Midnight Sanctuary/6
Endlich, wir waren wieder vor der großen Bühne im Varieté. Gefühlte 3 Stunden hatte Skulduggery mich durch das Innenleben des Clubs geführt. Ich sah auf die Uhr über dem Tresen der Bar. Achtzehn Uhr vorbei. Ich hatte das Gefühl etwas vergessen zu haben … es lag mir auf der Zunge aber ich konnte den Finger nicht darauf legen. „ Ich hoffe du hast dir alles gemerkt, morgen gibt's den Fragebogen dazu." Ich wandte mich Skulduggery zu und sah ihn äußerst irritiert an. „Alles ok?" „Ja, aber ich werd das Gefühl nicht los, dass ich etwas vergessen habe." Er legte den Kopf schief und seine Augenbrauen trafen sich. Kann dieser Mann aufhören so attraktiv zu sein? Das wäre äußerst hilfreich, vor allem da dein Gehirn bei diesem Anblick immer auf Sendepause stellt. Da fiel es mir wieder ein. „Die Möbel!", kreischte ich ungewollt los und stürmte in Richtung Ausgang, nur um von Skulduggery aufgehalten zu werden. „Sag nicht, dass du dir nicht gemerkt hast was ich dir im dritten Übungssaal gesagt habe." Mein Hirn ratterte. Dritter Übungssaal? Ich glaub du hast ab dem vierten Umkleideraum aufgehört zuzuhören und hast ihm nur noch auf den Hintern gestarrt. Ich verdrängte den letzten Satz und sah ihn mitleidsvoll an. „Das war alles einfach zu viel auf einmal." Er seufzte, „Die Kisten sind bereits in deiner Garderobe, die Handwerker bauen alles nach der Show heute auf." „Das kannst du vergessen." Ich stürmte hinter die Bühne an den Kleiderstangen vorbei, zielstrebig auf meine Umkleide fixiert. Ich würde mir doch meine Möbel nicht von anderen zusammen bauen lassen. Das machte einfach zu viel Spaß um es anderen zu überlassen. Hinter mir hatte Skulduggery scheinbar Schwierigkeiten mit mir Schritt zu halten. „Was ist denn jetzt los?!", fragte er überrascht. „Wo willst du hin Valkyrie?" „Zu meiner Garderobe." Die Schritte hinter mir verhallten. Verblüfft hielt ich an und drehte mich zu ihm um. Mit einem Ausdruck puren Unglaubens musterte er mich. „Das ist jetzt nicht dein Ernst.", sagte er nach einer langen Pause. „Was denn?!", ich war genervt, ich wollte zusammenbauen. „Sag nicht, dass du dir nicht mal gemerkt hast wo deine eigene Garderobe ist." „Ehmmm…", ich sah mich um und bemerkte, dass ich keinen Schimmer hatte wo ich war. „… durchaus möglich?" Skulduggery sah mich noch einen Moment lang an, dann bedeutete er mir entnervt ihm zu folgen.
„So, das war die Letzte.", ich drehte die Schraube fest und sah zu Skulduggery hinüber, der Schwierigkeiten mit seinem Kasten zu haben schien. Ich stand auf und klopfte mir Staub und Holzspäne vom Kleid. Ich beobachte ihn eine Zeit lang über seine Schulter blickend. „Hast du sowas schon mal gemacht?", fragte ich ihn unschuldig. Sein darauffolgender Blick hätte mich getötet, hätte ich nicht gewusst, dass der Blick auf sein eigenes Versagen zurückzuführen war. „Bisher haben sich die Schrauben mir immer untergeben. Kleine aufmüpfige Schraube.", er versuchte es mit etwas mehr Kraft, „Ich werds dir schon zeigen, und danach bin ich König der Schrauben." Ich verkniff mir mein Lachen und nahm ihm den Schraubenzieher aus der Hand. Keine zwei Sekunden und die Schraube war drinnen. „Ich nehme alles zurück oh Herrin der Schrauben." In gespielter Untertänigkeit verbeugte er sich vor mir und stand dann ebenfalls auf. Gemeinsam stellten wir den Kasten an seinen Platz und betrachteten unser Werk. „Ich hab Hunger.", meldete ich mich als wir bereits mehrere Minuten den schief zusammengeschraubten Kasten betrachteten. Skulduggery sah auf seine Uhr. „Es ist schon zwanzig Uhr. Wir könnten in eines der Restaurants in der Umgebung essen gehen?", schlug er vor. Mir stand der Sinn nach etwas ganz anderem. „Ich habe eine bessere Idee."
„Und du bist dir ganz sicher, dass man das essen kann?" Ich schloss die Tür zu meiner Wohnung auf und ließ Mantel und Tasche auf den Boden fallen. Anschließend nahm ich ihm die beiden Taschen ab und verschwand in meiner Kochnische. Da ich sowieso erst morgen mit meinen Proben beginnen konnte, sprach nichts dagegen auch bei mir zuhause zu essen. Der Chinese bei mir um die Ecke hatte die besten gebratenen Nudeln der ganzen Stadt, nur Skulduggery schien nicht ganz so überzeugt. „Sicher dass da kein Rattenfleisch drinnen ist?" Ich sah ihn um die Ecke an. „Nein." Mit zwei gigantischen Portionen und einer Flasche Wein, sowie zwei Weingläsern in Händen begab ich mich zu meinem Sofa, und bemerkte dass Skulduggery wie angewurzelt bei der Tür stand. Er sah verlegen aus. Ich klopfte auf den Platz neben mir. „Keine Angst, ich beiße nicht. Zumindest nicht oft." Etwas widerwillig nahm er neben mir Platz. Ich drückte ihm seinen Teller in die Hand und füllte unsere Gläser. „Auf eine tolle Zusammenarbeit!" prostete ich. Ich sah ihm in die Augen und bereute es sofort. Er sah mich unverhohlen an, und etwas lag in seinen Augen, dass ich nicht beschreiben konnte. Oje, Hirn über Bord, Hirn über Bord. Ich nahm einen großen Schluck um meine Gedanken wieder Rein zu spülen. Wir aßen eine Zeitlang ohne ein Wort zu wechseln. Schließlich schien er aber doch aus seiner Starre zu finden und war so entspannt wie während unseres Shoppingtrips. Die Zeit verging und als ich wieder auf die Uhr sah war es bereits vier Uhr morgens. „Oh, ich sollte gehen.", bemerkte Skulduggery. Schwang da etwa etwas Traurigkeit mit? „Es war ein schöner Abend, danke für die Einladung.", er erhob sich von meinem Sofa. Ich stand auf und begleitete ihn zur Tür, „Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite." Er setzte sich seinen Hut auf. „Ich hol dich morgen um 10 Uhr wenn es ok ist." Ich überlegte kurz. „Ja klar, kein Problem." Was war schon frühes Aufstehen, wenn man im Gegenzug dafür solch eine Gesellschaft bekam?
