Midnight Sanctuary/ 5
Ein Klingeln riss mich aus meinem todgleichen Schlaf. Ich hob den Kopf, nur um ihn nach einem Blick auf den Wecker wieder in mein Kissen sinken zu lassen. Zehn Uhr morgens. Wer klingelte um diese unchristliche Zeit sturm? Vor allem warum bei mir, ich hatte unzählige Nachbarn. Ich versuchte es so gut wie möglich zu ignorieren, und tatsächlich, nach einiger Zeit gab die Person wohl auf. Zufrieden mit mir drehte ich mich auf den Rücken und zog die Decke enger um mich. Mein Friede währte jedoch nicht lange. Ein energisches Klopfen an meiner Wohnungstür ließ mich auffahren. Verdammt nochmal wer war das?! Widerwillig riss ich die Decke von mir, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf, nur um dann schwindlig ins angrenzende Bad zu stolpern, um mir meinen Morgenmantel zu holen. Vergeblich versuchte ich die Wärme des Bettes in den dünnen Stoff einzuwickeln. Ich torkelte zur Tür und blickte durch den Spion. „Was zur Hölle…?" Hastig schloss ich die drei Riegel auf und öffnete die Türe. „Mister Pleasant?" Skulduggery Pleasant stand in seiner vollen Pracht vor meiner Wohnungstür um zehn Uhr morgens. „Dürfte ich hereinkommen?" Jetzt erst bemerkte ich, dass ich die Tür nur einen Spalt breit geöffnet hatte. Ich trat zur Seite und ließ ihn ein. Er betrat mein kleines Apartment, das schon für mich alleine zu klein war, und wirkte so fehl am Platz, dass ich mein Lachen kaum unterdrücken konnte. Ich verlor anscheinend den Verstand. Wem sagst du das. Er wand sich von meiner Garderobe ab, die er gerade um seinen Mantel und Hut bereicherte, um mich verwirrt anzusehen. Sein Ausdruck änderte sich schlagartig, als er an mir hinuntersah. Jetzt war ich die Verwirrte. Ich sah an mir hinunter und stellte schockiert fest, dass sich der Gürtel meines Morgenmantels gelockert hatte, und man nun einen tollen Blick auf meine Unterwäsche hatte. Schnell zog ich den Stoff um mich und knotete das verdammte Ding so fest als möglich zu. Peinlicher ging es nun wirklich nicht mehr. Warum passierte mir so etwas immer in den ungünstigsten Momenten? Meine Wangen glühten. Ich räusperte mich, um die unangenehme Stille zu durchbrechen. „Möchten sie etwas trinken? Kaffee, Tee?" Skulduggery schien sich schneller von dem Schock erholt zu haben als ich, der Ansatz eines Lächelns spielte um seine Lippen. „Eine Tasse Tee wäre nicht schlecht." Beim Klang seiner Stimme jagte mir eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Wie in Trance begab ich mich in meine winzige Küchenzeile und setzte Wasser auf. Was zur Hölle war nur los mit mir? Ich ging zu meiner Spüle und stellte das Wasser an. Ich musste einen Aufschrei unterdrücken, so kalt war es. Zitternd trocknete ich mir das Gesicht. Hoffentlich hilft es. Die Kanne pfiff und ich nahm sie vom Herd. Ich füllte zwei Tassen und nahm meine Lieblingsmischung aus dem Regal. Ich stellte alles zusammen mit einem Teller mit