Kapitel 12: Auf der Flucht
3. Juli 3019 D.Z. Minas Tirith (früher Morgen)
Éomer versuchte sich daran zu erinnern, wann seine kleine Schwester das letzte Mal in sein Zimmer gestürmt war und ihn angeschrien hatte, oder ob es überhaupt je passiert war. Er hielt es für unwahrscheinlich, denn er war sich sicher das er sich daran erinnern könnte hätte er sie jemals so in Rage erlebt.
Sein Kopf schwirrte von zu viel Alkohol und Éowyns schrille Tonlage half ihm nicht im Geringsten einen klaren Gedanken zu fassen. Eigentlich war genau das der Grund gewesen warum er sich am gestrigen Abend so großzügig am Wein bedient hatte; er wollte vergessen. Zumindest für ein paar Stunden.
Wochenlang hatte er darauf gehofft endlich wieder nach Gondor zu reiten um Amárie zu sehen. Doch hatte er vor dem offiziellen Teil der Hochzeitsfeierlichkeiten auch nur einen flüchtigen Blick auf sie erhaschen können? Nein! Und selbst auf der Feier war er gezwungen sie aus der Ferne zu betrachten. Das war fast schwerer gewesen als in Rohan festzusitzen und nur an sie denken zu können. Sie hatte ihm sprichwörtlich den Atem geraubt als er sie erblickt hatte. Er hatte sie lediglich ein mal in einem Kleid gesehen.
Nach der Schlacht am Klamm in einem schlichten Gewand das seiner Schwester gehörte und obwohl sie hübsch darin gewirkt hatte, war es kein Vergleich zu ihrer Erscheinung an jenem Abend. Zwar besaß sie nicht die überirdische, kühle Schönheit die Aragorns Braut oder die Herrin Loriens ausstrahlten, aber ihr elbisches Erbe war deutlich zum Vorschein getreten. Von ihrem glänzenden schwarzen Haar, dem fließendem kostbaren Gewand bis hin zu der Art wie sie sich aufrecht hielt und bewegte, strahlte alles an ihr Eleganz und Würde aus.
Éomer hatte sich nichts mehr gewünscht als einfach auf sie zu treten zu können und seine Hand auf ihren Rücken zu legen. Umso mehr als er die bewundernden Blicke bemerkte die viele der Anwesenden in ihre Richtung wandern ließen. Bewundernd, lüstern und berechnend, eine Mischung die ihm die Wut durch die Adern trieb. Besonders Hirluin von Pinnath Gelin war ihm ein Dorn im Auge gewesen. Sein Ruf als Herzensbrecher war sogar ihm zu Ohren gekommen und die Art wie er Amárie anblickte hatte ihm ganz und gar nicht gefallen. Er war so sehr mit starren beschäftigt gewesen, dass es eine Weile gedauert hatte bis er bemerkte das Amárie zu ihm herüber blickte. Um ein Haar hatte er es verpasst seine Chance zu nutzen, doch bevor sie ihren Blick abwenden konnte hatte er hastig mit seinen Kopf in Richtung Tür gedeutet. Er hatte geglaubt das sie verstanden hatte das er mit ihr reden wollte. Immerhin hatte sie genickt.
Ohne sich noch einmal umzudrehen hatte er den Saal verlassen und war hinaus in den langen Gang getreten. Er hatte genug Zeit im Palast verbracht um zu wissen das unzählige Balkone die gesamte Länge des Ganges säumten. Ein hervorragender Ort um für eine Weile neugierigen Augen und Ohren zu entkommen. Zunächst hatte er gleich auf den nächsten Balkon hinaustreten wollen, doch die Wahrscheinlichkeit dort überrascht zu werden war ihm am Ende zu hoch gewesen. Mädchenhaftes kichern hatte ihn auch am zweiten Balkon vorbei hasten lassen und sicherheitshalber auch noch an dem nächsten, bis er schließlich durch die vierte Tür hinaus auf den winzigen Balkon trat.
Ein paar Minuten später war ihm bewusst geworden das sie wohl möglich keine Ahnung hatte wohin er verschwunden war und hastig noch einmal auf den Gang getreten. Tatsächlich hatte er ihre schemenhafte Silhouette im Halbdunkel erkennen können und als er sich sicher war das sie ihn gesehen hatte war er wieder hinaus ins Freie getreten.
Éomer war erleichtert und nervös zugleich gewesen. Erleichtert das er nach all den Wochen endlich ein paar ungestörte Minuten mit ihr verbringen konnte, aber auch nervös weil er nicht sicher war wie sie sich ihm gegenüber verhalten würde. Mit jeder Minute die verstrichen war war die Anspannung in ihm weiter gestiegen. Und die Minuten waren zu einer Ewigkeit geworden und irgendwann hatte er einsehen müssen das sie nicht kommen würde. Zunächst hatte er geglaubt sie hätte ihn nicht gefunden, aber da er sie auf dem Gang gesehen hatte und Amárie weder hilflos noch fremd in den Hallen Gondors war, hatte er den Gedanken schnell verwerfen müssen. Sie war nicht zu ihm gekommen, weil sie ihn nicht sehen wollte. So einfach war das.
Éomer wusste nicht ob er frustriert, enttäuscht oder am Boden zerstört war weswegen er es vorzog nicht darüber nachzudenken. Das hatte man davon wenn man sich auf Emotionen einließ.
Ohne noch einmal in den Festsaal zurück zu kehren war er auf sein Zimmer zurück gekehrt. Die Nacht war unruhig gewesen, er hatte kein Auge zugetan und war mehr als einmal kurz davor gewesen das Zimmer zu verlassen und Amárie aufzusuchen. Aber er wusste weder wo sie war noch hatte er Lust sich lächerlich zu machen. So hatte er sich von einer Seite auf die andere gewälzt und war mit den ersten Sonnenstrahlen zu den Ställen gegangen.
