Kapitel 10: Schlafen, Träumen und Erwachen

1. Mai 3019 D.Z., Mittagsstunde (Thronsaal von Gondor)

„Et earello Endorenna utúlien. Sinome maruvan ar Hildinyar tenn´ Ambar-metta," wiederholte Aragorn die Worte die schon Elendil einst gesprochen hatte und beendete damit den offiziellen Teil der hastig organisierten Krönungsfeierlichkeiten.

Er war nun König. Nach all den verzweifelten Jahrhunderten saß endlich wieder der rechtmäßige Erbe Isildurs auf dem Thron Gondors. Und das verhängnisvolle Unheil das mit Isildurs Uneinsichtigkeit und Gier begonnen hatte, hatte vor wenigen Tagen vor den Toren Mordors sein endgültiges Ende gefunden. Der Ring war vernichtet und Sauron besiegt.

Zum ersten Mal in seinem Leben war der dunkle Schatten der seit jeher bedrohlich über seinem Leben gelauert hatte verschwunden. Sein Feind war besiegt, sein Erbrecht erfüllt und er konnte nun endlich um die Hand der Frau anhalten die seit dem Tag ihres Kennenlernens sein Herz gefangen genommen hatte.

Doch wahre Freude wollte trotz der feierlichen Stimmung nicht recht in ihm aufwallen. Sein Blick wanderte über die Menge bis er schließlich an dem hochgewachsenen Mann mit der grimmigen Miene hängen blieb. Ein Gefühl von Ärger machte sich in ihm breit, welches er aber schnell und mit fast schuldbewussten Eifer niederkämpfte, bevor er seinen Blick weiter wandern ließ. Èomer traf schließlich kein Schuld.

Die Gesichter der meisten Anwesenden drückte trotz Erschöpfung Freude und Erleichterung aus. Sie alle hatten in den letzten Monaten viel Qual und Leid erleben müssen und es forderte seinen Tribut. Kaum einer unter ihnen hatte nicht Freunde und Familie in den zahlreichen Schlachten verloren und viele hatten sich noch lange nicht von ihren schweren Wunden erholt.

Frodo's Arm war noch immer in eine Schlinge gewickelt und wie die anderen drei Hobbits auch, war er von Schrammen und Erschöpfung gekennzeichnet. Doch alle strahlten unentwegt obwohl ihnen anzusehen war, das sie sich in so erlauchter Gegenwart ein wenig unwohl fühlten.

Gimli und Legolas, unverwüstlich wie sie waren, sah man nur bei genauerer Betrachtung an das auch sie die Schlachten nicht gänzlich unbeschadet überstanden hatten. Aber die feierliche Stimmung ging auch an ihnen nicht vorbei und sie wirkten gelöst und glücklich.

Lady Éowyn stand dicht neben Faramir und auch ohne die verstohlenen Blicke die beide einander zuwarfen, war es unschwer zu erkennen das nicht nur Gondor bald Hochzeit halten würde. Der Anblick der beiden trieb ein Lächeln auf seine Lippen und ließ ihn hoffen.

Auch seine Krönung war ein Symbol der Hoffnung. In gewisser Weise markierte sie einen Wendepunkt im Geschehen aller Dinge. Elend, Hunger und Krieg würden der Vergangenheit angehören und der langersehnte Friede sollte unter seiner Herrschaft endlich Einlass finden.

Aragorn würde sich nach Kräften bemühen seiner neuen Verantwortung gerecht zu werden und Mittelerde zusammen mit den anderen Herrschern in ein goldenes Zeitalter zu führen.

Bis dahin würde es jedoch noch viel zu tun geben. Ihm war bewusst, dass obwohl Sauron und das schwarze Heer geschlagen waren, dunkle Mächte noch immer ihr Unwesen trieben. Aber er glaubte fest daran das sie es gemeinsam schaffen würden.

Er unterdrückte einen Seufzer als Gandalf die Zeremonie beendete und ihn bat sich zu erheben. Wie von selbst wendete sich sein Blick zu dem kleinen Thron zu seiner linken, doch wie der rechte auf dem einmal seine Königin Platz finden würde, war auch dieser leer. Denn die Frau der er zustand war heute nicht unter ihnen. Aber Aragorn hatte darauf bestanden das alle drei Throne aufgestellt wurden wie es einst üblich war und nicht nur der eine auf den Denethor bestanden hatte.

