„Ich brauche nicht lange in meinem Gedächtnis zu forschen", merkte Severus an, „um mich klar daran zu erinnern, dass dieser Morgen leider nicht der Beginn eines neuen, äußerst reizvollen Morgenrituals war, sondern der Vorbote ganz anderer Regelmäßigkeiten."
„Schrecklicher Regelmäßigkeiten" nickte Hermine mit Grabesstimme, „Wirklich alles andere als schön, das kannst Du mir glauben."
„Ich glaube Dir sofort, denn ich durfte das ganze Drama hautnah miterleben", entgegnete Severus leidend, „zudem hast Du Dich an keine meiner Mahnungen wirklich gehalten."
„Das ging ja auch echt nicht", klagte Hermine.
Allem Anschein nach war es nämlich nicht nur ein leerer Magen gewesen, der an diesem denkwürdigen Morgen Anfang Juni gegen unzureichende Fütterung rebelliert hatte, denn in unregelmäßigen Abständen wurde Hermine immer mal wieder von solchen Problemen heimgesucht. Es reichte von einem fast ständig vorhandenen flauen Gefühl, das sie aber recht gut verdrängen oder wenigsten einigermaßen geschickt verheimlichen konnte, bis hin zu plötzlichen, heftigen Attacken, bei denen sie sich hin und wieder auch übergeben musste. Das Ärgerlichste dabei war, mit jedem Tag wurde es ein klein wenig schlimmer.
Severus hatte schon mehrfach angemahnt, endlich Poppy zu konsultieren, aber Hermine behauptete kategorisch keine Zeit für so etwas zu haben, ihr fehle nichts, wahrscheinlich wäre die ganze Aufregung der neuen Stelle und ihre Angespanntheit deswegen der eigentliche Grund für diese Sachen und da könne Madam Pomfrey eh nichts gegen unternehmen.
Nun, sie war eine erwachsene Frau und Severus beschloss noch genau eine Woche lang abzuwarten, bevor er sie bei Hogwarts Heilerin gnadenlos anschwärzen würde.
Doch so weit kam es dann gar nicht.
Ungefähr zwei Wochen nach ihrer wilden morgendlichen Badeskapade schien die junge Professorin offenbar so viel zu tun zu haben, dass ihr Mann sie fast gar nicht mehr zu Gesicht bekam. Als er den zweiten Tag in Folge fast gänzlich auf sie verzichten musste, wurde es ihm zu bunt. Immerhin waren endlich alle Prüfungsvorbereitungen abgeschlossen und er hätte jetzt sehr gut Zeit, sich seiner jungen Frau zu widmen. Wenn sie denn mal da wäre! Morgen würde er sich bei Ambros Carter beschweren und bei Hermine auch! Basta!
Er teilte seinen Unmut beim Abendessen sogar Minerva mit, die daraufhin ganz erstaunt erzählte, dass sie Hermine sowohl am Morgen, als auch gerade vorhin noch an ihrem Lieblingsplatz in der Bibliothek gesehen hätte. Eine Nachricht die ihn mehr als verwunderte, denn eigentlich war er davon ausgegangen, dass sich Hermine in Edinburgh aufhielt.
Sehr nachdenklich beendete er so schnell es ging seine Mahlzeit und machte sich auf in Richtung Bibliothek.
Als er eintrat, wollte Madam Pince gerade schließen. Sie wies mit ihrem üblich verkniffenen Blick über ihre Schulter, „Sie wissen ja, wo Sie sie finden", und rauschte an ihm vorbei.
Er ersparte sich die Anmerkung, dass er sich da im Augenblick gar nicht so sicher war, und schlich leise durch die vielen bis zur Decke reichenden Regalreihen voller magischer Bücher, bis er das hohe Fenster sehen konnte und den Tisch davor, den sich seine Frau schon seit ihren ersten Tagen als Schülerin hier in Hogwarts als Stammplatz ausgesucht hatte.
Nur eine schwache Kerze brannte neben ihr und er wusste sofort, dass seine Frau hier nicht gelesen oder recherchiert hatte, denn es lag nur ein einziges Buch auf dem Arbeitstisch und das schien auch nur der Dekoration zu dienen. Sie hatte ihren Kopf auf die Hand aufgestützt und starrte im Halbdunkel aus dem Fenster auf den See. Ihre ganze Haltung verrieten Verwirrung und Besorgtheit.
Enger schoben sich die Augenbrauen des Tränkemeisters zusammen, das hier sah nicht gut aus! Er räusperte sich kurz und trat aus dem Schatten des Regals heraus.
Hermine fuhr zusammen und schaute sich blinzelnd um, „Oh, Severus". Sie sah blass aus und was noch viel beunruhigender war, sie wich seinem Blick aus. Gar nicht gut!
„Bist Du schon lange hier?", fragte er, schob einen Stuhl heran und setzte sich neben sie.
„Eine Weile", legte sich Hermine nicht fest und blickte auf ihre Hände.