Eigentlich hatte er vorgehabt mit Feuerfuß einen langen Ausflug zu machen um den Kopf frei zu bekommen, aber noch bevor er das Stadttor passiert hatte waren ihm Wachen entgegen gekommen, mit zwei Verletzen unter ihnen. Eine früh morgendliche Jagd auf streunende Orks war genau das was er gebraucht hatte. Aus einem kurzen Trip waren volle zwei Tage geworden. Zwei Tage an dem er über nichts weiter nachdenken musste als den schnellsten Weg den Grünhäuten den Gar auszumachen. Ihre siegreiche Rückkehr nach Gondor hatten sie mit viel Wein und Met begossen, zu viel dem Kater in seinem Schädel nach zu urteilen.
„...hätte wirklich mehr von dir erwartet! Wie konntest du dieses naive Mädchen nur Amárie vorziehen! Nach allem was sie für dich getan hat!"
Mädchen? Was? Moment. Er versuchte seinen Kopf klar zu bekommen doch das Rauschen in seinem Kopf ließ die Worte nur undeutlich zu ihm durchkommen.
„Wochenlang hat sie auf Wort von dir gewartet, hat sich den Kopf darüber zerbrochen warum du ihr fern bleibst. Und mit jedem Tag der verging war sie überzeugter das du sie nicht länger willst!" Fauchte seine Schwester.
Sprach sie etwa von Amárie?
„Weißt du wie lange ich auf sie einreden musste um sie davon zu überzeugen das du zu ihr kommen würdest sobald es deine Pflichten erlauben? Wie schwer es war ihr zu versichern das du sie und das Kind niemals verstoßen würdest? Wie konntest du sie nur abweisen?"
Kind? Mit einem Mal war jegliche Trunkenheit und Müdigkeit wie weggeblasen und mit einem Ruck saß er senkrecht im Bett.
„Wie konntest -"
„Kind?"
„-du ihr so in den Rücken fallen?" Seine Schwester schien ihn nicht gehört zu haben und fuchtelte weiter mit einem Stück Papier vor seiner Nase herum. „Ich habe mich niemals so geschämt dich meinen Bruder nennen zu müssen!" Éomer konnte erkennen das sie lediglich stoppte um Luft zu holen um ihre Triade fortzusetzen und nutze seine Chance um selbst zu Wort zu kommen.
„Schwester! Wovon redet du? Welches Kind? Wo ist Amárie?"
„Als ob du das nicht genau wüsstest! Du-"
„Éowyn!" Unterbrach er sie schroff. „Welches Kind?"
Der Nachdruck in seiner Stimme ließ sie endlich aufhorchen und sie blickte ihn eine Weile schweigend an. „Du weißt es wirklich nicht?"
Ohne ein Wort zu verlieren schüttelte er den Kopf.
„Sie hat dir nicht erzählt das sie dein Kind unter dem Herzen trägt?"
Wieder schüttelte er den Kopf, denn dieses Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Kind?
„Dann hast du sie gar nicht fortgeschickt?"
Wie sollte er? Er hatte sie nicht einmal gesprochen. Sie hatte sich nicht mal dazu herabgelassen ihn zu treffen, geschweige denn ihm von dem Baby zu erzählen. Wie konnte sie ihm das nur verheimlichen? Sein Kopf schwirrte von all den unbeantworteten Fragen die ihm durch den Kopf gingen und jede einzelne endete mit einer weiteren: Warum?
„Dann hast du gar nicht eingewilligt Lothíriel von Dol Amroth zu heiraten?"
Die Frage ernüchterte ihn vollendends. Bei dem Gedanken an eine Heirat mit der, zweifelsohne Schönen, aber kindlich naiven Lothíriel wurde er blass. Das Mädchen mochte kaum achtzehn Sommer zählen und schien nur selten die Pforten ihres goldenen Palastes zu verlassen was ihre begrenzte Weltanschauung nur förderte. Von dem kurzen Gespräch mit ihrem Vater und Bruder dem sie beigewohnt hatte, konnte er sich am deutlichsten an ihr albernes Gekicher erinnern.
Wie kam Amárie nur auf den abwegigen Gedanken er würde das Mädchen heiraten? Es würde ihn nicht überraschen, wenn Fürst Imrahil ihm die Hand seiner Tochter anbieten würde, so wie es viele andere Herrscher im Verlauf der letzten Wochen getan hatten. Jetzt wo der Krieg vorbei war, war jeder der Rang und Namen hatte darauf bedacht möglichst vorteilhafte Verträge abzuschließen.
Wahrscheinlich war die Hoffnung auf einen Packt zwischen Dol Amroth und Rohan sogar der Grund gewesen warum Imrahil ihm seine Tochter vorgestellt hatte.
Éomers Position als König, seine Rolle im Krieg gegen Sauron und nicht zuletzt seine freundschaftliche Beziehung zu Gondors König machten ihm zu einem vielversprechenden Heiratskandidaten für viele edle Töchter.
Die einzige Kandidatin die er jedoch in Betracht zog war die Mutter seines Kindes. Die Erkenntnis das Amárie schwanger war, wollte ihm immer noch nicht recht bewusst werden.
„Nein," schüttelte er schließlich den Kopf und schluckte. „Die Antwort auf all deine Fragen ist nein." Mit entschlossenem Blick sah er seine Schwester an deren Wut inzwischen verraucht war und sich unwohl auf die Unterlippe biss. „Und nun verrate mir wo die Mutter meines Kindes ist und warum sie offensichtlich glaubt das ich ihr irgend ein dummes Mädchen vorziehe?"
Schweigend hielt Éowyn ihm den Zettel entgegen den sie zuvor so lebhaft genutzt hatte um ihre Meinung zu verstärken.
Was er las ließ ihn hastig aus dem Bett springen.
20. Juli 3019 D.Z. Fangornwald
Amárie redete immer wieder leise in elbisch auf ihr Pferd ein, das sie durch die letzten verwinkelten Wege des Fangornwaldes führte und versuchte es zu beruhigen. Jedes Mal wenn sie das weiche Fell der Fuchsstute streichelte musste sie an Nachtschatten denken, die wie sie wusste gut versorgt in Rohan untergebracht war. Zu gern hätte sie die Reise auf ihrem Rücken verbracht, doch sie befand sich nicht in der Postion wählerisch zu sein. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass Aragorn ihr überhaupt eins seiner Pferde überlassen hatte und ihr erlaubte aus Minas Tirith fort zugehen. Zumindest für den Moment. Ihr war klar das ihre Flucht nicht von Dauer sein konnte. Mit Estel als gekröntem König lagen ihre Pflichten in Gondor an seiner Seite.
