Kapitel 11: Ungekrönte Königin
20. Juni 3019 D.Z., Edoras (später Abend)
Mit Schwung ließ Éomer die Tür zu seinen Gemächern hinter sich ins Schloss fallen und überlegte ob er einen Stuhl unter die Klinke schieben sollte. Nur für den Fall das jemand auf die Idee kommen würde ihn, trotz anders lautender Anweisungen, zu stören. Letztlich entschied er sich dagegen. Es war zweifelhaft das irgendeiner seiner Männer ihn aufsuchen würde, sollte es sich nicht um etwas ausgesprochen wichtiges handeln. Seine Stimmung war selten schlechter gewesen, selbst Élodain der für seine grimmige Art selten mehr als eine hochgezogene Augenbraue übrig hatte, mied ihn. Doch er hatte weder den Willen noch die Energie seine Laune zu verbergen. Er war müde, überlastet und frustriert.
Ohne großartig darauf zu achten wo was landete macht er sich daran seine Kleider abzulegen und ließ sich schließlich nur in einer einfachen Tunika bekleidet aufs Bett fallen. Seine Augen waren schon halb geschlossen bevor er mit dem Kopf auf dem weichen Kissen landete.
Seit seiner Rückkehr nach Rohan hatte er kaum eine Minute Zeit zum ausruhen gefunden. Von dem Moment an in der er durch das Stadttor geritten war, war er von einem Ansturm von Aufgaben, Pflichten und Bitten übermannt worden.
Obwohl viele der Einwohner Rohans nach der erfolgreichen Schlacht am Klamm wieder in die Stadt zurück gekehrt waren, gab es doch noch immer einiges zu tun. Die randalierenden Horden der Orks hatten mehr Schaden angerichtet als man zunächst vermutet hatte und noch immer wurde die ein oder andere Gruppe Grünhäute um die Stadt herum gesichtet. Obwohl Sauron geschlagen war, stellten seine dunklen Diener noch immer eine Gefahr für die Menschen Rohans da.
Es war ihm zugefallen Such- und Wachgruppen abzukommandieren, zu entschieden wo mit der Arbeit in der Stadt begonnen werden sollte, die knapp gewordene Nahrung einzuteilen und das Leben in Edoras möglichst bald wieder zum gewohnten Alltag zurück zu führen. Daneben hatte er sich um die Beisetzung seines Onkels kümmern müssen.
Éowyn hatte ihn zurück in die Heimat begleitet und ihn nach besten Möglichkeiten unterstützt. Zwar hätte er sie am liebsten ruhend in einem Bett gesehen, aber seine sturköpfige Schwester bestand darauf das sie sich bereits wieder bei bester Gesundheit befand und ließ sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Und im Stillen war er über ihre Hilfe erleichtert gewesen.
Vor wenigen Tagen aber, nachdem ein Bote ihnen die Nachricht über Amáries Erwachen überbracht hatte, war sie erneut nach Gondor aufgebrochen so wie er selbst es auch gerne getan hätte. Doch die derzeitige Lage in Edoras machte es ihm unmöglich die Stadt zu verlassen. Zudem hatten sich hohe Gäste aus Lórien für den morgigen Tag angekündigt die er durch seine Abwesenheit zweifelsfrei beleidigt hätte.
Seufzend drehte er sich auf dem Bett herum und suchte eine bequemere Lage zum schlafen. Doch obwohl sein Körper den Schlaf nur all zu sehr willkommen geheißen hätte, hielt ihn sein Verstand weiterhin wach. Nun da er endlich einmal für sich allein war und sich nicht auf das ein oder andere Problem konzentrieren musste, hatten seine Gedanken Zeit sich auf das zu konzentrieren was er seit Wochen versuchte nicht näher zu ergründen: Seine Gefühle für Amárie.
Er war kein Mann der sein Gefühle offen zur Schau trug und selbst in der Abgeschiedenheit seiner Gemächer fiel es ihm schwer ehrlich mit sich selbst zu sein was sie betraf.
Bei ihrer ersten Begegnung hatte er ihr misstraut und sich keine große Mühe gegeben das zu verheimlichen. Er war harsch und ungerecht zu ihr gewesen, doch war es nichts persönliches gewesen. Unter den damaligen Umständen hätte er jeden Fremden auf diese Art und Weise behandelt. Mit der Zeit jedoch hatte er Respekt für sie entwickelt. Sie verstand es zu kämpfen, versorgte anstandslos die Wunden seiner Männer und zeterte nicht wenn man ihr Aufgaben zuwies. Ihre furchtlose und starrköpfige Art ihm die Stirn zu bieten, wann immer sich die Gelegenheit dafür bot hasste und bewunderte er zugleich. Éomer wusste nicht recht wann aus dem Respekt schließlich Vertrauen und Wertschätzung gewachsenen waren, aber er wusste ohne den geringsten Zweifel das er sich auf sie verlassen konnte. Müsste er jemanden bestimmen der ihm in der Schlacht den Rücken freihalten sollte, so würde er ohne zu Zögern auf Amárie zeigen. Selbst Elodain und Théodred, wäre er noch am Leben, schenkte er nicht solch blindes Vertrauen wie dieser Frau. Aber auch niemand sonst weckte so eine Flut verwirrender Gefühle in ihm.
