Eine kurze Stille trat ein, als Eldarion sich vorstellte, wie seine Mutter auf diese Nachricht reagieren würde. "In Ordnung", meinte er schließlich. "Du kannst es ihr nicht sagen. Was machen wir dann?" Aragorn stand auf und begann wieder, unruhig hin- und herzulaufen. "Ich weiß nicht", sagte er leicht hysterisch. "Wie wäre es, wenn wir Mama ein, zwei Wochen in...Urlaub schicken?", fragte Eldarion. "Dann hätten wir Zeit, um den Abendstern wiederzufinden. Sie könnte doch Éowyn besuchen gehen - nach ihrer Hochzeit mit Faramir haben sie und Mama sich doch ziemlich schnell angefreundet..."
"Redet ihr von mir?", fragte eine Stimme hinter ihrem Rücken. Entsetzt fuhr Aragorn herum, stolperte über den Saum seines zweitbesten inoffiziellen Mantels und ging in einem Wirbel aus wallender dunkelroter Seide zu Boden. "Auf keinen Fall", sagte er. Die Worte klangen durch die Kapuze hindurch etwas dumpf und er wiederholte sie sicherheitshalber. Verlegen rappelte er sich wieder auf und klopfte den Staub von seiner Kleidung. "Wir hatten nur über die Einladung gesprochen, die von Hauptmann Faramir und seiner Frau gekommen ist. Sie möchten gerne, dass ich sie besuchen komme", er warf Eldarion einen Seitenblick zu, der sofort zustimmend nickte. "Aber leider bin ich gerade unglaublich beschäftigt und wir waren am Überlegen, ob du vielleicht Lust hättest..." Er ließ den Satz im Raum stehen und warf Arwen einen hoffnungsvollen Blick zu, den sie misstrauisch erwiderte. "Und was hast du so Besonderes zu tun? Im Moment steht nichts an..." "Ähm." Aragorn kam ins Schwitzen. Warum half Eldarion ihm nicht? Fiel dem Jungen denn nichts ein? "Ich muss die...Sondereinheit neu strukturieren und ausbauen. Genau, die sind nämlich im Moment viel zu uneffektiv. Heute erst-" Verdammt.
"Was war denn heute, Schatz?", fragte Arwen sofort - betont unschuldig, natürlich. Offensichtlich war sie sauer. Hier half nur noch eine gute Ausrede. Allerdings schrumpfte er bereits jetzt unter ihrem Blick zusammen. "Ich weiß, dass ich damals quasi versprochen habe, dich in alle staatlichen Angelegenheiten mit einzubeziehen", begann er nervös. "Aber mit dem Jungen lief es in letzter Zeit nicht so gut" (Eldarion versuchte hastig, betroffen und schuldbewusst auszusehen) "und deshalb dachte ich, ich greife ihm mal ein bisschen unter die Arme und helfe ihm mit den Jungs von der Sondertruppe. Er wollte es dir nicht sagen, weil du ihn doch vor kurzem erst für sein Geschick und seinen Orientierungssinn gelobt hast; du weißt schon, als er das Esszimmer innerhalb von zwei Stunden verletzungsfrei erreicht hat." "Am Ende war die Zeit vierundfünfzig Minuten und drei Sekunden", sagte Arwen geistesabwesend. "Hack nicht immer auf ihm herum. Immerhin liegt das Esszimmer im zweiten Stock!" "Und er wohnt hier ja erst seit zwanzig Jahren", entgegnete Aragorn trocken. "Ist alles in Ordnung mit dir, Eldarion?"
Sein Sohn ließ den zerknirschten Ausdruck aus seinem Gesicht verschwinden und sah nun nicht mehr so aus, als habe er bereits vor fünf Minuten dringend auf die Toilette gemusst. Er muss dringend etwas wegen seiner Haare unternehmen, dachte Aragorn. Die Länge steht ihm einfach nicht und er bleibt damit an jedem Kerzenleuchter hängen. Es lag nicht einmal daran, dass er sie nicht pflegte; aber offenbar hielt Eldarion es für unnötig, beim Gehen nach vorne zu schauen. Aragorn hatte bis heute nicht herausgefunden, was ihn am Boden so faszinierte. Er erinnerte sich noch gut an den Tag vor zwei oder drei Jahren, als Eldarion versucht hatte, in den Keller zu gelangen, um dort nach einem Glas Stachelbeermarmelade zu suchen. Er war fast völlig kahl wiedergekommen und es hatte Jahre gedauert, bis seine Haare wenigstens auf Schulterlänge nachgewachsen waren - und auch das war nur mit Hilfe von viel Haarwuchsmittel möglich gewesen. Die neue Frisur brachte seine leicht abstehenden Ohren nicht unbedingt besser zur Geltung.
"Jedenfalls wäre es unglaublich lieb von dir, wenn du Ithilien einen Besuch abstatten könntest", fuhr er fort. "Éowyn hat sich schon nach dir erkundigt und geschrieben, dass die neuesten Kataloge von Gucci und GGL bei ihr angekommen sind. Sie meinte, sie wartet mit dem Lesen, bis du vorbeikommst." Sofort war alles Misstrauen aus Arwens Gesicht verschwunden und wurde durch ungläubige Freude ersetzt. "Wirklich? Klar gehe ich hin! Ich muss unbedingt meinen Kleiderschrank wieder auffüllen - stell dir vor, ich habe fast nichts mehr, das ich anziehen kann! Bis in zwei Wochen!" Und mit diesen Worten war sie aus dem Zimmer verschwunden.
"Aber wir haben doch gerade erst wieder einen Raum mit ihren Klamotten vollgeräumt...", sagte Aragorn verdattert und ein wenig hilflos. Dann schüttelte er den Kopf. "Auch egal. Eldarion, trommel deine Einheit zusammen. Und such dir jemanden, der gut zeichnen kann - dann könnt ihr in der Stadt Steckbriefe aushängen. Wenn Arwen zurückkommt, müssen wir das Ding gefunden haben."