Doch die Tinte auf den Dokumenten die ihr Titel und Ehren verliehen, war noch nicht einmal trocken und sie rannte bereits davon.
Aragorn hatte nicht gefragt warum sie bereits am Tag nach seiner Hochzeit so plötzlich nach Lórien aufbrechen wollte auch, wenn ihre geröteten Augen und versteinerte Miene seine Neugierde geweckt haben mussten. Amárie war froh das er nicht gefragt hatte, denn wenn hätte sie sich verpflichtet gefühlt ihm zu antworten. So aber hatte er nur genickt, sie in den Arm geschlossen und sie daran erinnert das der Thron zu seiner Linken auf ihre Rückkehr wartete.
Um ein Haar wäre sie erneut in Tränen ausgebrochen doch sie hatte sich zusammen genommen und lediglich seine Umarmung erwidert. Arwen hatte es ihrem Mann gleich getan und eine halbe Stunde später hatte sie sich mit ihrem wenigen Hab und Gut an den Ställen eingefunden, wo Orophin und Rúmil bereits auf sie warteten.
Suchend hatte sie sich nach Haldir umgeblickt, aber anders als seine beiden Brüder die sie auf ihrem Weg begleiteten war er nirgendwo auszumachen gewesen. Offensichtlich hatte er ihr immer noch nicht vergeben.
Scheinbar konnte sie es keinem der Männer in ihrem Leben recht machen und ihre Erwartungen erfüllen.
Noch vor ihrem Gespräch mit Estel hatte sie Galadriel aufgesucht und sie um Erlaubnis gebeten nach Lothlórien reisen zu dürfen. Die Herrin des goldenen Waldes wirkte nicht überrascht über ihre Bitte, wenngleich aber traurig über ihren Entschluss fortzugehen. Wie immer schien die Elbin mehr zu wissen als Amárie recht war, aber sie schwieg. Dieses Mal wurden ihr keine kryptischen Worte mit auf den Weg gegeben, lediglich ein vielsagender Blick auf ihren Bauch der inzwischen eine leichte Wölbung zeigte aber unter ihrer Kleidung gut verborgen blieb.
Ihre Nacht mit Éomer lag vier Monde zurück und bald schon würde sie ihren Zustand nicht länger verbergen können. Wahrscheinlich sobald sie Lóriens Pforten durchschritt. Ihre Onkel mochten noch nichts bemerkt haben, aber es gab andere die sich nicht so leicht täuschen ließen.
Im Grunde spielte es für sie keine Rolle ob die Elben von ihrer Schwangerschaft wussten oder nicht. Nun abgesehen von Haldir vielleicht, aber sie hatte Zeit bis sie sich mit ihm auseinander setzten musste.
Hoffentlich würde eine noch längere Zeit verstreichen bevor sie Éomer erneut gegen überstehen musste. Sie machte sich nichts vor, der Tag würde kommen, mit ihm und Estel als Könige zweier Länder mit benachbarten Grenzen war ein Zusammentreffen unvermeidbar. Und da seine Schwester von ihrer Situation wusste hegte sie wenig Zweifel daran das auch Éomer bald davon erfahren würde. Die Frage war wie er darauf reagieren würde. Ob er es wohl mit einem Schulterzucken abtun würde? Ihr Magen zog sich schmerzhaft bei dem Gedanken zusammen.
Nein, Éomer war ein guter Mann der stets Verantwortung übernahm und eine starke Bindung zu seiner Sippe hatte, ihm wäre sein eigenes Kind niemals egal. Aber er hatte sich auch dazu entschieden Lothíriel zu heiraten und sie wollte keinen Mann der sich nur zu ihr bekennen würde, weil sein Pflichtbewusstsein ihn dazu trieb.
Seufzend legte sie ihre Hand über ihren Bauch. „Wir beide werden es auch ohne ihn schaffen," murmelte sie beinahe tonlos und ärgerte sich über ihr verräterisches Herz das bei dem Gedanken schwer wurde. Sie würde sich nicht in eine dieser Frauen verwandeln die ohne einen Mann an ihrer Seite nicht leben konnten. Sie war unabhängig und stark. Schließlich hatte sie es die letzten Jahrzehnte auch ohne Mann geschafft. Und auf einen der sie ohnehin nicht wollte, konnte sie erst recht verzichten.
Das versuchte sie sich zumindest einzureden.
7. August 3019 D.Z. Edoras (Mittags Stunde)
Wenn er die Zähne noch fester zusammen beißen würde, fürchtete Éomer er könnte sich den Kiefer brechen. Loríen war keine zwei Wochen von Edoras entfernt und dennoch konnte er sich nicht auf Feuerfuß' Rücken schwingen und los reiten, auch wenn alles in ihm ihn dazu drängte. Über einen Monat war vergangen seit Éowyn in sein Zimmer gestürmt war und sein Leben auf den Kopf gestellt hatte.
Amárie war fort und sie war schwanger mit seinem Kind.
Und er saß in seinem eigenen Königreich fest. Es machte ihn schier wahnsinnig. Doch so sehr es ihm auch widerstrebte er konnte sich seinen Pflichten als König nicht entziehen. Obwohl Éowyn und er selbst seinen Onkel bereits vor Monaten beigesetzt hatten, war ihm zu Ehren ein Trauergeleit von Gondor aus aufgebrochen. Dabei durfte er nicht fehlen.
Nun waren sie endlich in Edoras angekommen und anstatt die Zeremonie gleich am Abend oder am nächsten Tag abzuhalten hatten die Damen des Geleits um etwas Zeit zur Erholung gebeten! Erholung! Herje, sie waren aus Gondor gekommen nicht von einem zermürbenden Schlachtzug.
