20. Sorgen

„Gib es zu, Du alter Schwarzseher, es ging doch eigentlich alles deutlich besser, als Du befürchtet hattest", verlangte Hermine von ihrem skeptischen Ehemann.

„Gut, ich gebe zu, dass es wirklich besser als erwartet lief", antwortete Severus gnädig, „allerdings nur, bis zu dem Tag an dem wir herausfinden mussten, dass Eileens Verdauungstrakt nicht gut auf Lebertrantonikum reagiert."

„Oh, ja", stöhnte Hermine tief und schüttelte sich, „Dabei hat sie es nur über die Milch aufgenommen und musste dieses eklige Zeug nicht einmal schlucken!"

„Na, das Tonikum alleine war es ja auch nicht", brummte Severus düster.

„Nein, allerdings nicht, das, was danach kam, war viel schlimmer", stimmte Hermine zu und drückte sich fest in die Arme ihres Mannes.

…..

Das Tonikum war Poppy Pomfreys dritter Versuch gewesen, endlich Hermines Immunwerte wieder auf ein Normalmaß zu bringen. Denn seit der Geburt waren und blieben sie im Keller und keiner konnte sich genau erklären, warum. Es war wie verhext!

Immerhin waren fast zwei Monate vergangen. Hermine schonte sich, ging jedem hustenden und schniefenden Schüler aus dem Weg, aß regelmäßig unglaublich gesunde, aber nicht blähende Sachen, trank literweise und mit Todesverachtung Fenchel-Kümmel-Tee, nahm brav Poppys Stärkungstränke zu sich und tat auch sonst fast alles, was die Heilerin verlangte.

Gut, es blieb ihr auch nichts anderes übrig, denn nicht nur Hogwarts gestrenge Heilerin hätte ihr sonst die Hölle heiß gemacht, nein, auch ihr überbesorgter Ehemann wachte mit Argusaugen über sie.

Dabei ging es ihr trotz der schlechten Werte eigentlich ganz gut. Alles war ordnungsgemäß abgeheilt, sie hatte keine Schmerzen oder sonstige Beschwerden und bis auf eine gewisse Müdigkeit konnte sie absolut nicht klagen.

Doch Poppys Gesichtsausdruck verdüsterte sich von Woche zu Woche, immer wenn sie die üblichen Diagnosezauber über Hermine sprach. Sie hatte sogar schon Kontakt mit einem Spezialisten im St. Mungos aufgenommen, Walter Clement, den Chefheiler des Hospitals, weil sie schließlich sogar an ihren Ergebnissen zweifelte, aber auch seine Prüfzauber bestätigten ihre Diagnose und beide zerbrachen sich ab diesem Zeitpunkt zu zweit den Kopf über dieses seltsame Phänomen.

Es kam ja auch wirklich selten vor, aber Madam Pomfrey war ratlos!

Hermine nahm all das nicht so tragisch, das bisschen Müdigkeit war leicht zu ertragen und Eileen war eine wahre Wonne. Sie genoss das neue Familienleben und vermisste sogar ihre Arbeit nur ein kleines bisschen. Was vielleicht auch daran lag, dass Ambros Carter regelmäßiger Gast in den Kerkern war und nicht selten die ein oder andere interessante Frage oder Aufgabe im Gepäck hatte. Natürlich alles streng geheim, versteht sich, denn Severus fand weitere Herausforderungen für seine Frau gar nicht gut, genau so wenig wie Poppy. Immerhin bestand die erste Herausforderung darin, Hermine wieder völlig fit zu machen. Aber der machte das fachliche Arbeiten eben einen Riesenspaß und sie war zudem auch der Meinung, dass ihr Mann und Poppy nicht alles wissen müssten, was sich so in ihrem Leben abspielte.

Alles also halb so schlimm.

Bis eben zu diesem Versuch mit dem Lebertrantonikum Mitte Februar, das sie beinahe wieder ausgespuckt hätte, weil es dermaßen eklig schmeckte. Waren Poppys Tränke sonst schon ein geschmacklicher Alptraum, so stellte dieser hier alles Vorherige in den Schatten. Aber eine Reproduktion hätte sowohl Poppy, als auch Severus, der das Zeug vorschriftsmäßig und mit großem Aufwand gebraut hatte, gar nicht gut gefunden, daher nahm sie auch die leichte Übelkeit und das unangenehme Aufstoßen, das sie den ganzen Nachmittag über begleitete, geduldig in kauf.

