Éowyn wachte auf und langweilte sich zu Tode. Nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre. Seit Saurons Vernichtung hatte sie schon viel zu viele ruhige Minuten, Stunden und Tage gehabt. Sie verlangte ja nicht viel: Einen kleinen Krieg, einen Grenzstreit; Himmel, sie hätte sich sogar mit einer Kneipenschlägerei zufriedengegeben! Aber nein, das schlimmste Szenario, dass sie sich vorstellen konnte, was eingetreten: Ein dauerhafter Frieden und, daraus folgend, chronische Unterbeschäftigung für sie.

Nicht mal ein bisschen mit ihren Waffen spielen durfte sie mehr! Es blieben immer zu viele Verletzte zurück, hatte Faramir behauptet. Eine billige Ausrede dafür, dass er nach dem letzten Besuch in Gondor auf den Sexismus-Trip gekommen war. Arwens "ruhige und zurückhaltende Art", wie er es - mit einem seufzenden Seitenblick in Éowyns Richtung - nannte, hatten ihm "imponiert". Dabei hatte die Feminismus-Bewegung, die sie erst kürzlich auf den Weg gebracht hatte, durch Arwen bereits einen enormen Rückschlag erlitten - diese Frau weigerte sich einfach, aus ihrem Rollenbild auszubrechen. Welche Frau, die etwas auf sich hielt, bestickte heute noch Fahnen?! Oder blieb brav zuhause und kümmerte sich um die Kinder?

Nach einem Blick auf die Uhr beschloss Éowyn, dass es Zeit war, aufzustehen. Immerhin war es schon beinahe hell. Doch, der Horizont hatte sich bereits leicht rötlich verfärbt. Oder zumindest fast. Das musste Faramir gelten lassen. Sie stand auf und schlich leise um das gemeinsame Bett herum auf die andere Seite, wo ihr Mann zufrieden vor sich hin schnarchte. Wie sollte sie ihn heute wecken? Hmmm...Éowyn sah sich um, fand aber nichts Geeignetes in der Nähe. Also musste sie sich mit ihren Stimmbändern begnügen. Innerlich zählte sie bis drei, zog Faramir mit Schwung die Decke weg und brüllte in ihrer höchsten Stimmlage: "GU-TEN MOR-GEN!"

Faramir war bereits aus dem Bettgesprungen, als die Fensterscheiben noch leise klirrend zerbröselten und Stück für Stück auf den Boden fielen. In völliger Panik sah er sich um, bis er seine Frau bemerkte, die strahlend neben ihm stand. "Was hältst du von einem netten kleinen Ausritt vor dem Frühstück?", fragte sie fröhlich. Stöhnend ließ er sich auf die Bettkante sinken. "Findest du keine...freundlichere Methode, um mich zu wecken?", sagte er anklagend. "Womit habe ich das bloß verdient?" Éowyns Schultern sackten nach unten. Diese Stimmung kannte sie an ihm: Er würde sich den ganzen Tag lang selbst bemitleiden und zu nichts zu gebrauchen sein. Typisch. "Dann gehe ich halt alleine", sagte sie verächtlich, drehte sich auf dem Absatz um und stürmte zur Tür hinaus.

Zwei Minuten später war sie wutschnaubend zurück. "Wo hast du mein Pferd versteckt?" Faramir zögerte einen Augenblick, dann sprintete er los und verschwand im Badezimmer. Éowyn konnte sein erleichtertes Seufzen hören, als er die Tür von innen abschloss. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, ihren Rammbock Marke "Städteschreck" zu holen ("Zerhäckselt zuverlässig jede Stadtmauer - mit Geld-zurück-Garantie"), entschied sich aber dagegen. Seit neuestem sollte sie ihre angerichteten "Schäden" selbst bezahlen.

"Wo ist es?", fragte sie und klopfte dabei heftig gegen die Tür. Sie hielt kurz inne und fügte dann hinzu: "Ich mache auch nichts kaputt - ich will nur einen Ausritt machen." "Im Weinkeller", kam die gedämpfte Antwort von innen.

"Im Wein-...verdammt! Er hat letzte Woche gelernt, wie man Fässer öffnet!" Auf dem Weg zu den Ställen hätte sie beinahe Arwen umgerannt, die mit viel zu vielen Koffern mitten im Hof stand und kurz darauf Zeugin wurde, wie Éowyn ein bis zur Besinnungslosigkeit betrunkenes Pferd die Stufen hochzerrte. Nicht, dass sie sich erboten hätte, ihr zu helfen. Typisch. Moment mal. Was wollte sie eigentlich hier?