Midnight Sanctuary / 3
Die zweite Hälfte der Show war, und ich konnte es kaum glauben, noch beeindruckender als die Erste. Meine Erinnerungen daran verschmolzen zu einem einzigen Farbenmeer aus Seifenblasen, Tanzeinlagen und aufregenden Songs. Die einzige klare Erinnerung die ich noch an meinen ersten Abend habe, ist die an China und ihren einzigartigen Soloauftritt.
(Jessica Rabbit – Why don't you do right)
Sie lag auf dem Piano und ihr Pailletten verziertes Kleid schimmerte im Scheinwerferlicht. Sie führte das Mikrofon so nahe an ihre Lippen, dass ich den Lippenstiftabdruck darauf sehen konnte. Sie stieg von dem Flügel herab, herunter von der Bühne und in den Zuschauerraum. Männer der verschiedensten Art warfen sich ihr förmlich vor die Füße. China wanderte unbeeindruckt durch den Raum und hielt nur kurz inne um in die Dunkelheit des Theaters zu blicken. Ich folgte ihrem Blick und erkannte eine schemenhafte Silhouette in der Nähe der Bar, niemand sonst schien sie zu bemerken. Meine Aufmerksamkeit wurde wieder von China in Anspruch genommen, als sie dicht an meinem Platz vorbei ging, nur um dann wieder die Bühne zu betreten. Sie badete im schallenden Applaus, der auf ihre dezente Show folgte. Mit unzähligen Bouquets in Armen verließ sie die Bühne.
(Gin Wigmore – oh my)
Als der Endapplaus verebbte und sich die Herrschaften auf den Weg zur Garderobe machten, blieb ich sitzen und wartete auf Erskine. Als der Großteil den Raum verlassen hatte, kam er auf mich zu. „Wie hat ihnen die Show gefallen, Miss Cain?" Er bot mir seinen Arm an, ich hackte mich bei ihm unter. „Valkyrie, bitte." Er lächelte und hinter seinen goldenen Augen sah ich den Schalk aufblitzen. „Valkyrie, wie hat ihnen die Show gefallen?" Er führte mich in Richtung der Bar. „Atemberaubend, anders kann ich es gar nicht beschreiben. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass so etwas machbar ist." Federn und glänzende Stoffe kamen mir in den Sinn. Erskines Arm, der gegen den meinen drückte, holte mich zurück in die Gegenwart. „Wenn es ihnen nichts ausmacht, würde ich sie gerne noch etwas in unserem kleinen Club herumführen." Wir standen nun bei der Bar und Gracious und Donegan grüßten ihren Boss. „Darf ich vorstellen? Gracious O'Callahan und Donegan Bane, die besten Barkeeper der Stadt." „Wir kennen uns bereits, nicht wahr Püppchen?", Gracious zwinkerte verschwörerisch und ich wurde Rot. Erskine stellte mich noch Donegan vor, der genauso verrückt zu sein schien wie sein Kollege. Ich verabschiedete mich nach einem kurzen Gespräch von beiden, als Erskine weiterdrängte. Wir betraten den Backstage Bereich und ich musste einen Seufzer unterdrücken beim Anblick der vielen schillernden Kostüme und Perücken. Erskine führte mich an mehreren Kleiderständern vorbei, tiefer in den hinteren Bereich. Wir begegneten mehreren Tänzerinnen und Tänzern, die alle grüßten als wir vorbeikamen. Wir bogen ab und standen an einem großen hölzernen Tisch, der überseht war von farbenfrohen Stoffen. Teilweise konnte man schon einzelne Kleidungsstücke erkennen. „Zum hundertsten Mal Clarabelle, der Rote Satin gehört nicht, ich wiederhole NICHT zum roten Garn sortiert, sondern zum Flies, verstanden?" Ein großgewachsener, breitschultriger Mann kam auf den Tisch zugesteuert, hinter ihm hatte eine kleine Frau merklich Schwierigkeiten ihm hinterherzukommen. Ihr Haar hatte die ungewöhnliche Farbe eines klaren Bergsees, sie trug es in einer eher lockeren Innenrolle. Nun beäugte ich den wütend