Biskuits auf ein Tablett und brachte es in mein Wohnzimmer. Skulduggery hatte bereits Platz auf meinem französischen Sofa genommen, stand jedoch auf als er mich mit dem Tablett sah. Er nahm es mir ab und platzierte es auf meinem Tischchen. Ich nahm ihm gegenüber Platz und sah ihm zu wie er uns Milch in die Tassen goss, und dann die Beutel herausnahm. Ich ließ meinen Blick wandern und stellte zum zweiten Mal an diesem Morgen fest, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben schien. Mir gefiel es wie er sich darum bemühte alles perfekt zu arrangieren, so dass ich leichten Zugriff hatte. Ich lächelte in mich hinein. Mein Blick wanderte zu seinen Händen, die erneut in Handschuhen steckten. Ich runzelte die Stirn. Merkwürdig. Er griff nach der Zuckerdose und da sah ich es. Es war so kurz, dass ich meinen eigenen Augen kaum traute. Auf seinem Handgelenk hatte ich definitiv etwas Schwarzes aufblitzen sehen. Hatte er eine Pigmentstörung?! Er riss mich aus meinen rasenden Gedanken. „ Erskine hat mich hergeschickt." Etwas in mir sank zusammen. Ich hatte gehofft er war von sich aus gekommen. Autsch, aber was erwartest du dir, du kennst ihn erst seit gestern. „Er möchte, dass ich mit ihnen Möbel für ihre Garderobe besorge." Er ließ erneut seinen Blick über mich schweifen. „Wenn sie möchten versteht sich." Ich fühlte wie sich meine Wangen zum zweiten Mal an diesem Morgen verfärbten. Hastig stand ich auf. „Geben sie mir fünfzehn Minuten."
Aus den fünfzehn Minuten war eine Dreiviertelstunde geworden, da ich mich für nichts entscheiden konnte. Schließlich wählte ich mein schwarzes Kaschmire Kleid in Kombination mit meinen roten Peep-toes. Ich trat aus meinem Schlafzimmer und ertappte Skulduggery dabei wie er mich ansah. Genugtuung breitete sich in mir aus. „Wollen wir?" Sofort verschwand der verschleierte Blick und er sprang förmlich vom Sofa. Er half mir in meinen Mantel und warf sich seinen um. Er bot mir seinen Arm und so verließen wir mein Apartment.
Ich ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und genoss das Gefühl von Oberschicht. Skulduggery glitt hinter das Lenkrad und startete den Wagen. Wir fuhren eine Zeitlang still dahin, bis Skulduggery die Stille brach. „Ihr Apartment ist nett." Fiel ihm wirklich nichts Besseres ein? „Hm, danke." Erneutes Schweigen. Schließlich wurde es mir zu blöd. Ich streckte ihm meine Hand hin. „Valkyrie." Er sah mich verblüfft aus dem Augenwinkel an, löste eine Hand vom Lenkrad und drückte die meine. „Skulduggery.", ein schelmisches Lächeln erhellte sein Gesicht. „Also, wohin genau fahren wir?", fragte ich, zufrieden mit meiner Aktion. „Wir sollen Möbel kaufen, also dachte ich Tiffanys wäre keine allzu schlechte Idee." Meine Augen weiteten sich in Unglauben. „Wirklich?", brachte ich atemlos heraus. „Erskine hat mir kein Limit genannt." Er sah mich neckisch an. „Also warum testen wir nicht die Grenzen aus."