Erneut suchte sein Blick Éomer in der Menge der Anwesenden, doch an der verschlossenen Mine des Königs hatte sich nichts geändert. Er hatte noch auf dem Schlachtfeld das Bewusstsein wieder erlangt und Aragorn erinnerte sich noch gut an den zunächst verwirrten und anschließend entsetzen Blick als er Amárie's leblose Gestalt hinter sich liegen sah. Hastig hatte er sie an sich gezogen und versuchte sie wach zu rütteln während er sie nach Verletzungen absuchte. Vergeblich wie Aragorn wusste.

Das aufgeregte Geschwätz der Männer, die mit weit aufgerissen Augen und kindlicher Faszination berichten was passiert war hatten ihn lediglich verwirrt. Hilfesuchend war Éomer's Blick zu ihm gewandert während seine Hände unablässig über den regungslosen Körper in seinem Schoß huschten.

Aragorn hatte versucht Amáries Gabe zu erklären so gut er konnte und mit jedem Wort hatte das Entsetzen in Éomer Augen zugenommen.

Wird sie wieder aufwachen?" Langes Schweigen war sein Antwort gewesen bis Rohans König schließlich aufgestanden war, Amárie fest in seinen Armen. Sein Gesicht hatte sich zu einer ausdruckslosen Miene verschlossen, die er seit dem verlassen des Schlachtfeldes nicht mehr abgelegt hatte.

Éomer hatte nicht geduldet das ein anderer sie berührte. Mehr als einer hatte ihm angeboten sie für eine Weile vor sich auf dem Pferd zu tragen, doch der Pferdeherr hatte jedes Mal entschieden mit dem Kopf geschüttelt und sie enger an sich gedrückt. Selbst als sie die Tore Gondors durchschritten und sie gemeinsam die Heilenden Häuser aufsuchten, war er nur widerwillig bereit gewesen die junge Frau in seinen Armen einen Heiler zu übergeben. Aber niemand hatte ihn jedoch dazu bringen können von ihrer Seite zu weichen. Drei Tage und Nächte hatte er stumm neben ihrem Bett gesessen und ihre Hand gehalten, wenn Aragorn den geschwätzigen Heilern glauben durfte.

Doch als König hatte er Pflichten die er nicht ignorieren konnte und schon bald war er gezwungen gewesen die Heilenden Häuser zu verlassen. Doch war es hinter vorgehaltener Hand kein Geheimnis das Rohans Herrscher sich nachts an das Bett der regungslosen Waldläuferin schlich und dort verweilte bis die Morgensonne ihn erneut an seine Pflichten als König erinnerte.

Hätte Amárie heute an seiner Seite weilen können wäre sie ebenso wie er mit ihren Titeln benannt worden. Aragorn schauderte vor dem Klatsch den die Leute sich erzählen würden, wenn man wusste wer sie war. Nach hunderten von Jahren waren sie zwar nicht mehr tatsächlich miteinander verwand, aber da er gedachte sie offiziell in seine Sippschaft aufzunehmen würde sie den gleichen Rang bekleiden wie eine Schwester es täte. Eine Prinzessin Gondors.

Und als solche würde es Éomer möglich sein um ihre Hand anzuhalten...sollte sie je aus ihrem Schlaf erwachen.


18. - 27 . Mai 3019D.Z. (Heilende Häuser in Gondor)

Amárie wusste nicht wie lange sie in dem weißen Licht gefangen gewesen war, bis es plötzlich begonnen hatte schwächer zu werden und dann, mit einem Mal, war es ganz verschwunden. Dunkelheit hatte seinen Platz eingenommen und Amárie hatte sie mit einem erleichterten Seufzen willkommen geheißen und war erschöpft eingeschlafen.

Doch nur Minuten später wie ihr schien, war das Licht zurück gewesen. Nicht so gewaltig und blendend wie zuvor, aber hell und wärmend. Es schien sie zu necken und spielerisch aus ihrem wohlverdienten Schlaf locken zu wollen und tanzte munter auf ihren geschlossenen Lidern herum.