Es behagte ihm nicht, war er doch stets darauf bedacht alles im Griff zu haben. Chaos missfiel ihm prinzipiell. Dabei spielte es keine Rolle ob sich das Chaos um ihn herum oder in ihm abspielte, er würde immer versuchen seiner Herr zu werden, die Dinge zu ordnen und sie zu ergründen. In seinem Kopf herrschte stets ein Schlachtplan. Kühl, logisch und strategisch ging er ein Problem an und löste es.
Mit Gefühlen schien diese Methode nicht zu funktionieren was es ihm lästig und unangenehm machte sich mit ihnen auseinander setzen zu müssen. Wie sollte er etwas verstehen das er nicht ergründen konnte?
Je länger er Amárie gekannt hatte um so schwieriger war es geworden seine Gedanken und Gefühle zu verstehen. Alles hatte sich wie ein Wirbelwind um ihn herum zu gezogen und hatte ihn mit einer Sturmflut von Emotionen überhäuft. Er erinnerte sich an den Moment wo der der Sturm plötzlich zum Stillstand gekommen war und er klar gesehen hatte, was er eigentlich schon seit einiger Zeit gewusst hatte: Er war in sie verliebt.
Kurz vor der Schlacht am schwarzen Tor, nur wenige Augenblicke bevor Aragorn auf die Horden des schwarzen Heeres zugestürmt war, hatte Amárie sich zu ihm herumgedreht und ihn angelächelt. Das war sein Moment der Erkenntnis gewesen. Ein Augenblick der ihm wie ein schrecklicher Scherz des Schicksals vorgekommen war. Als er endlich begriffen hatte was sein Herz ihm schon so lange hatte mitteilen wollen war es fast zu spät gewesen.
Éomer drehte sich erneut auf dem Bett herum als er an die Stunden der Schlacht dachte. Der Lärm, die endlose Anzahl der Feinde, die Erschöpfung und schließlich der schreckliche Moment in dem er glaubte sie tatsächlich verloren zu haben. Nur um dann einen Moment später selbst an der Schwelle des Todes zu stehen.
Als er die Augen wieder aufgeschlagen hatte und sich in ihrem Schoss wiederfand, hatte ihn für einen Moment tiefe Erleichterung übermannt. Er wollte sie an sich ziehen um sich zu vergewissern das sie aus Fleisch und Blut war und nicht nur eine Einbildung seines Sterbenden Geistes. Doch dann wurde ihm bewusst das etwas nicht stimmte. Zwar war er weder tot, noch war sie eine traumhafte Erscheinung, aber sie regte sich nicht. Sie hatte ihre Hände fest um ihn geschlungen und ihren Kopf dich an seinen gedrängt aber ihr Körper war schlaff und ohne die kleinste Bewegung. Hastig hatte er ihre Positionen vertauscht, doch so sehr er sie auch rüttelte und so sorgfältig er suchte er konnte sie weder wachrütteln noch konnte er einen Grund für ihre Bewusstlosigkeit feststellen.
Als er aufgeblickt hatte, waren ihm die umher stehenden Männer zum ersten Mal aufgefallen, obwohl sie lautstark schwatzten und mit wilden Handbewegungen und großen Augen von etwas berichteten das in helle Aufregung versetzt hatte. Verwirrt hatte er sich nach jemanden umgesehen der Licht ins Dunkle bringen konnte und letztlich war sein Blick an Aragorn hängen geblieben der still und mit bedrückter Miene zwischen seinen Männern stand. Gondors König hatte ihm nur all zu gut berichten können was vorgefallen war, doch Éomer hatte noch immer Mühe es zu verstehen.
Im halbdunkel seines Zimmers fuhr er sich über die Stelle auf seiner Brust die der Bolzen durchstoßen hatte. Makellose Haut war alles was er ertasten konnte. Weder eine Narbe noch sonst etwas war geblieben um von seinem Stelldichein mit dem Tod zu berichten.
Magie.
Er dachte daran wie Nachtschatten, die gut behütet und versorgt neben Feuerfuß in seinen Ställen stand, sich ohne Mühe von ihren Verletzungen erholt hatte. Hatte sie ihre Gabe benutzt um die Stute zu heilen?
Auch erinnerte er sich an ihre Reise vorbei an den Buckelmännern und ihren Zorn bei seinen unbedachten Worten. So lange er sich erinnern konnte hatte er nie viel von Magie gehalten und sich nicht zurück gehalten es ihr mitzuteilen. Und doch hatte sie nicht gezögert ihm das Leben zu retten obwohl sie wusste das sie dabei ihr eigenes Leben riskierte.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen rief er sich die Worte des unterkühlten Elben in Erinnerung: Seid gewiss das ihr es bereuen werdet sollte sie wegen euch das Schicksal ihrer Ahninnen teilen. Und sein Bruder hatte etwas ähnliches von sich gegeben. Ich hoffe ihr seid die Opfer wert, die sie bereit ist für euch zu erbringen.