Langsam fragte er sich ob die Herrin Loriens all das mit Absicht tat. Sie war es gewesen die verhindert hatte das er gleich nach seiner Ankunft in Gondor mit Amárie hatte sprechen können, genauso wie sie es gewesen war die vorgeschlagen hatte ein Trauergeleit abzuhalten. Just an dem Morgen als er von Amáries Verschwinden erfahren hatte und ihr nachreiten wollte. Und nun das!
In drei Tagen sollte die Andacht stattfinden. Drei Tage! Drei verfluchte Tage!
Frustriert begann er Feuerfuß abzusatteln und mit Hafer und Heu zu versorgen bevor er sich daran machte den Hengst trocken zu reiben und im Anschluss mit einer wärmenden Decke abzudecken.
Leises Wiehern veranlasste ihn aufzusehen. Nachtschatten, offenbar unzufrieden darüber ignoriert zu werden, warf ruckartig den Kopf auf und ab und blähte die Nüstern. Éomer musste lächeln als er näher an den Rappen trat und die Hand ausstreckte um sie zu streicheln. Ebenso wie ihre Herrin konnte die Stute ausgesprochen bockig werden, wenn sie ihren Willen nicht bekam.
Ja, ich vermisse sie auch. Dachte er brachte es aber nicht fertig es laut auszusprechen. Stattdessen klopfte er dem Rappen ein letztes Mal auf Hals und drehte sich um zum gehen. Es gab noch viel zu tun worum er froh war, denn Arbeit bedeutete das die Zeit die er ausharren musste schneller verstreichen würde.
11. August 3019 D.Z. Edoras (früher Morgen)
Vielleicht war es ein Fehler gewesen Galadriel vor vollendete Tatsachen zu stellen, aber er war sich nicht sicher gewesen ob sie nicht vielleicht einen Weg gefunden hätte ihm Steine in den Weg zu legen. Also hatte er sich am Morgen ihrer Abreise, reisefertig zu den Elben gesellt, ohne sie zuvor über seine Absichten aufgeklärt zu haben.
Éowyn würde sich während seiner Abwesenheit um die Stadt kümmern und er hegte keinen Zweifel das sie ihre Aufgabe gut erledigen würde. Seit ihrem siegreichen Kampf gegen den Hexenkönig, wagte es keiner seiner Männer sie auch nur falsch anzublicken.
„König," erklang eine kühle Stimme und Éomer wusste noch bevor er sich umdrehte das sie zu dem hochgewachsenen Elben mit der eisigen Miene gehörte. Hadir. Niemand sonst konnte seinen Titel so abfällig klingen lassen wie Amáries Onkel.
„Wir wissen eure Geste zu schätzen," fuhr der Elb mit seiner üblichen abfälligen Art fort. „Aber es ist nicht nötig das ihr uns bis zur Grenze begleitet."
Éomer biss die Zähne aufeinander, er würde sich in seinem eigenen Königreich nicht abweisen lassen wie ein Botenjunge. Stattdessen ignorierte er Haldir und wandte sich direkt an Galadriel die bereits auf dem Rücken ihrer edelen Schimmelstute thronte.
„Herrin, wenn ihr erlaubt würde ich euch gerne nach Lórien begleiten." Und wenn nicht würde er einen anderen Weg finden Amárie aufzusuchen. Galadriels Gesicht schien wie immer undurchdringlich für Sterbliche Augen zu sein, doch für einen kurzen Augenblick war er sich sicher das ein Lächeln ihre Mundwinkel umgab. Bevor sie jedoch antworten konnte mischte Haldir sich erneute ein und er wandte sich erneut zu ihm um. Wenn auch äußerst widerwillig.
„Lothlórien ist das Reich der Elben, Menschen ist der Zugang verwehrt!"
„In meinem Fall werdet ihr eine Ausnahme machen müssen." Die Gesichtszüge des Elben wurden umgehend noch eisiger, wenn das überhaupt möglich war und auch der Rest von Galadriels Geleit sah nicht glücklich aus über seine Forderung.
„Ihr mögt vielleicht König Rohans sein, aber darüber hinaus verfügt ihr über keine Befehlsgewalt. Wer Einlass nach Lórien bekommt und wer nicht, liegt nicht in eurer Hand."
„Und nicht in eurer," erwiderte Éomer scharf und blickte demonstrativ in Galadriels Richtung, doch die schöne Elbin verzog nach wie vor keine Miene und schwieg.
Aufgrund der frühen Stunde und wahrscheinlich weil die Elben die meisten seines Volkes ein wenig nervös zu machen schienen, war der Platz vor den Ställen beinahe Menschen leer. Nur ein paar Stallburschen und Mägde die ihrer Arbeit nachgingen huschten hin und wieder an ihnen vorbei. Éomer war froh über die Abgeschiedenheit, denn es half ihm seinen Stolz hinunter zu schlucken als er sich erneut an Galadriel wandte.
„Ihr wisst warum ich euch begleiten möchte Herrin. Amárie..."
„Hat ihre Entscheidung getroffen!" Erneut war es Haldir der ihm ins Wort fiel und Éomer fiel es immer schwerer die Wut in seinem Inneren zu unterdrücken. „Genau wie ihr König. Hätte sie euch sehen wollen, wäre sie geblieben!"
Er ballte seine Fäuste und starrte den Elben wuterfüllt an, der nach wie vor mit gerümpfter Nase auf ihn nieder zu starren schien. Gestern noch hatte er sich fest vorgenommen einen kühlen Kopf zu bewahren. Ihm war klar gewesen das es nicht leicht sein würde die Elben von seiner Mitreise zu überzeugen, aber er würde sich auch um nichts in der Welt davon abbringen lassen. Schon gar nicht von diesem überheblichen Elb der glaubte ihn aufhalten zu können.
„Nein, sie ist gegangen weil sie Gerüchten geglaubt hat. Nichts davon ist wahr und sie wird ihre Entscheidung ändern wenn sie erst einmal die Wahrheit kennt." Das hoffte er zumindest. Amárie konnte äußerst stur sein, wenn sie wollte und es würde nicht einfach werden sie von der Wahrheit zu überzeugen. Aber darüber würde er sich Gedanken machen, wenn er ihr gegen über stehen würde.