Widerwillig blinzelte sie und versuchte ihr Gesicht von der Helligkeit abzuwenden, doch ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen. Ihre Glieder fühlten sich an wie Blei und rührten sich keinen Zentimeter. Frustriert versuchte sie es erneut, doch nach einer Weile musste sie schließlich einsehen, dass es hoffnungslos war. Statt dem Licht auszuweichen versuchte sie stattdessen seinem Drängen nachzugeben. Mühselig und ein wenig schwerfällig schaffte es sie es ihre Augenlieder zu öffnen nur um sie einen Augenblick später hastig wieder zu schließen, da das Licht ihren Augen schmerzte. Doch nun da sie es einmal geschafft hatte, wollte sie nicht aufgeben und versuchte es erneut. Beim vierten Mal gelang es ihr schließlich ihre Augen lang genug geöffnet zu halten um zu erkennen das das Licht das sie umgab die Mittagssonne war die durch das Fenster hinein brach, bevor ihre Erschöpfung sie erneut einschließen ließ.

Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug war es dunkler, aber es drang immer noch genügend Sonne durch das Fenster um zu erkennen, das sie sich in einem fremden Zimmer befand. Auf einem Bett. Das war alles was sie wahrnahm bevor die Welt für sie erneut dunkel wurde.

Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Mal war das Zimmer lichtdurchflutet und mal so dunkel das sie sich nicht sicher sein konnte ob sie wirklich wach war. Und obwohl sie mit jedem Mal die Augen länger offen halten konnte wurden sie am Ende wieder schwer und sie war machtlos dagegen anzukämpfen.

Amárie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, aber als sie das nächste Mal die Augen aufschlug war die bleierne Schwere die ihre Glieder gefangen genommen hatte verschwunden. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl das ihre Arme und Beine wieder ihren Befehlen gehorchten. Es kostete sie keine unermüdliche Anstrengung die Augen geöffnet zu halten und das warme Licht der Morgensonne schmerze nicht länger.

„Ihr seid wach Herrin!" Der erstaunte Ausruf zu ihrer rechten ließ ihren Kopf zur Seite wirbeln. Die ruckartige Bewegung ließ sie schwarze Punkte vor Augen sehen und es dauerte eine Weile bis der Schwindel verschwunden war. Doch die Unbekannte, eine rundliche rothaarige Frau in älteren Jahren, schien in ihrer Aufregung kaum etwas davon mitzubekommen und plapperte munter fort.

„...geglaubt. Ich werde umgehend nach dem König schicken lassen. Er hat darauf bestanden unterrichtet zu werden sobald sich euer zustand verändert."

Éomer? Er lebte also. Erleichterung durchströmte sie bei dem Gedanken das ihr verzweifelter Versuch ihm das Leben zu retten geklappt hatte. Sie wollte den Mund öffnen um nach ihm zu fragen, doch alles was ihrer trockenen Kehle entwich war ein röchelndes Krächzten.

„Oh wo bin ich mit meinen Gedanken," rasch eilte die fremde Frau an ihre Seite und füllte Wasser in einen Becher aus einem Krug der der unweit ihres Bettes auf einen Tischchen stand. „Hier trinkt." Ohne ihre Zustimmung abzuwarten drückte sie Amárie den Becher gegen die Lippen und flößte ihr das kühle Nass ein. Amárie hätte nicht gedacht das ein paar Tropfen abgestandenes Wasser süßer schmecken konnten als der beste Elfenwein, aber in diesem Augenblick dachte sie sie hätte nie etwas köstlicheres probiert. Gierig trank sie in großen Zügen und fing prompt an zu Husten, da ihre vertrocknete Kehle solche Massen nicht mehr gewohnt waren.

Hustend setzte sie sich im Bett auf und musste gleich darauf wieder gegen den Schwindel ankämpfen.

„Vorsicht, Vorsicht. Nicht gleich so hastig." Tadelte die Unbekannte und klopfte ihr leicht auf den Rücken. „Nach all der Zeit muss sich euer Körper erst einmal wieder an Nahrung und Trank gewöhnen."

Nach all der Zeit? Wie viel Zeit war vergangen seit sie eingeschlafen war?

„Tag?" Krächzte sie heiser. „Welcher Tag ist heute?"

„Oh Kind, macht euch um solche Nichtigkeiten keine Gedanken. Wichtig ist jetzt erst einmal das ihr wieder zu Kräften kommt. Der König wird erfreut sein zu hören, das ihr erwacht seid."