Doch Eileen war da nicht so duldsam. Was kein Wunder war, denn anscheinend verursachte das Stärkungstonikum ihrer Mutter arge Turbulenzen in ihrem noch jungen Verdauungstrakt. Sie bekam heftigen Durchfall und litt sichtlich unter starkem Bauchweh. Die ganze Nacht des 16. Februar und auch den Vormittag des nächsten Tages über ließ sie sich kaum beruhigen und nickte immer nur kurz ein, bevor sie das Bauchweh erneut quälte. Poppy versuchte einen kleinen, schwach dosierten Antibauchwehtrank, aber der wirkte nur einige Stunden, bevor alles wieder von vorne begann.

Severus und Hermine waren am Abend des 17. Februars, nach unzähligen Stunden des Herumtragens und des jämmerlichen Weinens und Schreiens ihrer Tochter am Ende ihrer Kräfte. Bei Hermine konnte man dies wohl wörtlich nehmen, denn als sie Eileen nach einem letzten zwar erfolgreichen, aber sehr anstrengenden Stillversuch an Severus abgegeben hatte, um sich wenigstens für einige Stunden ins Bett zu legen, wurde ihr beim Aufstehen schwarz vor Augen und sie sackte einfach so vor dem Sofa auf den Boden. Danach war es lange dunkel um sie herum.

Hermine war es egal, ihr war im Augenblick alles egal. So kraftlos und ausgelaugt hatte sie sich noch nie gefühlt. Sie war nur noch müde. Schlafen war das Einzige, was sie wollte. Schlafen und vielleicht nie mehr aufwachen müssen. Wie verführerisch, ging es ihr durch den Sinn! Wenn da nur nicht Eileens bittende, große, schwarze Augen gewesen wären und dieser panische Ausdruck in denen ihres Mannes und der angstvolle Blick in Poppys.

Wie durch eine Nebelwand nahm sie das Geschehen in den nächsten Tagen um sich herum wahr. Severus ruheloses Auf und Ab vor ihrem Bett. Ginny Potter, die sich um Eileen kümmerte und ihr dabei half die Milch abzupumpen. Die fremden Heiler, die sich leise mit Poppy berieten. Minerva, ihre Mum und ihr Dad, Harry und Ron und auch Ambros, die neben ihrem Bett wachten, ihr vorlasen, ihr leise Geschichten erzählten und Eileen und Severus abzulenken versuchten.

Sie konnte in all der Zeit kaum ein Glied rühren. Schon das Atmen bereitete ihr Mühe oder das Aufschlagen ihrer Augenlider. Ihr Körper gehorchte ihr nur noch sehr eingeschränkt und so ließ sie alles über sich ergehen.

Erst eine Woche später hatte Poppy Pomfrey und Heiler Clement dann endlich eine entscheidende Spur für diese seltsame Erschöpfung gefunden. Einer der konsultierten Heiler war über einen Fachartikel gestolpert und hatte Poppy gebeten den ‚Gelb-Test' durchzuführen.

„Was soll das denn für ein Test sein?", hatte Severus misstrauisch gefragt, als ihm Poppy ihre Bitte unterbreitete.

„Nichts großartiges, keine Sorge, ich lege nur eine einfache gelbe Sauerstoffwolke um sie herum und sehe mir an, wie ihr Körper darauf reagiert."

„Aber das schadet ihr doch nicht?", wollte Severus immer noch nicht so recht überzeugt wissen, „oder nachher Eileen?" Seit der Lebertrantonikumgeschichte war er sehr vorsichtig, was neue Methoden anging, zwei kranke Frauen konnte er im Moment einfach nicht ertragen.

„Nein, absolut keine Gefahr!", versprach Poppy und zückte bereits ihren Stab. Einige kurze Schwünge später umwaberten bereits gelbe Schwaden das grüne Himmelbett.

„Es passiert gar nichts", stellte Severus achselzuckend fest.

„Warte noch einen Augenblick", bat Poppy gespannt und tatsächlich, erst langsam, dann immer schneller schien Hermines Körper die gelben Schwaden regelrecht einzusaugen, „Aha!", machte Poppy grimmig.

„Was hat das zu bedeuten?", fragte Severus mit einer deutlichen Spur Sorge in der Stimme.

„Bei Circe! Dass bedeutet, dass ich jetzt endlich weiß, was bei Hermine nicht stimmt!", freute sich Poppy.

„Und was ist es?"

„Das erzähle ich Dir später", winkte Hogwarts Heilerin ab und hatte schon den Türknauf in der Hand, „erst muss ich in meinen Büchern nachsehen und dann wirst Du ihr höchstwahrscheinlich einen Trank brauen müssen, also halte Dich bereit!"