Ein abfälliges beinahe zorniges Schnaufen war von Haldir zu vernehmen. „Ihr werdet euch von ihr fern halten, ihr habt bereits genug Unheil angerichtet!"
Zorn blitzte in seinen Augen auf wäre er von seinen eigenen Emotionen nicht so gefangen gewesen wäre Éomer aufgefallen, das auch Haldirs eisige Miene langsam zu bröckeln begann und unverhohlene Wut zum Vorschein kam.
„Ich werde nach Lórien reisen und Amárie hierher zurück bringen!" Zischte er und ballte seine Faust so fest zusammen das er meinte seine Hand würde brechen. „Ihr werdet mich nicht von ihr und meinem Kind fern halten!"
Dieses Mal war der rasende Zorn der Haldirs Gesichtszüge belagerte nicht zu übersehen und die eisige Stille die dem hochgewachsenen Unsterblichen so eigen war, war plötzlich wie weggeblasen. Bevor Éomer wusste wie ihm geschah ging eine Reihe elbischer Flüche über ihn nieder, dicht gefolgt von einem wuchtigen rechten Hieb der so unvermittelt auf ihn zukam das er nicht mehr ausweichen konnte. Benommen taumelte er rückwärts und noch bevor er sich wieder fassen konnte war Haldir vor ihm und begann mit beiden Fäusten auf ihn einzuschlagen. Für jemanden der so schlank und feingliedrig gebaut war hatte er erstaunlich harte Knochen.
Aber Éomer war nicht dafür bekannt klein bei zu geben und eine Prügelei, ein Ventil um seiner eigenen Wut freien Lauf zu lassen, war genau das was er im Augenblick brauchte. Mit einer geübten Bewegung brachte er sie beide zu Fall und drehte sich so das Haldir unter ihm auf dem Boden auftraf. Zumindest war das sein Plan, doch der Elb ließ sich nicht so leicht übertölpeln wie er hoffte und so endeten sie schließlich beide schmerzhaft auf ihrer Schulter.
Doch sie beide waren erfahrene Kämpfer und rollten sich mit Leichtigkeit ab bevor sie wieder auf die Beine kamen, nur um erneut aufeinander loszugehen. Dieses Mal hieb Éomer auf seinen Gegner ein, doch der war geschickt und verstand es seinen Schlägen auszuweichen und erneut anzugreifen.
„Ihr habt sie geschwängert!" Zischte Haldir aufgebracht und Éomer wurde klar, das er nicht der einzige war den Amárie im Unklaren gelassen hatte. „Ihr habt sie geschwängert und dann abgewiesen!" Wie um seiner geringen Meinung über ihn nachzuhelfen verpasste er ihm ein weiteres Mal einen rechten Haken. Schmerz durchzuckte ihn doch das ließ ihn nur entschlossener zurück schlagen. Mit einem wütendem Schrei rammte er dem Elb seine Schulter in den Leib, so dass sie beide rückwärts stolperten und schließlich fielen. Unglücklicherweise befand sich hinter ihnen eine der großen Pferdetränken. Mit einem gigantischen Platschen landeten sie beide im eiskalten Wasser.
Keuchend tauchte Éomer wieder auf und nutzte seine überlegene Position über dem Elben.
„Ich werde mit euch kommen," stieß er hervor und konnte seine eigenen Worte kaum verstehen da er immer noch nach Luft schnappte und gleichzeitig versuchte seinen Gegner in Schach zu halten. „Und werde sie zurück holen und ihr werdet mich nicht -" weiter kam er nicht bevor der Elb den Spieß umdrehte und nun versuchte ihn unter Wasser zu drücken. Gurgelnd kämpfte er gegen den eisernen Griff an, doch er war wild entschlossen Amárie zurück zu holen und niemand würde ihn daran hindern. Schon gar nicht dieser Elb mit der frostigen Miene. Statt sich um die Finger um seinem Hals zu kümmern nutzte er seine Arme und Beine um sich aus der Umklammerung zu lösen. Man wuchs nicht in Rohan auf ohne das ein oder andere Mal beim raufen im Fluss zu landen. Statt jedoch mit seinem Gegner die Plätze zu tauschen, führte seine schwungvolle Bewegung dazu das sie beide mit samt des Troges umstürzten.
Würgend und keuchend landeten sie beide klatschnass auf dem lehmigen Boden, beide erschöpft von der kurzen aber heftigen Auseinandersetzung. Éomer kämpfte sich mühsam auf die Knie, fest damit rechnend das Haldir ihn jeden Moment wieder angreifen würde. Doch der Elb hatte lediglich seinen eisigen Blick auf ihn gerichtete und schien über irgendwas nachzusinnen. Es ärgerte Éomer maßlos das sein Gegenüber den Kampf scheinbar so leicht überstanden hatte, während er immer noch Mühe hatte Luft zu holen.
„Was wollt ihr tun nachdem ihr sie nach Rohan zurück geholt habt?"
Haldirs unerwartete Frage stoppte seine griesgrämigen Gedanken augenblicklich und er blickte überrascht auf. Hatte er das nicht deutlich gemacht? Was glaubte der Elb warum er sich öffentlich bloß stellte und seine persönlichen Angelegenheiten hier vor aller Augen und Ohren ausfocht, sich mit ihm raufte wie ein Junge und nun klatschnass und Lehm verschmiert auf dem Boden kauerte?
Er blickte sich um und bemerkte das die Gruppe ihrer Zuschauer rasant gewachsen war. Neben Galadriel und ihrem Geleit die zum größten Teil undurchschaubare Mienen zur Schau trugen waren etliche seiner Kämpfer getreten die das Geschehen offenbar halb belustigt halb besorgt beobachtet hatten. Da waren Stallburschen und Mägde die unsicher von einem Bein aufs andere traten und nicht recht zu wissen schienen was sie tun sollten und nicht zuletzt machte er seine Schwester aus die ihre Arme über der Brust überkreuzt hatte und ihn mit ihrem tadelnden Blick an ihrer Mutter erinnerte, die in seiner Kindheit eine ähnliche Haltung angenommen hatte wenn er und Théodred Unsinn angestellt hatten.
