Als sie in seine Augen geblickt hatte und für einen kurzen Moment bemerkte, wie seine Gleichgültigkeit ins Wanken gekommen war, hatte sie plötzlich einen Luftzug verspürt und ihr war bewusst geworden, dass er die Türe hinter ihr geöffnet hatte. Sie nahm dies als Zeichen zu gehen und murmelte nur ein leises "Gute Nacht, Professor", bevor sie durch die schwere Eichentür gegangen war und sich auf den Weg in ihren Schlafsaal gemacht hatte.
Im Gemeinschaftsraum war sie Ron und Harry begegnet, deren Existenz ihr für die Dauer des Nachmittages komplett entfallen war und denen sie ja immer noch eine Erklärung für Snapes Verhalten schuldete. Sie ließ sich eine Ausrede einfallen und schützte dann Müdigkeit vor, um den Fragen der beiden zu entkommen. In Wirklichkeit aber war sie hellwach und lag bis tief in die Nacht wach in ihrem Bett und dachte mit einem Lächeln auf ihrem Mund an die Geschehnisse des Tages.
Ein paar Stockwerke weiter unten im Schloss tigerte Severus Snape in seinen privaten Räumlichkeiten auf und ab und bannte jedes Lächeln von seinen Lippen, das sich dorthin zu verirren suchte. Er wollte sich nicht eingestehen was ihm im Laufe des Tages bewusst geworden war und suchte verzweifelt nach einer Lösung. Schlussendlich fand auch er den Weg in sein Bett, als er seufzend einsah, dass ihm so schnell wohl nicht einfallen würde und es besser wäre am Tag darauf die Sache nochmal zu überdenken. Doch auch er wälzte sich noch lange hin und her, bis er schließlich in einen leichten Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen beim Frühstück fiel Hermine auf, dass Snape nicht erschienen war. Sein Platz war leer und unwillkürlich fragte sie sich, ob seine Abwesenheit mit ihr zu tun hatte, aber sie verwarf den Gedanken wieder. Sie war nur irgendeine nervige Schülerin, warum sollte er wegen ihr auf sein Frühstück verzichten? Den ganzen restlichen Tag war sie unkonzentriert und konnte kaum dem Unterricht folgen.
Zweimal erwischte sie sich selbst dabei, wie sie verträumt aus dem Fenster starrte und hoffte eine dunkle Gestalt unten vorbeihuschen zu sehen. Beim Mittagessen war ihr Zaubertränkeprofessor erneut nicht erschienen und auch wenn es ihr irgendwie kindisch erschien, so machte sich Hermine Sorgen. Als sie schließlich beim Abendessen bei einem Gespräch am Nachbartisch der Slytherins aufschnappte, dass deren Zaubertränkekurs heute entfallen sei machte sich Hermine ohne weiter darüber nachzudenken auf den Weg in den Kerker.
Als sie jedoch vor der schweren Tür stand zögerte sie doch, denn was trieb sie hier runter um sich nach dem Befinden ihres Professors zu erkundigen? Was ging sie es an warum er nicht zum Essen erscheint und sein Unterricht ausfällt? Vielleicht war er ja ausser Haus und erledigte einen Auftrag für Dumbledore? Sie nahm all ihren Mut zusammen und klopfte an die Tür, und als diese nicht sofort aufschwang, sah Hermine ihre letzte Vermutung schon bestätigt, als sie auf einmal sah, wie die Klinke herabgedrückt wurde und Snape persönlich vor ihr stand.
"Professor... ich", begann sie und brach sofort wieder ab. Wortlos öffnete er die Tür ein Stück und bat sie mit einer Geste herein. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und er schloss die Tür hinter ihr. Sie drehte sich zu ihm un und er sah sie mit erhobener Augenbraue aus seinen unergründlichen Augen an.
"Ich sollte wieder gehen", meinte sie plötzlich und wandte sich zur Tür. Doch Snape war schneller als sie und stellte sich ihr in den Weg, sodass sie so nah vor ihm stand, dass nur wenige Zentimeter die beiden voneinander trennte. Erstaunt hob Hermine ihren Blick und sah, wie Severus seinerseits sie anblickte. Sein Gesicht war ruhig und nicht abweisend wie sonst und er hatte seit sie seine Räume betreten hatte kein Wort gesprochen.
"Ich... wie... wie geht es Ihnen?", stellte Hermine doch noch die Frage, wegen der sie eigentlich hergekommen war und kam sich im selben Moment dumm vor dabei. Er lachte leise.
"Wie es mir geht?" Sie sah ihn unverwandt an.
"Ja, Sie waren nicht in der Großen Halle, Sir, und Ihr Unterricht hat heute auch nicht stattgefunden", sagte sie und biss sich im selben Moment auf ihre Lippe. Hoffentlich meinte er jetzt nicht sie würde ihm nachspionieren weil sie das mit dem Unterricht wusste. Die körperliche Nähe zu ihm verwirrte sie, aber er machte keine Anstalten auf Abstand zu gehen. Statt einer Antwort wirbelte er auf einmal herum und verschwand durch eine Tür, die aller Wahrscheinlichkeit nach in seine privaten Räume führte. Verwirrt und unsicher blickte Hermine ihm hinterher, als plötzlich seine Stimme erklang.
"Was ist, Miss Granger, sind Sie nicht neugierig was hinter diesen Türen liegt?" Das Mädchen sah dies als Aufforderung ihm zu folgen und trat zögerlich durch die Tür, durch die ihr Professor kurz zuvor verschwunden war.
