Kapitel 9: Die letzte Schlacht

18. - 23. März 3019D.Z. ,Mittagsstunde (Nordgrenze Ithiliens)

Seit sie am Morgen Ithilien verlassen hatten, lag eine fast greifbare Spannung in der Luft die mit jedem Schritt der sie näher an das schwarze Tor Mordors brachte, unerträglicher wurde. Die Pferde waren nervös, ebenso wie ihre Reiter die sich bewusst oder unbewusst, unruhig in ihren Sätteln hin und her bewegten und mit unsicheren Blick in die Ferne blickten. Kaum einer sprach und wenn dann waren es lediglich hastig geflüsterte Worte, so als fürchteten sie der Wind würde sie davon tragen um ihre Feinde über ihre Ankunft zu informieren.

Aragorn hatte keine Illusionen darüber das Sauron längst von ihrem todesmutigen, wenn auch verrückten, Vorhaben wusste und unlängst seine Herrscharen entsandt hatte um ihnen einen unvergesslichen Empfang zu bereiten.

Von seiner anfänglichen Zuversicht und Entschlossenheit, die es sogar geschafft hatte die anderen mitzureißen, war kaum etwas geblieben und schwand mit jeder Minute mehr. Nichts an seiner Haltung und Miene verriet jedoch die Hoffnungslosigkeit, die mittlerweile auch ihn heimsuchte. Aragorn wusste das die Männer auf ihn bauten und das er es sich nicht leisten konnte Schwäche zu zeigen. Wie sollten sie den Mut aufbringen in diese Schlacht zu reiten, wenn ein Blick auf sein Gesicht ihre eigenen Ängste wieder spiegeln würde?

Als der letzte aus Isildurs Linie fiel es ihm zu die Männer zu führen, dazu war er von je her erzogen worden, wie all seine Vorväter vor ihm. Nur im Gegensatz zu seinen Ahnen die alle ihr Ende jäh vor ihrer Zeit gefunden hatten, fand er sich nun tatsächlich an der Stelle wieder die alle anderen in weiter Ferne geglaubt hatten; als Anführer der freien Menschen Mittelerdes. Als König zurück gekehrt an seinen rechtmäßigen Platz.

Schnaubend dachte er an die Legenden die er unter den Dúnedain gehört hatte. Für eine kurze Zeit lang hatte er, nachdem Elrond ihm sein wahres Erbe offenbart hatte, mit den den Mitgliedern seines Volkes gelebt. Er konnte sich an mehr als an einen Abend erinnern an dem die Dúnedain Legenden und Hoffnungen über den Erben Isildurs zu erzählen wussten. Alle handelten von Ruhm und Ehre und dem Tag an dem der wahre König wieder auf dem Thron Gondors sitzen würde.

Die Tatsache das er dafür mit einer erschreckend geringen Zahl an Männern gegen eine schier unbesiegbare Zahl an Monstern und Barbaren ausziehen musste, noch dazu direkt in das Herz des Feindes, hatte niemand prophezeit.

Noch dazu hatte er sein Versprechen eingehalten und die Verzagten am Morgen ziehen lassen, etwas das er nur ungern getan hatte. Sie würden die Zahlen schmerzlich vermissen, nicht zuletzt wegen der Tatsache das sie zwar verwunden konnten jedoch selbst unantastbar waren. Doch er hatte sein Wort gegeben, etwas das er noch nie gebrochen hatte, und er würde jetzt nicht damit anfangen. Ganz egal wie bequem es gewesen wäre oder wie viele gute Gründe ihm dafür in den Sinn gekommen wären.

Viele der Männer hatten protestiert, einige offen und direkt andere hinter vorgehaltener Hand und im flüsternden Ton. Rohirrim ebenso wie Gondorianer und Dúnedain, aber es waren letztere die ihm am meisten zusetzten. Sie nannten sein Verhalten leichtsinnig und dumm und ein oder zwei hatten ihm harsch an den Kopf geworfen, dass seine Vorväter anders gehandelt hätten. Er hatte sich verkniffen sie daran zu erinnern, das genau das sie zu dem Punkt geführt hatte an dem sich gerade befanden. Hätte Isildur nur ein wenig mehr Charakterstärke gezeigt und den verdammten Ring in das Feuer des Schicksalsberges geworfen...aber was brachte es schon darüber zu fluchen?

Seufzend ließ er seinen Blick über Männer gleiten. Doch abgesehen von Gimli und Legolas die sich ein Pferd teilten und als einzige nicht von der niedergedrückten Stimmung heimgesucht schienen, wie man ihrem üblichen Gezänk entnehmen konnte, gab es nichts das seine Aufmerksamkeit lange auf sich zog. Zumindest bis sein Blick auf die einzige Frau in ihren Reihen fiel. Wie schon seit dem Aufbruch aus Gondor ritt sie für sich. Hin und wieder gesellte sich einer der Rohirrim zu ihr, die sie offensichtlich während ihrer kurzen gemeinsamen Reise kennen gelernt hatte. Nur Éomer blieb ihr fern, oder Amárie ihm. Aragorn war sich unschlüssig, wer wem aus dem Weg ging.

Er konnte sich an kaum einen Moment erinnern, wo die beiden Streithähne nicht eine hitzige Debatte begonnen hatten sobald sie aufeinander gestoßen waren und doch kam es Aragorn nun merkwürdig vor sie getrennt von einander zu sehen. Trotz ihrer widersprüchlichen Ansichten und ihres hitzigen Gemüts hatten sie viel Zeit miteinander verbracht und Aragorn fragte sich was sich verändert hatte. Beide hatten grimmige Minen aufgesetzt, doch in Anbetracht ihrer Situation sagte das wenig aus. Éomer starrte hin und wieder in ihre Richtung, so als würde er darauf warten das sie sich zu ihm umdrehen würde, doch so lange er auch starrte Amárie blickte nie über ihre Schulter.

Kopfschüttelnd beobachtete Aragorn das Geschehen eine Weile, bevor er Roheryn* an Amáries Seite trieb. Seit sie Rohan verlassen hatten um Gondor zur Hilfe zu Eilen, hatten sie kaum Gelegenheit gehabt miteinander zu sprechen. Wie er selbst war Amárie in eine Linie hinein geboren worden die mit Erwartungen und Vorbestimmungen verknüpft war. Ihre waren fast ebenso wenig erstrebenswert wie die seinen. Die meisten Ahnen ihrer beiden Linien hatten einen viel zu frühen Tod gefunden, ihre mehr so als die seinen. Sie beide waren die letzten ihrer Blutlinie und es sollte nun an ihnen liegen das Schicksal zu erfüllen:

Er soll das Schwert sein das die Feinde in die Flucht schlägt und niederstreckt, während sie ihm Schild sein wird. Schwert wird herrschen und Schild wird schützen.

Irgendwer hatte diese Worte vor ein paar tausend Jahren niedergeschrieben und es war unschwer zu erkennen das Amárie dabei die schlechteren Karten zugeteilt bekommen hatte.