„Éomer..." Murmelte sie leise aber nicht ohne ein zufriedenes Seufzen bei dem Gedanken ihn bald wieder zu sehen. Amárie war so in ihrer eigenen Welt versunken das sie einen Moment braucht um die Veränderung auf dem Gesicht der Frau zu bemerken. Der mütterliche Ausdruck war plötzlich verschwunden und eine merkwürdig Mischung aus Mitleid und Neugierde hatte sich auf ihren Zügen breit gemacht.

„Aber nein, ich spreche von dem Herrn Aragorn, dem König Gondors. Rohans König ist unlängst wieder in seine Heimat aufgebrochen."

Eine Ohrschelle hätte sie nicht schmerzhafter treffen können als die unerwarteten Worte. Éomer war in Rohan? Aragorn König? Und sie? Wo genau befand sie sich und wie viel Zeit war überhaupt vergangen?

„Welcher Tag ist heute?" Fragte sie scharf. Die Frau machte erneut Anstalten ihrer Frage auszuweichen, aber Amárie hatte keine Geduld für dergleichen. Mit Nachdruck umfasste sie die das Handgelenk der Rothaarigen und blickte ihr starr in die Augen bevor sie ihre Frage wiederholte. „Der heutige Tag! Welcher ist es und wie viel Zeit ist seit der Schlacht am schwarzen Tor vergangen?"

Amárie hatte fast ein schlechtes Gewissen als sie in die weit aufgerissen blauen Augen starrte, doch sie brauchte eine Antwort. Natürlich hätte sie wissen sollen, das die die sie bekam ihr keineswegs gefallen würde.

„Zwei Monde sind vergangen seit das dunkle Heer besiegt wurde."

Als sie dieses Mal vom Schwindel ergriffen wurde ließ sie sich langsam wieder gegen die weichen Leinenkissen ihrem Rücken sinken, sie versuchte mit aller Kraft gegen den Schlaf anzukämpfen der sie erneut in sein Reich locken wollte, doch sie war ebenso machtlos wie zuvor.


Aragorn fühlte sich extrem unwohl unter dem stechenden Blick Amáries. Ein feiner König war er der sich mehr vor dem giftigen Blick seiner Verwandten fürchtete als vor einer Horde Orks. Allerdings wusste er auch was die Frau vor ihm mit einer Horde Orks anzustellen zu vermochte und so war es sicherlich nicht die schlechteste Idee ihr hitziges Gemüt zu beruhigen.

„Amárie, es ist nur für ein paar Tage bis du wieder zu Kräften kommst." Seiner Meinung nach würde es mehr als nur ein paar Tage dauern bis sie sich erholt hatte, aber er hütete sich ihr das mitzuteilen. Die zehrenden Reisen und blutigen Kämpfe hatten ihren Tribut von jedem gefordert, aber die zwei Monate die sie beinahe regungslos in den Heilenden Häusern verbracht hatte, hatten auch noch an ihren letzten Kraftreserven genagt.

Ihre ohnehin blasse Haut, war bleicher denn je, ihre Wangen eingefallen und das intensive Grün ihrer Augen wirkte fast magisch auf jeden der sie anssah. Amáries schlanker, athletischer Körper war kraftlos und sie wirkte klein und der Energie die sie sonst so unablässig zu versprühen schien war wenig geblieben. Aber Aragorn wusste das der Eindruck täuschte. In ihr steckte immer noch genügend Feuer um ihren müden Körper zu trotzen und doch wäre es das beste für sie wenn sie zumindest versuchen würde sich zu schonen.

„Es geht mir gut Aragorn, ich bin lediglich ein wenig wackelig auf den Beinen."

Dieses Mal war er es der sie streng ansah. Trotz ihrem verbissenem Bemühen war sie kaum in der Lage aufzustehen ohne gleich von einem Schwindelanfall überwältigt zu werden. Etwas das sie genauso gut wusste wie er selbst, sie war lediglich zu stolz es sich ein zu gestehen. Und stur genug es gleich wieder und wieder aufs neue zu versuchen. Die Waldläuferin war noch nie gut gewesen sich irgendwelche Schwächen einzugestehen unabhängig davon ob sie etwas dafür konnte oder nicht.

Er war sich nicht einmal sicher, warum sie es so eilig hatte aus den Heilenden Häusern zu flüchten. Zunächst hatte er gedacht das sie vielleicht nach Rohan aufbrechen wollte um Éomer zu folgen, der widerwillig in seine Heimat hatte zurück kehren müssen, nicht zuletzt um seinen Onkel beizusetzen. Doch jedes Mal wenn er auf den König zu sprechen kam, verzog sich ihr Mund in eine dünne harte Linie und sie wechselte das Thema.