Das war nicht lange gewesen bevor seine Füße ihn zu der Tür geführt hatten hinter der sie wie er wusste untergebracht war. Er wusste nicht einmal mehr was ihn dazu bewogen hatte so tollkühn zu sein und zu klopfen. Aber so schnell würde er ihren Anblick, nur in ein feines weißes Leinennachthemd gehüllt, nicht vergessen. Ihre schwarzen Haare hatten sie umflossen wie wie Seide und rahmten ein Gesicht ein das zu hübsch war um einer Sterblichen zugehören. Es war als hätte ihm jemand mit der Faust in den Magen geschlagen, so das er nicht einmal in der Lage war einen zusammen hängenden Satz zu bilden. Stotternd und wie ein Trottel hatte er vor ihr gestanden ohne recht zu wissen was er ihr sagen wollte. Éomer war bis heute nicht sicher wie sie am Ende zusammen auf ihrem Bett geendet waren. Er war schon im Begriff gewesen zu gehen, nicht willens sich länger in ihrer Gegenwart zu blamieren als nötig, als sie ihn zurück gerufen hatte. Für einen langen Augenblick hatten sie sich angestarrt und dann...
Éomer konnte nicht verhindern das sich seine Lippen bei der angenehmen Erinnerung zu einem Lächeln verzogen. Leider erwachte auch der Rest seines müden Körpers dabei zum Leben und er vergrub sein Gesicht mit einem Seufzen tiefer im Kissen. So würde er keinen Schlaf finden.
Es wäre nicht das erste mal das er wegen Amárie kein Auge zu tat. Allerdings hatte Sorge um sie ihn in der Vergangenheit um den Schlaf gebracht.
Der Weg zurück nach Gondor war lang und beklemmend gewesen. Sein Inneres hatte sich in einem solchen Chaos befunden das er kaum in der Lage war zu funktionieren. Er hatte sich an Amárie geklammert fast so als wäre sie seine Rettungsleine ohne die er unter gehen würde. Dem Tod nur knapp entronnen zu sein und mit dem Wissen zu leben, Schuld an Amáries regungslosem Zustand zu sein lasteten schwerer auf ihn als er laut zugeben mochte. Jeder der versuchte sie ihm aus den Armen zu nehmen war mit finsteren Blicken und scharfen Worten zu recht gewiesen worden und bald schon hatten die anderen es aufgegeben ihm helfen zu wollen.
Er hatte ihre Hilfe weder gebraucht noch gewollt und allein bei dem Gedanken an einen anderen Mann der ihren wehrlosen Körper an sich presste stieg Wut in ihm auf. Die gesamte Reise über hatte er sich nie länger als kurze Augenblicke von ihr entfernt und als sie schließlich nach Gondor einkehrten war er auch nicht von ihrer Seite gewichen als die Heiler versucht hatten fort zu schicken. Um ihre Arbeit nachzukommen, ohne gestört zu werden!
Schnaubend schüttelte er den Kopf. Als hätten ihn ein paar schmächtige Männer und Frauen von ihr fernhalten können. Tag und Nacht hatte er an Amáries Seite verweilt. Doch so fest er ihre Hand auch umklammert hielt und so eindringlich er auf sie einredete, ihre Augen blieben fest verschlossen. Ein paar Tage hatte man ihn gewähren lassen, doch schon all zu bald hatte man ihn daran erinnert das er nun König war und sich als solcher zu verhalten hatte. Als solcher stand ihm der Luxus an dem Bett einer Frau zu verweilen, die nicht die seine war, nicht zu.
Ihm war sehr wohl bewusst gewesen, das die Heiler hinter vorgehaltener Hand tuschelten. Einige hielten seine offenkundige Zuneigung für skandalös nachdem sie erfahren hatten wer er war, die anderen für romantisch. Er selbst hatte nicht genügend Kraft um sich darum zu scheren was andere dachten, doch im Nachhinein fragte er sich ob es nicht ein Fehler gewesen war solchen Gerüchten freien Lauf zu lassen.
Menschen konnten mit ihren Worten grausam sein und Éomer wollte nicht das Amárie, nun da sie erwacht war, unter den scharfen Zungen der Leute zu leiden hatte.
Wenn sie erst einmal Königin war würde niemand mehr wagen mit falscher Zunge über sie zu sprechen, dafür würde er sorgen. Mit einem Ruck saß er senkrecht in seinem Bett als ihm bewusst wurde was er gerade gedacht hatte.
Königin? Wo war der Gedanke hergekommen?
Zischend stieß er Luft aus und ließ sich erneut rücklings ins Bett fallen nachdem ihm der Schreck aus den Gliedern gefahren waren.
Natürlich war das die logische Konsequenz. Er war König ob er es nun sein wollte oder nicht und die Frau an seiner Seite würde Königin sein. Éomer hatte keinen Zweifel das sie eine hervorragende Königin abgeben würde. Sie war willensstark, loyal und besaß mehr Rückgrat als die meisten Menschen die er in seinem Leben getroffen hatte. Ihr wären die Pflichten und Aufgaben einer solchen Position bewusst und sie würde stets versuchen allen Anforderungen gerecht zu werden. Daran bestand kein Zweifel, brauchte er sich doch bloß daran erinnern wie bestrebt sie gewesen war ihre Aufgabe Aragorn gegenüber zu erfüllen.
Ihre Verbindung zum König von Gondor würde zudem die mürrischen Stimmen derer zum Schweigen bringen, die ihn zu einer politischen Hochzeit drängen würden. Zwar behauptete Amárie keinerlei Anspruch auf einen Titel zu besitzen, doch ihre Ahnenlinie war ebenso unumstößlich wie die Aragorns.
Obwohl ihre Abstammung für ihn selbst keine Rolle spielte war ihm durchaus bewusst das andere seine Einstellung nicht teilten. Besonders in einer Zeit wie dieser, wo Krieg das Land verwüstet hatte und es an Nahrung, Kleidung und allerhand Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens mangelte. Eine gute Heirat hatte in der Vergangenheit schon manch ein Königreich vor dem Untergang bewahrt.
