Midnight Sanctuary / 4

(Christina Aguilera – Slow Down Baby)

Drei Tage später stand ich wieder vor dem Club, bereit meinen Vertrag zu unterschreiben. In den vergangenen Tagen hatte ich ihn zuhause in meiner Ein-Zimmer Wohnung studiert um ungünstige Punkte ausfindig zu machen, denn ich war nicht bereit mehr von mir Preiszugeben, als meine Stimme. Zu meiner Freude war dies nicht der Fall und so hatte ich im Club angerufen und einen Termin mit Erskine vereinbart. Den ganzen Tag über war ich aufgekratzt gewesen. Ich wollte nichts mehr als unterschreiben und auf diese Bühne. Ich ließ meinen Gedanken freien Lauf als ich den Club betrat und wieder an Scapegrace und Trasher vorbei kam, die mich nicht einmal bemerkten, da sie in ein Gespräch über Kleiderhacken vertieft waren. Ich durchquerte den Showbereich, vorbei an der leeren Bar, wie ich traurig bemerkte, und weiter zu den Garderoben und Büros. Als ich um die Ecke zu den Büros bog, steckte Erskine gerade seinen Kopf aus einer der Türen und winkte mich heran. „Ah, du bist schon hier, sehr gut. Komm herein." Er hielt mir die Tür auf und ich schlüpfte an ihm vorbei in den Raum, nur um dann zu einer Salzsäule zu erstarren. In einem der beiden niedrigen Sessel vor dem mächtigen hölzernen Schreibtisch, saß der Mann, der vor drei Tagen gemeinsam mit China die Frauengarderoben betreten hatte. Mein Mund wurde trocken und ich nahm dankend ein Glas Cognac, das mir Erskine anbot, bevor er mir meinen Stuhl zurechtrückte. Erskine nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und ging seine Unterlagen durch. Ich nutzte die Gelegenheit und warf einen Blick auf den Unbekannten neben mir, nur um festzustellen, dass er mich unverhohlen ansah. Wärme kroch mir in die Wangen. Ich riss mich zusammen, wenn er dich anstarren kann, dann kannst du das schon lange. Also setzte ich mich etwas aufrechter hin, schlug ein Bein über das andere und blickte ihn geradeheraus an. Er hatte starke Wangenkochen und ein breiteres Kinn. Die genaue Farbe seiner Augen konnte ich nicht ausmachen, dafür war es in dem Raum zu schummrig, aber hell mussten sie sein. Ein schiefes Lächeln zierte seine Lippen und ein schelmischer Ausdruck ließ seine Augen glänzen. Er sah wirklich gut aus. Ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln. Erskine riss uns mit einem Räuspern aus unserem kleinen Starrcontest. Er hatte wohl gefunden wonach er gesucht hatte. Ich beugte mich vor, als Erskine mir den Vertrag und einen Kugelschreiber hinlegte. „Du musst hier, hier und hier unterschreiben. Bitte mit vollem Namen." Schnell unterschrieb ich die Zettel, bevor Erskine es sich anders überlegen konnte. Mit einem erleichterten Seufzer sank ich in meinen Sitz zurück. Meine Miete war gesichert.