Er tat ihr den gefallen, auch wenn seine Neugierde gerne mehr über sie und den König herausgefunden hätte. Stattdessen berichtete er ihr von den Dingen die sich ereignet hatten nachdem sie ihr Bewusstsein verloren hatte. Von den unzähligen Toten und Verletzten, der mühsamen Reise zurück nach Minath Tirith über Frodos spektakuläre Rettung und Genesung wie auch über seine Krönung vor ein paar Wochen. Auch seine Pläne die ihre eigene Person betrafen wie Titel und Pflichten schilderte er ihr. Doch all das schien sie nur milde zu interessieren. Das einzige das ihre Aufmerksamkeit weckte und ein lächeln auf ihre Lippen brachte war die Nachricht das Galadriel samt ihrem Gefolge aufgebrochen war und schon in wenigen Wochen in Gondor erwartet wurde.

Er selbst konnte es kaum erwarten das die Elben in seiner Stadt eintrafen, es war jedoch Arwen deren Wiedersehen er ersehnte und weniger das der Herrin Lothlóriens. Es war ihm als wäre ein ganzes Leben vergangen seit er sie das letzte Mal von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. Woanders als in seinen Träumen hieß das. Bitter stellte er fest das einmal mehr über ein dutzend Jahre verstrichen waren seit er sie zuletzt in den Armen gehalten hatte.

Wie konnte Amárie so bekümmert und deprimiert über ein paar Tage sein die Éomer nicht an ihrer Seite sein konnte, wo er doch Jahre ausharren musste um Arwen zu sehen? Unmut und Ärger machten sich mit einem Mal in ihm breit und er war fast versucht sie daran zu erinnern, doch er hielt sich zurück. Es ging ihn schließlich nichts an und zudem war er nicht einmal sicher ob der Pferdeherr schuld an ihrer bedrückten Stimmung war oder ob es Nachwirkungen ihrer überbelasteten Heilkräfte waren. Etwas das ihm nun da er darüber nachdachte viel wahrscheinlicher schien.

„Bis deine Beine," er betonte das Wort neckend und grinste sie an, „zur alten Stärke zurück gefunden haben, solltest du vielleicht in Betracht ziehen dich ein wenig auszuruhen. Wenn du wünscht lass ich dir deine Gemächer im Palast herrichten. Solange du das Bett hütest, ist es wohl gleich wo es steht."

Ihr giftiger Blick ging in ihrem bleichen, von Anstrengung gezeichneten, Gesicht beinahe unter. Sie öffnete den Mund, wahrscheinlich um zu widersprechen, doch noch bevor sie einen Ton von sich geben konnte begann sie gefährlich zu schwanken. Widerwillig war sie gezwungen sich auf das Bett niedersinken zu lassen. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf gegen das weiche Kissen und seufzte resigniert. Offensichtlich konnte sie einsehen das sie geschlagen war.

„Also gut," murmelte sie und noch bevor er etwas erwidern konnte war sie erneut eingeschlafen.


20. Juni 3019 D.Z. Minas Tirith, Amáries Gemächer (früher Morgen)

Der beißende Geruch von frisch Erbrochenem stieg ihr in die Nase und Amárie musste sich schwer zusammenreißen sich nicht gleich noch einmal zu übergeben. Schwer atmend lehnte sie sich zurück und schob den hölzernen Eimer so weit von sich fort wie sie konnte. Sie fühlte sich so schwach und ausgezehrt wie zu dem Zeitpunkt an dem sie erwacht war. Ihr feuchtes Haar klebte unangenehm in ihrem Gesicht und sie brauchte nicht in einen Spiegel zu blicken um zu wissen das sie eine ungesunde Blässe zur Schau trug. Mit letzter Kraft kämpfte sie gegen den Schwindel an und griff nach der Schale Wasser die sie vorsorglich am letzten Abend auf dem Boden platziert hatte.

Es war nicht das erste Mal das sie Morgens gleich nach dem Aufwachen ihren Mageninhalt auf dem Boden verteilte. Vor zehn Tagen, als ihre Füße das Bett noch nicht einmal verlassen hatten, hatte sich ihr plötzlich der Magen umgedreht und sie hatte es nur in aller letzter Sekunde geschafft die leere Waschschüssel zu ergreifen.