Seufzend verdrängte er den Gedanken für den Moment. Zunächst einmal würde er sich damit zufrieden geben sie wiederzusehen. Und wenn die Herrin Loriens tatsächlich am nächsten Tag eintreffen würde konnte sie schon bald nach Gondor aufbrechen. Mit etwas Glück war Aragorns Braut ebenso erpicht drauf Minas Tirith möglichst schnell zu erreichen wie er selbst.
Mit einem lächeln auf den Lippen schlief er endlich ein.
1. Lithe 3019 D.Z. Minas Tirith (später Abend)
Galadriel spürte wie ein spielerisches Lächeln ihre Lippen kräuselte als sie verlauten ließ, das sie Amárie Rabenschwinge zu sehen wünschte und dabei den enttäuschten Ausdruck auf dem Gesicht von Rohans König erblickte. Wie sie sehr wohl wusste, war sie nicht die einzige die diesen Wunsch hegte. Obwohl Éomer seit ihrer Ankunft in Edoras um Höflichkeit und Gastfreundlichkeit bemüht gewesen war, war doch deutlich zu spüren gewesen, dass er auf eine baldige Abreise hoffte.
Wahrscheinlich hatte er gehofft sich nach der formalen Begrüßung selbst davon stehlen zu können um sie aufzusuchen. Doch so schnell der Ausdruck von Enttäuschung und Wut über sein Gesicht gehuscht war, so schnell war er auch wieder verschwunden und hatte einer ausdruckslosen Mine Platz gemacht.
Neugierig aber verstohlen betrachtete sie den Pferdeherrn, mit dem der Anführer ihrer Galadrim zu mehr als nur einer Gelegenheit beinahe einen Streit vom Zaun gebrochen hätte.
Seit ihrer Ankunft in Rohan und ihrem zeitigen Aufbruch nach Gondor hatte sie König Éomer beobachtet. Sie wollte mehr wissen über den Mann dessen Leben Amárie offenkundig ihr eigenes Wert gewesen war.
Er war groß und gutaussehend, wenn auch auf eine raue und unnachgiebige Art die man unter ihrem Volk nicht finden konnte. Offensichtlich war er kein Mann vieler Worte und seine verschlossene Miene war schwer zu deuten. Galadriel fragte sich wie zwei so unterschiedliche Menschen wie er und Amárie zueinander gefunden hatten. Doch konnte sie auch erkennen warum Lothdúlin an ihm gefallen finden konnte. Er schien unter seinen Männer wohl respektiert zu sein, loyal zu seinem Volk und mutig in der Schlacht. So hatte man es ihr von vielen Seiten zugetragen. Um jedoch Amáries Gefallen zu finden musste noch mehr hinter dem Mann stecken und Galadriel war neugierig genug der Sache auf den Grund zu gehen.
Nur wenig später wurde sie in Amáries Gemächer geführt und fühlte wie sich erneut ein Lächeln auf ihren Lippen bildete. Nun wusste sie was die beiden verband. Auch wenn die Frau vor ihr etwas müde und blass wirkte umgab sie doch ein Strahlen, das nur einen möglichen Ursprung haben konnte.
„Du erwartest ein Kind von ihm, deshalb seine Eile zu dir zu gelangen." Die Farbe in Amáries Gesicht wechselte so rapide von weiß zu rot und wieder zurück das Galadriel fürchtete sie würde nicht mehr damit aufhören.
Vielleicht war es besser über etwas anderes zu sprechen. Ohne weiter auf ihre vorherigen Worte einzugehen schritt sie durch den Raum und ließ sich auf einem der bequem aussehenden Stühle nieder die vor dem Fenster standen. Der Ausblick war herrlich und Galadriel konnte sich vorstellen das Amárie viel Zeit damit verbracht hatte in die Ferne zu starren seit sie hier war.
Schon als kleines Mädchen hatte sie sehnsuchtsvoll nach Abendteuern in der Ferne Ausschau gehalten und mehr als einmal hatten ihre Galadrim sie in den tiefen des Waldes wieder aufgelesen, als ihr das Träumen zu langweilig geworden war und sie kurzerhand losmarschiert war. Sehr zum Leidwesen ihrer Onkel, besonders Haldir war vor Sorge um seinen Schützling mehr als einmal der Panik nahe gewesen. Leider neigte er dazu seine Angst durch harsche Worte Ausdruck zu verleihen, die Amárie selten ohne Gegenwehr über sich ergehen ließ. Besonders ihre Gabe hatte zu vielen hitzigen Debatten zwischen den beiden geführt. Innerlich seufzend dachte sie daran das Haldirs größte Furcht in der Tat eingetroffen war.
Amárie hatte, wie ihrer Vorfahrinnern ihre Gabe eingesetzt um den Menschen zu retten der ihr man nächsten war. Und wie alle vor ihr hatte sie einen hohen Preis dafür bezahlt. Im Gegensatz zu Avendúil und Elaní hatte es sie nicht ihr Leben gekostet, zumindest nicht endgültig.
„Estel hat sich gut um dich gekümmert. Wie ich sehe bist du wieder wohl auf," begann sie ein neues Gespräch, eins in dem Amárie sich offenkundig wohler fühlte. Ihre Gesichtsfarbe war wieder zu einem gesunden rosa zurück gekehrt und sie hatte sich ihr gegenüber auf einem Stuhl nieder gelassen.
