Kapitel 8: Hinter den Mauern
15. März 3019 D.Z. Späte Abendstunde (Häuser der Heilung, Minas Tirith)
Das Zimmer war, dank unzähliger Kerzen, in ein mildes Licht getaucht das beinahe über die blassen Gesichter aller Anwesenden hinweg täuschte. Jedoch reichte es nicht aus um die Angst und Besorgnis von den Gesichtszügen zu waschen.
Amárie stand hilflos im Türrahmen der Kammer in der Éowyn versorgt wurde und beobachtet das Geschehen. Aragorn war bei ihr und tat sein möglichstes um sie zu heilen. Eine alte Dienerin hatte ihm vor wenigen Minuten ein paar verkümmerte Blätter Königskraut gebracht, die sie in aller Hast und Dunkelheit in einer der Vorratskammern hatte finden können doch Amárie fürchtete sie hatten ihre Wirkung verloren.
Der zubereitete Sud hatte noch nicht lange genug gezogen um ihn auftragen zu können, so waren Aragorns Möglichkeiten für den Moment beschränkt. Sanft und vorsichtig tupfte er Éowyns schweißnasse Stirn mit einem kühlen Tuch und versorgte ihre harmloseren Verletzungen die sie sich während der Schlacht zugezogen hatte.
Die vor leben sprühende Frau, die Amárie in Edoras kennen gelernt hatte, wirkte kaum mehr wie ein Schatten ihrer selbst. Blass, klein und zerbrechlich wie sie dalag hätte es niemand für möglich gehalten das es Éowyn war die den Hexenkönig von Angmar ein Ende bereitet hatte. Und doch war es eben jene Heldentat die sie in ihre jetzige Situation gebracht hatte.
Der schwarze Atem des Nazgûlkönigs fraß sich seinen Weg durch ihren Körper und würde nicht aufhören, bis am Ende nicht mehr als eine taube, leblose Hülle von ihr übrig war.
Doch Amáries Blick weilte nur kurz auf der goldhaarigen Frau, bevor ihre Augen wieder zu dem Mann am Fenster wanderte. Er wirkte immer noch so hilflos und verloren wie zuvor, doch zumindest waren die Tränen und der gequälte Ausdruck aus seinen Augen gewichen mit denen sie ihn auf dem Schlachtfeld vorgefunden hatte. Männer wie Éomer weinten nicht. Sie tobten, töteten oder verwandelten sich in harte, unnachgiebige Menschen um mit ihrem Schmerz klar zu kommen. Wie tief musste sein Schmerz also sitzen, das er die Tränen nicht hatte aufhalten können?
Es hatte sie all ihre Kraft und Geduld gekostet ihn schließlich dazu zu bringen Aragorn nach seiner Schwester sehen zu lassen und noch länger ihn dazu zu bringen zurück zu treten. Sie war sich nicht sicher wie viel Zeit seit dem vergangen war, aber keiner von ihnen hatte sich seit dem von seinem Platz fort bewegt, obwohl mit jeder Minute die verstrich ihre eigene Ungeduld wuchs. Wenn Aragorn nicht bald das Königskraut auf ihre Wund am Arm auftrug, sollte sie es vielleicht doch riskieren ihre...
„Du kannst ihr nicht helfen." Rúmils sanfte Stimme hinter ihr ließ sie zusammen zucken, doch seine Hand auf ihrer Schulter verhinderte das sie sich herumdrehen konnte. „Außerdem ist sie nicht die Person die du wirklich heilen möchtest." Fügte er hinzu und Amárie wusste nicht welche Unterstellung ihr mehr zu setzte. Das er sie für unfähig hielt Éowyn zu helfen oder das er von ihr glaubte sie wäre nicht ernsthaft an dem Wohl der anderen Frau interessiert.
„Ich weiß das du sie retten möchtest, Lothdúlin aber frage dich warum?"
Verärgert blickte sie ihn über ihre Schulter hinweg an. „Sie hat es nicht verdient zu sterben, Rúmil. Sie war tapfer und mutig. Jeder Mann an ihrer Stelle, wäre davon gelaufen oder vor Angst an Ort und Stelle gestorben, aber sie hat sich ihrer eigenen Angst gestellt und ihn besiegt. Ohne sie wäre die Schlacht ganz anders ausgegangen!"
„Da hast du recht, aber etwas hat dich bisher davon abgehalten deine Kräfte bei ihr auszuüben und selbst jetzt haderst du mit dir."
Wieder zuckte sie zusammen, machte sich aber nicht die Mühe ihm zu antworten. Sie wussten beide das er recht hatte und sie wussten auch beide was es war das sie zurück hielt. Angst! Amárie hatte nur eine vage Vorstellung von dem was sie mit ihre Gabe bewirken konnte. Aber alles hatte seinen Preis und sie war sich nicht sicher ob sie bereit war diesen zu zahlen.
Den Flügel eines Vogels zu heilen oder eine kleine Wunde an Nachtschattens Flanke war kein Vergleich zu dem was es bedeuten würde Éowyn von dem schwarzen Anhauch zu befreien.
Ein einziges Mal hatte sie ihre Gabe für etwas anderes angewandt als ein Tier zu heilen. Sie konnte kaum älter als zehn gewesen sein und lebte noch nicht lange in Lórien. Alles war neu und aufregend für sie gewesen und Haldir und seine Brüder hatten mehr als ein Mal die unrühmliche Aufgabe sie wieder aufzuspüren. Ihre Neugier hatte sie oft weit in die Wälder getrieben, ohne Furcht vor der Wildnis. Sie mochte nur ein Kind gewesen sein, aber sie war schließlich eine Dúnedain und im Wald groß geworden.
Dieses eine Mal hatte sie sich etwas Lembrasbrot und Wasser stibitzt und beschlossen mehr als nur ein paar Stunden die Gegend auskundschaften. Dabei hatte sie sich zu weit hinaus gewagt und war von einer kleinen Gruppe Orks überrascht worden.
Amárie wollte sich lieber nicht vorstellen, wie die ganze Sache ausgegangen wäre, hätte Haldir sie nicht gefunden und die Orks getötet. Einer der Grünhäute hatte es allerdings geschafft, ihrem Onkel einen mit Gift getränkten Dolch durch den Arm zu bohren bevor er selbst zu Boden ging.