„Und was tust Du hier genau?", hakte er nach, griff nach ihrer Hand und zog sie etwas näher zu sich heran.
„Nachdenken", antwortete sie einsilbig, entzog ihm aber ihre Hand nicht, sondern lehnte sogar ihren Kopf an seiner Schulter an. Nun, vielleicht doch kein gar so schlechtes Zeichen.
„Sagst Du mir, was Dich so beschäftigt, Hermine?", versuchte er es nach einer kleinen Weile des Schweigens erneut.
Sie nickte zwar leicht, schwieg aber dennoch. In seinem Magen begann sich ein kleiner Sorgenklumpen zu bilden, während sich in seinem Kopf die wildesten und vor allem furchtbarsten Gründe für die Verwirrtheit seiner sonst so unerschütterlichen Frau tummelten.
Daher zitterte seine Stimme auch ein klein wenig, als er schließlich leise fragte: „Was ist passiert Hermine, hast Du Ärger an der Uni, bist Du krank, ist etwas mit Deiner Familie oder Deinen Freunden?"
„Wie? Nein", sie schüttelte den Kopf und barg ihr Gesicht in den Falten seiner Robe, „es ist nichts dergleichen."
„Was dann?", er war wirklich ratlos.
„Es ist eigentlich nichts Schlimmes", flüsterte sie und hob ihren Kopf ein wenig, „aber ich bin so überrascht und ich weiß auch nicht, wie Du das sehen wirst und ich gebe zu, das mir das alles ziemliche Sorgen macht".
„Solange Du Dich nicht von mir trennen willst und Dir nichts Ernsthaftes fehlt, ist mir alles andere relativ egal!", murmelte Severus und merkte, dass ihm trotz dieser Antwort das Herz zum Halse hinaus schlagen wollte.
„Nun", sie nahm tief Luft, „es ist so, dass ich ein Kind erwarte."
„Wie bitte?", er hatte sich bestimmt verhört.
„Ich erwarte ein Kind, Severus", wiederholte Hermine mit brüchiger Stimme.
„Ein Kind?", er starrte sie perplex an und ihm wurde heiß und kalt zur gleichen Zeit „Du bist …. schwanger?" krächzte er.
„Ja", nickte sie und ihr Blick suchte ängstlich seine schwarzen Augen.
Großer Merlin! Er fuhr sich fahrig durchs Haar, schüttelte den Kopf, als wenn er dadurch wieder die wunderbare Ordnung herstellen könnte, die da bis eben noch gewesen war und stand dann abrupt auf, um instinktiv einige Schritte zurück zu weichen.
Ein Kind!
Das konnte doch gar nicht sein! Nein, das durfte doch gar nicht sein. Hatte er nicht unmissverständlich klar gemacht, dass er kein Kind wollte und hatte sie nicht eingewilligt diesem Wunsch zu entsprechen, jedenfalls für die nächsten Jahre?
Verdammt!
Hätte er seinem ersten Impuls gefolgt, wäre er auf der Stelle davongerannt. Egal wo hin, egal wie weit. Nur weg von hier, weg von ihr, fort aus dieser unglaublichen Situation. Viel hätte wahrlich nicht gefehlt, großer verfluchter Merlin. Allein zwei kleine Dinge hielten ihn davor zurück: Hermines flehender Blick und die Tränen in ihren Augen.
Verdammt! Verdammt! Er bekam keine Luft mehr. Voller Verzweiflung riss er an seinem Binder und ging noch einen weiteren Schritt zurück.
„Severus?", wisperte Hermine und die Tränen rannen ihre Wangen hinunter.
Verflucht. Er musste etwas tun und wenn es schon nicht das feige Wegrennen war, dann sollte er möglichst schnell überlegen, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Ohne dass er es merkte setzten sich seine Beine in Bewegung und er begann ein etwas hektisches Auf und Ab.
„Severus?", versuchte seine Frau ihn nach einigen Minuten des Hin- und Hertigerns erneut aus seinen wirren Gedankengängen zu holen.
Er hielt inne und sah sie fragend an, „Ein Kind?" Es war nur eine Vergewisserung.
„Ja."
„Wie konnte das geschehen?" stammelte er schließlich und fasste sich an den Kopf.
„Es tut mir so leid, Severus, wirklich."
Er musste blinzeln, „Was? Was tut Dir leid?"
„Es tut mir leid, dass ich wahrscheinlich vor lauter Planen, Konzipieren, Lernen und Lehren und in all dem perfekt sein zu wollen, den Verhütungstrank vergessen habe. Ich weiß doch, dass Du jetzt noch kein Kind wolltest", ihr Kinn bebte und sie barg voller Verzweiflung den Kopf in ihren Händen.
Na wunderbar, seufzte er innerlich, sonst vergaß sie nie etwas, warum musste sie gerade in solch einfachen Dingen so nachlässig sein. Er wollte schon sein Auf und Ab erneut aufnehmen, als ihm eine weitere wichtige Frage in den Sinn kam.
„Wann?"