„Er hat sich alle Mühe gegeben mich hier festzuhalten," erklärte sie mürrisch. Ihre Augen verrieten allerdings das sie Gondors König seine Tat längst nicht so übel nahm wie sie sie glauben lassen wollte.
„Du solltest nicht so hart zu deiner Familie sein, sie sind lediglich besorgt um dich." Sie wählte ihre Worte mit bedacht. Zum einen um sie daran zu erinnern das sie in der Tat eine Familie hatte, zum anderen wollte sie keinen Zweifel daran lassen das sie sich sorgten. „Du hast ihnen einen gewaltigen Schrecken eingejagt."
Für einen Moment verzog sich Lothdúlins Mund zu einer schmalen frustrierten Linie, doch schließlich seufzte sie und zuckte mit den Schultern. Für einen langen Augenblick saßen sie beide da und blickten aus dem Fenster bevor Amárie schließlich erneut das Wort erhob.
„Beriadîr ist wütend nicht wahr?" Galadriel lächelte bei dem dem kindlichen Spitznamen. Obwohl sie längst den Kinderschuhen entwachsen war blickte Amárie immer noch zu Haldir auf und sehnte sich nach seiner Anerkennung wie sie es vom ersten Tag an getan hatte. Dabei war Haldir dem Charme der aufgeweckten achtjährigen schneller verfallen als ihm lieb gewesen war, auch wenn er sich mit Händen und Füßen dagegen zur Wehr gesetzt hatte. Beide waren sich in vielen Dingen jedoch zu ähnlich so das Streit und Zank zwischen ihnen nicht ausblieben. Dickköpfigkeit sowie aufopfernde Loyalität gehörten zu den herausstechensten Gemeinsamkeiten.
Beide waren bereit für andere ihr Leben zu lassen, aber keiner der beiden kam gut damit zurecht wenn es nicht die eigene Person war die vom Tode bedroht war.
„Er ist um dich besorgt. Die Nachricht über deine Tat und deinen reglosen Zustand hat ihn tief getroffen. Mehr noch als er selbst völlig begriffen hat."
Betroffen wendete Amárie den Kopf ab. „Er glaubt ich habe mein Versprechen gebrochen, aber das habe ich nicht."
Galadriel schwieg. Sie wusste das mehr Worte folgen würden. Worte und Fragen. Und letztere waren der eigentliche Grund ihres Besuches.
„Ich habe Haldir versprochen meine Gabe niemals leichtfertig anzuwenden, aber ich wusste schon damals das der Tag kommen würde an dem ich noch einmal davon Gebrauch machen würde. Als ich Éomer gesehen habe, den Bolzen aus einer Brust ragend, wusste ich das er sterben würde." Ihre Stimme zitterte leicht, so als würde es ihr selbst jetzt, nachdem sich alles zum Guten gewandelt hatte noch Qualen bereiten darüber nach zu denken. „Ich konnte nicht anders, ich konnte ihn nicht sterben lassen." Ihre Stimme hatte ein leises Flehen so als ob sie ihre Bestätigung suchen würde, aber es war nicht an Galadriel über ihr Handeln zu Urteilen. Die Valar hatten Amáries Erblinie mit einer Gabe beschenkt die sowohl Segen als auch Fluch sein konnte. Jede von ihnen musste selbst entscheiden wie sie diese Gabe einsetzen wollte.
„Es ist deine Gabe, Lothdúlin. Nur du kannst entscheiden wie du sie gebrauchst."
„Haldir hat mich immer davor gewarnt das es mich mein Leben kosten würde und Rúmil hat mir von Avendúil und Elaní erzählt. Beide sind gestorben als sie ihre Magie benutzt haben. Wie...wieso bin ich noch am Leben und sie nicht?"
Mittjahrestag 3019 D.Z. Minas Tirith, (Morgens)
Amárie versuchte eine neurale Miene zu bewahren während drei verschiedene Zofen damit beschäftigt waren sie für die Hochzeit einzukleiden und ihr die Haare herzurichten. Sie ziepten und zupften an ihr, als wäre sie eine Stoffpuppe, sie wusste aus Erfahrung das es nur länger dauern würde wenn sie sich beschweren würde. Also lies sie sich drehen wenden und an den Haaren zerren, ohne den Mädchen all zu viel Schwierigkeiten zu machen.
Ihre Gedanken kreisten um den gestrigen Abend und das was Galadriel ihr mitgeteilt hatte. Die Magie hatte ihren Tribut gefordert, der lange Schlaf und ihre Erschöpfung war nur ein Bruchteil des wahren Preises gewesen. Die Herrin Loriens glaubte das es sie viele Jahre es ihres Lebens gekostet hatte, Éomer zu heilen. Genau so viele wie ihm von den Valar vergönnte gewesen wären, hätte das Schicksal nicht sein launisches Spiel mit ihm getrieben. Sie hatte ihm durch ihr Handeln ein ganzes Menschenleben geschenkt und sich selbst genommen.
Menschen ihres Volkes besaßen eine ungewöhnlich lange Lebensspanne und ihre Linie, aufgrund ihres elbischen Vorfahrens, umso mehr. Leider hatten die Frauen in ihrer Familie den Hauch von Unsterblichkeit niemals voll auskosten können, da jede von ihnen lange vor ihrer Zeit gestorben war, zumeist bei dem Versuch jemand anderem das Leben zu retten.