Die Angst die sie verspürt hatte als sie auf die blutende Wunde sah war sogar noch größer gewesen als die die sie vor den Orks verspürt hatte. Alles woran sie hatte denken können, war das er sterben könnte und sie schon wieder einen Teil ihrer Familie verlieren würde. Haldir mochte nicht besonders freundlich zu ihr gewesen sein und schnell seine Geduld mit ihr verlieren, aber er und seine Brüder waren alles was sie noch an Familie hatte.
So hatte sie nie nicht lange gezögert zu ihm zu eilen und noch bevor Haldir wusste wie ihm geschah hatte Amárie ihm schon die Hand auf die Wunde gelegt. Der Rest war von selbst gekommen. Wie bei dem kleinen Vogel von dem sie wünschte er möge nicht sterben, erfüllte ihr ihre Gabe auch hier ihren sehnlichsten Wunsch. Haldir von dem Gift zu befreien damit er sie nicht verließ.
Das nächste woran sie sich erinnern konnte, war das sie fünf Tage später in ihrem Bett in Lórien wieder aufgewacht war. Sie hatte sich so schwach und ausgelaugt gefühlt, das sie ihr Bett für die nächsten Tage nicht verlassen konnte. Ihre Glieder fühlten sich tonnenschwer an und es kostete sie alle Kraft die Müdigkeit nieder zu kämpfen die sie unnachgiebig versuchte die Kontrolle über sie zu gewinnen.
Haldir, wie sollte es auch anders sein, war außer sich gewesen vor Wut über ihr dummes und leichtsinniges Verhalten. Amárie hatte weder seine Wut verstanden noch sein Verbot ihre Gabe jemals wieder anzuwenden, schließlich hatte sie ihm doch nur helfen wollen. Es war letztlich Galadriel die ihr erklärte das er sich nur um sie sorgte und Angst um sie hatte. Es waren viele Jahre vergangen bis sie die Wahrheit in ihren Worten erkennen konnte und sie und Haldir zu einem Kompromiss über ihre Gabe gekommen waren.
Aber schon damals hatte ihr die Herrin von Lothlórien erklärt was es mit ihrer Gabe auf sich hatte. Es war offensichtlich das die Valar sie mit der Gabe der Heilung gesegnet hatten. Wenn sie es wünschte konnten ihre Hände Wunden heilen, Schmerzen nehmen und selbst dem Tod Geweihten wieder ins Leben zurück holen, aber alles hatte seinen Preis. Und ihre Gabe kam mit einem besonders hohen. Für jede Wunde die sie schloss, jeden Knochen den sie wieder richtete und jedes Gift das sie aus dem Körper tilgte opferte sie einen Teil ihrer eigenen Lebenskraft. Die Tatsache das sie eine Dúnedain war und sich nur fünf Generationen zuvor erneut Elbenblut in ihre Linie gemischt hatte, sicherte ihr eine deutlich längere Lebensspanne zu als normalen Sterblichen.
Den Flügel eines Vogels zu heilen mochte sie nur Tage ihres Lebens kosten, aber der Preis für Haldirs Wohlergehen allein waren Jahre gewesen und irgendwann würden diese Jahre aufgebraucht sein, wenn sie nicht acht gab.
Éowyn vom schwarzen Anhauch zu befreien würde sie eine Lebensspanne kosten die sie nicht einzuschätzen vermochte.
Wieder wanderte ihr Blick zu Éomer und der Schmerz in seinen Augen traf sie erneut wie eine unsichtbare Faust in den Magen. Amárie konnte spüren wie sich ihre Finger zusammen krampfen, wütend über ihre eigene Angst. Sie konnte ihm den Schmerz nehmen, das wusste sie, aber Rúmil hatte recht, sie fürchtete sich zu sehr vor den Konsequenzen um es zu tun.
Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus noch länger in dem Raum zu verweilen und hastete ohne ein weiteres Wort hinaus.
„Lothdúlin. Daro!"
Rúmils Stimme hinter ihr ließ sie innehalten. Ihr war nicht nach Gesellschaft aber sie wusste das es zwecklos war ihn zu ignorieren, wenn er nicht ignoriert werden wollte. Sie wartete bis er sie eingeholt hatte bevor sie ihn fragend anblickte.
„Lothdúlin, es gibt einiges zu besprechen, aber nicht hier," ließ er sie mit einem schnellen Blick in die düsteren Gänge wissen. Er bemühte sich um einen unbekümmerten Ton, doch etwas an seiner Miene ließ sie wissen, das ihr das kommende Gespräch nicht gefallen würde.
„Ihr werdet also abreisen?" Ihre eigentliche Frage war ihr werdet mich also allein zurück lassen? Aber sie schaffte es sich auf die Zunge zu beißen bevor die Worte ihre Lippen verlassen konnten. Es war nicht fair ihren Verwandten gegenüber die lediglich einen Ruf nach Hause folgten. Offensichtlich war Lothlórien in den vergangenen Tagen von finsteren Kreaturen aus Dol Goldur zwei Mal angegriffen worden. Das letzte Mal heute in den späten Abendstunden.
Haldir der sich immer noch nicht von seiner Verletzung aus der Schlacht um die Hornburg erholt hatte, hatte sich nach der heutigen Schlacht früh zurück gezogen und war im Traum von Galadriel aufgesucht worden. Die Herrin Lóriens fürchtete das es nicht der letzte Angriff gewesen war dem sie hatten ins Auge blicken müssen und obwohl sie bei Angriffe erfolgreich hatten abwehren können, wünschte sie die Anwesenheit der drei Brüder.
Amárie wusste wie tief die Loyalität der drei Elben reichte und allein die Tatsache das sie augenblicklich noch bei ihr waren und nicht nach Helms Klamm wieder in die Wälder zurück gekehrt waren, zeigte welche Bedeutung sie selbst in ihren Leben einnahm. Es musste sie in einen unangenehmen Konflikt bringen, sie hier zurück zu lassen während sie selbst in einen anderen Kampf zogen. Zumindest glaubte sie das bis Haldir sie verbesserte.
