Midnight Sanctuary / 2
Ich betrat den Club. Der Eingang war gut versteckt gewesen, und ich hatte meine Schwierigkeiten gehabt ihn auf der Stelle zu finden. Er lag hinter einem Wachsfigurenkabinett, weitab von der Hauptstraße. Der Eingang war beengt gewesen und finster, aber dahinter eröffnete sich mir ein wahres Schauspiel an gutem Geschmack. Die Wände waren mit roter Spitze und Stofftapete überzogen, verzierte Spiegel in den verschiedensten Größen drängten sich aneinander. Ich erreichte den Empfangsbereich. Ein Angestellter in Smoking und Fliege nahm mir den schweren Mantel ab, ein Zweiter wartete darauf, dass ich ihm meinen Namen nannte. „Trasher, hast du nicht etwas vergessen?", merkte der Zweite an. Trasher blickte seinen Kollegen verdutzt an, dann den Mantel am Hacken und schließlich mich. „Was meinst du Scapegrace?", erwiderte Trasher nun verwirrter als zuvor. „Dummkopf, du musst der Dame auch den Abschnitt geben, sonst findest du ihren Mantel nie wieder!" Erkenntnis blitzte in Trashers Blick und er reichte mir ein schwarzes Kärtchen mit der Zahl 28 in Rot darauf. Ich neigte dankend meinen Kopf und wandte mich Scapegrace zu. „Auf welchen Namen haben sie reserviert Miss?" „Ich kam leider nicht dazu zu reservieren, ich hoffte ich würde auch so einen Platz bekommen.", erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Tut mir leid Miss, aber wir sind vollständig ausgebucht. Trasher, bring der Dame ihren Mantel wieder!" rief Scapegrace in den Raum hinter dem Empfangstresen, als Trasher gerade wieder heraustorkelte. Er machte am Absatz kehrt und watschelte zurück in die Garderobe. „Das wird nicht nötig sein, die Dame gehört zu mir." Erskine Ravel stand lässig an die Wand gelehnt neben einem reich verzierten Spiegel. Er stieß sich davon ab, schlenderte auf mich zu, nahm meine Hand und küsste sie. Schemenhaft spürte ich die Berührung. Blut schoss mir in die Wangen, vergeblich versuchte ich es zu überspielen. Ein Lächeln umspielte Erskines Lippen. „Wenn ich ihnen ihren Platz zuweisen dürfte, Miss Cain?" Er führte mich erneut einen schmalen Gang hinunter. Es verschlug mir den Atem als wir auf der anderen Seite ankamen. Ein wahrhaftiges Varieté Theater war hier eingebaut worden. Eine größere Bühne bildete den Mittelpunkt und reichte beinahe bis zur Bar, die sich über die rechte Wand des Raumes erstreckte. Eine Treppe floss von meinem Standpunkt aus hinab in Richtung Bühne, nur um kurz davor in einem Breiten Bogen auszulaufen. Mehrere Tische standen verteilt auf den freien Flächen um die Bühne herum. Es gab auch mehrere Nischen, die in die linke Seite des Raumes eingebaut waren um besonderen Gästen mehr Privatsphäre zu bieten. Ich ließ meinen Blick ein weiteres Mal durch den großzügigen Raum schweifen. Erneut war alles mit rotem und schwarzem Stoff ausgekleidet. Ein gigantischer Kristallluster hing direkt über der Bühne und spendete sanftes Licht.
Erskine führte mich zu einer Nische nahe der Bühne, alle anderen Plätze quer durch den Raum waren besetzt. „Die Show wird bald beginnen, kann ich ihnen etwas zu trinken bringen?" Wieder dieses Lächeln, ich erwiderte es. „Vielen Dank, aber vorerst bin ich gut versorgt." Schließlich wollen wir ja nicht, dass du mir irgendetwas in den Drink mixt, dachte ich bei mir. Mit einer letzten kleinen Verbeugung und einem Lächeln zog er sich zurück, gerade als die Lichter ausgingen und die Scheinwerfer die Bühne zum Leben erweckten.
(Cher – Welcome to Burlesque)
Eine einzelne Frau stand in der Mitte der Bühne. Ihr Gesicht verdeckt mit einer Melone (Hut), ihr Körper in ein hautenges schwarz silbern glänzendes Kostüm gehüllt. Der enge Stoff umschmeichelte ihren schmalen Körper. Kurze schwarze Locken rollten sich um ihre Schultern als sie einfach nur dastand und auf ihren Einsatz wartete.
Show a little more
Show a little less
Add a little smoke
Welcome to Burlesque
Rauch begann die Bühne einzuhüllen und sie begann ihre Hüften im Takt zu bewegen.
Everything you dream of
But never can possess
Nothing's what it seems
Welcome to Burlesque
Schatten schienen sich nun im wabernden Dunst zu bewegen.
Oh!
Everyone is buying
Put your money in my hand
If you got a little extra
Well, give it to the band
Sie ging die Bühne entlang zurück zum hinteren Teil wo sich nun klar sichtbar weitere Tänzer befanden.
You may not be guilty
But your ready to confess
Tell me what you need
Welcome to Burlesque
Endlich sah ich ihr Gesicht. Sie war bezaubernder als jede Frau die ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Sie war so schön, dass mir Tränen kamen.
You can dream of Coco
But do it at your risk
Ein Trapez wurde von der Decke herabgelassen. Eine Frau mit wilden blonden Locken in Leoparden Dessous wand sich um das ungewöhnliche Konstrukt.