Hermine hob den Kopf und antwortete mit tränenerstickter Stimme „Es wird wohl im letzten Drittel des Dezembers geboren werden, meint Poppy."
„Wie? Dann bist Du ja schon fast im dritten Monat, Hermine! Seit wann weißt Du es?", stotterte er durcheinander.
„Erst seit heute früh", erneut senkte sie errötend den Kopf, „Poppy war auch sehr erstaunt, dass mir das nicht früher aufgefallen ist, aber ich hatte einfach so viel um die Ohren."
Er starrte sie durch das Halbdunkel der Bibliothek an und war zu keinem einzigen klaren Gedanken in der Lage und das würde sich auch mit meilenweitem Umhergelaufe nicht ändern.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Er sah sie mit hängenden Schultern an, sah ihre Sorge und Unsicherheit und er sah auch die beginnende Verzweiflung in ihren Augen, ob seiner hilflosen Reaktion. Aber er wusste einfach nicht, was er tun sollte.
Mitten in diesem Chaos war es ihm plötzlich, als wenn eine sehr vertraute Stimme in seinem Inneren eindringlich zu ihm sprechen wollte und obwohl er so durcheinander wie selten war, gelang es ihm, sich auf diese Stimme zu konzentrieren: „Lass sie nicht allein, Severus, lass sie jetzt nur nicht allein. Sie braucht Dich, mehr als je zuvor!"
Er musste blinzeln, war das nicht Lily Evans Stimme, die da zu ihm sprach? Eine Erkenntnis, die ihn noch etwas mehr an seinem Binder reißen ließ.
Verdammt!
Ja, wahrscheinlich hatte sie ja recht, aber wie sollte er das tun?
‚Folge einfach Deinem Herzen', hörte er sogleich die Antwort und dass sie eindeutig belustigt klang machte die Sache nicht besser.
Er drehte sich um und sah mit einem Mal wieder die Trauscene vor seinem inneren Auge, „in guten, wie in schlechten Zeiten."
In der Tat.
Er riss er sich mit aller Macht zur Ordnung.
„Hermine, ich…" begann er, schüttelte dann aber energisch den Kopf, drehte sich um, überbrückte die kurze Distanz zwischen sich und ihr und schloss sie erst einmal fest in seine Arme. Ein sehr erleichterter Laut entrang sich daraufhin Hermines Brust und sie schmiegte sich eng an ihn heran.
So saßen sie eine ganze zeitlang fest umschlungen inmitten von unzähligen Büchern und er merkte sofort, dass er das richtige getan hatte. Denn mit ihr in seinen Armen wurde auch er ruhiger, er bemerkte wie sich das Chaos in seinem Kopf und in seinem Herzen langsam legte und dieser drängende Fluchttrieb verschwand. Ihr schien es ähnlich zu gehen, denn auch ihr Atem ging nach einer Weile gleichmäßiger und sie schien sich ein wenig zu entspannen.
„Ich denke, Du musst mir etwas Zeit lassen, mich mit dieser neuen Situation auseinanderzusetzen", flüsterte Severus leise in ihr Ohr und reichte ihr sein Taschentuch.
„Das kann ich sehr gut verstehen, Severus!", schniefte Hermine und putzte sich lautstark die Nase, bevor sie ihren Kopf wieder zurück an seine Brust legte, „Ich kann es auch noch nicht fassen."
„Und was wird jetzt?", brachte er seine Hilflosigkeit auf den Punkt.
Hermine zuckte mit den Schultern, „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, Severus. Wirklich nicht. Ich fühle mich ganz seltsam. Plötzlich ist alles anders und es gibt so viel zu klären und zu überlegen. Ich schaffe es aber einfach nicht einen einzigen klaren Gedanken zu fassen", erneut sammelten sich Tränen in ihren Augen.
„Nun, dann sind wir doch schon mal zwei!" seufzte Severus und strich ihr sanft über die nasse Wange.
„Vielleicht ginge es ja, wenn wir das gemeinsam versuchen würden", schlug sie bittend vor.
„Du meinst, das könnte helfen?", fragte er zweifelnd.
„Ich weiß es nicht", gab Hermine scheu zu, „aber ich glaube, mir würde es sehr helfen."
„Nun", pflichtete ihr Severus bei, „dann ist es vielleicht doch ein brauchbarer Gedanke und vielleicht auch etwas produktiver, als hier aus dem Fenster zu starren."
„Unbedingt", atmete Hermine erleichtert durch.
Er stand auf, reichte ihr die Hand und sie ergriff sie sogleich, und obwohl er sonst Vertraulichkeiten oder gar Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit strickt vermied, ließ er ihre Hand den ganzen Weg hinab in die Kerker nicht ein einziges Mal los.
Sie sollte ihn nicht für einen Feigling halten und Lily Evans auch nicht. Obwohl er keine Ahnung hatte, wie lange er es vor Hermine verheimlichen konnte, dass sein Mut und seine Souveränität in dieser Sache wirklich sehr spärlich gesät war.
Grundgütiger, ein Kind…