Es war ihr so peinlich gewesen, dass sie den ekelhaften Inhalt entfernt hatte bevor eins der Mädchen die ihr morgens ihre Mahlzeiten brachten und sich um ihre Kleider kümmerten, etwas davon mitbekam.

In den letzten Wochen hatte sie sich gut erholt. Bettruhe, reichhaltige Mahlzeiten und nach und nach kleine Spaziergänge an der frischen Sommerluft hatten sie wieder zu Kräften gebracht. Zwar hatte sie noch nicht zu ihrer alten Form zurück gefunden und an einigen Tage fühlte sie sich noch immer ein wenig wackelig auf den Beinen, aber sie befand sich auf einen guten Weg.

Wegen ihrer gelegentlichen Rückfälle hatte sie dem peinlichen Zwischenfall nicht all zu viel Bedeutung beigemessen. Doch schon am nächsten Morgen hatte sich das gleiche Spiel ereignet und schon bald war es zu einem unschönen Morgenritual geworden. Die ersten vier Tage hatte sie sich ihren empfindlichen Magen nicht erklären können, oder vielleicht war sie auch einfach nur ignorant gewesen und hatte es nicht wahrhaben wollen. Aber nach einiger Zeit war es unmöglich gewesen die nagende Stimme in ihrem Kopf zu überhören die ihr mitteilte das sie den Grund für ihre morgendliche Übelkeit ganz genau kannte.

Sie war schwanger.

Schwanger! Allein der Gedanke ließ eine neue Welle von Übelkeit und Angst in ihr hochsteigen und dieses Mal war sie nicht in der Lage dagegen anzukämpfen.

„Amárie?"

Die zögerliche Stimme hinter ihr ließ sie entsetzt den Kopf herumreißen und Amárie wusste nicht ob sie schreien oder weinen sollte als sie niemand anderen als Éowyn in ihrer Tür stehen sah.

Schöner noch als Amárie sie in Erinnerung hatte mit goldglänzendem Haar und einem grünen Kleid das sich ihrem markellosem Körper perfekt anschmiegte. Aber vielleicht empfand sie das auch nur so, da sie sich ihrer eigenen nicht sehr schmeichelhaften Situation bewusst war.

Während Éowyn ein maßgeschneidertes Kleid trug war sie nur in ein dünnes Leinennachthemd gekleidet das ebenso wie ihre Haare schweißgetränkt an ihr klebte. Nach über einer Woche Kampf mit ihrem Magen hatte sie erneut einiges an Körpermasse verloren und war dünner als ihr guttat. Zusammen mit den Strapazen ihrer Genesung war das wahrscheinlich auch der Grund warum ihr niemand ihre Kondition ansah.

„Amárie geht es euch nicht gut?" Éowyns formale Anrede führte nur dazu das sie sich noch unwohler fühlte als sie die Situation ohnehin schon machte. „Man hat mir versichert ihr würdet euch auf dem Weg der Besserung befinden." Im nächsten Moment war sie an ihrer Seite getreten und Amárie konnte auf ihrem hübschen Gesicht nichts als Sorge erkennen. Sie hätte es der jungen Frau nicht übel genommen, wenn sie die Nase gerümpft hätte.

Éowyns Blick huschte von den Überresten ihres Abendbrots zurück zu ihrem Gesicht und schließlich zu ihrem Bauch den sie, wie sie nun erst bemerkte, fest umklammert hielt. Die Frau an ihrer Seite braucht nicht lange um zwei und zwei zusammen zu zählen und der besorgte Ausdruck auf ihrem Gesicht wich Überraschung und dann machte sich zu Amáries größter Überraschung ein breites Lächeln auf ihren Lippen breit.

„Oh ich wusste das mein sturer Bruder früher oder später zu Besinnung kommen würde was euch angeht!" Rief sie erfreut und klatschte entzückt in die Hände. „Ich bin sicher er wird begeistert sein, wenn -"

„Nein!" Amáries panikartiger Ausruf brachte die strahlende Frau abrupt zum Schweigen. Beim Gedanken an Éomers Reaktion auf ihren Zustand breitete sich blankes Entsetzen in ihr aus. Sie hatte keine Ahnung wieso Éowyn glaubte ihr Bruder würde in Jubelschreie ausbrechen, wenn er davon erfuhr aber sie zweifelte stark daran.