Mit mehr Tüten als ich je tragen konnte, verließen wir Tiffanys lachend. Ich hatte mich noch nie so gut unterhalten. Allein bei dem Gedanken, als Skulduggery eine Lampe kaputt gemacht hatte und es auf einen quengelnden kleinen Jungen geschoben hatte, kamen mir noch die Tränen. Ein Möbelwagen würde die Ware gegen sechzehn Uhr direkt in den Club bringen und somit blieben uns zwei Stunden, die wir irgendwie herumbringen mussten. „Hättest du Lust in den Club zu fahren und dich ein wenig umzusehen?" Ich stieg in den Wagen. „Aber Erskine hat mir doch schon alles gezeigt.", gab ich etwas verwirrt zurück. „Er hat dir mit Sicherheit nicht alles gezeigt. Zum Beispiel die Proberäume und unsere Garderoben." Ich sah ihn groß an. „'Unsere Garderoben'?" Er fuhr auf die Hauptstraße und bog dann weiter in Richtung Hafen ab. „Ja, unsere Garderoben. Der Club ist auch in Besitz eines Männerensembles bestehend aus Erskine, Ghastly, Dexter, Saracen, Shudder und mir. Wir treten nicht besonders oft auf, aber hin und wieder lassen wir es uns nicht nehmen neben den Tänzerinnen auf der Bühne zu stehen." Er begann zu lachen, als er meinen Blick sah. „Keine Sorge, wir singen nur und das ist mir schon zu viel." Wir erreichten den Club und stiegen aus dem Wagen. „Warum?", sofort nahm sein Gesicht einen steinernen Ausdruck an. Das hättest du wohl nicht fragen sollen. „Ich singe nicht gerne.", seine Stimme klang hohl und erschöpft. Dieser Mann hatte wirklich eigenartige Stimmungsschwankungen. Ich zermarterte mir das Hirn, wie ich das wieder hinbiegen konnte. „Wolltest du mir nicht die Proberäume zeigen?", fragte ich schließlich, da mir kein besserer Themenwechsel einfiel. Seine Körperhaltung wurde entspannter, ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen.
Wir waren einmal quer durch den hinteren Bereich gegangen, und nun stand ich im größten Tanzsaal, den ich je gesehen hatte. Alle vier Wände waren mit Spiegeln verkleidet und der Boden wies mehrere Kratzer und Abnützungsspuren auf. Es roch nach Schweiß, nach harter Arbeit und Adrenalin. In einer Ecke stand eine Jukebox neben einer kleinen Bar. „Hier wird täglich von achtzehn bis zwanzig Uhr geprobt. Der Saal ist jederzeit Zugänglich, falls du mal die Lust zu Tanzen verspüren solltest." Trotz der abblätternden Farbe an den Wänden und den Schäden im Holzboden, war ich verliebt in den Raum. Ich erlag dem Bedürfnis mich zu drehen, und wirbelte einmal quer durch den Saal, nur um dann Haltung anzunehmen und in den langsamen Walzer zu verfallen. Skulduggery beobachtete mich an eine Wand gelehnt, seine Augen lagen im Schatten. Plötzlich ertönte Applaus vom anderen Ende des Saals. Ich stoppte sofort in meiner Bewegung und sah den Unbekannten an. Ein Mann mit schulterlangen dunklen Haaren und Bartansatz stand mit verschränkten Armen in einer Tür, die ich bis dahin nicht bemerkt hatte. „Sehr elegant, sie haben ein gutes Taktgefühl, aber sie setzen ihre Fersen zu hart auf. Beim Walzer schwebt man." Er demonstrierte es und kam dann auf mich zu. „Sie sind also unser Neuzugang." Er ergriff meine Hand und küsste den Rücken. „ Solomon Wreath, Choreograf." „Lass sie los, Wreath." Skulduggery türmte neben mir auf und starrte Wreaths Hand an, die immer noch meine gefangen hielt. „Ah Pleasant, dass man dich auch mal wieder hier sieht." Er ließ meine Hand sinken, und ich wischte mir möglichst unauffällig den Handrücken an meinem Kleid ab. „Ich bin mir sicher, dass sie eine gute Schülerin sind Miss Cain. Von Mister Pleasant können sie noch viel lernen, vor allem wenn's ums Geschäft geht." „Halt deinen Mund Wreath.", zischte Skulduggery zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Er wollte schon auf Wreath losgehen, als ich seinen Unterarm packte. „Lass uns gehen, zeig mir die anderen Proberäume." Skulduggery sah mich mit vor Wut verschwommen Augen an. Langsam klärte sich sein Blick. „Es war nett sie kennengelernt zu haben Mister Wreath.", verabschiedete ich mich reserviert und machte auf dem Absatz kehrt, wobei ich Skulduggery mit mir zog. Er warf Wreath einen letzten hasserfüllten Blick zu, bevor die Tür hinter uns ins Schloss fiel.
