Draussen kam gerade ein starker Wind auf, jedoch fror Hermine nicht, denn es war die Ankündigung für ein Sommergewitter, und das Mädchen genoss das stürmische Wetter, gab es doch passend wieder, wie es in ihrem Inneren aussah. Noch immer spürte sie die Berührung der Hände ihres Professors auf ihren Schultern und auch wenn diese sie nicht gerade sanft durch den Türrahmen befördert hatten, so kribbelte es dennoch an eben diesen Stellen.
Was der Gryffindor ebenso viele Rätsel aufgab, wie die unerwartete Tatsache, dass er sie berührt hatte, war sein Verhalten angesichts ihrer Blicke. Auch wenn Severus Snape für ungerechtfertigte Bestrafungen bekannt war, so war es diesmal sogar für seine Maßstäbe übertrieben, sie wegen ein paar Blicken ihrerseits direkt nach dem Unterricht da zu behalten. Noch dazu hatte er ihr ja keinerlei Bestrafung aufgebrummt und ihrem Haus nicht einmal Punkte abgezogen, abgesehen von dem Punktverlust, den Ron und Harry aufgrund ihres Lauschens in Kauf nehmen mussten. Egal wie Hermine es auch drehte und wendete, sie fand keine sinnvolle Erklärung für Snapes Verhalten.
Eigentlich fand sie überhaupt keine Erklärung und das war für eine Hermine Granger sehr frustrierend.
Vielleicht wäre Hermine weniger frustriert gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass Severus Snape in eben diesem Moment in seinen Räumen im Kerker an seinem Pult saß und ebenso über diesen Moment nach dem heutigen Unterricht nachdachte, wie das Gryffindor-Mädchen.
Er wusste selbst nicht was ihn da geritten hatte sie nach der Stunde aufzuhalten. Natürlich hatte er ihre Blicke bemerkt, als er aus dem Gang von Dumbledores Büro getreten war, morgens beim Frühstück und auch während der Zaubertränkestunde, doch hatte er ihr nichts Konkretes vorzuwerfen, denn nicht einmal er konnte seinen Schülern das Sehen verbieten. Trotzdem waren ihm die Worte, die sie zurückgehalten hatten aus seinem Mund entflohen, bevor er es hatte verhindern können und dieser Kontrollverlust war es, der ihm nun Kopfzerbrechen bereitete.
Als er jedoch merkte, wie sich seine Gedanken im Kreis zu drehen begannen stand er auf und verließ frustriert seinen Kerker. So gern er diese Räumlichkeiten auch hatte, manchmal hatte er das Gefühl die Wände würden ihn erdrücken und ihn am Denken hindern.
Trotz des erneut aufkommenden Sturmes war Hermine wieder bis zum See gegangen und hatte sich - dieses Mal konplett ohne Buch - auf ihrer Bank niedergelassen. Sie war sich bewusst, dass ihr im Moment jegliche Konzentration fehlte um auch nur einen Strich zu lernen und so zog sie nur ihre Knie an und starrte auf die unruhige Oberfläche des Sees. Von Weitem sah sie auf einmal eine Gestalt vom Schloss herkommen, und was zuerst nur ein schwarzer Punkt war der sich bewegte, nahm mit der Zeit die Formen Professor Snapes an, der erschreckend zielstrebig in ihre Richtung kam.
Severus Snape ging den Hügel hinunter Richtung See und war froh um den starken Wind und die dunklen Wolken am Himmel, denn er mochte dieses Wetter und war es auch nur, weil er dann nicht befürchten musste irgendwelchen nervtötenden Schülern zu begegnen, die sich genüsslich in der warmen Sonne räkelten. Er lenkte seine Schritte gerade in Richtung der kleinen Bank, auf der er öfters saß, als er bemerkte, dass diese bereits besetzt war.
Stirnrunzelnd blickte er auf den kleinen braunen Fleck, der dort alleine zu sitzen schien und sich nicht bewegte. In der Erwartung dort einen Schüler zu treffen, den er mit einem scharfen Blick verscheuchen könne ging er weiter. Als er jedoch realisierte, dass auf dieser Bank der Grund saß, der ihn aus seinem Kerker getrieben hatte blieb er wie angewurzelt stehen und fluchte leise.
Verdammt, was wollte diese Göre hier? Sollte sie nicht bei Potter und Weasley im Gemeinschaftsraum sitzen und sich über die abgezogenen Punkte beschweren? Bei Merlin, es war ihm egal was sie machen sollte, nur ausgerechnet auf seiner Bank wollte er sie nicht sehen müssen. Er wollte gerade umkehren, als er ihres Blickes gewahr wurde, der ihn anscheinend ebenso gefunden hatte. Da ein Weggehen seinerseits in seinen Augen nun einer Kapitulation in dem Kampf um die Bank gleichgekommen wäre, zwang er sich seinen Weg fortzusetzen, bis er schließlich vor ihr stand. Alle Verachtung die er in sich finden konnte legte er in seinen Blick und schaute auf sie herab.
"Miss Granger...", hörte Hermine Snape sagen, als er plötzlich vor ihr stand, nachdem sie beobachtet hatte wie er immer weiter auf sie zugekommen und abrupt stehen geblieben war, als er sich ihrer Anwesenheit bewusst geworden war. Trotz ihrer heimlichen Hoffnung, dass er jetzt umkehren möge hatte er jedoch beschlossen weiterzugehen und stand nun in voller Größe vor ihr, die sie wie ein Häufchen Elend zusammengesunken auf dieser Bank kauerte.
"Professor...", erwiderte sie knapp und machte keine Anstalten ihm die Bank zu überlassen, wie er es augenscheinlich von ihr erwartete. Angesichts ihrer von ihm unerwarteten Reaktion schien es fast als wäre er sprachlos, er fing sich jedoch wieder und statt einer scharfen Zurechtweisung oder der Anordnung ihm die Bank zu überlassen, setzte er sich schlicht neben sie, vermutlich in der Hoffnung sie durch seine körperliche Anwesenheit vertreiben zu können.
Was bildete dieses Mädchen sich ein ihn derart herauszufordern? Entgegen seiner Hoffnung, dass sie endlich verschwinden würde wenn er sich neben sie setzte, blieb diese Göre einfach stur sitzen. Nun, ihm konnte es ja egal sein ob sie hier saß oder nicht, sie würde es nicht wagen ihn anzusprechen. Zähneknirschend stellte er fest, dass die Sperrstunde noch lange auf sich warten ließ und sie so völlig legitim unterwegs war. Vielleicht sollte er mal mit Dumbledore darüber reden, ob die Lehrer nicht die Befugnis haben sollten die Schüler jederzeit in ihre Gemeinschaftsräume schicken zu dürfen.