Natürlich hielt er sich bereit, immerhin gab es im Augenblick nichts Wichtigeres, als Hermine wieder auf die Beine zu bringen.

Wie versprochen erschien keine zwei Stunden später Hogwarts Heilerin erneut in den Kerkern und hielt ihm mit glitzernden Augen ein langes Rezept unter die Nase, „Hier, Professor Carter kann Dir helfen, es ist recht aufwendig und vertrackt, wie mir scheint."

Severus las sich die Trankanleitung sorgsam durch und auch Ambros, der gerade Eileen umher trug und bei der Nennung seines Namens dazu gekommen war, murmelte nachdenklich, „Allerdings, zudem muss er einen Tag lang reifen."

Doch Severus schaute Poppy ernst an und verlangte, „Bevor ich irgendetwas tue, will ich wissen, was ihr Deiner Meinung nach fehlt!"

„Und wir auch!", meldeten sich Jean und Minerva und drängten sich ebenfalls um die Heilerin.

„Gut, aber schnell, ich möchte keine unnötige Zeit verlieren!", gab Madam Pomfrey nach und winkte alle ins Wohnzimmer.

„Der ‚Gelb-Test' lässt darauf schließen, dass Hermine ein wichtiges Enzym fehlt, dass dafür verantwortlich ist, das das Spurenelement Molybdän aufgespaltet werden kann. Ohne dieses Enzym läuft gar nichts. Der Körper kann das Molybdän nicht verwenden. Das Immunsystem bleibt geschwächt und der ganze Organismus wird sogar immer schwächer und schwächer, so dass es dann bei der nächstbesten Krise, einer Überanstrengung oder einer harmlosen Infektion zum Beispiel, sofort lebensgefährlich wird.

„So wie die Anstrengungen wegen Eileens Bauchweh", nickte Minerva.

„Ja, es brauchte nur eine Kleinigkeit", bestätigte Poppy.

„Aber das war doch bisher nicht so", verstand Jean nicht, „Hermine war als Kind so gut wie nie krank und wenn, dann war es nur ein Schnupfen und auch der war schnell wieder weg."

„Tja, warum das jetzt so ist, darüber kann man nur spekulieren", antwortete Poppy, „aber einer der Heiler, mit denen ich korrespondiere, meint, dass es durch die ganzen Anstrengungen bei der Geburt oder die Umstellungen des Hormonhaushaltes davor und/oder danach ausgelöst worden sein könnte."

„Und dieser Trank setzt jetzt einfach dieses Enzym zu?", wollte Minerva wissen.

„Ja, aber direkt zusammen mit dem Spurenelement Molybdän. Natürlich in einer solchen Form, dass das Molybdän von Hermine aufgenommen werden kann und somit hoffentlich bald wieder hilft ihre Immundepots zu füllen."

„Wird sie denn dann regelmäßig diesen Trank zu sich nehmen müssen?", fragte Severus, denn dann würde er sicherheitshalber direkt zwei Portionen brauen.

„Das weiß ich noch nicht, der Heiler sprach davon, dass sich dieser Defekt wieder zurückbilden könnte, aber das müssen wir abwarten", sie machte eine scheuchende Handbewegung, „Nun aber los, macht Euch endlich an die Arbeit ihr beiden, schlimm genug, dass ich erst heute die Antwort des Heilers bekommen habe, weil zurzeit in Griechenland die blöden Posteulen streiken!"

Am Abend war der Trank dann fertig und Ambros und Severus wischten sich einvernehmlich den Schweiß von der Stirn, denn er war wirklich herausfordernd gewesen. Jetzt musste er nur noch zwölf Stunden reifen und dann hoffentlich ganz schnell dafür sorgen, dass seine Frau wieder aus dem Bett heraus kam.

Er vermisste sie nämlich furchtbar. Aus lauter Verzweiflung ging er immer schon gegen zehn zu Bett, um ihr dann, wenn er sie sachte an sich herangezogen hatte, leise die Ereignisse des Tages ins Ohr zu flüstern. Er bildete sich ein, dass ihr das gefiel und fand auch, dass sie unbedingt wissen müsse, was er für immense Opfer und Anstrengungen auf sich nahm, um Kind und Arbeit und alles andere unter einen Hut zu bekommen. Leider bekam er außer einem kurzen belustigten Blick unter halb geschlossenen Lidern oder einigen frechen, gemurmelten Kommentaren und kleinen schwachen Seufzern keine großen Reaktionen, aber das langte ihm schon. Er wusste immerhin die Zeichen zu deuten. Und die Reaktionen, die seine Frau zeigte, als er ihr eines Nachts mit tiefer, leiser Stimme in allen Einzelheiten auseinanderlegte, wie er gedachte sie zu verführen, wenn es ihr wieder einigermaßen gut ginge, die waren völlig eindeutig und hinterließen ein kurzes, sehr genüssliches Grinsen auf seinen schmalen Lippen.