Oder zu schenken, dachte Amárie betrübt bei dem Gedanken an ihre eigene Mutter und strich sich gedankenverloren über den Bauch. Sie hatte Elanori, die bei ihrer Geburt gestorben war, niemals kennen lernen können und auch ihr Vater war kaum mehr als eine trübe, verschleierte Erinnerung in ihrem Bewusstsein.
Trotz ihres eigenen Opfers hatte sie noch immer viele Lebensjahre vor sich. Das einer sterblichen Frau. Vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger. Aber es waren genug Jahre um ihr Kind groß werden zu sehen. Vielleicht würde ihr Kind sogar seinen Vater kennen lernen. Anders als sie selbst.
Bei dem Gedanken an Éomer zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Éowyn schien der festen Überzeugung zu sein das ihr Bruder ihre Schwangerschaft mit Begeisterung aufnehmen würde. Amárie war sich allerdings nicht so sicher. Seit sie aufgewacht war hatte sie kein Wort von ihm vernommen. Kein Brief oder eine Nachricht nicht mal einen Blick hatte sie auf ihn erhaschen können, seit er am gestrigen Tage mit dem Gefolge aus Lórien angereist war.
Natürlich hatte er als König Pflichten zu erfüllen, aber wenn sie ihm auch nur ein wenig bedeuten würde, hätte er dann nicht zumindest versucht ihr eine Nachricht zukommen zu lassen? Konnte sie wirklich darauf hoffen das er sie und ihr Kind in seinem Leben haben wollte, wenn so gänzlich uninteressiert an ihr schien?
Die ganze Nacht hatte sie wachgelegen und überlegt was sie tun sollte. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen das sie ihm von dem Kind erzählen wollte. Die Entscheidung ob er das Kind anerkennen wollte oder nicht musste bei ihm liegen. Aber sie hatte nicht das Recht es ihm vorzuenthalten. Dieses Mal musste sie einfach ihren Stolz herunter schlucken und die bittere Unsicherheit die ihr Begleiter geworden war ignorieren.
Nachdem offiziellen Teil der Hochzeitszeremonie würde ein großes Festmahl folgen mit allerlei Reden und Kundgebungen. Aragorn wollte die Gelegenheit, Würdenträger und Adelige an seiner Tafel zu haben, nutzen um Titel zu vergeben und das ein oder andere Vorhaben preis zu geben. Der Platz der Marhalika sollte fortan nicht länger leer stehen und wieder fest mit dem Thron Gondors in Verbindung stehen. Faramir sollte unterdessen das Amt des Truchsessen beibehalten und zumdem den Titel als erster Fürst von Ithilien erhalten. Ein schönes verfrühtes Hochzeitsgeschenk an den Mann der offensichtlich Éowyn Herz für sich gewonnen hatte.
Vielleicht hatte sie im Laufe des Abends doch die Gelegenheit Eomer für ein paar ungestörte Minuten zu sprechen. Sie konnte unmöglich damit bis zum nächsten Tag warten. Nicht nur weil sie im Dunklen über seiner Abreisepläne war, sondern auch weil sie fürchtete der Mut würde sie verlassen, wenn sie noch länger wartete.
„Herrin?"
Die zaghafte Stimme eines der Mädchen riss sie aus ihren Gedanken und ihr ihr wurde bewusst das die drei fertig waren sie herzurichten und offenkundig auf ihre Zustimmung warteten. Blinkend sah sie sich im großen Spiegel an der nur wenige Schritte zu ihrer rechten aufgestellt war und fragte sich wer die Frau war die ihr aus der glänzenden Oberfläche entgegen blickte. Das blass malvefarbende Kleid harmonierte wunderbar mit ihrer hellen Haut und dem glänzenden schwarzen Haar das lediglich mit mit einem prächtigen Kopfschmuck verziert war und ansonsten frei über ihre Schultern und rücken floss. Die Frau in dem Spiegel war schön, makellos und unnahbar. In diesem Moment fühlte sie sich ihrem elbischen Erbe näher als je zuvor bevor sie sich wieder ins Gedächtnis rief das sie nicht wirklich die Frau war die ihr so majestätisch entgegen blickte. Doch sie konnte die Illusion wie einen Schutzschild nutzen, der ihre Nervosität und Unsicherheit sicher verbarg.
Sie holte tief Luft und wappnete sich für die kommenden Stunden.
Viele Stunden später hatte sich ihre Anspannung deutlich gelöst und sie ertappte sich dabei wie sie gelöst und gut gelaunt mit Dervorin, dem Sohn des Herrscher des Ringló-Tals und Hirluin Herr von Pinnath Gelin unterhielt. Beide Männer hatten wie sie auf den Pelennor Feldern gekämpft und hautnah miterlebt wie hart errungen ihr Sieg wirklich war. Hirluin hatte seine schweren Verletzungen nur knapp überlebt und an der Art wie er vermied sein linkes Bein all zu sehr zu belasten erkannte sie das er sich nie ganz von seinen Wunden erholen würde. Aber Amárie war froh, das er wohlauf war. Er war ein lebenslustiger Mann dessen unbekümmerte Art ihnen schon im Hargtal zugute gekommen war. Dervorin war das genaue Gegenteil. Im Aussehen wie im Charakter. Wo Hirluin groß, blond und von athletisch Bau war, war Dervorin klein, breitschultrig und trug stets eine grimmigen Miene zur Schau. Doch er besaß einen trockenen, rauen Humor der ihr jedes Mal ein Lächeln abgewann, wenn er seine spitze Zunge verließ.