„Wir werden abreisen. Wir alle!"
Sie brauchte einen Moment um die volle Bandbreite seiner Worte zu verstehen und als sie es taten machte sich augenblicklich Anspannung in ihr breit und sie trat einen Schritt zurück.
„Nein! Ich werde bleiben. Es war nur eine Schlacht die wir gewonnen haben. Noch ist es nicht vorbei und ich kann Aragorn nicht schon wieder alleine los ziehen lassen. Ich werde bei ihm bleiben."
„Lothdúlin -"
„Nein," schüttelte sie entschieden den Kopf. „Ich kann hier nicht fort. Mein Schicksal liegt hier."
Für einen langen Augenblick glaubte sie Haldir würde protestieren, doch zu ihrer großen Überraschung nickte er lediglich und ihr wurde bewusst das er mit ihrer Reaktion gerechnet hatte. Scheinbar hatte er selber nicht geglaubt sie überzeugen zu können, mit zu reisen trotz seiner zu vorigen Worte.
„Wann werdet ihr aufbrechen?"
„Noch bevor die Sonne aufgeht. Unsere Pferde sind schnell und wenn wir uns beeilen sollten wir die Wälder in fünf Tagen erreichen können. Wenn die Bedrohung aus Dol Goldur tatsächlich so groß ist wie es scheint, zählt jeder Tag."
Sie nickte während sie im Stillen darüber nachdachte was dieser Abschied bedeutete. So unangenehm der Gedanke auch sein mochte, aber es war gut möglich das sie ihre elbischen Verwandten nie wieder sehen würde. Es war mehr Glück als Verstand gewesen das sie ohne all zu große Kratzer aus der Schlacht hervor gegangen war und Glück war trügerisch. Schon bei der nächsten Gelegenheit konnte es damit vorbei sein.
Ein Bild von Éowyns, bleich und zerbrechlich in dem viel zu großen Bett, tauchte vor ihrem inneren Auge auf und das nagende Gefühl von Hilflosigkeit und Wut das sie hatte fortlaufen lassen wallte plötzlich erneut in ihr auf.
Langsam wanderten ihre Augen zu Haldir, der seinen verletzten Arm in einer schonenden Haltung an sich gedrückt hatte.
„Du kannst ihm ebenso wenig helfen, wie der Schildmaid."
„Aber ich kann ihnen helfen, Rúmil. Es ist nur meine Angst die mich zurück hält. Wie kann ich ihm je-" Ihr wurde bewusst was sie da sagte und brach mit im Satz jäh ab.
„Ihm?" Hakte Haldir schneidend nach und Amárie musste ihn nicht anblicken um zu wissen das die Farbe seiner Augen von einem unnachgiebigen grau zu einem unheilvollem silber gewechselt war. Wie immer wenn ihm etwas missfiel. Als sie klein war hatte sie dieses Farbspiel häufig zu Gesicht bekommen und den Tonfall oft genug genug gehört.
„Was hat der König damit zu tun?"
Das Wort König traf sie wie ein Peitschenhieb mit dem sie nicht gerechnet hatte. Wie hatte ihr das nur entfallen können? Natürlich war Éomer jetzt wo Théoden tot war der nächste König von Rohan. Doch in all dem Trubel hatte sie noch nicht weiter über die Konsequenzen seines Todes nachgedacht. Wie dumm von ihr.
„Die Nazgûltöterin ist seine Schwester." Erklärte Rúmil Orophin.
Sie war bemüht keinen der drei direkt anzublicken, doch Haldirs nächste Worte ließen sie widerwillig den Kopf heben.
„Du willst dein Versprechen brechen?"
„Ich habe dir versprochen nicht leichtfertig zu handeln, nicht es nie wieder zu tun!"
„Aber es ist leichtfertig!" Fuhr Haldir sie aufgebracht an, bevor sie noch mehr sagen konnte. „Es wäre leichtfertig und dumm, dein Leben für sie zu riskieren! Hast du den gar nichts aus der Vergangenheit gelernt?"
„Es ist mein Leben, ich kann darüber verfügen wie es mir gefällt!" Schnappte sie zornig. Musste er sie ständig wie ein kleines Kind behandeln, das die Folgen seines Handelns nicht abschätzen konnte? Natürlich war ihr bewusst was sie riskieren würde, warum glaubte er hatte sie es nicht schon längst getan?
„Haldir," versuchte Orophin nun schlichtend einzugreifen. „Hätte sie tatsächlich getan was du ihr vorwirfst würde sie jetzt nicht hier vor uns stehen. Offensichtlich hat sie es besser gewusst als ihr Leben für des Königs Schwester zu riskieren!"
„Aber genau das ist es! Sie würde ihr Leben vielleicht nicht für die Schwester riskieren, aber ganz bestimmt für ihn! Wie kann ich sie hier lassen, wenn ich weiß das sie ihr Leben bei der nächsten Gelegenheit fortwirft! Verflucht sei diese Gabe, sie hat Ithílion schon nichts als Kummer und Leid eingebracht!"
„Haldir!" Zischten Rúmil und Orophin augenblicklich und vertieften ihre Verwirrung nur noch.
Ithílion war der einzige Vetter der drei Brüder und außerdem ihr Vorfahr der sich sechs Generationen zuvor in ihre Urahnin Avenduíl verliebt hatte. Sie waren beide vor vierhundert Jahren von Orks getötet worden. Das war auch der Zeitpunkt gewesen, vom dem an Haldir und seine Brüder ein wachsames Auge auf ihre Familie gehabt hatten. Vor ihr hatte das jedoch lediglich aus vereinzelten Besuchen alle paar Jahrzehnte bestanden.
„Ithílion? Er hatte die selbe Gabe wie ich?" Warum hatten sie ihr nie davon erzählt?
Für eine ganze Weile herrschte Schweigen und Amárie befürchtete sie würde keine Antworten erhalten, als Orophin schließlich das Wort ergriff, offensichtlich sehr zum Ärger ihrer Brüder.
„Nicht Ithílion, Avenduíl."