„Ich werde es nicht tun."

„Was?" Amáries unverständliche Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. „Du wirst was nicht tun?"

„Dich anschreien, tadeln oder hinter deinem Rücken über dich reden. Du hast ihnen dein Wort gegeben und es gehalten. Dir blieb keine Wahl." Für einen langen Augenblick bohrten sich ihre grünen Augen förmlich in seine grauen bevor sie den Blick abwandte und wider nach vorne schaute.

„Die meisten halten mich für einen Narr." Murmelte er und nicht zum ersten Mal schwang eine gehörige Portion Unmut mit in seiner Stimme mit.

Schnaufend wandte sie sich erneut zu ihm um. „Und du glaubst ihnen?"

Aragorn wusste das er sich immer wieder so entscheiden würde wie er es getan hatte, aber er wusste auch das er mit seiner Entscheidung die Hoffnung auf einen Sieg, so gering sie auch gewesen sein mochte, zerstört hatte.

„Ohne sie werden wir verlieren, wir-"

Wir werden sterben!" Entgegnete sie auf elbisch, sehr zum Unmut einiger Männer in ihrer Nähe die ihr Gespräch belauscht hatten, wie er mit einem schnellen Blick feststellte. „Mit oder ohne untote Armee!"

Wenn du ohne Hoffnung bist, wieso-"

Wieso bin ich dann hier?" Unterbrach sie ihn erneut. Aragorn nickte stumm. „Ich bin hier weil es keinen Sinn hätte fort zu laufen und sich zu verstecken. Ich bin hier weil es meine Pflicht ist, aber vor allem bin ich hier weil ich an dich glaube, Estel. Du -"

Dieses Mal war er derjenige der sie unterbrach. „Wie kannst du an mich glauben, wenn du nicht mal daran glauben kannst zu überleben?" Und wo war all der Kampfgeist geblieben den sie so lange er sie kannte wie ein inneres Feuer in sich getragen hatte? Sicherlich waren die vergangenen Monate für sie ebenso hart gewesen wie für ihn, doch das konnte sie nicht ausgebrannt haben, oder?

Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Wenn es überhaupt Hoffnung gibt, dann liegt sie bei dir. Ich glaube an dich. Nicht wegen deines Anspruches auf den Thron oder weil irgendwer es so prophezeit hat, sondern wegen dem Mann der du bist. Sieh dir an was du bei Helms Klamm bewirkt hast! Du hast die Verzagten an ihren Schwur erinnert und damit Gondor gerettet!"

Er wollte ihr ins Wort fallen und sie daran erinnern, das er nicht alleine gewesen war. Ohne die Hilfe von so vielen anderen hätten seine Taten nichts bedeutet, doch Amárie ließ sich nicht dazwischen reden.

Unser Ritt gegen Mordor dient doch nur dazu Frodo mehr Zeit zu verschaffen. Er ist es der den Ring vernichten muss um das Schicksal der Welt noch einmal abzuwenden. Deine Aufgabe ist es den Männern Mut zu machen und ihnen den Glauben zu schenken das richtige zu tun! Wenn Frodo scheitert, scheitern wir alle. Aber wenn er es tatsächlich schafft wäre ihr Opfer nicht umsonst."

Loth-"

Estel, was ist wenn wir es tatsächlich schaffen sollten? Was wenn Frodo den Ring vernichtet und die Völker Mittelerdes frei sein werden? Wenn du zum König gekrönt wirst?"

Um ehrlich zu sein hatte er sich nie wirklich erlaubt so weit voraus zu denken. Natürlich waren seine Gedanken und Wünsche bei Frodo und dem Erfolg seiner fast unbezwingbaren Aufgabe. Aber hatte er je davon geträumt was er tun würde, wenn der Ring vernichtet war? Nein. Andere hatten das getan und seine Rolle in so einer Zukunft gestaltet.

Was für einen Wert hätte all das hier, wenn du am Ende nicht besser bist als Denethor, Saruman oder Sauron selbst?"

Stirn runzelnd blickte er sie an. „Was willst du damit sagen, Lothdúlin?"

Das du das richtige getan hast und zu deinem Wort gestanden hast. Es wäre so leicht für dich gewesen die Verzagten in deine Dienste zu zwingen. Du hättest den besten Grund dafür gehabt, alle hätten es verstanden. Du hättest kein schlechtes Gewissen haben müssen, keine schlaflosen Nächte."

Aragorn wusste das sie recht hatte. Niemand hätte es ihm vorgehalten. Alle hätten ihm versichert das es er das richtige getan hatte. Alle hätten es verstanden nur er selbst nicht.

Aber wer einmal sein Wort bricht, weil es leicht ist und glaubt einen guten Grund dafür vor zu weisen, der tut es erneut. Und irgendwann würdest du tun was auch immer dir gefällt, weil du vergessen hast was es bedeutet zu deinem Wort zu stehen. Und ein König ohne sein Wort ist nichts weiter als ein Tyrann."

Das er zunächst einmal die kommenden Tage überleben musste um zum König zu werden, blieb unausgesprochen doch ihre Worte verfehlten nicht ihr Ziel und vertrieben ein Stück weit das flaue Gefühl das sich in ihm breit gemacht hatte. Es tat gut ihre Zustimmung zu finden. Dafür das Amárie jeglichen Glauben an die Zukunft verloren zu haben schien, zumindest ihre eigene, verstand sie es seinen Glauben an ihn selbst neu zu entfachen.

Danke!"

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln war alles was sie ihm entgegnete bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn richtete. Damit war ihr Gespräch offensichtlich beendet.

24. März 3019D.Z., früher Abend (nahe Morannon)

Die Stimmung war an ihrem niedrigsten Punkt angekommen. Die Gesichter waren grimmig, trostlos und ängstlich, ein Spiegel dessen was sich im inneren der Männer abspielte. Niemand sprach, wenn es nicht unbedingt sein musste und je näher sie ihrem Ziel kamen um so stiller wurde es. Élodain hatte den Eindruck das selbst die Pferde bemüht waren kein unnötiges Geräusch zu verursachen.

Auch er selbst konnte sich nicht davon freisprechen nicht in der allgemeinen Trübseligkeit und Furcht gefangen zu sein. Je weiter sie in Richtung des schwarzen Tors vorrückten um so deutlicher war Saurons furchteinflößender Schatten zu spüren. Mehr als einmal hatte Élodain sich dabei ertappt wie er versucht war die Zügel herum zu reißen und seinem Pferd die Sporen zu geben. Nicht das er der erste gewesen wäre der mit weit aufgerissenen Augen und einem Schrei auf den Lippen geflohen war. Aber lieber wollte er sich den Dolch selbst zwischen die Rippen stoßen als wie ein Feigling vor einer Schlacht vondannen zu rennen. Welch ein Leben würde er führen mit dem Wissen das er seine Freunde im Stich gelassen hatte?

