ein. So war es kein Wunder, dass er beinahe auf dem Boden landete als Feuerfuß plötzlich einen nervösen Satz nach vorne machte. Und sein Pferd war nicht das einzige das mit einem Mal unruhig wurde.

Augenblicklich aufgeschreckt, blickte er sich rasch zu allen Seiten um bevor er ohne zu zögern sein Pferd an die Seite seines Onkels trieb der immer noch bemüht war sein Ross zu beruhigen. Éomer ließ sich vom Rücken seines Pferdes herab gleiten, nicht sicher ob es eine gute Idee war im Sattel zu bleiben und Théoden folgte seinem Beispiel offensichtlich ebenso unwillig das Risiko einzugehen. Nach ein paar beruhigenden Worten jedoch, schienen die meisten Pferde ruhiger zu werden und ließen ihre Herren willig wieder in den Sattel steigen.

Doch es dauerte nicht lange bevor etwas die Tiere erneut erschreckte. Zunächst begriff er nicht was es war und auch die anderen, die inzwischen zu ihren Waffen gegriffen hatten, schienen ratlos zu sein. Und dann ganz plötzlich spürte er es, ein leichtes Beben unter seinen Füßen.

„Es ist die Erde, sie bebt!" Rief einer der Männer und wie um seine Worte zu bestätigen vibrierte der Boden unter seinen Füßen erneut. Genug um ihn zu verwundern jedoch nicht genug um die Panik in der Stimme des Mannes nachvollziehen zu können.

„Was geht hier vor? Was für ein Zauber ist das?" Verlangte Théoden zu erfahren und Éomer wünschte sich selbst nichts sehnlicher als die Antwort auf diese Frage während er damit kämpfte Feuerfuß ruhig zu halten dem das Rütteln offenbar nervöser machte als ihn selbst.

Rasch blickte er sich um und versuchte einen Überblick über die Situation zu bekommen und gleichzeitig nach der Quelle des Tumults Ausschau zu halten, doch wohin er auch schaute er konnte nichts auffälliges entdecken.

„Bleibt zusammen!" Herrschte er die Männer an von denen einige ebenso nervös schienen wie die Pferde. Wie wollten sie eine verdammte Schlacht gewinnen, wenn ein leichtes Beben der Erde sie schon in Aufruhr versetzen konnte?

„Haltet eure Positionen und seid wachsam." Ein paar Minuten später schien sich das Chaos wieder beruhigt zu haben und was immer auch die Quelle des Bebens gewesen sein mochte es blieb ihnen fern und wiederholte sich auch nicht. Doch Éomer blieb wachsam. Wer wusste schon was dieser Tage im Wald auf sie lauern mochte.

Sicherheitshalber traf er ein paar Vorkehrungen die sie besser gegen einen plötzlichen Angriff schützen würden, bevor er sich an die Seite seines Königs gesellte. Es war einige Zeit später, das einer der Späher mit einer Warnung über, mit Pfeil und Bogen, bewaffnete Männer zurück geritten kam. Doch bevor er darauf reagieren konnte, wurde er von einem der Elben unterbrochen.

Lothdúlin! Man agorech? (was hast du getan?) Orophin, man-"

Erst Haldirs schlecht gelaunt klingende Stimme machte ihn auf etwas aufmerksam das er zuvor nicht gesehen hatte. Als er dem Blick des Elben folgte, war es jedoch schwer die auf einem Ast über ihm thronende Waldläuferin zu übersehen.

Wie war sie dort hingekommen, ohne das man sie bemerkt hatte?

Sie schien etwas außer Atem, aber das Lächeln auf ihren Lippen ließ ihn für einen Moment das ausbrechende Chaos um ihn herum vergessen.

„Avo vuio, Haldir!" (Hör auf herum zu nörgeln, Haldir!)

Was auch immer das heißen mochte, es brachte den verletzten Elben zum fluchen während sein Bruder neben ihm versuchte sich ein Lachen zu verkneifen.

„Lothdúlin!" Fauchte Haldir erneut und teilte den Humor seines Bruders offensichtlich nicht.

„Was geht hier vor!" Es war die schneidende Stimme seines Onkels die ihn wieder auf das eigentliche Gesehen aufmerksam machte und die Warnung des Spähers in seinen Ohren widerhallen ließ.

„Verzeiht, eure Majestät," Amáries Stimme hatte jeglichen spöttischen Beiklang verloren und klang nun aufrichtig respektvoll. „Orophin und ich haben im Wald ein paar Freunde getroffen die euch gern behilflich sein würden, wenn ihr es ihnen erlaubt."

Und bevor irgendwer noch eine weitere Frage stellen konnte durchbrachen plötzlich dutzende von wild aussehenden Männern das Dickicht vor ihnen. Sie traten nicht näher, sondern blieben im Schutz der Bäume zurück, Bögen und Speere fest in ihren Händen umklammert während sie sie mit versteinerten Miene anstarrten.

Éomers Augen wurden groß angesichts der plötzlichen Gefahr und seine Hand zuckte unwillkürlich nach dem Knauf seines Schwertes, wie die unzähliger anderer Männer auch, wenn er dem vertrauten Geräusch von klirrenden Metall glauben konnte.

„Éomer," schnappte Amárie bevor er sein Schwert ziehen konnte. „Sie stehen auf unserer Seite, zeigt ein wenig Respekt!"

Er zog die Luft scharf genug ein um sie zu schneiden bei ihrem Seitenhieb, schwieg jedoch und wandte sich statt dessen seinem Onkel zu, der ebenso wie alle anderen die unzähligen Drúedain anstarrte von denen immer mehr überall um sie herum auftauchten.

Aber nur einer, nicht weit entfernt auf seiner rechten Seite trat näher. Seine Schritte waren schneller und leichtfüßiger als Éomer es dem grobschlächtigen Mann zugetraut hätte. Sein schwarzes Haar, das ihm lang und wild über die Schultern hing, war von dicken grauen Strähnen durchzogen wodurch er sich deutlich von den anderen abhob. Offensichtlich war er sehr alt und schien ihr Anführer zu sein.

„Eure Majestät," setzte Amárie erneut an. „Dies ist Ghân-buri-Ghân, Häuptling der Drúedain. Häuptling," dieses Mal wandte sie sich an den ergrauten Drúedain der inzwischen, in ein paar Metern Entfernung stehen geblieben war. „Dies ist König Théoden von Rohan."

„Teeodehn Könik," begrüßte Ghân-buri-Ghân Théoden in gebrochener Sprache und schien seinen Onkel damit aus einer Starre zu reißen.

„Häuptling," obwohl Théoden ein wenig unsicher klang und Amárie einen flüchtigen Blick zukommen ließ straffte er die Schultern und blickte den Wilden an. „Wobei wollt ihr uns eure Hilfe anbieten?"

Die Zweifel in der Stimme seines Onkels waren leicht heraus zu hören und Éomer konnte es ihm nicht verübeln. Was hatte eine Gruppe Wilder ihnen schon zu bieten, das ihnen behilflich sein konnte?

„Hilfee im Kaampf gehgen die Orkss!"

TBC