Er war König, kein dahergelaufener Bauer der das nächstbeste Mädchen schwängern und mit ihr zusammen glücklich bis in alle Ewigkeit leben konnte. Auch wenn ihre neuen Titel ihr eine gewisse Stellung in der adeligen Gesellschaft verschafften, blieb doch die Tatsache das sie schwanger und nicht verheiratet war. Wie würde er dastehen wenn es heraus kam? Sollte er solch ein Kind als seinen Erben anerkennen?

Sie wusste ja nicht einmal wie er zu ihr stand. Ihrer gemeinsame Nacht war ein kühles Erwachen gefolgt. Offensichtlich hatte er ihr Bett am nächsten Morgen nicht schnell genug verlassen können und anschließend hatte sie nur wenig von ihm zu Gesicht bekommen bis sie ihn schließlich halbtot auf dem Schlachtfeld gefunden hatte.

Es waren ihre verräterischen Gefühle gewesen die sie dazu gebracht hatten ihn zu heilen. Sie ertrug den Gedanken nicht ihn sterben zu sehen und hatte lieber ihr eigenes Leben riskiert, als seines aus ihren Händen gleiten zu sehen. Amárie hatte nicht erwartet je wieder aufzuwachen, aber tief in ihrem Inneren hatte sie darauf gehofft das wenn es so wäre Éomers Gesicht das erste sein würde das sie sah.

Vielleicht war es selbstsüchtig und unfair von ihr. Schließlich war er König und hatte Pflichten zu erfüllen und Untertanen um die er sich kümmern musste. Aber war ihm ihr Opfer wirklich so gleichgültig das er sie nicht einmal eines einzigen Wortes bedachte?

Wann war sie so jämmerlich geworden fragte sie sich? Schwach und schmutzig nur in einem Nachthemd bekleidet auf den Knien über einer Waschschüssel. Mit Tränen in den Augen über einen Mann dem sie vollkommen egal war.

„Ihr seid nicht jämmerlich. Und wie kommt ihr auf die verrückte Idee ihr wäret meinem Bruder vollkommen egal nach alldem was er getan hat?"

Nach allem was er getan hatte? Amárie sah sie verständnislos an.

„Ich glaube," sagte Éowyn bedächtig „wir sollten uns einmal unterhalten. Nachdem ihr gebadet und etwas gegessen habt." Der Ton in ihrer Stimme war so endgültig das Amárie wusste das es zwecklos sein würde mit ihr zu diskutieren.


Éowyn starrte schweigend auf die hübsche Frau vor sich, die widerwillig ihre Suppe löffelte. Das letzte Mal hatte sie die Waldläuferin kurz vor der Schlacht auf den Pelennor Feldern gesehen, als sie Éomers Zelt verlassen hatte. Sie erinnerte sich noch gut an den Ausdruck auf seinem Gesicht und das sie sich gewünscht hatte, Amárie möge ihm nicht das Herz brechen. Doch so wie sie die Dinge vor sich liegen sah war wohl ihr Bruder der Herzensbrecher.

Amárie hatte sich verändert seit ihrer letzten Begegnung. Die vergangenen Schlachten, langen Reisen und nicht zuletzt ihr magisches Talent das ihrem Bruder nach allem was sie gehört hatte das Leben gerettet hatte, mussten an ihren Kraftreserven gezehrt haben. Und auch wenn Aragorn's Köche und Heiler offenbar ihr bestes getan hatten, sah man ihr noch immer die Strapazen der vergangenen Monate an.

Sie war dünner als gesund war und ihr fehlte die Energie die sie so an der Frau bewundert hatte, die furchtlos in jeder Schlacht an der Seite ihres Bruders gekämpft hatte. Auch waren dunkle Ringe unter ihren Augen zu erkennen und ihr rabenschwarzes Haar misste den Glanz der ihm sonst so eigen war.

Éowyn macht sich jedoch nicht all zu große Sorgen, sie war sich sicher das Amáries Schwangerschaft ein Teil der Schuld zukam. Sie hatte genug Schwangere erlebt um zu wissen das die ersten Monate für manche Frauen sehr unangenehm sein konnten. Übelkeit, Müdigkeit und gereizte Nerven waren nicht ungewöhnlich, aber in der Regel legte sich das nach ein paar Wochen wieder. Doch das mangelnde Feuer und Temperament das die Frau normalerweise ausmachte missfiel ihr mehr als sie zugeben mochte. Was genau hatte ihr Esel von Bruder getan um sie glauben zu lassen das sie ihm egal war?