Um sich abzulenken hatte er bald angefangen sich auszumalen was er tun würde sollte ihr verzweifelter Feldzug von Erfolg gekrönt sein. Aber er war ein einfacher Mann und viel mehr als eine hübsche Frau mit der er eine Familie gründen konnte, einen Platz unter den Reitern der Rohirrim, Gesundheit und eine gute Mahlzeit am Tag brauchte er nicht um glücklich zu sein.

Seine Stellung unter den Rohirrim hatte er schon vor langer Zeit unter Beweis gestellt und am Hungertuch hatte er auch noch nie nagen müssen. Über seine Gesundheit wollte er im Augenblick nicht allzu tiefgründig nachdenken also beschränkten sich seine Gedanken auf seine Zukünftige.

Aber auch hier erschöpfte sich bald seine Fantasie. Anders als viele der Männer die Abends am Feuer ihre perfekte Frau mit zünftigen Worten beschrieben, hatte er kein genaues Wunschbild. Das sollte nicht heißen das er sich mit jedem daher gelaufenem Weibsbild zufrieden geben wollte, aber es erschien ihm unwichtig ob ihre Haare nun hell wie gesponnenes Gold oder schwarz wie die Nacht waren. Was machte es für einen unterschied ob ihre Augen die Farbe von Kornblumen besaßen oder grün waren wie die Wälder Mittelerdes? Hübsch sollte sie sein, sicherlich. Rund um die Hüften mit langem Haar und einem warmen Lachen. Ein Mädchen das ihm die Stirn bieten konnte und ihn doch nach jedem Streit mit offenen Armen willkommen hieß. Er schätzte was er sich wirklich wünschte war ein Zuhause. Nicht eins das aus vier Wänden bestand sondern aus einem Menschen der einen vermisste und sich freute, wenn er wieder zurück kam.

Je länger er darüber nachdachte um so deutlicher führte er sich vor Augen das es keine solche Person in seinem Leben gab. Niemand würde ihn vermissen, sollte er nicht zurück kehren. Vielleicht Éomer und ein oder zwei der anderen Reiter, aber auch nur dann wenn sie selbst zurückkehrten und Élodain war sicher das jeder von ihnen bis dahin so viele Angehörige verloren hatte das man sein Verschwinden kaum bemerken würde.

Die Vorstellung behagte ihm nicht im geringsten. In dem Augenblick, nur wenige Stunden vor dem dunkelsten Augenblick seines Lebens nahm er sich vor das zu ändern, sollte er zurück kehren.

Seine Augen schweiften ziellos über die Reiterschar die sich langsam vor ihm her bewegte bis sie schließlich an Éomer hängen blieben. Sein ältester Freund blickte sogar noch grimmiger drein als Élodain es von ihm gewohnt war. An den Umständen gemessen hätte er sich nicht wundern dürfen, aber je länger er ihn beobachtete um so mehr drängte sich ihm der Verdacht auf das der Ursprung seiner schlechten Laune nichts mit ihrer baldigen Ankunft vor dem Tore Mordors zu tun hatte. Und dafür konnte es in der Regel nur einen Grund geben. Einen ausgesprochen hübschen, wenn auch äußerst dickköpfigen. Es war nicht schwer sie zu finden, brauchte er doch nur dem mürrischen Blick seines Freundes zu folgen.

Amáries Miene wirkte ebenso düster und frustriert wie die Aragorns dessen Pferd im ruhigen Schritt neben Nachtschatten her trabte. Doch während Éomer's Augen ihr nicht lange fern bleiben konnten hielt die Waldläuferin ihren Blick starr gerade aus gerichtet. Élodain konnte nicht sicher sagen ob sie ihn ignorierte oder sein Starren nicht bemerkte aber die angespannte Stimmung zwischen den beiden war schwer zu übersehen.

Seufzend fragte er sich was Éomer dieses Mal angestellt hatte, denn es war meistens sein Freund der mit einer spitzen Bemerkung ihr Temperament zum brodeln brachte. Manchmal hatte Elodain den Verdacht das Éomer sie mit Absicht stichelte, bloß um ihr feuriges Gemüt bewundern zu können und Élodain konnte es ihm nicht verübeln.

Amárie war eine schöne Frau, nicht zuletzt da ihr ihre grünen Augen und das rabenschwarze Haar ein fast exotisches Aussehen in den Augen eines Rohirrims verliehen. Aber es war ihre lebendiges Wesen und die Art wie sie fast mit Energie zu sprühen schien die einen Mann in ihren Bann zog.

Sie würde Éomer eine gute Frau und Rohan eine stolze Königin sein können, wenn sein König es nur schaffen würde über seinen eigenen Schatten zu springen.

Élodain hatte oft genug das Getuschel von Frauen in ihrer Heimat überhört um zu wissen das Éomer die Bewunderung vieler von ihnen fand. Sein Aussehen und seine Stellung sorgten dafür das es ihm nie an weiblicher Gesellschaft mangelte, doch ebenso wie sein Cousin Théodred hatte er früh lernen müssen das die wenigsten sich tatsächlich für seine Person interessierten als vielmehr für die Vorteile die ihnen seine Stellung einbringen konnte.

Nun da er König war, waren es nicht nur die Frauen aus Rohan die um seine Aufmerksamkeit buhlen würden, sondern auch Töchter von Prinzen, Fürsten und Königen. Élodain konnte nur hoffen das sein Freund seinem Herzen folgen würde bevor andere sein Leben für ihn in die Hand nahmen.

Seufzend wandet er seinen Blick von den beiden ab und hoffte das sie alle tatsächlich noch die Gelegenheit finden würden ihren Träumen und Wünschen nachzueifern.


25. März 3019D.Z., früher Morgen (Morannon)

Der Morgen war schwarz und kalt und spiegelt nur all zu gut den Schrecken und die Furcht wieder, die Amárie in ihrem Inneren spürte. Sie hatte Geschichten gehört... Wie viele Stunden hatte sie als Kind gebannt gelauscht wenn die Elben ihr von dem letzten Bund und der großen Schlacht gegen Sauron erzählt hatten? Mit geschlossenen Augen hatte sie versucht sich Mordor vorzustellen, doch nun musste sie voller Schrecken feststellen, dass ihre kindliche Fantasie sie kläglich im Stich gelassen hatte. Nichts hatte sie auf die gigantische Feste vorbereitet die sich wie ein bedrohliches Ungetüm vor ihr erhob oder auf den faulen, beißenden Geruch der in der Luft lag und ihr beinahe ebenso auf den Magen schlug wie die Ungewissheit vor dem was hinter dem verschlossenem Tor lag.

Ein rascher Blick zu ihrer Seite zeigte ihr das ihre Mitstreiter ebenso überwältigt waren wie sie selbst. Aragorn ließ seinen Blick mehr als einmal zu dem verschlossenem Tor wandern und anschließend zurück zu ihr. Zunächst meinte Amárie in seinen Augen die selbe niederschmetternde Hoffnungslosigkeit zu erkennen die in ihr selbst aufflackern wollte, doch je länger sie ihn anstarrte um so deutlicher erkannte sie die Veränderung die in dem Mann neben ihr vonstatten ging. Seine Schultern wurden straffer, sein Rücken gerader und ein Ausdruck von wilder Entschlossenheit legte sich in seinen Blick. Amárie wusste nicht woher er sie so plötzlich nahm, aber sie begrüßte sie und fühlte wie sie selbst etwas von ihrer alten Selbstsicherheit zurück gewann.