The triplets grant you mercy
But not your every wish
Drei Frauen in rosa Korsetts und passenden Dessous rekelten sich auf Stühlen links auf der Bühne, nicht weit von meinem Platz. Jetzt erst erkannte ich, dass sie tatsächlich Drillinge waren.
Jessie keeps you guessing
So cool and statuesque
Feuer rotes Haar zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Eine weitere Frau erschien auf der Bühne, gekleidet in dasselbe Rot wie ihr Haar.
Behave yourself says Georgia
Nun bemerkte ich die Frau, die am vorderen Rand der Bühne saß und mit den Herren der ersten Reihe zu flirten schien. Braunes Haar fiel ihr glattgebürstet auf die Schultern und ein violettes Korsett komplettierte ihr Kostüm.
Welcome to Burlesque
Oh!
Everyone is buying
Put your money in my hand
If you want a little extra
Well, you know where I am
Sie tanzten als Gruppe, dann spalteten sie sich wieder auf, sodass ich gar nicht mehr wusste wohin ich zuerst sehen sollte, wobei ich die Frau in schwarz einfach nicht ignorieren konnte.
Something there in the dark
Is playing with your mind
It's not the end of days
But just the bump and grind
Show a little more!
Show a little less!
Add a little smoke
Welcome to Burlesque!
Mit einem Bum ging das Licht aus und der Raum erschall in einem unglaublichen Applaus.
Bis zur Pause war ich vollkommen verzaubert. Die Show war gigantisch! Nun brauchte ich wohl doch einen Drink. Langsam schlenderte ich zur Bar und nahm auf einem Stuhl Platz den mir ein Herr mit hochrotem Kopf anbot. Ich nahm das Angebot dankend an und wartete auf den Barkeeper. Zwei Männer waren für die Bar zuständig, der eine groß und drahtig gebaut, der andere etwas kleiner aber dafür umso muskulöser. Beide trugen Melone und Fliege und nahmen schnell und effizient die Bestellungen entgegen. Als der Kleinere mich bemerkte eilte er sofort zu mir herüber, trotz der Proteste der Herren, die bereits länger anstanden. „Tut mir leid meine Herren, aber bei uns gilt die Regel Ladies First!", rief er in die murrende Menge und wandte sich dann an mich. „Was kann ich dir bringen, Püppchen?" Bei dem Ausdruck musste ich lachen. „Hab ich was falsches gesagt?", fragte der Barkeeper verdutzt. Ich wischte mir die Tränen aus den Augenwinkeln, „Nein, es hat mich nur schon lange niemand mehr Püppchen genannt." „Na dann wird's aber Zeit. Gracious.", er streckte mir seine Hand entgegen und ich nahm sie. „Valkyrie, freut mich ihre Bekanntschaft zu machen." „Wow Püppchen, so formell.", ein Grinser brachte sein Gesicht zum Leuchten, „Ich glaube dein Drink geht aufs Haus. Ich mag dich." Damit verschwand er und wenige Sekunden später kam er mit meinem Sherley Temple zurück. Ich nippte an dem Drink. Unglaublich! Noch nie hatte ich so einen guten Cocktail getrunken. Gracious blieb vor mir stehen und sah mich erwartungsvoll an. „Und, schmeckt's?" Ich nickte nur und zog genüsslich an dem Strohhalm. Zu schnell war das Vergnügen vorbei, als ich das leere Glas anstarrte. Gracious musste meinen Blick bemerkt haben, denn er nahm mir das Glas aus der Hand, stellte es auf einem Tableau ab und nahm sofort ein Frisches zur Hand, um mir noch einen zu machen. Lachend stützte ich mich am Tresen ab und sah ihm bei der Arbeit zu. Ich musste die Gelegenheit nutzen um mehr über den Club zu erfahren, schließlich war ich nicht nur zum Vergnügen hier. „Gracious, kann ich sie etwas fragen?" Er blickte kurz auf. „Klar doch Püppchen, was liegt dir auf dem Herzen?" Hatte ich wirklich gerade gekichert? „Wie ist der Alltag in diesem Club so?" Er stellte den fertigen Drink vor mir ab und warf sich sein Geschirrtuch über die Schulter. „Ah, du bist also auf Jobsuche hier, was? Du hättest dir keinen besseren Club aussuchen können, glaub mir." Er nahm das Tuch von seiner Schulter und begann den Tresen zu wischen. „Die Truppe hier ist echt ok." Er drehte den Oberkörper leicht und deutete auf seinen Barkeeper Kollegen. „Das ist Donegan, wir haben uns hier kennengelernt und sind seit her sehr, sehr gute … Freunde." Er zwinkerte mir zu. „Dachte nicht, dass ich in einem Burlesqueclub jemanden kennenlerne der genauso auf Monstergeschichten steht wie ich." Er warf sich das Tuch erneut über die Schulter. „Außerdem gibt es hier so gut wie keine Probleme. Naja, bis auf unsere Diva, China, natürlich. Aber ansonsten sind wir alle wie eine große Familie." China, das musste wohl die Frau in schwarz gewesen sein, sie hatte schon die Ausstrahlung einer Diva gehabt. Ich hatte in der Zwischenzeit meinen zweiten Drink geleert und winkte dankend ab, als er mir noch einen anbot. Es läutete zum Ende der Pause und ich erhob mich von dem Stuhl. Ich streckte ihm nochmals meine Hand entgegen. „Vielen Dank für die Info und die Drinks." Er nahm sie und zwinkerte erneut. „ No Problemo, hoffe du entscheidest dich Teil der Familie zu werden, Püppchen." Damit machte ich am Absatz kehrt und schlenderte auf meinen Platz zurück, während ich noch Gracious' Blicke in meinem Rücken spürte.