„Mir fällt gerade ein, ich habe euch gar nicht vorgestellt." Stellte Erskine fest, als er den Vertrag in eine Mappe einordnete. „Ich wollte dich nicht stören, du sahst vorhin so konzentriert aus." Meldete eine samtige Stimme rechts von mir. Diese Stimme. Der Mann richtete seine Krawatte und hielt mir dann seine behandschuhte Hand hin. „Skulduggery Pleasant, freut mich sie kennenzulernen." Völlig perplex nahm ich sie, ein wohliger Schauer durchlief mich bei der Berührung. „V-Valkyrie Cain." Mein Gott, zwei Sätzchen von ihm und du beginnst herumzustottern. „Die Freude ist ganz meinerseits.", brachte ich etwas fester heraus. Fast schon enttäuscht ließ ich sie wieder los, als er die seine zurückzog. Erskine riss mich schließlich aus meinen Gedanken. „Skulduggery ist von nun an dein Bodyguard. Wo du hingehst, geht er auch hin. Er wird dich jeden Tag von zuhause abholen, und dich dort auch nach der Show wieder absetzten.", ich sah ihn erstaunt an. „Ich kann auf mich selbst aufpassen.", antwortete ich harsch. Wut begann in meinem Magen zu kochen. Wie so oft unterschätzte mich ein Mann. Und du dachtest Erskine wäre anders. Ich hatte mich mal wieder getäuscht, fabelhaft. „Valkyrie, …", setzte Erskine an, als Skulduggery ihn unterbrach. „Erskine macht sich einfach nur Sorgen, dass sie es sich am Weg hier her anders überlegen könnten und dann nicht auftauchen. Aber mir werden sie nicht entkommen." Bei seinem ernsten Blick musste ich lachen. Erskine atmete sichtlich erleichtert aus und lachte nervös. „So, da wir das alles geklärt hätten, sollte ich dir wohl deine Garderobe zeigen." Erskine und Skulduggery standen auf. „Ahm, ich dachte ich würde mich bei den anderen Tänzerinnen umziehen." Erskine nahm sein Sakko von der Stuhllehne und warf es sich über eine Schulter. „Nein, du bekommst deine eigene, schließlich bist du unser neuer Star." Ich erhob mich von meinem Platz, Mantel in Händen. „Ich hatte doch noch keinen Auftritt.", sagte ich während ich mich damit quälte in meinen Mantelärmel zu finden. Skulduggery ergriff den Kragen und half mir hinein, dabei streiften seine Finger über meine Schultern. Gänsehaut bildete sich an meinen Armen. „Vertrau mir, ich habe ein Gespürt für Sensationen.", Erskines Stimme war tiefer als gewöhnlich. Sein Blick wanderte über meinen Körper und ich fühlte mich plötzlich unwohl in meiner Haut. Skulduggery musste meine Situation bemerkt haben, denn er ging um mich herum und hielt mir die Tür auf. „Wollen wir hier noch länger stehen oder unserem neuen Star ihre Garderobe zeigen, Erskine?" Skulduggery bedeutete mir als erste den Raum zu verlassen. Als ich mich umwand, sah ich gerade noch wie Skulduggery Erskine einen ernsten Blick zuwarf, den er sofort gegen ein Lächeln austauschte als er mich ansah. Erskine ging ohne ein weiteres Wort voran und ich und Skulduggery schlenderten hinter ihm her. „Also, sie sollen ja der neue Star des Clubs werden, wie gedenken sie das anzustellen." Ich sah ihn an. „ Durch meine außergewöhnliche Persönlichkeit.", gab ich ohne zu zögern zurück. „Dann müsste ich längst der Star des Clubs sein.", erwiderte Skulduggery gelassen. „Aber ihnen fehlt mein gutes Aussehen." Er sah mich bestürzt an, sein Mund öffnete und schloss sich. „Also so würde ich …" „Wir sind da.", unterbrach Erskine unsere Unterhaltung. Wir standen vor einer rotbraunen Holztür auf der ein Schild mit meinem Namen prangte. Um Himmels Willen. „Erskine hat keine Kosten und Mühen gescheut um ihre Garderobe einzurichten." Skulduggerys Blick wurde höhnisch. Ich blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her, schließlich wurde es mir zu blöd und ich öffnete die Tür. Reines Chaos begrüßte mich. Und da dachtest du es könnte nicht besser werden. „Nun ja, … das Zimmer wurde in großer Hektik geräumt, und ich hatte bisher keine Zeit…" „Kein Problem, ich kümmere mich selbst darum.", und wie ich mich darum kümmern würde. Das bedeutete in erster Linie möglichst billige Möbel finden. „Natürlich geht alles was du brauchst auf meine Rechnung.", ok das „billig" hatte sich soeben erledigt. Ich verließ das verwüstete Zimmer und wandte mich den beiden Männern zu. „Valkyrie, hättest du Lust mit mir Abendessen zu gehen, als Abschluss des erfolgreichen Vertrages?" Erskine bot mir seinen Arm an. „Danke für das Angebot aber…" Ein Stimmchen in meinem Kopf riet mir davon ab mit Erskine essen zu gehen, aus welchem Grund auch immer, aber mir fiel keine gute Ausrede ein. „ Aber ab Morgen beginnen die Proben für Miss Cains Debütshow, und da sollte sie fit sein, findest du nicht?" Skulduggery zwinkerte und lächelte mir zu und ich erwiderte es dankbar. „Ich denke Valkyrie kann für sich selbst sprechen.", kam Erskines schroffe Antwort. „Ich werde Miss Cain jetzt nachhause bringen." Skulduggerys Stimme hatte seinen sanften Ton verloren, stattdessen wirkte sie kalt, beinahe drohend, es stellte mir die Haare im Nacken auf. Die Blicke der beiden Männer duellierten sich. „Ich finde auch, dass es besser wäre wenn ich jetzt nachhause fahren würde. Es war ein wirklich langer Tag für mich, aber vielen Dank für das Angebot.", versuchte ich die Situation zu retten. Die Männer sahen mich an, der eine enttäuscht, der andere höchst zufrieden. Das könnte noch spannend werden.

Skulduggery und ich verließen den Club. Obwohl ich mehrmals darauf bestanden hatte, dass ich alleine nachhause fahren konnte, waren wir nun am weg zu seinem Wagen. „Ich finde es wirklich nett, dass sie mich nachhause bringen, aber es wäre wirklich nicht nötig.", sagte ich zum gefühlten dreißigsten Mal. „Es gehört zu meinem Job sie von A nach B zu bringen. Außerdem glaube ich, dass sie ihre Meinung noch ändern werden, was das chauffieren angeht." „Achja? Das glaube ich eher wenig…" Wir standen vor einem schwarzen Wagen, einem schwarzen Wagen, der so wunderschön war, dass mir die Luft wegblieb. Mit größter Konzentration brachte ich ein gestammeltes: „Was…?" heraus. Ein triumphierendes Lächeln erschien auf Skulduggerys Gesicht. „ Na, haben sie ihre Meinung geändert?" Und wie.