Aragorn musste die Veränderung in ihr selbst bemerkt haben denn er ließ ihr ein grimmiges Lächeln zukommen, bevor er die Roheryn die Fersen in die Seiten stieß und auf das Tor zutrabte. Wortlos trieb sie Nachtschatten an ihm zu folgen und es dauerte nicht lange bis Éomer, Legolas und Gandalf, die sich mit Gimli und einen der Hobbits den Rücken ihres Pferdes teilten, sich ihnen anschlossen.

Je näher sie kamen um so bedrohlicher wirkte die schwarze Feste auf sie, nicht zuletzt da sich ganz Mordor gänzlich unbeeindruckt von ihrem Eintreffen zeigte. Niemand war zu sehen, weder ein Posten auf einem der Wachtürme noch sonst ein lebendiges Wesen das nicht zu ihrem eigenen Heer gehörte. Wie lächerlich ihr auftauchen mit einem Mal schien. Doch Aragorn ließ sich von ihrem ungastlichen Empfang nicht berirren.

„Lasst den Herrn des schwarzen Landes herauskommen. Er soll seine gerechte Strafe erhalten." Große Worte wenn man sich die klägliche Anzahl ihrer Mitstreiter betrachtete. Sie würden nicht einmal das Tor öffnen können, sollten sie nicht freiwillig eingelassen werden.

Ablenkung, Amárie! Versuchte sie sich zu erinnern. Der einzige Grund warum sie hier her geritten waren, war um Frodo ein wenig mehr Zeit zu verschaffen und das Allsehende Auge von den Geschehnissen in seinem eigenen Land fern zu halten.

Einige Minuten passierte nichts, doch plötzlich erfüllte ein Knatschen die Luft und der Boden schien leicht zu erzittern. Es dauerte einen Augenblick bis sie begriff das es nicht die Erde war die bebte sondern das Tor vor ihnen, weil es geöffnet wurde.

Langsam fast, fast hönisch öffnete sich die schwarze Wand vor ihnen gerade so weit das sie einen Reiter ausmachen konnten.

Das schwarze Schlachtross war am ganzen Körper mit Metall gepanzert und schritt mit bedrohlicher Langsamkeit auf sie zu. Doch wirklich furchteinflößend war die Gestalt die auf ihm trohnte. Amárie mochte beim besten Willen nicht zu erkennen ob die Kreatur einst ein Mensch gewesen war oder ob sein Ursprung Saurons perverser schöpferischer Hand entsprang.

Was auch immer das Ding war das ihnen zur Begrüßung entgegen ritt, es weckte in Amárie eine übelerregende Abneigung. Wie sein Ross war auch der Reiter in schwarzer Rüstung und Stoff gekleidet doch ihre Augen schafften es kaum den Blick von seinem Kopf zu lösen. Der Helm den es trug war wie keiner den Amárie je gesehen hatte. Er bedeckte sein gesamtes Gesicht und ließ lediglich Platz für einen Mund, der überproportional groß erschien. Das Fehlen von Augen und Nase ließ die gelblich spitzen und krummen Zähne nur noch deutlicher in Erscheinung treten, als es schließlich die zerborstenen Lippen öffnete um zu ihnen zu sprechen.

„Mein Gebieter Sauron der Große wünscht euch willkommen." Die Stimme war rau und erinnerte sie an den raspelnden Atem eines Nazgûl was ihr unwillkürlich einen Schauder über den Rücken trieb.

„Ist hier einer in dem Haufen, der ermächtigt ist mit mir zu verhandeln?"

Verhandeln? Die Frage ließ sie sogleich aufrechter im Sattel sitzen. Fühlte Sauron sich tatsächlich dermaßen von ihnen bedroht das er versuchte zu verhandeln? Wenn dem wirklich so wahr würde das bedeuten das sie tatsächlich ein Chance haben könnten.

„Wir sind nicht gekommen um mit Sauron zu verhandeln!" Es war Gandalf der das Wort ergriff und Amárie fühlte grimmige Zustimmung als sie dem weißen Zauberer lauschte.

„Dem Treulosen und Verfluchten. Bestelle deinem Herren dies: Die Streitkräfte Mordors müssen sich auflösen. Er hat dieses Land zu verlassen und nie zurück zu kehren."

„Oh..." Murmelte das Ding mit gespieltem Entsetzen. „Der alte Graubart. Ich habe den Gegenstand den dir zu zeigen mir befohlen wurde."

Schnell wie der Wind hatte er einen Gegenstand aus seiner Tasche gezogen. Ein Kettenhemd wie sie verwundert feststellte. Winzig, als gehöre es einem Kind und glänzend hell als wäre es aus Mitril selbst geschmiedet. Es war nicht bevor der kleine Hobbit erschrocken den Namen seines ausrief, das Amárie bewusst wurde das es sich um das Kettenhemd von Frodo Beutlin handeln musste.

Mit einem Laut den man mit gutem Willen als Erheiterung deuten konnte warf Saurons Diener Gandalf die glitzernde Rüstung zu. Natürlich hatte es den gewünschten Effekt und Amáries eigenes Herz wurde schwer als ihr bewusst wurde, das all ihr Mut und ihre Entschlossenheit um sonst gewesen war. Der Ringträger war tot und damit auch die Hoffnung auf die Vernichtung des Rings. Doch wenn Sauron es geschafft hatte Frodo gefangen zu nehmen, wieso hatte er dann nicht den Ring an sich genommen? Der eine Ring musste immer noch vor seinem Herrn verborgen sein, denn hätte er ihn wieder in seinen Besitz gebracht würde er nicht versuchen mit ihnen zu verhandeln, da war Amárie sich sicher. Doch der Schmerz über den Verlust ihres Freundes ließ ihre Mitstreiter offensichtlich nicht klar denken.

„Der Halbling war euch teuer wie ich sehe." Zischte das Ding und weidete sich genüsslich an dem Schmerz der Gefährten.

„Wisst das er durch die Hand seines Gastgebers sehr gelitten hat. Wer hätte gedacht das jemand der so klein ist so große Schmerzen erträgt. Und das hat er Gandalf. Das hat er!"

Der Drang der fauligen Kreatur die Zunge herauszuschneiden machte sich in ihr breit, doch bevor sie dem Gedanken weiter nach hängen konnte hatte Aragorn sich aus ihrer Gruppe gelöst und ritt schweigend auf den Gesandten zu.

„Und wer ist das? Isildurs Erbe. Es braucht mehr für einen König als eine geborstene Elbenklinge." Das letzte Wort hatte kaum seine rabenschwarze Zunge verlassen, als Aragorns Klinge nieder fuhr und seinen Kopf von seinen Schultern trennte.