Doch bei der Frage des Elben konnte er die unwiderrufliche Neugierde auf all ihren Gesichtern aufflackern sehen. Alle bis auf Éowyn und Galadriel die seine Antwort offenbar kannten aber keinerlei Anstalten machten ihm ein kleines bisschen seiner Würde zu überlassen.
Er versuchte sich daran zu erinnern das er König war auch wenn es ihm nass, schmutzig und frustriert nicht leicht fiel sich königlich zu fühlen. Störrisch reckte er das Kinn vor und taxierte den Elben, der es trotz Wasser und Lehm schaffte erhaben auszusehen.
„Sie zu meiner Frau und Königen machen," erwiderte er fest und er hätte schwören können das ein Seufzer der Erleichterung durch die Reihen der Anwesenden ging, doch er war sich nicht sicher denn sein Blick war weiterhin fest auf Haldir gerichtet auf dessen Lippen sich der Anflug eines Lächelns bildete.
„Warum habt ihr das nicht gleich gesagt!"
27. August 3019 D.Z. Mittagsstunds (Lórien)
„Hochzeit?" Amáries Stimme klang schrill, selbst in ihren eigenen Ohren. Ihre Augen sprangen hastig von einer Person zur nächsten, unsicher auf welcher sie ruhen sollten. In ihrem Inneren tobten ihre Gefühle wie eine wütende See und sie wusste nicht ob sie lachen, weinen oder schreien sollte während sie versuchte Klarheit in die Worte ihres Onkels zu bringen.
Noch vor einer Stunde hatte sie am Fluss gesessen und ihre Füße im kühlen Nass gebadet. Es war der Ort den sie sich schon bald nach ihrer Ankunft ausgesucht hatte, wenn sie allein sein wollte. Sie verbrachte viele Stunden dort um nach zudenken und in letzter Zeit hatte sie angefangen mit ihrem ungeborenem Kind zu sprechen. Ihre Tochter, da war sie sich sicher. Solange sich ihr Stammbaum zurück verfolgen ließ waren nur Mädchen in ihre Linie hineingeboren worden.
Mit jedem Tag der vergangen war und Amárie ihre Hand auf ihrem nun deutlich sichtbar rundem Bauch legte, hatte sie sich mehr mit ihr verbunden gefühlt. Unter den stechenden Schmerz und die Wut über Éomers Entscheidung hatte sich Vorfreude gemischt. Ein Lächeln stahl sich über ihre Lippen, jedes Mal wenn sie eine Bewegung spürte und bei dem Gedanken sie schon bald in den Armen zuhalten stockte ihr der Atem.
Doch heute hatte sie noch nicht lange am Ufer gesessen als einer der Elben gekommen war um sie über Galadriels Rückkehr zu informieren und sie bat mit zu kommen, da ihre Verwandten nach ihr gefragt hatten. Sie konnte nicht leugnen das sie sich ein wenig vor Haldirs Reaktion fürchtete und so war sie angespannt hinter dem Boten hergegangen bis sie schließlich die Lichtung erreichten auf der sie die Neuankömmlinge befanden.
Noch bevor sie die kleine Gruppe erreichte war sie abrupt stehen geblieben und starrte hilflos auf den Mann der sich zwischen den drei Elben befand. Zuerst glaubte sie ihre Augen würden ihr einen Streich spielen und so reglos wie er da stand und sie gebannt anblickte konnte sie sich leicht der Illusion hingeben.
Was wollte Éomer hier im goldenen Wald? War er wegen ihr gekommen? Plötzlich schoss ihr der Gedanke durch den Kopf das er nicht freiwillig hier war und Haldir ihn wohl möglich dazu gezwungen hatte mit ihnen zu reisen. Doch sie konnte keine Fesseln sehen und er machte auch nicht den Eindruck als wolle er fliehen. Er stand einfach nur da und schaute sie an. Auf den ersten Blick wirkte Éomer abgekämpft und müde, aber der Ausdruck von Ehrfurcht und Staunen die auf seinem Gesicht erschienen, als er auf ihren Bauch erblickte schien jegliche Erschöpfung die ihn ereilt hatte fort zu wischen. Unwillkürlich wanderte ihre Hand zu der Quelle seiner Faszination und rieb sanft über ihre gewölbte Mitte. Sie konnte sehen wie die Finger seiner eigenen Hand zuckten, so als wolle er sie ausstrecken um es ihr gleich zu tun, doch er bewegte sich nicht von der Stelle.
Amárie wusste nicht wie lange sie beide einfach nur da gestanden hatten und den anderen musterten, beide überwältigt vom Anblick des anderen.
Am Ende war es Haldir der auf seine gewohnt kühle und absolut unpassende Art das Schweigen brach.
„Dem Umfang deines Bauches nach, solltet ihr mit der Hochzeit nicht all zu lange warten!"
„Hochzeit?" Wiederholte sie ihre Frage, dieses mal weniger schrill und trat näher an die anderen heran nur um sicher zu sein das sie sich nicht verhört hatte.
„Nun, er ist der Vater deines Kindes oder etwa nicht?" Fragte Haldir in elbisch und Amárie musste sich beherrschen, ihm für seine taktlose Unterstellung, nicht zurecht zu weisen. „Er ist bereit zu seinen Pflichten zu stehen und du brauchst jemanden der sich um euch," damit wedelte er in Richtung ihres Bauches „kümmert. Er ist König, also wird es dir an Schutz und Wohlstand nicht mangeln. Ich hätte mir etwas anderes erhofft, aber für einen Menschen ist er akzeptabel. Dir hätte ein schlimmeres Los zukommen können."
Inzwischen waren ihre Augen so groß, dass sie sicherlich drohten jeden Moment aus ihrem Kopf zu springen und sie hatte Mühe ihre Stimme wieder zu finden. Zwar war sie von klein auf an Haldirs Taktlosigkeit gewöhnt, aber mit dieser Rede hatte er ein neues Tief erreicht.
