14. Ängste

„Das Beste an diesem Herbst war für mich die erfolgreiche Entwicklung unseres Schwangerschaftsbeschwerdentrankes", stand für Hermine einwandfrei fest, als sie sich die ersten Monate ihrer Schwangerschaft nochmals durch den Kopf gehen ließ.

„Oh, ja", stimmte Severus sofort uneingeschränkt zu, „wir hätten auf diese Idee nur schon viel früher kommen können, anstatt auf andere zu hoffen. Uns wäre viel erspart geblieben."

„Ja, vor allem mir", stellte Hermine mit erhobenem Zeigefinger klar.

„Ja, aber mir auch", bestand Severus mit sehr leidendem Blick.

„Klar! Männer, die großen tragischen Gestalten der Schwangerschaft!", spottete Hermine und rollte mit den Augen.

„Allerdings", bestätigte Severus hoheitsvoll, „Völlig verkannt und doch leiden wir zumeist still vor uns hin!"

„Oh! Ich bekomme gleich echtes Mitleid, Du Mitglied einer völlig verkannten Spezies!", neckte ihn seine in solchen Dingen völlig unsensible Frau, doch dann wurde sie plötzlich ernst und zog ihre Augenbrauen zusammen, „Allerdings erinnere ich mich auch noch an einen sehr bemerkenswerten Nachmittag im Spätherbst."

„So?", machte Severus, „Und worum ging es an diesem Nachmittag, Übelkeit oder Schwindel, dicke Beine oder desaströse Gewichtszunahme?"

„Nein, eigentlich wolltest Du nur wissen, wie es ist schwanger zu sein", antwortete Hermine einfach und griff nach seiner Hand, „aber ich bin mir ganz sicher, es ging um viel mehr."

„So?", er drehte sich interessiert zu ihr hin, „Und um was?"

„Ich denke, es ging um die wirklich wichtigen Dinge, um das, was uns Angst macht und vor was wir uns fürchten", erklärte Hermine und sah ihm tief in die Augen.

Und dann fiel es ihm wieder ein. Richtig! Er wollte dieses Gespräch eigentlich gar nicht geführt haben, aber diese Frau machte ihn einfach unvorsichtig! Sie schaffte es immer wieder, dass er sich vergaß, seine Zurückhaltung, seine Diskretion, seine Verschlossenheit und viel zu viel von sich und seinem Denken und Fühlen preis gab. Gefährlich und mehr als dumm, wenn er nicht irgendwie den Eindruck hätte, dass sie ihn um dieser Schwäche willen noch viel mehr liebte als eh schon.

Und so betrachtet, war es dann doch vielleicht nicht gar so schlecht!

„Was beschäftigt Dich, Severus?" fragte Hermine lächelnd und holte ihren Mann damit aus seinen intensiven Betrachtungen.

Verflixt! Er hatte wohl definitiv zu lange und zu auffällig auf ihren überdimensionalen Bauch gestarrt.

„Wie? Äh… nichts Besonderes", wich er brummig aus.

„Solange es von Dir kommt, interessiert mich auch das Gewöhnliche, mein Lieber!", ließ Hermine nicht locker. Er seufzte, sie ließ nie locker, einer ihrer hervorstechendsten Charaktereigenschaften.

„Ich habe mich nur gerade gefragt, wie es so ist, ein Kind in sich zu tragen", er wagte nicht so recht, ihr in die Augen zu schauen, vielleicht lachte sie ihn gleich aus oder hielt ihn berechtigterweise für einen Narren.

Hermine aber tat nichts dergleichen, sondern zog interessiert ihre Augenbrauen in die Höhe. Dann legte sie ihr Buch beiseite und schloss einige Augenblicke ihre Augen während sie sich über ihren deutlich gewölbten Leib fuhr, dann antwortete sie leise: „Es ist außerordentlich, Severus. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass es außergewöhnlich ist", sie lächelte ihn etwas schief an, „Man nennt diesen Zustand ja auch andere Umstände, das trifft es ziemlich gut."

„Ja, das mit den anderen, mit den besonderen Umständen, ist mir auch schon mehr als einmal klar geworden", seufzte Severus. Richtig, vieles von dem, was sie bisher gewohnt waren, hatte sich diesen besonderen Umständen geschuldet verändert. Und wenn man ihn fragte, war das nicht unbedingt vorteilhaft!