„Damit wären die Verhandlungen wohl abgeschlossen!" Kommentierte Gimli trocken und Amárie hätte gelacht wäre die Situation nicht so ernst gewesen.

„Ich glaube es nicht, ich will es nicht glauben!" Donnerte Aragorn plötzlich und Amárie fühlte Stolz in sich auffallen als sie den Mann betrachtete der endlich zu sich selbst gefunden hatte. Feuer brannte in seinem Blick und sie stand wieder dem Mann gegenüber der ihnen zum Sieg in Helms Klamm verholfen hatte.

Aragorn der Kämpfer und Thronanwärter, nicht Aragorn der Zweifler.

Doch kaum hatte sich ein Grinsen auf ihre Lippen verirrt, hörte sie wie sich das Tor weiter öffnete und ihre Augen wurden groß als sie die Armee erblickte die sich die ganze Zeit dahinter verborgen hatte.

„Zieht euch zurück! Zieht euch zurück!"

Das musste sie sich nicht zwei mal sagen lassen und nach einem letzten atemlosen Blick auf die Truppen Mordors und dem rot leuchtende Auge über der Spitze von Barad-dûr riss sie Nachtschattens Zügel herum.

Die letzte Schlacht hatte begonnen!


Aragorns Rede war mitreißend gewesen und für einen Moment hatte Éomer sich dabei ertappt wie er Hoffnung schöpfte. Doch nun eingekesselt von den Armee Mordors blieb wenig Raum für falsche Hoffnung und Aragorns Worte hallten höhnisch in seinem Geist wieder.

...da das Zeitalter der Menschen tosend untergeht. Doch dieser Tag ist noch fern, denn heute kämpfen wir! Bei allem was euch teuer ist auf dieser Erde ist, sage ich: Haltet Stand, Menschen des Westens!

Unwillkürlich blickte er zur Seite und betrachtete die Frau die zwischen ihm und Aragorn Stellung bezogen hatte. Ihm wurde klar das es wohl das letzte Mal sein würde, das er sie sah, denn schon bald würde sich ihr Schicksal auf dieser Welt dem Ende zuneigen.

Er war an die Nacht erinnert die sie zusammen verbracht hatten und daran das er sie am nächsten Morgen verlassen hatte, noch bevor sie die Augen aufgeschlagen hatte. Warum war er nicht geblieben und hatte all die Zeit mit ihr verbracht die ihnen beiden noch vergönnt gewesen wäre? Er hatte sich selbst das Versprechen gegeben um sie zu werben, wenn die letzte Schlacht geschlagen war. Aber dort waren sie nun angekommen und ihre Chancen lebend hier heraus zukommen waren mehr als schlecht.

Was war er doch für ein Trottel! Da hatte er endlich die Frau gefunden mit der er sich eine Zukunft vorstellen konnte und er hatte sie sich durch die Finger gleiten lassen. Er hatte ihr nicht einmal gesagt das er so dachte.

Und nun stand er neben ihr am Ende ihres Zeitalters und fand nicht einmal die Worte um ihr zu sagen das es ihm leid tat.

„Amárie..." Seine Stimme war so leise das er sich nicht sicher sein konnte ob sie ihn hörte doch es musste so sein, denn sie drehte ihren Kopf kaum merklich zu ihm herum und lächelte ihn an. Ihre Rüstung war staubig und fleckig, Strähnen ihres Haares hatten sich aus ihrem Zopf gelößt und umspielten ihr Gesicht das müde und besorgt aussah und doch war Éomer sich sicher, dass er nie eine schönere Frau erblickt hatte. Sein Herz machte einen unerwarteten Satz doch noch bevor er seine Lippen dazu bewegen konnte mehr zu sagen, hatte sie ihre Aufmerksamkeit Aragorn zugewandt der langsam aus der ersten Schlachtreihe vorgetreten war. Er hatte sein Schwert sinken lassen und für einen Moment fürchtete Éomer, Gondors ungekrönter König hatte jeglichen Mut verloren. Amárie musste die gleiche Befürchtung hegen, denn sie trat ohne zu zögern an seine Seite. An den Platz der ihr von Geburt an zugedacht war.

Aragorn und sie starrten sich für einen langen Moment in die Augen bevor er sich zu dem Rest von ihnen herum drehte.

„Für Frodo!" Und damit stürmte er, Amárie dicht auf den Fersen, auf das Tor zu. Er konnte nicht wirklich daran glauben lebend aus dieser Schlacht hervor zugehen, ganz zu schweigen davon sie zu gewinnen aber Aragorn hatte sich dazu entschieden kämpfend unter zu gehen und Éomer würde es ihm gleich tun.

Wenn er heute sterben würde, würde er es wie ein Krieger tun mit erhobenem Haupt nicht wie ein Feigling der mit eingekniffenem Schwanz das Weite suchte nur um von einem Pfeil niedergerungen zu werden.

Der Schrei auf seinen Lippen vermischte sich schnell mit denen der anderen Männer und bald schon war er mitten im Schlachtgetümmel. Im hier und jetzt was es unmöglich über seine verlorene Zeit mit Amárie nachzudenken, die Sorge um seine Schwester verschwand im hintersten seiner Gedanken und seine zerschmetterte Hoffnung und Zuversicht waren nichts weiter als vergessene Gefühle. Alles was zählte waren sein Schwert und sein Schild, als er sich durch die Reihen seiner Feinde mähte. Bald schon wusste er nicht mehr zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Alles war eins und wer ihn angriff oder wessen Hautfarbe zu dunkel war um zur Seite des Westens zu gehören durfte keine Gnade von ihm erwarten. Sein Schild zerschmetterte Schädel und sein Schwert bohrte sich durch williges Fleisch.

Die Euphorie die jede Schlacht mit sich brachte ließ das Blut in seinen Ohren rauschen und pumpte eine ungezähmte Kraft durch seine Adern. Er konnte die Schreie der Männer um sich hören, die der sterbenden ebenso wie die die sich Mut zuschrien. Orks brüllen, der Boden bebte von den schweren Schritten der Trolle und über ihm konnte er das Kreischen der Nazgûl ausmachen, während er sich unermüdlich durch die Schlachtreihen kämpfte.

Éomer wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, ob Minuten oder Stunden, er konnte nicht sagen wie viel Kreaturen er nieder gestreckt hatte oder wofür er eigentlich noch kämpfte. Nur das er möglichst viele Gegner mit in sein Grab nehmen wollte und das es noch lange nicht genug waren. Seine Hände bewegten sich wie ihn Trance, fast ohne sein Zutun und führten wieder und wieder die nötigen Bewegungen aus um zu blocken und zu attackieren.

Der Klang einer vertrauten Stimme war es schließlich der ihn wie ein Eimer eiskaltes Wasser verharren ließ und ihm deshalb beinahe den Kopf kostete. Im letzten Moment drehte er sich zur Seite und nutze den Schwung der Drehung, um sein Schild dem Ork über den Schädel zu ziehen der mit seiner plötzlichen Bewegung nicht gerechnet hatte.