„Falls es dir entgangen ist, ich bin ebenfalls ein Mensch! Und ob König oder nicht, es wird keine Hochzeit geben!" Glaubte er wirklich er könnte Éomer unter Drohungen und Einschüchterungen hier her bringen und sie würde freudestrahlend in eine Hochzeit einwilligen?
„Du wirst ihn heiraten!" Beharrte Haldir. „In diesem Fall wirst du tun was ich dir sage!"
„Nein!" Fauchte sie nun aufgebracht. „Ich brauche keinen Mann der mir Schutz und Münzen gewährt und noch weniger einen der mich als seine Pflicht betrachtet!" Ruckartig drehte sie sich Éomer zu, der bis zu diesem Moment schweigend den Streit beigewohnt hatte. Ihr fiel auf das sein Blick nach wie vor gebannt an ihrer Mitte hing und erst jetzt als sie ihn direkt ansprach schien er aus seiner Starre zu erwachen.
„Geh zurück nach Hause Éomer. Ich bin sicher deine Verlobte wartet längst auf dich. Ich entbinde dich von all den Pflichten die du glaubst zu haben. Wir beiden kommen auch gut ohne dich klar!" Ihre Stimme klang klar und fest doch Amárie spürte wie ihr verräterische Tränen die Wange hinab liefen. Und bevor sie das letzte bisschen Würde das sie sich vor ihm erhalten hatte, auch verlieren konnte drehte sie sich herum und rannte fort.
„Amárie, warte!" Éomer verfluchte sich im Stillen während er ohne zu Zögern hinter ihr her eilte. Er hatte dagestanden wie ein Trottel unfähig seinen Blick von ihrem Bauch abzuwenden während der Elb vergeblich versuchte ihr seinen Willen aufzuzwingen.
Er wusste nicht recht was er erwartet hatte. Natürlich wusste er inzwischen das sie schwanger war, aber es waren kaum zwei Monate vergangen seit er sie das letzte Mal gesehen hatte und seit dem hatte sich ihr Körper deutlich verändert. In seinem Leben hatte er unzählige Schwangere gesehen, aber nie zuvor hatte das irgendeinen Unterschied für ihn bedeutet. Amáries Anblick jedoch raubte ihm Atem und Worte. Nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten seine Hand auszustrecken um sie über ihre eigene auf ihrem Bauch zu legen. Würde er sein Kind fühlen können? Er hatte noch nie eine Schwangere in dieser Form berührt, aber er hatte Frauen davon sprechen hören. Selbst einige seiner Männer hatten aufgeregt wie kleine Kinder davon geschwatzt, wie sie ihre Hand oder ihr Ohr auf den Bauch ihrer Frau gelegt hatten und ihr Baby fühlen konnten.
Aber statt sie an sich zu drücken lief er ihr nun hinter her. Irgendwie musste er ihr deutlich machen das er aus freien Stücken gekommen war und sie heiraten wollte, nicht weil ihn irgendein Pflichtgefühl dazu trieb sondern weil es keine andere Frau gab und nie geben würde die er sich an seiner Seite wünschte.
„Amárie!" Für eine Frau in ihrem Zustand war sie erstaunlich flink auf den Beinen und zwischen all den Bäumen war es nicht so leicht sie einzuholen wie er erwartet hatte. Sie waren inzwischen am Ufer eines kleinen Bachs angekommen und er stellte erleichtert fest das sie langsamer wurde. Schließlich bekam er sie an der Schulter zu fassen. Eigentlich hatte er vorgehabt sie sanft zum stehen bleiben zu bringen, aber sie wirbelte so schwungvoll zu ihm herum das sie beide aus dem Gleichgewicht gebracht wurden. Leicht panisch sie könnte fallen und ihr und dem Kind könnte Schaden zu kommen schlang er hastig seine Arme ums sie um sie zu stabilisieren, doch Amárie stemmte ihre Arme umgehend gegen seine Brust und versuchte ihm zu entkommen.
„Lass mich los!" Ihre Worte schmerzten ihn und er spürte wie sein eigenes hitziges Gemüt es ihr mit gleicher Zunge heimzahlen wollte, aber er hielt sich zurück. Es gab einiges zwischen ihnen zu klären, aber mit giftigen Worten würden sie dabei nicht weit kommen.
„Versprich mir mich anzuhören." An der Art wie sie ihren Unterkiefer vorschob und ihre Lippen verzog konnte er erkennen das sie nicht vor hatte seinem Wunsch nachzukommen, also versuchte er es erneut. „Amárie lass ich erklären-"
„Was erklären?" Fauchte sie und funkelte ihn böse an. „Das du dich mit Imrahils Tochter verlobt hast? Spar dir die Worte, du hättest nicht hier her kommen müssen um mir das mitzuteilen!"
Warum nur waren alle davon besessen das er Lothíriel heiraten würde? Augen verdrehend schüttelte er den Kopf. „Ich habe nicht vor Lothíriel zu heiraten!" Satt von seiner Klarstellung besänftigt zu werden schienen seine Worte sie nur noch wütender zu machen und sie versuchte sich erneut aus einer Umklammerung zu lösen, doch Éomer dachte gar nicht daran sie erneut entwischen zu lassen. Nach all den Hindernissen die seit der Schlacht am schwarzen Tor zwischen ihnen gestanden hatten, würde er nicht zulassen das ein paar Missverständnissen alles zerstörte wovon er geträumt hatte. Doch bevor er versuchen konnte die Dinge klar zu stellen fauchte Amárie ihn an.
„Warum, weil du erfahren hast das ich dein Kind erwarte? Das ändert plötzlich alles? Aber ich sag dir was Éomer von Rohan, ich brauche keinen Mann der mich nur will weil er sich verantwortlich fühlt. Ich brauche dich nicht und sie wird dich auch nicht brauchen, also geh zurück zu-"
„Ein Mädchen?" Unterbrach er sie und sein Blick wanderte erneut zu ihrem Bauch. Ein Bild von einem kleinem Mädchen mit rabenschwarzen Haar und grün blitzenden Augen fuhr ihm durch den Kopf und er fragte mit belegter Stimme „Wir bekommen eine Tochter?"