„Da sind auf der einen Seite die ganzen körperlichen Veränderungen", fuhr sie fort, „Du wirst Dir von Tag zu Tag fremder", ihr Blick wurde noch unsicherer, „Hört sich das für Dich dumm an, Severus?"

„Nein, das tut es nicht!", er stand von seinem Sessel auf und setzte sich neben sie, dann legte er seinen Arm um sie herum, „Du bist Dir also im Moment fremd."

„Oh ja!", seufzte Hermine und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, „Ich habe manchmal den Eindruck, ich stehe neben mir, schaue auf eine Person, die mir zwar entfernt ähnlich sieht, deren Stimmungen aber aus undefinierbaren Gründen stärker schwanken, als eine Palme im Sturmwind."

„Ja, diese Person sehe ich auch!", stimmte Severus voller in Selbstmitleid getränkter Stimme zu und erntete dafür einen kleinen Klaps auf seinen Arm.

„Es ist so seltsam, Severus", fuhr Hermine fort, „Du hast so gut wie keine Einflussmöglichkeiten auf deine Psyche, Nichtigkeiten machen dich wahnsinnig, kleinste Fehler bringen dich völlig aus der Fassung, ein unbedachter Blick, ein gedankenloser Satz und du fällst in tiefste Depressionen. Du könntest heulen und lachen, albern sein und tot traurig. Alles zur selben Zeit! Es ist einfach unglaublich!"

„Ich glaube, das sind diese Hormone!", warf Severus freundlich ein, nicht dass sie sich hier noch in etwas hineinsteigerte, sie war in letzter Zeit ziemlich empfindlich.

„Weiß ich auch!" entgegnete Hermine, „Aber sie fühlen sich dennoch total blöd an!" Sie blickte an sich herab, „Aber nicht nur deine Psyche hast du als Schwangere nicht mehr im Griff, auch dein Körper macht was er will!", sie seufzte, „Selbst wenn ich diese grauenhafte Übelkeit mal außen vor lasse, die wir ja zu genüge kennen, ist es schon seltsam, dass da etwas in dir wächst. Du weißt zwar, dass es ein Kind ist, aber das ist eben nur Theorie. In der Praxis ist es dann doch ziemlich bizarr, dass dein Bauch sich unerbittlich aufbläht, du ein stetig wachsendes Gewicht mit dir herum schleppst, du schneller müde wirst, als eine Hundertjährige und du andauernd hungrig bist, alle drei Minuten aufs Klo rennen musst und dass deine Haut und deine Brüste sich verändern."

„Also das mit Deinen Brüsten finde ich übrigens gar nicht so schlecht", warf Severus ein und linste in Hermines gut gefülltes Dekollete.

„Warte mal ab, Du Lüstling, bis sie voller Milch sind!", gab Hermine grimmig grinsend zu bedenken.

„Oh", machte ihr Ehemann, an diese Entwicklung hatte er gerade gar nicht gedacht.

„Aber was das Seltsamste ist", spann Hermine ihre Schilderung weiter, „das ist die Wirklichkeit, die sich langsam, aber unaufhaltsam verschiebt."

Severus zog die linke Augenbraue empor: „Was meist Du denn damit?"

„Nun, wir werden ein Kind haben!" erklärte Hermine ernst, „Dagegen ist es mehr als unbedeutend, wer den Hauspokal oder die Quidditischmeisterschaft gewinnt. Fast alles verliert an Bedeutung, oder besser gesagt, es schiebt sich alles in die richtige Wertigkeit."

Hermine presste ihre Lippen fest aufeinander, bevor sie sehr leise fortfuhr, „Man beschäftigt sich mit anderen, existentielleren Fragen."

„Und die wären?" fragte Severus vorsichtig.

„Na, ob man alles richtig machen wird z.B., ob man es schafft eine gute Mutter zu sein und dazu auch noch eine engagierte Professorin und anziehende Ehefrau. Man hat öfters schreckliche Angst! Nicht um sich selbst, sondern um dieses ungeborene Kind, um die Menschen die man liebt."

„Das verstehe ich, aber warum zweifelst Du an Dir?", fragte er und schob seine Augenbrauen zusammen.

„Ich weiß es nicht, vielleicht, weil man so etwas nicht berechnen kann. Es gibt kein Rezept und selbst, wenn Du gute Zutaten hast, ist es nie gewiss, dass der Trank auch gelingt."

Er starrte sie erstaunt an, hatte er das richtig verstanden, sie hatte Angst zu versagen?