Bereits bei ihrer ersten Begegnung mit der Waldläuferin in den Hallen Meduseld hatte Éowyn nicht übersehen können, dass Amárie das Interesse ihres Bruders geweckt hatte. Den ganzen Abend über hatte sie beobachtet wie Éomer flüchtige Blicke in ihre Richtung warf und versuchte sich möglichst in ihrer Nähe aufzuhalten. Sie hatte die anderen Männer reden gehört und schmunzelnd gelauscht als sie sich lachend von den hitzigen Wortgefechten erzählten die sich die beiden Streithähne seit dem Tag ihres Kennenlernens geliefert hatten. Später dann im Hargtal war ihr klar geworden das er sie nicht nur begehrte sondern offensichtlich auch bewunderte und ihre Fähigkeiten mit der Waffe zu schätzen wusste. Sie konnte die Momente an denen ihr Bruder ein Lob ausgesprochen hatte an einer Hand abzählen.

Aber erst als sie Éomer in die Heilenden Häuser hatte kommen sehen, Amárie reglos in seinen Armen, war ihr klar geworden das ihr Bruder diese Frau liebte. Die Art und Weise wie er sie an sich presste und der wilde Ausdruck der sein Gesicht überflog als ein Heiler herbei eilte um die bewusstlose Frau aus seinen Armen zu nehmen hatten ihr das verraten. Nur ein Blinder hätte seine Gefühle übersehen können als er sich Tagelang weigerte von ihrer Seite zu weichen oder ihre Hand loszulassen.

Auch wenn Amárie es offensichtlich nicht glaubte, wusste Éowyn das ihr Bruder sich über das Kind freuen würde. Die Umstände waren vielleicht nicht ideal aber vermutlich brauchte Éomer einen Anstoß wie diesen um endlich zur Tat zur schreiten. Ihr Bruder war ein Krieger, glücklich auf dem Rücken seines Pferdes und einem Speer in der Hand aber tief in seinem Inneren das wusste sie sehnte er sich nach einer Familie.

Ihr Onkel hatte seinem Neffen ebenso wie Théodred von klein auf daran erinnert das ihre Titel und Stellung viele Neider und Elsternanziehen würde, die lediglich auf ihr Geld und ihren Einfluss aus waren. Ihr Bruder wie auch ihr Cousin hatten beide schmerzhaft herausfinden müssen, dass besonders Frauen vor nichts zurück schreckten um ihre Ziele zu erreichen. Jeder von ihnen war der ein oder anderen ambitionierten geldgierigen Schönheit auf dem Leim gegangen.

Um so vorsichtiger und verschlossener waren sie danach geworden und hatten sich mehr denn je in Kämpfe und Abenteuer gestürzt. Aber Éowyn kannte ihren Bruder und konnte hinter den griesgrämigen und abfälligen Blicken oft eine Spur von Neid erkennen, wenn ein anderer seiner Männer sich verlobte oder seine Braut zum Altar führte. Hinter der rauen Schale mit der er sich umgab steckte ein Mann der einmal ein wunderbarer Ehemann und Vater sein würde.

Amárie konnte sich glücklich schätzen.

Und Éowyn schätzte das Éomer als auch Rohan sich glücklich über sie schätzen konnten. Sie wusste ihrem Bruder die Stirn zu bieten, aber auch wann es an der Zeit war nachzugeben. Sie war eigensinnig und unabhängig und doch und doch treu und loyal. Und obwohl sie fest davon überzeugt war das Éomer sich von ihr abgewandt hatte, hatte sie nicht gezögert ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen um seines zu retten.

Éomer und Rohan konnte sich glücklich schätzen eine Königin wie sie zu bekommen.

Aber wie es schien war sowohl ihr Bruder wie auch ihr Volk von dem Erfolg ihrer Überzeugungskünste abhängig. Es kam ihr vor als würde sie sich zu einem Kampf rüsten, als sie in Amáries störrische Augen sah. Sie konnte jetzt schon erahnen das die dunkelhaarige Frau sich nicht leicht geschlagen geben würde. Aber sie war eine Schildmaid Rohans und hatte noch vor keinem Kampf zurück geschreckt!

TBC