„Avenduíl? Warum habt ihr mir nie davon erzählt? Hatten alle meine Ahninnen diese Gabe?"
„ Elaní hatte sie auch. Sie stab weil sie ihre Zwillingsschwester während der Geburt ihres Kindes geheilt hat. Mutter und Kind hätten ansonsten nicht überlebt."
Sie brauchte einen Moment bis sie sich erinnerte das Elaní ihre Urgroßtante war die bereits sehr jung gestorben war. Jetzt wusste sie auch warum.
„Und Avenduíl?" Fragte sie leise und fürchtete sich fast schon vor der Antwort.
„Sie ist gestorben weil sie Ithílion von seinen tödlichen Wunden geheilt hat. Vielleicht hätte es sie nicht getötet wäre sie jünger gewesen und hätte mehr Lebenskraft verschenken können."
Warum hatten sie ihr das verschwiegen. Eigentlich erschien es nach etwas das Haldir nur zu gut hätte gegen sie verwenden können, als er versuchte ihr das Versprechen abzunehmen ihre Gabe nie wieder anzuwenden. Dann fiel ihr jedoch etwas ein was Orophin gesagt hatte.
„Wenn Avenduíl Ithílion geheilt hat, was ist dann mit ihm geschehen?"
Anders als die meisten hatte Amárie ein Schlafgemach zugewiesen bekommen, das sie sich nicht einmal mit jemanden teilen musste. Es hatte durchaus Vorteile, wenn man mit dem eigentlichem König der Stadt verwandt war. Und obwohl sie niemals selbst darum gebeten hätte, war sie froh einen Ort zu haben an den sie sich ungestört zurück ziehen konnte.
Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und die Schlacht hatte sie eine Menge Kraft gekostet so das es nicht verwunderlich war das sie vor Müdigkeit kaum die Augen aufhalten konnte. Die Aussicht auf ein warmes, weiches Bett war beinahe genug um sie vor Freude weinen zu lassen.
Liebend gern hätte sie auch ein Bad in dem Zuber genommen, den sie in dem kleinen angrenzenden Raum vorgefunden hatte, aber zum einen war es spät zum anderen gab es zur Zeit wichtigeres als sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern. Vielleicht konnte sie morgen früh selbst ein paar Eimer mit Wasser auftreiben, überlegte sie während sie in das grobe Leinennachthemd schlüpfte sie auf ihrem Bett vorgefunden hatte.
Seufzend kroch sie unter die Laken und schloss die Augen, doch so groß ihre Müdigkeit auch war, Schlaf wollte sie nicht überkommen. Ihre Gedanken waren noch zu sehr mit dem beschäftigt was Orophin ihr über ihre Ahnin erzählt hatte.
„Avenduíl ist nicht sofort gestorben, wie du damals ist sie in eine Art tiefen Schlaf gefallen. Ithílion hat sie nach Lorien gebracht, wo er hoffte Galadriel könnte ihr helfen, aber das konnte niemand. Seine Heilung hatte sie all ihre verbleibenden Lebensjahre gekostet und nur wenige Tage nach ihrer Ankunft hat ihr Lebensfunke sie verlassen und damit auch Ithílion.
Obwohl sie nur wenig mehr als einhundert Jahre an seiner Seite geweilt hatte, war sie für ihn zu seinem Lebensinhalt geworden. Ohne Avenduíl hatte ihn jeglicher Lebenswille verlassen und nicht einmal seine Tochter, Enkelin und Urenkelinnen konnten den Funken wieder zum Leben erwecken. Der Verlust seiner Gefährtin hat ihn zu einem bloßen Schatten seiner selbst werden lassen. Er ist noch im selben Jahr zu den Ufern der grauen Anfurten aufgebrochen, nachdem er uns das Versprechen abgenommen hatte auf seine Familie acht zu geben."
Ithílion war also nicht gestorben sondern nach Valinor aufgebrochen und hatte seine Familie zurück gelassen. Wenn Amárie ehrlich zu sich war, traf sie die Wahrheit nicht sonderlich schwer. Schließlich hatte sie den Elb nie kennen gelernt. Aber für seine Tochter und Enkelin war die Nachricht seines Todes vielleicht weniger schmerzhaft als zu erfahren das er sie zurück gelassen hatte. Vielleicht hatte Ithílion die drei gebeten seiner Familie die Wahrheit zu verschweigen. Doch ob das der Grund für die Geschichte war wusste sie nicht, weder Orophin noch einer der anderen beiden hatten etwas dazu gesagt. Genaugenommen war Orophin der einzige gewesen der sich überhaupt zu der Geschichte geäußert hatte.
Zur Überraschung aller hatte sie darauf verzichtet sie mit weiteren Fragen zu löchern und bald schon war ihr Gespräch auf neutraleren Boden gelandet. All zu schnell jedoch waren es Abschiedsworte gewesen die sie geteilt hatten. Amárie hatte sie am nächsten Morgen verabschieden wollen, doch die Eben hatten ihr versichert, dass es zu früh wäre und sie den Schlaf dringend nötig hatte. Rúmil und Orophin hatten sie ohne zu zögern in den Arm genommen und sie gebeten auf sich aufzupassen und sie daran erinnert das sie in Lorien stets willkommen war.
Haldir hatte sie wie immer nur mit diesen unleserlichen grauen Augen angeblickt und ihr zugenickt obwohl er wissen musste wie sehr sie sich wünschte er würde sie zum Abschied, wenigstens dieses eine Mal, in den Arm nehmen wie seine Brüder es getan hatten.
„Die Frauen in deiner Familie haben die unliebsame Angewohnheit für die zu sterben die sie lieben und beschützen. Und die mit deiner Gabe scheinen stets die größten Opfer zu bringen. Ich wünschte ich könnte dich davon abhalten!"
Seine Abschiedsworte hallten ihr immer noch in den Ohren und sie wünschte sich sie hätte ihm versprechen können nicht in die Fußstapfen ihrer Vorfahrinnen zu treten, doch mit der drohenden Gefahr aus Mordor wollten ihr die Worte einfach nicht über die Lippen kommen.