Keiner der beiden Männer machte großes Aufhebens um ihren neu errungen Titel, weswegen sie ihrer Gesellschaft den Vorzug vor vielen anderen Anwesenden gab. Beide zollten ihr Respekt und Anerkennung, aber Amárie vermutete das sie sich diesen durch ihre Taten in der Schlacht erworben hatte, nicht durch einen Titel.
Viele der Anwesenden hatten ihr, bevor Aragorn sie in aller Form präsentiert hatte, abschätzige Blicke zugeworfen. Sicher hatten sie sich gefragt was eine Frau wie sie, die ganz offenkundig aus keinem Adelshaus kam, in der ersten Reihe zu suchen hatte und sogar zur linken des Königs saß. Die gerümpften Nasen hatten sich anschließend jedoch schnell geglättet und der geringschätzige Blick war berechnend geworden. Von einer Minute zur anderen war sie zur einflussreichsten Frau neben der Königin geworden. Mehr als ein Mann war sich nicht zu schade seine eigene Stellung und sein Ansehen durch eine gute Partie zu steigern.
Sie hatte es vermieden in die Nähe dieser Leute zu geraten, nicht das sie sich hätte Sorgen machen müssen. Die Blicke ihrer Onkel schienen stets auf ihr zu ruhen und anders als sonst war sie an diesem Tag froh, wenn Haldir oder Rúmil an ihre Seite glitt um sie aus einer unangenehmen Situation zu befreien. Den Elben schien ihre Aufmachung zuzusagen, so das selbst Haldir sich zu einem Kompliment herabgelassen hatte. Etwas das so selten geschah das sie die Gelegenheiten in der Vergangenheit an einer Hand abzählen konnte. Es ließ sie sich besser fühlen, stärker und gab ihr die Kraft sich diesem gesellschaftlichen Kampf zu stellen.
Vielleicht sogar die Kraft Éomer gegenüber zu treten ohne vor Nervosität zu stottern oder schlimmer noch in Tränen auszubrechen. Allein der Gedanke das sie sich vor ihm so bloß stellen konnte schnürte ihr die Kehle zu.
Sie musste sich schwer zusammenreißen ihre plötzliche Panik nicht zu zeigen. Stattdessen holte sie tief Luft und ließ ihren Blick durch den Saal schweifen um sich auf andere Gedanken zu bringen. Doch das Schicksal hatte offensichtlich anderes im Sinn, denn wie von selbst wanderten ihre Augen zu der anderen Seite des Saals und verharrten regungslos auf dem Zentrum all ihrer Sorgen und Hoffnungen.
Éomers Blick war starr auf sie gerichtet und für einen Moment fragte sie sich wie lange er sie wohl beobachtet hatte. Erst einen Augenblick später schien ihm bewusst zu werden das er ihre Aufmerksamkeit geweckt und ihr verräterisches Herz machte einen Satz als er ihr mit einer leichten Kopfbewegung zu verstehen gab das er sie sprechen wollte.
Draußen, ungestört vor neugierigen Zuhörern. Offenkundig war sie nicht die einzige der etwas auf der Seele lag. Mit einem merkwürdigen Gemisch aus Furcht und Erwartung entschuldigte sie sich bei Devorin und Hirulin, bevor sie sich gemäßigten Schrittes aus dem Saal entfernte.
Das letzte was sie jetzt gebrauchen konnte war unliebsame Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie die ihrer Onkel. Was immer ihr Gespräch mit Éomer ergeben würde, sie wollte es unter vier Augen mit ihm führen. Möglichst weit entfernt von neugierigen Augen und Ohren.
Nachdem sie das große Holztor durchschritten hatte und auf den Gang hinaus getreten war, blieb sie für einen Augenblick stehen um sich erneut zu orientieren. Sie hatte ihn raus gehen sehen, aber wo war er hin? Der marmorne Gang mit seinen reich verzierten Säulen vor ihr glänzte matt im Schein der Fackel die man zur Feier des Tages aufgestellt hatte und offenbarte so seine erstaunliche Länge. Alle paar Meter zu ihrer Linken konnte man auf kleine Balkone hinaus treten die einem eine traumhafte Aussicht über die Stadt erlaubten. Aber Amárie war im Moment nicht sonderlich an dem nächtlichen Bild Minas Tirith interessiert, stattdessen versucht sie heraus zu finden auf welchem der Balkone Éomer wohl getreten war.
Als hätte er ihre Gedanken gehört lößt sich seine große Gestalt aus dem Halbschatten ein gutes Stück vor ihr, etwa in der Mitte des Ganges. Für einen kurzen Moment blieb er stehen, als wollte er sicherstellen das sie ihn auch wirklich bemerkt hatte bevor er erneut aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Wie kompliziert ihr Leben doch geworden war, dachte sie innerlich seufzend als sie ihren Weg fort setzte. Vor ein paar Monaten noch hatte sich niemand dafür interessiert wo und mit wem sie beide sich unterhalten hatten. Heute, mit adeligen Titeln bestückt, hatten sie lästernde Zungen und üble Nachrede zu befürchten. Ganz zu schweigen von dem was man sich über sie erzählen würde, wenn raus kam das sie schwanger war und von wem.