Das unerwartete Gefühl von Angst das ihn gepackt hatte ließ sein Schwert nun um so energischer auf seine Feinde niederregnen während sein Blick hektisch umherschweifte um den Grund seiner Panik zu finden. Schließlich glaubte er zu seiner rechten Amáries schwarzen Schopf auszumachen. Er konnte nicht erkennen warum sie schrie oder ob sie verletzt war, aber der Troll der sich unweit vor ihr erhob wie eine gigantische Wand aus Fleisch schien ihm Grund genug und ließ ihn entschlossener denn je gegen die vorgehen die ihm den Weg zu ihr versperrten.

Doch je mehr er tötete um so mehr schienen sich ihm entgegen zu stellen. Die Panik in seinem Inneren war wie eine eisige Hand die sich um sein Herz gelegt hatte und es zu zerquetschen drohte.

So unermüdlich sein Schwert auch durch die Reihen vor ihm schnitt, schien er seinem Ziel keinen Schritt näher zu sein als zu vor. Ork um Ork fiel zu Boden und mehr als einer seiner Männer wurde unsanft zur Seite gestoßen als er versuchte sich seinen Weg zu ihr durchzukämpfen.

Schließlich, eine Ewigkeit später wie ihm schien, war er nah genug heran gekommen um ihre gesamte Form auszumachen und seine Augen weiteten sich voll Schrecken.

„Nein!" Doch sein Brüllen verhallte ungehört im Tosen der Schlacht und alles was er tun konnte war zusehen wie Amarie's Körper unter dem Fuß des Trolls begraben wurde, als sie Aragorn zur Seite stieß, dem der Angriff eigentlich gegolten hatte.

Für einen atemlosen Augenblick konnte Éomer schwören, dass der Schmerz der ihn durchfuhr, sein Herz in Stück reißen wollte. Seine Hand presste sich wie von selbst schützend vor seine Brust und erst da wurde ihm bewusst, dass es nicht nur Amáries Tod war der ihn in die Knie zwang.

Fassungslos blickte er an sich hinab und starrte auf den schwarzen mit blutroten Federn geschmückten Bolzen, der aus seiner Brust heraus ragte. Er war getroffen! Einen Augenblick hatte er seine Deckung vernachlässigt und nun zahlte er den Preis.

Würgend versuchte er Luft zu holen nur um festzustellen, das es eine ganz schlechte Idee war. Der Schmerz in seinem Innern schien förmlich zu explodieren und er sank kraftlos auf die Knie. Sein Schwert und Schild glitten ihm aus der Hand als er versuchte den Holzpflock zu fassen zu bekommen. Doch auch das war keine gute Idee. Seine Brust fühlte sich zum bersten gespannt an und die kleinste Veränderung des Bolzens ließ ihn japsend inne halten. Blinzelnd versuchte er sich umzusehen und seine Umgebung im Blick zu behalten, doch alles war nur noch undeutlich zu erkennen und der Schmerz und die aufsteigende Übelkeit machte es schwer sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Begann der Himmel sich tatsächlich rot zu färben? Und warum zitterte der Boden als wollte er jeden Moment in zwei brechen? Weit in der Ferne meinte er jubelnde Schreie zu hören doch alles um ihn herum vermischte sich zu einem wilden Mix aus Ton, Farbe und Schmerz und dann, ganz plötzlich, war alles schwarz.


Das nächste mal, wenn Aragorn von einem Troll angegriffen wurde würde Amárie sich zwei mal überlegen ob sie ihm zur Hilfe kam!

Im mitten des Schlachtgetummels hatte sie Estel schnell aus den Augen verloren und die Zahl der Feinde war zu groß gewesen, um mehr als ein paar flüchtige Sekunden zwischen Hieben und Schlägen nach ihm Ausschau zu halten. Es war Zufall gewesen das sie gerade in dem Moment zur Seite gesehen hatte. Unfreiwillig gar. Ein Ork hatte seinen Schlag gegen sie mit so viel Wucht geführt das sie zur Seite geschleudert wurde als sie versucht den Hieb zu blocken. Sie war rückwärts durch die Reihen der Männer und Orks gestolpert und hatte sich nur mit Mühe und Not wieder fangen können. Ihre Rippen hatten den Zusammenstoß jedoch nicht unbeschadet überstanden und ließen ihre Atem kurz und schmerzhaft werden.

Doch es war in dem Augenblick gewesen, dass sie Aragorn mit dem Troll hatte kämpfen sehen und für den Moment war schmerzender Brustkorb vergessen gewesen.

Genaugenommen hatte sie gesehen wie er von dem Troll durch die Luft katapultiert wurde. Und anders als ihr Gegner setzte die Kreatur ihm nach, um zu beenden was es angefangen hatte. Ohne zu überlegen war Amárie losgesprintet. Sie hatte ihre schmerzenden Glieder und Wunden ignoriert, Mitstreiter und Gegner zur Seite gestoßen und und eisern ihre angeknackste Rippe ignoriert die jeden Atemzug zur Qual werden ließ.

Aragorn hatte es in der Zwischenzeit geschafft sich aufzurappeln, doch er hatte schwankend dagestanden und schaffte es kaum sein Schwert zu heben. Amárie war schnell klar geworden das ihr nur eine Möglichkeit blieb, wenn sie ihn retten wollte. Mit einem lauten Schrei auf den Lippen hatte sie sich gegen Aragorn geschmissen und ihn, unsanft aber erfolgreich aus der Gefahrenzone befördert. Unglücklicherweise hatte das den Troll nicht davon abgehalten anzugreifen und bevor sie sich versah war sie unter einem massigen – stinkenden – Fuß begraben. Zwar hatte sie es geschafft ihr Messer zu ziehen, doch sie hätte genauso gut auf einen Stein einstechen können. Aragorn war ihr zur Hilfe geeilt, doch selbst mit vereinten Kräften war der Fuß nicht fort zu bewegen.

Und nun, nur wenige Augenblicke nachdem sie sich damit abgefunden hatte von dem Troll zerquetscht zu wurden war der Druck auf ihren Brustkorb verschwunden. Warum war das Vieh plötzlich fortgelaufen? Stöhnend versuchte sie den stechenden Schmerz in ihren Lungen zu ignorieren und richtete sich auf. Was war hier los? Hastig blickte sie sich um und bemerkte Aragorn der wie gebannt auf etwas in der Ferne starrte und er war nicht der einzige, wie sie schnell feststellte. Doch von ihrer Position aus konnte sie nichts erkennen was die Aufmerksamkeit aller auf sich gelenkt hatte. Mühselig kam sie auf die Beine und musste einen Augenblick gegen die Übelkeit ankämpfen, die plötzliche in ihr aufstieg, bevor sie es endlich schaffte sich umzusehen. Blinzelnd folgte sie Aragorn's Blick und fühlte einen Moment später wie sie in die selbe Starre verfiel die auch alle anderen heimgesucht hatte.