Immer noch betrübt über den anklagenden Tonfall in Haldirs Stimme schlief sie schließlich ein mit dem Wissen ihren Onkel ein mal mehr enttäuscht zu haben.
16. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Minas Tírith)
Es war noch früh als er die Augen aufschlug, kaum Morgengrauen und obwohl er wusste das die Besprechungen mit den anderen Hauptleuten nicht vor der Mittagsstunde beginnen würde konnte er keinen Schlaf mehr finden.
Stattdessen schlug er die Laken zurück und kleidete sich an, verzichtete jedoch auf Rüstung und den größten Teil seiner Waffen und machte sich auf den Weg zu seiner Schwester. Aragorn hatte gestern bis spät in die Nacht ihre Wunden mit heilendem Sud betupft und war nicht müde geworden die Prozedur endlos zu wiederholen bis sie schließlich Wirkung gezeigt hatte. Éomer wusste nicht wo Gondors rechtmäßiger Herrscher die Geduld hergenommen hatte oder die Zuversicht, er selbst hatte seine Schwester schon verloren geglaubt als er sie auf dem Schlachtfeld gefunden hatte.
Er konnte nicht einmal mehr sagen wie lange er dort, mit ihrem Körper auf dem Schoß dagesessen hatte bis man ihn gefunden hatte Allerdings hatte es laut Élodain Kraft und Mühe gekostet zu ihm durchzudringen und ihn davon zu überzeugen das Éowyn noch lebte. Im Nachhinein konnte Éomer sich daran erinnern Amáries Stimme gehört zu haben, aber auch das war nur verschwommen. Weniger verschwommen war jedoch ihre Anwesenheit in Éowyns Kammer gestern Nacht. Obwohl sie lediglich im Türrahmen gestanden hatte, hatte er es beruhigend gefunden sie in der Nähe zu wissen. Wie sehr hatte er allerdings erst bemerkt, als er nach einer Weile zu ihr gesehen hatte und sie nicht mehr da gewesen war. Ohne zu überlegen hatte er den Raum durchquert um ihr nach zu gehen, doch dann war sein Blick auf Éowyn gefallen, die immer noch blass und kraftlos auf dem Bett lag und hatte ihn im Schritt verharren lassen. So sehr er ihr auch nachgehen wollte, er konnte seine Schwester nicht alleine lassen. Schließlich war er zu seinem Platz am Fenster zurück gekehrt und hatte gebetet das Aragorn wusste was er tat während sein Blick immer wieder unruhig zur Tür gewandert war.
Amárie war in der Nacht nicht wieder zurück gekehrt und es hätte ihn nicht wundern sollen. Es war ein langer Tag gewesen und obwohl sie die Schlacht unbeschadet überstanden hatte, musste sie erschöpft gewesen sein. Éowyn hielt keine Bedeutung für sie und war nicht die einzige, die während der Schlacht verwundet worden war. Sicherlich hatte sie nach ihren eigenen Leuten gesehen und war dann zu Bett gegangen. Doch das Wissen hielt einen Teil von ihm nicht davon ab wütend auf sie zu sein. Er hatte sie ebenfalls gebraucht!
Die plötzliche Erkenntnis ließ verblüfft ihn mitten im Schritt anhalten. Er hatte sie in seiner Nähe haben wollen, mit dem Wissen das er nur die Hand ausstrecken musste um sie an sich zu ziehen und-
Abrupt schüttelte er den Kopf in dem hoffnungslosen Versuch die plötzliche Flut an Gedanken abzuschütteln. Vor sich hin fluchend setzte er schließlich seinen Weg fort, doch statt in Richtung der Heilenden Häuser, führten ihn seine Füße ohne sein Zutun zu den Ställen. Am Morgen nach der Schlacht erschien die Stadt ungewöhnlich ruhig und beinahe unberührt von den Schrecken der vergangenen Tage. Natürlich nur solange man von den angekohlten und teilweise zerstörten Häusern, den verwüsteten Gassen und den Überresten der Kämpfe absah. Den größten Teil der Leichen – sowohl die der Feinde als auch die ihrer Verbundenen – hatte man noch in der gestrigen Nacht verbrannt um die Ausbreitungen von Krankheiten zu verhindern. Es betrübte Éomer das die Männer, die so tapfer gekämpft hatten, das selbe Schicksal ereilte wie den Kreaturen die sie besiegt hatten, doch er wusste das es kaum eine andere Möglichkeit bestand.
Der Klang von leisen Stimmen richtete seine Aufmerksamkeit auf das Stallgebäude vor ihm und die drei Personen die es mit Pferden im Schlepptau verließen. Als er erkannte wer im Begriff war in den Sattel zu steigen glitten seine Augen hastig zur Tür zurück, als rechnete er jeden Augenblick damit Amáries rabenschwarzes Haupt zu erblicken. Erst ein stechendes Gefühl in seiner Brust machte ihn darauf aufmerksam das er die Luft angehalten hatte und er atmete zischend aus. Von Amárie war nirgends eine Spur, doch die elbischen Reiter hatten ihn entdeckt und deuteten ihm an näher zu treten, bevor er seinen Blick abwenden konnte.
Ungewollt verzogen sich seine Lippen zu einer harten Linie. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Obwohl er in den vergangenen Tagen nur wenig mit den Elben zu tun gehabt hatte, hatte er den Eindruck das Amáries Verwandtschaft ihn nicht besonders mochte. Vielleicht lag es daran das eine Ohren rund waren und seine Lebenstage auf dieser Erde gezählt, doch er befürchtete die Gründe für ihr Missfallen waren persönlicher.
Mit gutem Grund!
Mit einem wortlosen Fluch verscheuchte er die lästige Stimme und schritt auf die wartenden Elben zu. So gern er der Begegnung auch aus dem Weg gegangen wäre, er konnte ihre Aufforderung unmöglich ignorieren. Besonders jetzt, wo jeder seine seiner Handlungen so viel mehr Bedeutung zugemessen wurde. Die Königswürde hinterließ schon lange vor seiner Krönung einen bitteren Geschmack in seinem Mund.