wirkenden Mann genauer. Er fuhr sich mit einer Hand über die Glatze und seufzte tief. Erst als er die Hand aus dem Gesicht nahm, sah ich die Narben, die sich über seinen gesamten Kopf zogen. Diese Taten seinem guten Aussehen jedoch keinen Abbruch, sie unterstrichen es eher. Er trug ein Jackett und zog daraus eine Taschenuhr hervor. Nach einem kurzen Blick wandte er sich wieder an Clarabelle. „Mach Schluss für heute, wir beheben die Fehler morgen. Gemeinsam." Die junge Frau nickte nur abwesend, warf mir dann ein Lächeln zu. „Hallo.", sagte sie und winkte mir aufgeregt. Jetzt erst schien uns der Mann zu bemerken. Seine zuvor harsche, angespannte Körperhaltung löste sich und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er kam herüber und reichte mir die Hand. „Ah, sie müssen also die Dame mit der sensationellen Stimme sein, von der mir Erskine erzählt hat. Ghastly Bespoke, aber sie können mich ruhig Ghastly nennen. Freut mich sie kennenzulernen." „Valkyrie, Valkyrie Cain. Die Freude ist ganz meinerseits." Ghastly wand sich an Erskine. „Als du sie so detailreich beschrieben hast, hast du ihre Höflichkeit ausgelassen." Erskines Oberkörper bebte als er ein Lachen unterdrückte. „Und hat er sie schon gefragt?" Ghastly richtete seinen Blick wieder auf mich. „Nein, noch nicht. Das hatte ich für das Ende unserer Tour bereitgehalten.", mischte sich Erskine etwas peinlich berührt ein, bevor ich antworten konnte. „Na dann, will ich sie nicht länger aufhalten. Ich hoffe, man sieht sich." Mit den Worten wandte er sich wieder Clarabelle zu, die bis dato regungslos in die Gegend gestarrt hatte. Ghastlys Augenbrauen schossen in die Höhe. „Habe ich nicht gesagt du kannst gehen?" Clarabelle sah ihn ausdruckslos an. „Ich kenne den Weg hinaus nicht." Mit einem lauten Knall traf Ghastlys Hand seine Stirn. Er nahm Clarabelle am Arm und führte sie in die Richtung aus der wir gekommen waren. „Komm mit." Ein paar Sekunden später waren sie in dem Tumult der Mitarbeiter verschwunden. „Seltsames Mädchen.", kommentierte Erskine, zuckte dann mit den Schultern und führte mich weiter. Wir gelangten zu den Gemeinschaftsgarderoben der Tänzerinnen. Er legte die Hand auf den Türknauf. Erskine zögerte nicht und öffnete sie mit einem Ruck. Ich hatte nackte Tänzerinnen erwartet, atmete aber erleichtert aus, als ich sah, dass sie alle in Morgenmäntel gehüllt dasaßen. Manche von ihnen waren gerade dabei sich an einem der unzähligen Spiegel abzuschminken, andere schlüpften bereits in Strumpfhosen und Kleid. Als sie Erskine sahen, kamen sie alle auf ihn zugestürzt und umarmten ihn, als ob sie ihn seit Jahren nicht gesehen hätten. Als sie damit fertig waren bemerkten sie mich. Einige beäugten mich neugierig andere ignorierten mich. Anscheinend war ich nicht die erste, die man hier nach hinten gezerrt hatte. Schließlich nahmen alle Damen, ob gekleidet oder nicht, Platz. „Mädchen, ich möchte euch gerne Valkyrie Cain vorstellen. Sie ist vielleicht bald ein weiteres Mitglied unserer kleinen Familie." Jetzt schienen die Frauen endgültig ihr Interesse a mir verloren zu haben, bis auf die Frau mit den wilden blonden Locken. Die kam nämlich gerade auf mich zugesprungen. Was für ein Tempo die Frau hatte! Sie schlang ihre Arme um mich und hätte mich beinahe umgeworfen, wäre da nicht Erskine gewesen, der mir eine Hand stabilisierend auf den Rücken legte. Als sie sich zurückzog ergriff sie eine meiner Hände. „Hi, ich bin Tanith, du wirst mich aus der Show als Coco kennen!" in dem Moment fiel mir ein, dass sie ja die Trapezkünstlerin in dem Leopardenkostüm gewesen sein musste. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als sie mich anstrahlte, als sei ich das Spannendste, das hier je Zutritt gewährt bekommen hatte. Gerade als ich ihr von meiner unbändigen Begeisterung über ihre Show erzählen wollte, kam eine Frau durch eine Nebentür hereingestürmt. China blieb vor Erskine stehen, ihr Blick brennend. „Erskine, kann ich kurz mit dir unter vier Augen sprechen?" Jetzt sah ich ihre Schönheit aus nächster Nähe und fühlte mich plötzlich unwohl in meiner eigenen Haut. „Wie du siehst, bin ich gerade beschäftigt.", er deutete auf mich. „Kann das nicht bis nachher warten?" China musterte mich von oben bis unten, Missbilligung verschärfte ihren Blick und ich fühlte mich als ob man mir ein Messer in die Rippen gerammt hätte. Das hatte ich nicht erwartet. „Nein, kann es nicht.", wandte sie sich nun wieder an Erskine. „Komm in einer halben Stunde in mein Büro und wir besprechen das in Ruhe." „Nein Erskine, wir besprechen das sofort!" Ihr Blick zuckte zu mir zurück. „Sie soll mich also ersetzen, ja? Ich hatte besseres von dir erwartet Erskine. Außerdem ist sie doch viel zu jung für … diese Art von Arbeit." Ein süffisantes Lächeln verzog ihre perfekten Lippen. „China in meinem Büro! JETZT!", donnerte Erskines Stimme durch den Raum und meine Augen weiteten sich in Schock. Das hatte ich nun wirklich nicht kommen sehen. Verletzter Stolz blitze in Chinas Augen, als sie mit langen, eleganten Schritten den Raum verließ. Erst jetzt bemerkte ich den Mann, der bei der Tür stand. Er hatte seinen Fedora tief ins Gesicht gezogen, trotzdem fühlte ich mich beobachtet von ihm. Er war groß und breitschultrig, er musste Chinas Bodyguard sein. Eine ungewöhnliche Ausstrahlung hatte dieser Mann. Ich spürte, wie mir Hitze in die Wangen schoss. Nach einem weiteren Moment verließ auch er den Raum und ein allgemeines Aufatmen war zu spüren. Ich hörte mein Herz hämmern, als das restliche Adrenalin meinen Körper verließ.
Erskine und ich hatten die Garderobe ebenfalls verlassen und standen nun wieder am Empfang des Clubs. Erskine hatte mir meinen Mantel gebracht und mir hineingeholfen, wobei seine Fingerspitzen leicht über meine nackten Schultern gestrichen waren. Danach hatte er sich verabschiedet und sich entschuldigt. Wahrscheinlich hatte China bereits in seinem Büro auf ihn gewartet. Scapegrace war so freundlich und rief mir ein Taxi, damit ich nicht alleine nachhause gehen musste. Das Taxi stand bereits vor der Tür, als Erskine hinter mir aus dem Club gestürzt kam und nach mir rief. Ich hielt im Einsteigen inne und gab dem Fahrer Bescheid, dass er kurz warten sollte. „Das mag jetzt nicht so überraschend kommen, wie ich geplant hatte, aber wärst du vielleicht interessiert hier als Sängerin zu arbeiten? Wir könnten dich gerade durchaus gebrauchen." Was hatte er mit China besprochen, dass er so verzweifelt klang? Sie hatte ihm wohl ordentlich Druck gemacht, zumindest schien das der fall zu sein. Ich musste nicht lange überlegen, was ich ihm antworten sollte. Ich hielt ihm meine Hand hin, „Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit." Er sah mich erstaunt an, anscheinend hatte er nach der Aktion in der Garderobe nicht mehr mit einem ja von mir gerechnet. Ein Grinsen brachte sein Gesicht zum Strahlen als er meine Hand ergriff, „Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit."
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