Als die Reifungszeit des Trankes am nächsten Abend beendet war und Severus den etwas unappetitlichen Sud in mehrere Flakons abfüllte, standen alle voller Anspannung um ihn herum. Ihre Eltern, Minerva, die Potters und Mister Weasley, Kingsley und Ambros und natürlich auch Madam Pomfrey, die sich sogleich das erste verkorkte Fläschchen schnappte und ins Schlafzimmer eilte.

„Wartet auf mich!", rief ihnen Severus hinterher, und hätte am liebsten Kelle und Flaschen einfach fallengelassen, aber der Sud musste in noch heißem Zustand abgefüllt werden, sonst wurde er schnell schlecht.

„Beeil Dich gefälligst", war Poppys einziger Kommentar, aber wenigstens half Ambros und Henry ihm, schnell fertig zu werden.

Im Schlafzimmer hatte Poppy derweil Jean gebeten Hermine höher zu lagern und machte ihrer Patientin gerade eindringlich klar, ja den Trank zu schlucken, egal wie er riechen oder schmecken würde.

Diese Ermahnung schien bitter nötig, denn als das zähflüssige braune Gemisch Hermines Gaumen erreichte, riss sie entsetzt die Augen auf und verzog angewidert das Gesicht.

„Schlucken!", befahl Poppy donnernd, bevor Hermine auch nur daran denken konnte, das Zeug wieder auszuspucken.

„Sind Sie sicher, Madam Pomfrey, dass ihr das hilft?", fragte Henry besorgt, als er zusammen mit Severus und Ambros ins Schlafzimmer stürmte, „sie ist ganz grün um die Nase."

„Ja, Dr. Granger, ich bin bester Hoffnung!", nickte Poppy grimmig, „Und Ihre Tochter hat an der Farbe Grün in den letzten Jahren ja deutlich Gefallen gefunden!"

Zur grenzenlosen Erleichterung aller schlug der Trank dann tatsächlich an und sorgte zwar langsam, aber stetig für eine sichtbare und spürbare Verbesserung. Selbst wenn er auch nach einigen Wochen kein bisschen besser schmeckte und sich der grüne Schimmer um Hermines Nase auch bis zum letzten Tropfen des Trankes immer wieder einstellte. Sie trug es mit Fassung. Denn dafür durfte sie Anfang März zum ersten Mal für ein paar Stunden das Bett verlassen und Eileen war ganz aus dem Häuschen, als ihre Mum sie wieder umher trug und durch die Luft wirbelte.

Aber keiner war so erleichtert und froh wie Severus. Er konnte gar nicht sagen, wie erleichtert er war und darum ließ er auch allen, die Hermine, Eileen und ihm geholfen hatten eine kleine Aufmerksamkeit zukommen. Jean und Henry freuten sich über Logenplätze im Shakespearetheater in London, Ginny, Harry und Ron bekamen Karten für das erste Mannschaftsspiel der Quidditschweltmeisterschaft im nächsten Jahr in Andalusien. Ambros durfte sich über zwei Kisten bestem Butterbier freuen, Minerva über eine riesige Dose mit wundervoll duftenden Ingwerplätzchen und Poppy Pomfrey, die sich fast so sehr über Hermines Genesung freute, wie Severus, einen ganzen Liter Omnisanare, einem unglaublich komplizierten und aufwendigen Heiltrank, von dem sie schon Jahre schwärmte. Er hatte fast zwei Wochen daran gearbeitet, aber er war nach seiner und Hermines Meinung durchaus gelungen und wer wusste schon, ob seine Familie ihn nicht auch mal benötigte. Diese Frauen waren immerhin etwas anfällig, wie ihm schien.

Alle aber lud er am 27. März zu einem opulenten, selbst zubereiteten Osteressen in die Kerker ein, sogar Mister Potter und Mister Weasley und das Beste daran war, dass seine Frau an seiner Seite saß, ihren Teller ratze putz leer aß und am Abend noch soviel Kraft und Lust besaß mit ihm wilde Dinge zu tun!