„König," grüßte einer der Elben den er als Rúmil erkannte höflich. Sein Bruder zu seiner rechten hatte immerhin den Anstand ihm zu zunicken, während der dritte dessen Arm immer noch in einer Schlinge steckte ihn aus eisigen grauen Augen betrachtet. Es kostete Éomer alle Mühe sich wie der König zu benehmen als den man ihn begrüßt hatte und nicht wie ein gescholtener Junge unter dem vernichtendem Blick zusammen zu zucken. Stattdessen erwiderte er den Blick mit so viel Entschlossenheit wie er aufbringen konnte.
Für einen langen Moment schien das Grau in den Augen des Elben noch unnachgiebiger zu werden als es ohnehin schon war, doch wie ein vorbeiziehender Sturm klärte sich sein Blick schließlich bis Éomer sogar glaubte so etwas wie Anerkennung darin zu sehen. Doch so schnell wie die Emotion aufgeblitzt war, so schnell verschwand sie auch wieder hinter der eisigen Mauer.
„Er scheint einen starken Willen zu haben!"
„Den wird er auch brauchen," stimmte Rúmil seinem unverletzten Bruder im amüsierten Tonfall zu. „Wenn er sich auf Dauer gegen Lothdúlin durchsetzen will."
Etwas an der Art wie er das sagte ließ Éomer die Stirn runzeln. „Ihr reist ab?" Fragte er das Offensichtliche statt auf die Bemerkung einzugehen.
Erneut war steifes nicken die Antwort und Éomer fing an sich zu fragen, warum man ihn näher gewinkt hatte wo doch offensichtlich war, dass es ihnen zuwider war mit ihm zu sprechen. Und langsam wurde das ausgedehnte Schweigen ungemütlich.
Wieder war es Rúmil der am Ende das Wort ergriff. „Wie ihr seht begleitet uns Amárie nicht zurück. Sie hat sich entschieden mit an...eurer Seite zu kämpfen." Der Elb stockte kaum merklich gegen Ende des Satzes, doch bevor Éomer sich darüber wundern konnte sprach Rúmil weiter. „Diese Schlacht mögt ihr für euch entschieden haben, aber vom Sieg seit ihr noch weit entfernt."
Elben hielten offensichtlich nicht viel davon anderen Mut zu machen.
„Lacho calad! Drego morn!"
Éomer hatte keine Ahnung was Rúmil da sagte, aber es klang besser als alles was er bisher gehört hatte. Wieder setzte er an etwas zu sagen, doch erneut wurde er von den Elben unterbrochen, dieses Mal von dem dritten Bruder.
„Ich hoffe Ihr seit die Opfer wert die sie bereit ist zu erbringen!" Und mit einem nachdrücklichen Nicken schwangen er sich, genau wie Rúmil, auf den Rücken seines Pferdes das sie beide ohne ein weiteres Wort zu verlieren in Richtung Stadttor trieben.
Wie hatte er das schon wieder zu verstehen? Offensichtlich als Drohung, wie der Elb mit der eisigen Aura ihm einen Augenblick später klar machte. Der Blick in seinen Augen sprach von einer Härte die den Pferdeherren deutlich machte das es nicht ratsam war, diesen Mann – Elb – zu Feind zu haben.
„Nehmt euch die Worte meines Bruder zu Herzen. Und seit gewiss das ihr es bereuen werdet sollte sie euretwegen das Schicksal ihrer Ahninnen teilen."
Und mit dieser kryptischen Botschaft schwang auch der letzte von Amárie's Verwandten sich, trotz seines verletzten Armes, mühelos auf sein Pferd und ließ ihn einen starrend wie Holzkopf zurück.
Éomer war sich sicher, dass wenn er den arroganten Elben in diesem Leben nie wieder sehen müsste, es immer noch zu früh sein würde.
Aber wenn er bedachte das die Gefahr aus Mordor längst nicht besiegt war, würde er dieses Leben vielleicht schneller hinter sich lassen als ihm lieb war. Seit er vor über einem Monat aus Rohan verbannt worden war, war kein Tag vergangenen an dem er sich dieser Tatsache nicht bewusst gewesen war doch in diesen letzten Tagen wurde der Gedanke hartnäckiger. Und wie immer, wenn er über die unsichere Zukunft nachdachte wendeten sich seine Gedanken Amárie zu.
Es waren nicht einmal vier Wochen seit ihrer ersten Begegnung vergangen und doch kam es ihm vor wie ein ganze Leben. Eins das gerade erst begonnen hatte und so viele Möglichkeiten und Wünsche inne hielt das er den Gedanken nicht ertragen konnte sie niemals erfüllt zu sehen, oder zumindest die Gewissheit zu besitzen es versucht zu haben.
Den bevorstehenden Ereignissen nach zu urteilen würde er sich beeilen müssen wenn er es zumindest versuchen wollte.
17. März 3019 D.Z. Abendstunde (Minas Tirith)
Wie schon die Nacht zuvor fand sich Amárie in ihrem Quartier wieder. Dieses Mal hatte sie zuvor den Luxus eines Bades genießen dürfen und saß nun vor dem Spiegel ihrer Kommode und kämmte sich die fast trockenen Haare während sie sich versuchte bewusst zu werden wer die Frau war die sie anstarrte.
Sie hatte versucht sich daran zu erinnern, wann sie das letzte mal in einen Spiegel geblickt hatte, doch ihr fiel keine Gelegenheit ein. Ob es nun daran lag sie es beim letzten Mal als nicht beachtenswerte Selbstverständlichkeit hingenommen hatte, oder ob es tatsächlich schon so lange her war konnte sie nicht sagen und letztlich spielte es keine Rolle.
Doch die Frau die ihr entgegen blickte war nicht mehr die selbe an die sich erinnern konnte. Ihre Haut war blasser als zuvor was durch die unzähligen blauen Flecke noch deutlicher betont wurde, ihr rabenschwarzes Haar wirkte stumpf und glanzlos im Vergleich zu der seidigen Pracht die es einst gewesen war. Ihre Haltung war trotz der vorübergehenden Sicherheit angespannt und auch ihre Lippen konnten sich nicht zu einem Lächeln durchringen. Nur ihre Augen besaßen das selbe grün wie eh und je. Vielleicht lag in ihnen mehr Härte und Hoffnungslosigkeit als je zuvor, aber damit unterschied sie sich kaum von jedem anderen der sich augenblicklich in dieser Stadt aufhielt.