„Bei Merlin! Wenn Du schon an Dir zweifelst, Hermine, was soll ich dann erst tun?", schnaubte er erschüttert und löste sich von ihr, damit er aufstehen konnte. Sie sah ihm aufmerksam hinterher, als er mit finsterem Blick vor dem Kamin auf und ab schritt.

Denn darüber musste er in Ruhe nachdenken. Ihre Befürchtungen machten ihm gerade unglaubliche Angst. Immerhin war sie seine einzige Sicherheit, dass das Kind ein Leben in der Familie Granger-Snape ohne größeren Schaden überleben würde!

Hermine sah ihm eine Weile bei seinen düsteren Denkbewegungen zu. Schließlich rappelte sie sich aber mit ihrem dicken Bauch etwas unelegant von der Couch auf und trat so dicht an ihren Mann heran, wie es nur ging. Dann hielt sie ihn am Arm fest, damit er aufhören musste herumzutigern und schaute ihm tief in die Augen.

„Was beschäftigt Dich, Severus?", wollte sie eindringlich wissen.

Er entwand sich ihrem Griff und verschränkte seine Arme vor der Brust, dann starrte er in die Flammen im Kamin. „Mein Vater war ein armseliger Säufer. Er kam mit einer Hexe als Frau und einem magisch begabten Sohn wie mir, einfach nicht zurecht! Er hat sich vor uns gefürchtet und sich für uns geschämt!", sprach er und sah weiterhin ins Feuer, „meine Mutter hat das zutiefst unglücklich gemacht und sie verhärmte. Sie ist über die Jahre dahin gewelkt, hart und kalt geworden und schließlich eingegangen wie eine Primel ohne Wasser."

Hermine stand ganz still neben ihm und sagte nichts. Sie wusste wahrscheinlich, in solch seltenen Momenten, wo sich ihr sonst so beherrschter und verschlossener Mann unversehens öffnete, durfte man ihn nicht unterbrechen, man musste sehr behutsam sein und ihn lassen.

„Als das damals mit uns beiden begann", fuhr er fort, „und immer schöner und wichtiger für uns beide wurde, hatte ich furchtbare Angst, dass ich Dich genau so unglücklich machen würde, wie mein Vater es mit meiner Mutter geschafft hatte. Und dass mir das bisher nicht gelungen ist, halte ich für ein echtes Wunder."

Endlich drehte er sich zu ihr hin und schaute sie lange an, bevor er weiter redete: „Die Angst von damals, Hermine, ist immer noch da und seitdem ich weiß, dass Du schwanger bist, hat sie sich schon des Öfteren ins Unermessliche gesteigert. Manchmal, wenn ich Dich ansehe, überfällt sie mich derart, dass ich glaube keine Luft mehr zu bekommen. Angst, wie ich sie nie hatte, als es nur um mein Leben ging.

Sie nickte langsam, „Ich kenne diese Angst, Severus. Ich habe sie auch, sie ist der Preis, wenn man liebt."

„Ein verdammt hoher Preis!", presste er hervor.

„Ja, aber ein gerechtfertigter, wie ich meine, denn wie kann man jemanden lieben, ohne sich um ihn zu sorgen?"

„Ich weiß es nicht, außer, dass es sehr klug war, nicht zu lieben!"

„Quatsch! Das ist armselig und dumm!", widersprach Hermine heftig, „Ich liebe es zu lieben! Und ich liebe es, Dich zu lieben, Severus Snape! Ich nehme die Angst die damit einhergeht gerne in Kauf, weil ich so vieles zurück bekomme von Dir und von all den Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Zudem halte ich diese Ängste, die man als liebender Mensch so hat, auch für sehr hilfreich und nützlich, denn sie bewahren uns vor Dummheiten und Unvorsichtigkeiten. Sie helfen mir z.B. ganz konkret, Gefahren zu erkennen, bevor sie da sind und warnen mich, wenn ich zu sorglos oder zu unvernünftig bin!"

„Und wobei helfen Dir Deine Ängste im Augenblick?", wollte Severus spöttisch wissen.

„Ganz einfach, mein Lieber, davor, dass Poppy mir den Hals herum dreht!" sie kicherte ein kleines bisschen, „Sie helfen mir dabei regelmäßig zu essen und zu trinken oder bewahren mich davor mich zu übernehmen, an der Uni durch Überstunden und Sonderaufgaben oder dadurch, dass wir trotz aller Warnungen doch auf die ursprüngliche Zutatenexpedition gegangen wären", zählte Hermine auf.