Der schwarze Turm schwankte! Bei den Valar, Barad-dûr brach in sich zusammen. Fordo hatte das unmögliche geschafft. Er musste es einfach geschafft haben. Der Ring war vernichtet! Sauron war besiegt! Obwohl ihr der Gedanke immer wieder durch den Kopf wirbelte konnte sie ihn nicht wirklich begreifen. Atemlos wurde sie Zeuge wie der mächtige Turm in Trümmer zersprang und das allsehende und unheilverkündende Auge mit sich in die Tiefe riss. Wie ein verglühender Stern flammte es im schwarzen Himmel Mordors ein letztes Mal auf bevor er plötzlich mit einem ohrenbetäubenden Knall zerbarst.

Amárie zuckte erschrocken zusammen, während überall um sie herum Jubel ausbrach. Fassungslose, freudige Schreie des Sieges mischten sich mit den angsterfüllten Stimmen ihrer Gegner. Doch sie selbst konnte sich nicht von dem Spektakel vor ihren Augen losreißen. Eine gigantische schwarze Welle aus Staub und Trümmern schnellte plötzlich auf sie zu, der Boden begann zu beben und sich aufzutun und verschlang unerbittlich alles was sich auf ihm befand.

Das Herr Mordors, sogar das schwarze Tor, einfach alles wurde mit in die Tiefe gerissen und Amárie konnte erneut die Panik in sich aufsteigen fü Beben würde auch sie verschlingen! Sie wollte fortlaufen, doch ihre Beine waren wie festgefroren.

Eine kräftige Hand fuhr auf ihrer Schulter nieder und Amárie zuckte so stark zusammen das sich ihre gebrochen Rippe erneut in ihre Lunge bohrte.

„Aragorn!"

„Er hat es geschafft!"

Für den Moment von dem Grund ihrer Panik abgelenkt blickte sie ihn an. Sein Gesicht war müde und fassungslos. Wahrscheinlich konnte er nicht glauben das sein verrückter Plan tatsächlich funktioniert hatte. Nun, da war er nicht der einzige!

Lautes Getose richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Schicksalsberg, der in Flammen dastand und Geröllbrocken durch die Luft schoss und dabei Nazgûl und Reiter wie Fliegen vom Himmel holte. Und plötzlich in einem letzten gigantischen Aufbeben explodierte der Berg.

Die Jubelschreie ließen nach, als allen nach und nach klar wurde das der der ihnen zum Sieg verholfen hatte dabei auch sein Leben gelassen hatte.

Amárie konnte nicht behaupten das sie den kleinen Halbling kannte, doch sein Mut und seine Tapferkeit forderten ihren Respekt und sie bedauerte seinen Tod.

Es war in dieser andächtigen Stille das sie den Hilferuf zu ihrer rechten hörte.

...lft mir! Der König, der König ist getroffen!" Es befanden sich nur zwei Könige auf diesem Schlachtfeld, und einer von ihnen stand gesund und munter neben ihr was nur bedeuten konnte...

„Nein!" Aragorns Finger gruben sich bei ihrem heiserem Schrei schmerzhaft in ihre Schulter. Amárie war nicht sicher ob er sie vom los rennen abhalten wollte lediglich erschrocken war, doch sie hielt nicht inne um ihn zu fragen. Ohne zu überlegen riss sie sich von ihm los und sprinte los.


Élodain war panisch. Ein Gefühl das ihn in seinem Leben nicht all zu oft begleitet hatte. Doch in diesem Augenblick, als er den beinahe leblosen Körper seines besten Freundes vor sich ausgebreitet sah, vermochte er sie nicht nieder zu kämpfen. Er hatte um Hilfe gerufen doch niemand der Rohirrim die zu ihm geeilt kamen, wusste wie sie ihm helfen sollten.

Sie alle starrten hilflos auf den blutüberströmten Leib ihres Königs und hofften auf ein Wunder. Und ein Wunder wurde ihm gewährt, wie er sich im nach hinein erinnern sollte.

„Macht Platz! Lasst mich durch!"

Die schrille, panische Stimme ließ ihn aufblicken und er fühlte Erleichterung in sich aufwallen, als er Amárie erblickte die sich energisch durch die Reihen der Rohirrim durchkämpfte. Die Waldläuferin sah mitgenommen aus. Blut und Dreck bedeckte ihr Gesicht und verklebte ihr Haar, ihre Rüstung und Kleidung waren beschädigt und die Art wie sie sich bewegte ließ erkennen das sie die Schlacht nicht unbeschadet überstanden hatte.

Éomer's Anblick schien ihr einen heftigen Hieb zu versetzen, denn sie wurde kreidebleich und für eine Sekunde fürchtete Élodain sie würde in Tränen ausbrechen, doch sie fing sich wieder und stolperte auf ihn zu. Ohne all zu viel Eleganz ließ sie sich neben ihm und Éomer auf den Boden fallen. Keuchend drückte sie ihre Hand gegen ihre Rippen und verzog schmerzhaft das Gesicht, doch ihre offensichtlich verletzten Rippen hielten sie nicht davon ab, ihre Hände über Éomers reglosen Körper huschen zu lassen.

„Wie ist das passiert?"

Élodain wollte ihr antworten, doch bevor er auch nur den Mund aufmachen konnte redete sie schon weiter und ihm wurde klar, dass sie nicht wirklich eine Antwort erwartete, sondern zu sich selbst sprach. Ihre Worte wurden zu einem Murmeln und er konnte nur noch Teile verstehen und nichts davon machte Sinn.

Wie konnte..nur...warum...kann es tun...Haldir mir nie verzeihen...dich retten...ich kann das...kann das...werde...retten...bitte, bitte...nicht hassen...dich...kann das..."

„Ich...ich kann ihn retten, aber wir müssen den Bolzen raus ziehen!"

„Was?" Der vollständige Satz überrumpelte ihn und er brauchte einen Moment um zu begreifen das die Worte ihm galten.

„Er wird verbluten, wenn ihr das tut Mädchen!" Brummte einer der Männer um sie herum.

„Aye, das ist Wahnsinn!"

„Ihr werdet ihn töten."

„So wird er die Reise zurück nicht überleben, wenn sie nichts tut wird er ebenfalls sterben!"

Und plötzlich schien jeder eine Weisheit parat zu haben. Élodain ignorierte sie und konzentrierte sich auf die Frau vor ihm. Die Finger ihrer rechten Hand glitten unablässig über Éomer Stirn und Haare, während ihre linke seine Hand ergriffen hatte. Ihre Augen waren vor Angst geweitet und sie biss sich unabwegig auf die Unterlippe die bereits angefangen hatte zu bluten, wenn sie nicht damit beschäftigt war ihm zuzureden.

Es war unschwer zu erkennen das Amárie seinen Freund liebte. Sie würde nichts tun was sein Leben gefährden würde.

„Gut! Sag mir was ich tun soll!"

Seine Unterstützung schien sie ruhiger werden zu lassen und ihr die Kraft zu geben sich zu sammeln. Schließlich nickte sie und holte tief Luft bevor sie das Wort ergriff.