Seufzend schloss sie ihre Lieder und versuchte die Anspannung aus ihren Gliedern zu vertreiben. Doch sehr sie sich auch bemühte es wollte nicht gelingen.
Ihre Gedanken kehrten zu der Besprechung am gestrigen Tage zurück und sie konnte förmlich spüren wie eine eisige Hand sich um ihren Brustkorb schloss. Sie würden nach Mordor reiten, bis zum schwarzen Tor und sich dort den Schrecken stellen die Sauron für sie bereit hielt.
Tief in ihrem inneren war sie sich sicher das es diese Entscheidung ihren Tod bedeuten würde, auf die ein oder andere Weise. Seltsam wie eine Tatsache die einem sein Leben lang mehr oder weniger bewusst gewesen war einem solche Magenschmerzen bereiten konnte wenn sie in greifbare Nähe rückte. Schnaubend öffnete sie ihre Augen und fuhr damit fort den Kamm durch ihre Haare zu fahren.
Natürlich war ihr flau im Magen, wer dachte schon gerne über den eigenen Tod nach, ganz egal wie lange man sich über die Möglichkeit im klaren gewesen war? Dúnedain waren nicht unsterblich, aber im Vergleich zu den meisten Menschen sehr langlebig. Der Tod als unausweichliches Ende schwebte ihrem Volk nicht wie dem Rest Mittelerdes ständig als unaufhaltsames Schicksal vor Augen. Natürlich war auch ihre Lebensspanne begrenzt, doch verschwendeten Dúnedain mehr Gedanken an das hier und jetzt als an das was kommen mochte.
Eine gute Einstellung wenn man bedachte das viele ihres Volkes oft lange vor ihrer Zeit ihr Ende in einer Schlacht fanden. Im gewissen Sinne war es eine böse Ironie des Schicksals, besonders für ihre Familie. Durch das Elbenblut das erst vor fünf Generationen in ihren Stammbaum geflossen war sollte den Mitgliedern ihrer Familie ein noch längeres Leben vergönnt sein als jedem anderen Dúnedain und doch war sie die letzte ihrer Linie.
Eine Linie die sehr bald ihr Ende finden würde. Nie zuvor war sie sich dieser Tatsache so bewusst gewesen wie in diesem Moment. An Kinder hatte sie nie einen Gedanken verschwendet, außer vielleicht als kleines Mädchen als sie dem Held ihrer Kindheitstage Glorfindel, erklärt hatte das sie ihn eines Tages heiraten würde, wenn sie alt genug war. Aber wann war man wohl alt genug um den zwei Mal geborenen Balrogtöter zu heiraten? Nicht das sie es noch gewollt hätte nachdem sie ihren ersten Kuss bekommen hatte, das hatte ihren Heiratsplänen einen gewaltigen Dämpfer verpasst. Schließlich war küssen ganz anders als sie sich das vorgestellt hatte.
Bei mehr als einer Gelegenheit hatte sie den Elben in einer innigen Umarmung mit seiner letzten Eroberung gesehen und sie hatte die Elbinen hinter vorgehaltener Hand über ihn sprechen hören. Das meiste von dem was sie sagten hatte sie als achtjährige nicht nachvollziehen können, aber sie hatte verstanden das Küssen zu der Sache mit dem Heiraten dazu gehörten. Also hatte sie Glorfindel erklärt das sie damit vielleicht schon mal damit anfangen sollten. Schließlich musste sie üben!
Mit einem Grinsen erinnerte sich Amárie daran wie er gelacht hatte und ihr anschließend mit bemüht ernster Mine zugestimmt hatte. Der darauf folgende Kuss war kaum mehr als eine flüchtige Berührung von Lippen gewesen, doch das hatte Amárie gereicht. Wenn sie sich recht erinnerte war „Igitt!" und die zögerliche Anmerkung, das sie sich das mit dem heiraten vielleicht doch noch mal überlegen sollte ihre Reaktion darauf gewesen. Leider konnte sie sich nicht mehr recht an seinen Gesichtsausdruck erinnern, doch spätestens als sie ihm mitteilte, das sie aber Freunde bleiben könnten musste seine Reaktion Gold wert gewesen sein. Zumindest neckte er sie bis zum heutigen Tag damit, das sie die erste und einzige Frau war die ihm je eine Abfuhr erteilt hatte.
Das Lächeln verschwand von ihrem Lippen als sie daran dachte, dass sie Glorfindel wohl nie wieder sehen würde. Und heiraten würde sie wohl auch niemanden mehr. So wie es aussah würde sie nicht einmal mehr Gelegenheit dazu bekommen ihren Mut zusammen zu nehmen und Éomer zu gestehen das sie...ja was eigentlich?
Darüber war sie sich selber nicht ganz im klaren. Seit sie ihn getroffen hatte, hatte sich einiges verändert doch ein Ereignis hatte das nächste gejagt und sie hatte nie die Gelegenheit bekommen einmal in Ruhe über den Mann nachzudenken der so plötzlich in ihre Leben getreten war. Sie schätzte und vertraute ihm aber die meiste Zeit die sie zusammen verbrachten fiel es ihr schwer ihm nicht wutschnaubend entgegen zu treten, wenn er wieder einmal versuchte seinen Dickschädel durch zu setzen oder engstirnig auf seine Meinung beharrte. Und doch konnte sie nicht verhindern das ihre Gedanken öfter als ihr lieb war um ihn kreisten und sie wie von selbst an seine Seite trat sobald sie sich im selben Raum befanden.
All das verwirrte sie und in einer gewissen Weise bereitete es ihr Angst. Sie war weder jung noch naiv und würde sie sich erlauben ehrlich zu sich selbst zu sein, wüsste sie die Gedanken und Gefühle in ihr zu benennen. Doch war hier und jetzt, weder der Ort noch die Zeit dafür und die einzelne Träne die ihre Wange hinab lief, erinnerte sie daran das sie beides auch nie wieder haben würde.