„Das waren keine Ängste Hermine, dass war diese Übelkeit! Du brauchst für so etwas auch keine Ängste, die Dich vor solch einer Unvernunft bewahren, meinen Rat zu befolgen hätte es auch getan", brummte Severus belehrend.

„Wahrscheinlich!", gab Hermine lächelnd zu, dann zog sie seine Arme auseinander und schmiegte sich ganz eng an ihn heran, jedenfalls soweit das noch ging. So ein Bauch war schon störend! Wie gut, dass er so lange Arme hatte.

„Severus, wenn ich zu irgendeinem Zeitpunkt in unserer Beziehung auch nur im Entferntesten daran gezweifelt hätte, dass Du ein guter Vater werden würdest, hätte ich kein Kind mit Dir haben wollen!" stellte sie klar.

„Was lässt Dich denn darin so sicher sein, das ich einer werde?" fragte er seine Frau zweifelnd.

„Weil Du viele gute Eigenschaften hast, die für einen guten Vater wichtig sind!"

„Ha! Welche sollen das denn sein?", schnaubte er ungläubig.

Hermine lächelte ihn an und küsste sein Kinn, bevor sie aufzählte: „Du hast ein gutes Herz, bist zärtlich, leidenschaftlich, beherrscht, verantwortungsbewusst und treu. Alles Eigenschaften die Dein Kind sehr schätzen wird."

Dann küsste sie seine Lippen und flüsterte dabei, „Das sind übrigens auch alles Eigenschaften, die ich als Deine Frau sehr schätze!"

„Soll das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein?", fragte Severus amüsiert.

„Vielleicht, Du weißt ja, wie schnell sich die Launen einer Schwangeren ändern, da hat man nicht mehr so viel Zeit für subtile Anspielungen!", Hermine musste über ihre eigenen Befindlichkeiten lachen. Hörte aber abrupt auf und verzog etwas das Gesicht. Dann lächelte sie und griff nach Severus Hand, „Hier! Fühl mal, da ist auch gerade jemand kein bisschen subtil!"

Severus legte seine Hand auf ihren Bauch und fühlte sehr deutlich die Tritte unter der gespannten Bauchdecke. Er schob seine Hände unter ihren Pullover und streichelte zärtlich über den warmen, gewölbten Leib und schon nach wenigen Augenblicken hörten die Tritte auf und ein kleines Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des Tränkemeisters.

„Siehst Du? Du wirst ein sehr guter Vater werden", murmelte Hermine mit einem tiefen Atemzug, „Dein Kind wird Dich von Herzen lieben und sehr stolz auf Dich sein!"

„Na, wir werden sehen!", ließ Severus diese Prophezeiung offen und küsste Hermine auf den Scheitel, „aber was völlig außer Frage steht, ist, dass Du eine sehr, sehr gute Mutter sein wirst, Hermine!"

„Ich will mich von Herzen darum bemühen!", flüsterte sie und seufzte tief, „Das ist aus meiner Sicht übrigens das Einzige was wir Menschen tun können. Wir müssen uns mit allem was wir haben und vermögen darum bemühen das Richtige zu tun, den Rest haben wir nicht in der Hand."

„Mir bleibt also nichts anderes übrig, als zu vertrauen, auf was auch immer?", fasste Severus etwas resigniert zusammen.

„Ganz richtig!", nickte Hermine und nahm wieder seine Hand, um ihre Wange darin zu schmiegen, „Man sagt von schwangeren Frauen auch, dass sie guter Hoffnung sind. Ein sehr schöner Ausdruck wie ich finde und er trifft sehr gut, was ich fühle: Bei allen körperlichen und psychischen Plagen und Beschwerden, die wirklich mehr als lästig sind, bin ich voller guter Hoffnung und freue mich mittlerweile irrsinnig auf dieses Kind." Sie zwinkerte ihm zu, „Vor allem weil es von Dir ist!"

„Na, alles andere wäre ja auch noch schöner!", knurrte Severus und gab vor sich selbst gerne zu, dass er in der letzten Zeit ebenfalls ein wenig auf dieses neue Erdenkind gespannt war.

Vielleicht, eventuell, möglicherweise, freute er sich sogar ein klitzekleines bisschen darauf.

Unter ganz besonderen Umständen natürlich!