Sie war noch nicht weit gekommen als zwei Frauenstimmen ihre Aufmerksamkeit erregten. Sie mussten ebenfalls auf einem der Balkone stehen und Amárie hätte sie nicht weiter beachtet und ihrem Gespräch überlassen, wäre nicht ein Name gefallen der sie neugierig näher treten ließ: Éomer.
Die breiten Säulen und das gedämpfte Licht machten es ihr nicht weiter schwer unentdeckt zu bleiben, dennoch platzierte sie sich so, dass man sie auch vom Gang aus nicht all zu schnell bemerkte und lauschte.
„...gut aus. Er mag ein wenig wild und ungestüm erscheinen, aber wahrscheinlich steckt ein weicher Kern unter der rauen Schale!" Erklärte eine der Frauen halb ernst, halb kichernd.
„Meinst du, Varna? Vater sagt er ist ein ehrenhafter Mann und wird mir ein guter Ehemann sein, aber er ist so anders als die Männer bei uns zu Hause," entgegnete eine zaghafte Frauenstimme.
Amárie erstarrte wagte und spürte wie sich ihre Kehle zuschnürte. Ehemann? Sprachen die beiden tatsächlich von Éomer?
„Ich bin sicher euer Vater hat recht Lorí," versicherte die erste Frau ohne zu merken das sie ihr mit jedem Wort mehr die Luft abschnürte. „Ich hab gehört er ist ein guter König. Beliebt bei seinem Volk und weit über die Grenzen seines Reiches respektiert aufgrund seiner Taten. Er mag nicht für den Thron geboren sein, aber er scheint ihn gut auszufüllen. Und Rohan mag uns rau und ungestüm erscheinen wie der Mann selbst, doch ich bin sicher ihr werdet es bald schon ebenso sehr lieben wie Dol Amroth."
Es war also Fürst Imrahils Tochter Lothíriel die als Éomers Braut auserkoren war.
„Aber ich werde das Meer vermissen!"
„Ihr werdet Königin sein!"
Amárie spürte einen stechenden Schmerz in ihrer Brust der ihr die Tränen in die Augen treiben wollte, aber sie blieb tapfer und kämpfte sie zurück.
Das war es also was Éomer ihr mitteilen wollte. Er würde heiraten. Lothíriel von Dol Amroth. Die junge Frau hatte für einen kurzen Augenblick ihre Aufmerksamkeit auf der Feier erregt, als Rúmil einen blumigen Kommentar über ihre Schönheit gemacht hatte. Lange rot-glänzenden Locken umrahmten ein puppenhaftes Gesicht von außergewöhnlicher Schönheit. Ihre teuren Gewänder umflossen sie wie Seide und im Gegensatz zu ihr selbst bewegte sie sich darin mit beneidenswerter Eleganz und Grazie.
Zudem war Dol Amroth für seinen Reichtum und Einfluss bekannt. Éomer konnte kaum eine bessere Partie machen. Seine zukünftige Königin war jung schön und würde helfen das Elend und Leid das der Krieg über Rohans Bevölkerung gebracht hatte zu lindern.
„Königin..." hörte sie Lothíriel träumerisch seufzen. „Das ist wie ein Märchen Varna. Wenn mein Märchenprinz auch nicht so aussieht wie ich ihn mir erträumt habe. Besonders Wortgewand scheint er auch nicht zu sein. Aber ich denke du hast recht. Vielleicht steckt unter der rauen Schale doch mehr als man vermutet."
„Natürlich hab ich recht Lorí. Euer Vater hat eine gute Wahl getroffen. Ihr werdet sicher glücklich werden im Land der Pferdeherren."
Amárie spürte wie Schwindel sie ergriff. Schwer atmend lehnte sie sich gegen den kühlen Marmor und war machtlos gegen die Tränen die ihr über die Wangen flossen.
Nun kannte sie also den Grund warum sie nie ein Wort von ihm vernommen hatte, seit sie wieder erwacht war. Er würde heiraten, natürlich gab es für sie da keinen Platz.
Wie hatte sie nur so dumm sein können? Wie hatte sie auch nur einen Augenblick glauben können, dass für sie tatsächlich eine Chance bestanden hatte? Warum hatte Éowyn ihr nur Hoffnungen gemacht? Warum hatte sie sich selbst erlaubt solch einer dummen Hoffnung nach zu hängen? Wie hatte sie ihrem Herz nur erlauben können sie so zu betrügen?
Für ihn war sie nichts weiter als eine verflossene Liebschaft für eine Nacht. Eine von der er vermutlich wohl befürchtet hatte es könnte seine letzte sein mit dem dunklen Schatten Mordors über ihren Häuptern.
Die Erkenntnis war umso bitterer da sie sich so lange erlaubt hatte ihren träumerischen Fantasien nach zu hängen. Ihre Hände schlangen sich schützend um ihre Leibesmitte. Was sollte sie nun bloß tun?
Sie würde nicht gute Miene zum bösen Spiel machen und dabei zu sehen wie eine andere Frau ihre Hoffnungen lebte.
Mit einem Mal stand ihr Entschluss fest. Sie würde nach Lorien zurück kehren, wenn auch nur für die wenigen Jahre die ihr mit ihren elbischen Verwandten noch vergönnt waren. Vielleicht konnte sie dort vergessen und ihr Herz würde heilen.
Doch tief im Inneren, das wusste sie, würde der Schmerz verbleiben.
TBC