Bevor sie jedoch die Gelegenheit hatte weiter in Selbstmitleid zu versinken klopfte es an der Tür. Stirn runzelnd legte sie den Kamm auf die Kommode und durchquerte den Raum. Ohne zuvor zu fragen wer auf der anderen Seite stand öffnete sie die Tür und öffnete gleichzeitig den Mund um zu fragen was es denn so wichtiges zu dieser Stunde gab, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken als sie die Person auf der anderen Seite der Tür erblickte.
Offensichtlich ging es Éomer genauso, was jedoch auch daran liegen mochte das sie lediglich in einem Nachthemd bekleidet vor ihm stand, wie ihr mit einem Schlag klar wurde. Sie konnte nicht ganz verhindern das ihr Röte in die Wangen schoss doch sie wollte sich nicht lächerlich machen in dem sie ihm die Tür vor der Nase wieder zuschlug.
„Ja?" Würge sie heraus, unsicher ob ihr Wortschatz im Moment für mehr reichen würde.
„Ich...ich habe...ich wollte," stotterte der König Rohans mit unruhigen Blick, offensichtlich überrumpelt von ihrer Erscheinung. Hätte sie sich nicht selbst so unsicher über sein plötzliches Auftauchen gefühlt, hätte sie wahrscheinlich gelacht. Es kam nicht alle Tage vor das man einen stotternden König vor der Tür stehen hatte der krampfhaft versuchte seinen Blick auf ihr Gesicht gerichtet zu halten.
„Ich," setzte er erneut an, nur um gleich darauf inne zu halten und den Kopf zu schütteln. „Verzeiht das ich euch gestört habe...es war dumm von mir her zu kommen."
Amárie bemerkte wie seine Hände sich unentwegt zu Fäusten ballten nur um sich gleich darauf wieder zu entkrampfen bevor er sich plötzlich mit einem Ruck herum drehte. Es dauerte einen Moment bis sie bemerkte das er im Begriff war zu gehen und noch einen weiteren bis sie ihre Sprache wieder fand. Hastig griff sie nach seinem Arm.
„Wartet!"
Zögerlich drehte sich Éomer erneut zu ihr um und für einen langen Augenblick starrten sie sich einfach bloß an. Es war einer der seltsamsten Momente ihres Lebens und sie konnte nicht einmal genau beschreiben was ihr alles durch den Kopf ging, oder wann genau Éomer plötzlich näher an sie ran getreten war.
Alles was sie wusste war, das sie im einen Augenblick noch nach den richtigen Worten suchte und im nächsten plötzlich seine Lippen auf ihren spürte und ihre eigenen den Kuss erwiderten. Ein simpler Kuss war offensichtlich alles was nötig war um alle Dämme die zwischen ihnen lagen zu brechen; die Tür fiel geräuschvoll ins Schloss, Kleidung wurde hastig vom Leib des anderen gerissen, die Geräusche die sie beide von sich gaben wurden lauter und atemloser mit jeder Minute die verging und ohne von einander ab zu lassen, gelang es ihnen schließlich das Bett zu erreichen.
Éomer wusste das es Zeit war zu gehen, doch nach wie vor konnte er sich nicht dazu durchringen den Blick von Amárie abzuwenden, geschweige denn das Zimmer zu verlassen. Seit er aufgewacht war versuchte er sich nun schon daran erinnern das sie in kürze aufbrechen würden und er seinen Pflichten nachkommen musste, außerdem wollte er nicht das irgendwer schlecht über Amárie sprach, wenn man ihn beim verlassen ihres Zimmers sah und je früher er ging um so unwahrscheinlich war es das ihm jemanden begegnen würde.
Es hatte ihn eine Ewigkeit gekostet sich von ihr zu lösen und das Bett zu verlassen, nur um fast im gleichen Moment wieder zurück zu kehren, als sie seinen Namen gemurmelt hatte. Es hatte zwei weitere Anläufe gebraucht und er war anschließend hastig in in seine Kleidung geschlüpft und doch hatte es ihn kein Stück weiter gebracht.
Amárie gab ein unzufriedenes murmeln von sich und rollte sich herum, so das sie ihr Gesicht tief in dem Kissen vergraben konnte, auf dem er vor wenigen Minuten noch gelegen hatte. Offensichtlich zufrieden seufzte sie und schien einen Moment später wieder tief und fest am schlafen. Bevor er wusste was er tat war er erneut ans Bett getreten und hatte sich über sie gebeugt, seine Lippen nur einen Hauch von der nackten Haut ihres Rücken entfernt. Doch bevor er dem Impuls nachgeben konnte stoppte er sich.
Er wusste das er nicht genug Kraft haben würde dieses Zimmer zu verlassen, sollte sie erst einmal die Augen aufschlagen und weder Amárie noch er selbst konnte es sich erlauben sich in die Traumwelt zurück zu ziehen, die sich geschaffen hatten.
Nein eine Nacht war alles was sie sich erlauben konnten. Zumindest für den Moment. Wenn auch nur ein Funken Hoffnung bestand das sie die kommende Schlacht überstehen würden, würde er zu diesem Moment zurück kehren. Mehr noch er würde so um sie werben, wie sie verdient hatte, das schwor er sich. Aber bis dahin war es das beste wenn er sie nun verließ.
Er drückte ihr einen letzten Kuss auf den Rücken, sanft und zögerlich damit sie nicht aufwachte, und ließ seine Augen noch einmal über ihre Gestalt wandern bevor er förmlich aus dem Zimmer floh, nicht sicher ob er sich selbst trauen konnte.
Éomer wusste das es richtig war, aber das machte es nicht leichter. Seufzend macht er sich auf den Weg zu seiner eigenen Kammer und wappnete sich innerlich für die Schlacht, die wohl seine letzte sein würde. Doch zumindest hatte er die Erinnerung an die gestrige Nacht und die Gewissheit das er es nicht bereuen musste, es nicht gewagt zu haben.
Anders als viele hatte er zumindest etwas an das her halten konnte, wenn seine letzten Augenblicke hereinbrachen. Es gab schlimmeres als mit dem Gedanken an eine schöne Frau zu sterben.
TBC