„Nein! Ich bekomme eine Tochter! Du-"
„Ich bin ihr Vater," Fuhr er ihr dazwischen, wütend das sie ihn von seinem Kind fern halten wollte. Und von ihr. „Und dein Mann!" Ihre Augen weiteten sich erschrocken, doch das war nur für einen kurzen Augenblick bevor sie sich erneut zu engen Schlitzen zusammen zogen.
„Wir sind nicht verheiratet!"
„Noch nicht!" Stellte er klar.
„Es gibt kein noch! Nach all dem was geschehen ist, nach allem was ich..." für dich getan habe. Sie brauchte den Satz nicht zu ende sprechen er verstand sie auch so. „Ich bin aufgewacht und du warst nicht da!" Schrie sie ihn plötzlich an und er zuckte bei den anklagenden Worten unwillkürlich zusammen, denn er wusste nicht ob sie den Morgen meinte an dem er sich aus ihrer Kammer geschlichen hatte oder den Tag an dem sie aus ihrem wochenlangen Schlaf erwacht war. Doch sie hatte sich so in Rage geredet, dass sie seine Reaktion nicht einmal mitbekam.
„Kein Wort! Kein Laut! Nichts! Wochenlang nur Schweigen und dann verlobst du dich mit dieser...dieser...mit diesem naiven Püppchen! Und nun ganz plötzlich tauchst du hier auf, weil deine Schwester dir verraten hat das ich schwanger bin? Sag mir Éomer warum bei all den Vala sollte ich dich heiraten!"
„Weil du mich genauso sehr willst, wie ich dich!" Erwiderte er und fühlte sich an ihre hitzigen Streitereien vor vielen Monaten erinnert. Noch bevor sie erneut etwas entgegnen konnte fuhr er fort
„Ich hatte nie vor Lothíriel zu heiraten, wenn ich je herausbekommen wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat verspreche ich dir, wird er es bitter bereuen! Und es war nicht meine Wunsch dich alleine in Gondor zurück zu lassen," seufzte er und dachte an die endlosen Tage und Nächte die er an ihrem Bett gesessen hatte. „Aber ich bin König Amárie," fuhr er energischer fort. „Und als solcher kann ich nicht immer das tun was ich möchte! Ich habe Pflichten und denen kann ich mich nicht wochenlang entziehen, ganz egal wie schwer es mir fällt! Außerdem habe ich versucht dich aufzusuchen, aber jedes Mal hat sich jemand anderes dazwischen gedrängt und dann, am Abend als ich auf dem Balkon auf dich gewartet habe, bist du einfach nicht erschienen!"
„Ich," stammelte Amárie schließlich mit dünner Stimme, von seiner unerwarteten Rede offensichtlich überrumpelt. „Ich habe geglaubt du wolltest mir sagen, dass du dich verlobt hast."
„Ich habe mich nicht verlobt!" Donnerte er und hätte er sie nicht festgehalten hätte sie einen Satz zurück gemacht. Zerknirscht über seinen Ausbruch schloss er die Augen und holte tief Luft um sich wieder zu beruhigen. „Noch nicht." Er blickte sie erwartungsvoll an in der Hoffnung das sie verstehen würde was er versuchte zu fragen.
„Es ist wegen dem Kind nicht wahr?"
„Oh, verflucht noch mal!" Frustriert schüttelte er sie an den Schultern bevor ihm wieder einfiel das es er in ihrem Zustand etwas sanfter mit ihr umgehen sollte. „Hast du mir denn gar nicht zugehört? Es ist nicht wegen dem Kind. Nicht nur! Ich will dich an meiner Seite -immer."
„Oh ja," fauchte sie und Éomer konnte sehen wie sie sich von der Schock erstarrten Frau zurück in die angriffslustige Wildkatze verwandelte die er gewohnt war. „Ist das auch der Grund warum du heimlich, still und leise am nächsten morgen aus meinem Bett geschlichen hast? Weil du mich für immer an deiner Seite wolltest?" Ihr Ton war schneidend und schärfer als so manches Schwert das er hatte abwehren müssen. „Wolltest du mir damit zeigen welch große Gefühle du für mich hegst?"
„Nein ich wollte fliehen bevor ich etwas dummes tun konnte!"
„Ach ja? Wie was?"
„Wie dir zu sagen das ich dich liebe!" Schnappte er und verstummte augenblicklich. Amárie hatte die Augen weit aufgerissen und starrte ihn an. Frustriert schloss er die Augen. Warum hatte er nicht einfach den Mund halten können? Vielleicht war es tatsächlich ein Fehler gewesen her zu kommen. Er hatte gedacht wenn er her kam und offen und ehrlich zu ihr war und über seine...Gefühle...sprach könnte er sie zurück gewinnen, aber es war offensichtlich das er sich umsonst bloß gestellt hatte. Doch bevor er einen Weg finden konnte mit erhobenem Haupt aus der Sache hervor zu gehen wurde sein Kopf gepackt und hinunter gezogen wurde. Sanfte Lippen trafen seine so unerwartet das er für einen Moment völlig reglos verharrte. Aber Éomer hatte nicht so lange auf dem Schlachtfeld überlebt, wenn er nicht gewusste hätte eine günstige Gelegenheit zu nutzen ohne Fragen zu stellen. Vielleicht war der Gefühlskram doch kein Fehler gewesen. Hätte er geahnt das drei Worte alles waren was nötig war um sie in seine Arme zu bringen hätte er seinen Stolz lange zuvor hinunter geschluckt und ihnen beiden viel Zweifel und Gezeter erspart. Mit einem erleichterten Seufzen zog er sie näher an sich und erwiderte ihren Kuss, fest entschlossen es zu genießen so lange er konnte. Wer wusste schon wann ihr etwas anderes einfiel das er falsch macht hatte und sie erneut anfing ihn anzuschreien.
Hitzige Auseinandersetzungen würde es wohl immer zwischen ihnen geben aber, dachte er und spürte wie sich seine Lippen zu einem grinsen verzogen, Langeweile würde niemals zwischen ihnen aufkommen.
TBC