„Helft mir ihn etwas aufzurichten und nehmt ihm so viel von seiner Rüstung ab wie ihr könnt! Ihr -" wandte sie sich an einen der Männer. „Gebt mir eure Tunika und wenn ich es sage zieht ihm Kettenhemd und Rüstung aus!"

„Elodain du kannst sie nicht-!"

„Genug!" Herrschte er die Männer an die scheinbar nichts besseres zu tun hatten als zu schwatzen und tatenlos herum zustehen „Wenn sie sagt sie kann ihn retten, dann glaube ich ihr! Nun tut was sie euch aufgetragen hat!"

Kurze Zeit später lag Éomer gegen Amáries Körper gelehnt. Sie hatte ihre Arme von hinten um ihn geschlungen und blickte über seine Schulter auf seine Wunde hinab.

Ihre gekrümmte Haltung und Éomers schwer gerüstete Gestalt mussten ihre Rippe höllisch pochen lassen, doch sie sagt nichts sondern wartete lediglich darauf er den Bolzen packte und herauszog.

„Ihr seid euch sicher?" Elodain hasste sich dafür das ihn Zweifel überkamen, aber sie blickte ihm fest in die Augen und nickte.

„Ich werde ihn nicht sterben lassen!" Die unerbittlich Wahrheit in ihren Augen gab ihm letztlich die Kraft den Bolzen zu packen und mit einem stillen Gebet auf den Lippen machte er sich daran das Stück Holz das aus dem Leib seines Freundes zu ziehen.

Der Bolzen saß tief und ließ nur widerwillig von seinem Opfer ab. Mit jedem Zentimeter den er gewann sprudelte mehr Blut hervor und Élodain wusste das es Éomers Tod bedeuten würde, wenn Amárie sich nicht mit dem beeilte was sie vor hatte. Mit einem schmatzenden Geräusch riss er den Bolzen schließlich heraus. Hastig drückte er die Tunika in das Loch in Éomers Brust die sich nur noch flach auf und ab bewegte, während sich die anderen beeilten ihrem König Kettenhemd und Rüstung abzunehmen, so das Amárie freien Zugang zu seiner Wunde hatte. Alle Blicke waren gebannt auf die Waldläuferin gerichtet die tief Luft holte und Augen schloss.

„Avo garo, Lothdúlin!"

Die überraschten Blicke aller richteten sich auf den künftigen König von Gondor der sich hastig durch die Reihen der Männer drängte. Was auch immer Amárie vor hatte schien nicht seine Zustimmung zu finden und Élodain fürchtete beinahe er würde sie mit Gewalt davon abhalten wollen.

„Tu das nicht. Lothdúlin bitte -"

Amárie hatte ihre Augen wieder aufgerissen und blickte Aragorn entgegen, doch die Ruhe war von ihr gewichen und in ihrem Blick hatte sich etwas gehetztes eingeschlichen, wie ein Tier das sich in eine Ecke gedrängt fühlte.

„Ich kann nicht...ich kann ihn nicht sterben lassen. Bitte Estel, verlang nicht von mir ihn sterben zu lassen!" Flüsterte sie. „Sag Haldir das es mir leid tut!"

Damit schloss sie erneut die Augen und schlang ihre Arme fester um Éomers Leib.

Élodain wusste nicht so recht was er erwartet hatte, sicher aber nicht das die beiden verschlungenen Gestalten zu schimmern begannen. Zunächst dachte er seine Augen würden ihm einen Streich spielen, doch die überraschten Ausrufe der Männer ließen ihn wissen, dass er nicht den Verstand verloren hatte Es war als wäre Amárie plötzlich in ein warmes Licht getaucht, das sie von innen heraus zu erhellen schien und überall wo sie Éomer berührte schien auch er in das schimmernde Gold gehüllt zu sein.

Es war schön und furchteinflößend zugleich.


Als sie die Augen schloss, spürte sie wir ihr Tränen über die Wangen flossen und drückte ihr Gesicht tief in Éomer Haar. Trotz der langen Reise und der blutigen Schlacht roch es noch immer nach Leder, Pferd und frischen Wind und Amárie spürte, wie der vertraute Geruch all die Anspannung langsam verschwinden ließ.

Statt der schrecklichen Bilder der letzten Stunden und der beißenden Schmerzen in ihrem Inneren ließ sie angenehme Erinnerungen an Éomer in ihren Gedanken aufflackern.

Éomer wie er ihr am Lagerfeuer von den Mearas erzählt hatte. Wie er Feuerfuß im rasenden Galopp neben Nachtschatten hertrieb und wie er gemeinsam mit ihr lachte.

Ein warmes Gefühl begann sich in ihrem Inneren auszubreiten und ließ sie wissen, dass ihre Magie sie nicht im Stich ließ.

Lächelnd erinnerte sie sich an den Abend bevor sie nach Gondor aufgebrochen waren und Kindheitserinnerungen miteinander geteilt hatten. Sein sorgloses Lachen und rauer Humor. Flüchtige Erinnerungen der vergangenen Wochen durchströmten ihren Geist bis sie sich schließlich in Gedanken an ihre gemeinsame Nacht verfing. Sie konnte sie deutlich vor sich sehen. Jedes Lächeln, jede Berührung, jedes zufriedene Seufzen und das überwältigende Gefühl von Vollkommenheit.

Und mit jeder Erinnerung die sie durchströmte konnte sie spüren wie die Wärme in ihrem Inneren sich ausbreitete und wärmer wurde, bis sie schließlich das Gefühl hatte davon erfüllt zu sein. Als würde ein Feuer in ihr brennen das sie mit mit wärmender und zugleich vernichtender Kraft aufzufressen drohte.

Normalerweise, wenn sie ihre Kraft einsetze, war es ein kurzes aufflackern von Licht. So als hätte man eine Kerze angezündet. Dieses Mal jedoch schien sie selbst in Flammen zu stehen. Die Flammen züngelten und leckten an ihr, heilten ihre eigenen Wunden wie auch die des Mannes in ihren Armen und Amárie konnte spüren wie sie schwächer wurde. Doch sie konnte noch nicht aufhören, sie durfte nicht wenn sie Éomer retten wollte.

Und so klammerte sie sich verzweifelt an eine letzte Erinnerung; Éomer schlafend und unverletzt, ein Arm um ihre Taille geschlungen und sein Gesicht in ihrem Haar verborgen während sie ihren Kopf gegen seine Brust gelehnt hatte.

Und wie in jener Nacht war die Erinnerung die letzte bevor sie die einschlummerte, nur dieses Mal würde sie nicht am nächsten Morgen erwachen.

Lächelnd dachte sie das es so besser war. Als sie das letzte Mal die Augen aufgeschlagen hatte war er fort gewesen, so würde sie nicht mitbekommen wenn er sie erneut zurück ließ.

Zufrieden blickte sie dem verschlingenden Licht entgegen und ließ sich fallen.

TBC